Leben

Noch vor Sonnenaufgang – in Kalifornien. Aus dem Tal dringt ein leises, stetig wachsendes Grollen vom Freeway herauf. Bald wird sich die Blechlawine, dicht an dicht, Richtung San Francisco wälzen.

Hinter jedem Steuer eine andere Haltung zu dem aufkeimenden Tag. Ich denke immerzu an den Freund, der das alles nicht mehr erleben kann. Kein Einschlafen und kein Aufwachen mehr, kein Hoffen und kein Bangen. Noch vor wenigen Wochen habe ich am Bett des Sterbenden gesessen. Er war stinkwütend, empfand es als extreme Ungerechtigkeit, dass er sterben sollte. „Es gibt doch genügend Leute, die nicht mehr leben wollen – sollen die doch sterben." Er hatte noch so viel vor, begann mit seinen sechzig Jahren gerade erst zu begreifen, worauf es in seinem Leben wirklich ankommen sollte. Er stöhnte: „Ich werde schon seit Wochen künstlich ernährt, aber vor meinem inneren Auge ziehen pausenlos die köstlichsten Gerichte vorbei. All die fantastischen Restaurants in meiner Nachbarschaft! Wie gerne bin ich nach der Arbeit zum ‚American Diner' gegangen oder eben mal um die Ecke ins ‚Merhaba'. Und jetzt kann ich nicht mal mehr den kleinsten Bissen runterschlucken." Ein so unglücklicher Sterbender ist auch für die Besucherin eine Herausforderung. Nichts kann trösten. Kein Wort, keine Aufmerksamkeit wiegt den Verlust des Lebens auf.

Wie wenig ist am Ende der Lebensbahn daran gelegen, was wir erlebten, und wie unendlich viel, was wir daraus machten.

Wilhelm von Humboldt

 

Gleich nach dem Krankenbesuch begegnet mir ein junges Mädchen, das mit Ach und Krach die Versetzung in die Oberstufe geschafft hat und sich fragt, was sie da nun soll. Jeder Tag scheint ihr vergeudet. „Man lebt doch nur einmal", sagt sie. „Ich bin doch nur jetzt jung. Wenn ich nicht jetzt das machen kann, was ich will, wann dann?" Starbucks hasst sie, die alten Griechen, die sie lesen muss, hasst sie, und natürlich auch den Deutschlehrer, der sie mit den alten Griechen quält. „In der Schule will ich nicht sein, aber von der Schule abgehen bringt es auch nicht, weil ich nicht weiß, was ich dann machen soll." Nichts entspricht ihren Vorstellungen.Marie Mannschatz Kolumne

Das junge Mädchen und der sterbende Freund – beide ungebremst ihrem Verlangen ausgeliefert, ruhelos, gequält. Sie zeigen mir, wie wertvoll eine innere Praxis ist, die uns lehrt, das eigene Wollen zu zügeln, eine Praxis, die hilft, Prioritäten zu setzen und Gedanken bewusst auszurichten. Das Loslassen am Lebensende könnte vielleicht leichter sein, wenn wir es schon Jahrzehnte geübt haben.

Ein apfelsinenrotes Band schiebt sich gerade über die Hügelkette von Berkeley. Von Minute zu Minute mischt sich mehr Gold hinein, hellt den samtblauen Himmel auf, es wird nicht mehr lange dauern, dann rollt die Sonne über den Bergkamm und blendet mich.

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