Leben

Der Neue - Im Oberen Waldviertel passieren in einem kleinen Unternehmen erstaunliche Dinge. Ein Tatsachenbericht.

An einem sonnigen Herbsttag wurde im nördlichen Waldviertel ein gewisser Gautama Siddharta, auch Buddha genannt, als unehelicher Sohn der Elisabeth Strickmeier (Name von der Redaktion geändert) wiedergeboren. Dank vielfältiger früherer Beziehungen der Mutter zu einflussreichen Persönlichkeiten dieses kleinen Ortes in der strukturschwachen Region nahe an der Grenze zur tschechischen Republik gelang es, dem Knaben eine einigermaßen ausreichende Schulbildung zu ermöglichen. So wuchs er weitgehend unauffällig heran, bis er im Alter von fünfzehn Jahren durch beunruhigende Berichte über diverse Träume, die gehabt zu haben er behauptete, ein gewisses Ausmaß an Besorgnis hervorrief. Ein eilig aufgesuchter Psychologe attestierte dem Knaben eine gewisse pubertäre Verwirrung, die jedoch keinen Hinweis auf Selbst- oder Fremdgefährdung enthalte, weshalb er von weiterer psychiatrischer Betreuung – nicht zuletzt auch aus Kostengründen – abriet und empfahl, den Knaben baldmöglichst einer geregelten Tätigkeit im Ortsverband zuzuführen. Dank ihrer früheren Kontakte gelang es der besorgten Mutter, dem Knaben eine Anstellung im einzigen Wirtschaftsbetrieb des Ortes zu verschaffen. Dort jedoch war es nicht zu vermeiden, dass er unter den Arbeitskollegen und -kolleginnen eine gewisse Unruhe wegen der doch ausgeprägten Fremdartigkeit seines ansonsten friedfertigen Verhaltens hervorrief. So wurde das regionale Tagblatt auf ihn aufmerksam. Man vermutete eine Story und startete einen Aufruf unter der Kollegenschaft, man möge doch einen Bericht über das Verhalten des Neuzuganges an das Tagblatt schicken. Die Anonymität des Verfassers wurde zugesichert. Der in der Folge dem Tagblatt zugegangene Bericht lautet wie folgt:

Sehr geehrte Redaktion!
Nur weil Sie mich gefragt haben, wegen dem Neuen, kann ich Ihnen mitteilen: Direkt unsympathisch war er eigentlich eh nicht, der Neue. Nur irgendwie anders, es ist schwer zu sagen, was es genau war. Es war auch nicht wegen dem Migrationshintergrund, wie man da jetzt sagt, wenn er vielleicht einen gehabt
hat. Ausländer haben wir eh auch sonst genug gehabt in der Firma, sogar welche von – ich weiß jetzt nicht genau, wie man das schreibt – Banghla Desh, oder wie, irgendwie fast schon Indien. Mit denen hat es ja auch gar nicht so die Probleme gegeben, wie es sonst immer heißt. Und seine Arbeit hat er auch gemacht, da hat es nix gegeben. Verlässlich und alles. Ob er überhaupt mit Frauen was gehabt hat – in der Firma jedenfalls mit keiner, und sonst, da hat man gar nix gewusst. Überhaupt, er hat kein Bier, keinen Wein, keinen Schnaps getrunken, ins Wirtshaus ist er niemals mit, hat in irgend so einer Unterkunft gewohnt, der Postler hat einmal erzählt, da war es eh ganz sauber, nur fast keine Möbeln, nur ein Tisch und ein Bett und ein Kasten, mit wahrscheinlich fast nix drin, nicht einmal ein Fernseher. Ein komischer Typ. Aber sonst – gar nicht zuwider, eh freundlich, kann man nix sagen.
Und wie dann das mit dem Konkurs, also fast, ist sich dann eh irgendwie ausgegangen, aber war echt knapp, da haben sie alle Bauchweh gehabt, und jede Menge Krisen. Und dann war da auch zu der Zeit noch das mit dem Juniorchef und der neuen Disponentin, vom Vertrieb, haben’s eh alle gewusst, nur die Frau nicht, vom Juniorchef, und dann hat sie ihn, ausgerechnet den Neuen, hat sie ihn gefragt, was da ist und ob da was ist.
Ist auch eine blöde Situation. Was sagst du da? Sagst du die Wahrheit, dann bist du den Job los, und lügst du, dann hast du halt gelogen, und dann merkt sie am Ende doch was, dann bist du erst recht den Job los. Aber er hat nur was gesagt von der rechten Achtsamkeit und vom Überdenken und so Sachen, und da hat sie sich dann eh ausgekannt, irgendwie, und er hat doch nix verraten gehabt, war eh auch nicht blöd. Und wie dann vom Juniorchef die Scheidung war, das war auch irgendwie, aber er, der Neue, na ja, war ja dazumals dann auch nicht mehr so neu, hat einfach nur weitergearbeitet, wie wenn gar nix gewesen wär. Ich hab ihn damals gefragt, ob ihm denn das alles nix macht, dass wir jetzt vielleicht, wahrscheinlich sogar, alle bald unsere Arbeit verlieren werden.
„Ist alles im Geist und kann durch den Geist überwunden werden“, hat er damals gesagt. Versteht kein Mensch, so was. Aber er hat eben einfach nur weitergearbeitet. Haben wir dann auch gemacht, kannst eh sonst nix machen. Irgendwie hat er vielleicht sogar recht gehabt. Und irgendwie hat dann der Rechnungsprüfer von der Bank gesagt, die Firma ist eh in keinem so schlechten Zustand, fleißige Belegschaft und alles, und dann sind die wieder eingesprungen, von der Bank, und jetzt geht’s eh wieder.Na ja, er war halt eben schon ein komischer Typ. Und wie dann diese Betriebsversammlung gewesen ist, da war dann dieser Berater, von auswärts irgendwo, und der hat jeden gefragt, was seine Meinung ist.
Da hat er gesagt, der Neue, also wir haben immer noch der Neue zu ihm gesagt, weil eben, obwohl gar so neu …, na ja, hat er gesagt, die Einsicht in das Ganze ist so wichtig. Der hat leicht reden, wo doch wir gar keine Unterlagen kriegen, von der Buchhaltung, und von der Lohnverrechnung auch nicht, grad dass wir einmal einen Blick in die Bilanz werfen können, und auch das nicht immer. Aber der sagt einfach nur, so meint er das gar nicht. Aber wie der das gemeint hat, das war, das hat er auch nicht so richtig erklärt. Aber der Berater, der ist irgendwie auf einmal ganz still gewesen, ich weiß auch nicht, was sich der gedacht hat.
Und dann war da das mit der Unternehmensphilosophie. Hab zuerst gar nicht gewusst, wie man das schreibt. Wir haben alle gesagt, zu was braucht ein Unternehmen eine Philosophie. Ein Unternehmen braucht einen Umsatz, damit es ordentliche Gehälter zahlen kann, aber doch keine Philosophie. Und wie er das gelesen hat, mit der Philosophie, der Neue, weil sie von der Beratungsfirma so Zetteln verteilt haben, da hat er nur so komisch gelächelt. Hat gesagt, eine vollkommene Sammlung ist das noch nicht, aber besser als nix. Dabei haben wir ja eh eine Vollversammlung gehabt, die haben wir jetzt immer wieder, wegen dieser neuen Unternehmensphilosophie.
Und bei der letzten Vollversammlung haben wir es dann wirklich wissen wollen, wer er eigentlich ist, und von wo er überhaupt her ist, und dann hat er gesagt, er heißt eigentlich, das war ein komischer Name, irgendwie aus dem Süden, und er ist ein Harter, und er ist rein garniert, oder so, und das hat auch gestimmt, weil er war wirklich sehr reinlich, und er isst Gaudamer, hat er gesagt, und was der Käse mit dem Ganzen zu tun haben soll, das haben wir gar nicht verstanden, weil einen Gaudamer, den haben wir hier gar nicht, nur einen Edamer und einen Gauda, aber die hat er wahrscheinlich durcheinandergebracht, und von der Butter hat er auch was gesagt, und dann haben wir ihn gefragt, was das alles heißen soll, diese komischen Meldungen von ihm, und er hat gesagt, das kommt vom achtfachen Pfad, oder irgendwie so.
Aber bei Google Maps gibt es gar keinen achtfachen Pfad, da haben wir nachgeschaut. Wir haben uns bei ihm alle nicht richtig
ausgekannt. Aber eigentlich war er eh sympathisch. Es stimmt gar nicht, was alle sagen, dass die Ausländer alle so ein Problem sind. Also, das wollte ich Ihnen nur mitteilen, weil Sie mich gefragt haben, wegen dem Neuen.
Hochachtungsvoll, Gerald Strickmeier (Name von der Redaktion geändert)

Der Neue
Was es zu diesem Bericht noch zu sagen gäbe: Tatsachen sind Sachen, die zu Taten führen, sich somit auch auswirken, was viele dazu verleitet, sie als ‚Wirklichkeit‘ zu bezeichnen.
So werden zum Beispiel die mit Aktien erzielbaren Gewinne als ‚wirkliche‘ Gewinne bezeichnet. Sie sind aber nur deshalb erzielbar, weil viele Menschen glauben, dass solche Aktien voraussichtlich im Wert steigen werden, und sie deshalb kaufen, was deren Preise dann steigen lässt. Die wirklichen Preise von Aktien hängen also nur davon ab, was viele Menschen für den wirklichen Wert dieser Aktien halten. Dies ist nur eines von vielen Beispielen dafür, dass die Wirklichkeit aus dem besteht, was viele Menschen für die Wirklichkeit halten. So gesehen liegt es also im Ermessen der geneigten Leser und Leserinnen, ob die hier vorgelegte Geschichte eine wirkliche Geschichte ist – oder vielleicht doch nur ein erfundener Schwachsinn. Unschwer zu erraten, was ich mir als Autor wünsche.

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentar schreiben

Verwandte Artikel