Leben
Foto: © Joe Girton

Von Dharamsala ins Silicon Valley: Die Mission von Tenzin Seldon und ihrem Unternehmen Kinstep ist es, Migranten in den USA die Arbeitssuche zu erleichtern. Kinstep ist ein Paradebeispiel für Social Entrepreneurship.

Im Hintergrund rumort die Geschäftigkeit des Silicon Valley, das Skype-Gespräch wird immer wieder unterbrochen, weil jemand etwas von ihr braucht. Tenzin Seldon, Geschäftsführerin von Kinstep, ist gut im Geschäft, vor allem seit das renommierte Forbes-Magazin die aus Tibet stammende 28-Jährige im November vergangenen Jahres in die Liste der ‚30 under 30 Social Entrepreneurs 2018‘ aufgenommen hat. Ihre Idee, mit einer App die Arbeitssuche für Migranten und Flüchtlinge in den USA zu erleichtern, überzeugte die Fachjury.
Es geht um eine App und den ‚Match‘. „Die Schwierigkeit ist nicht, ob Migranten arbeiten können. Die Schwierigkeit ist, ob sie eine Arbeit finden“, sagt Tenzin. Ihre Kunden sind einerseits Migranten und Flüchtlinge mit US-Arbeitserlaubnis und auf der anderen Seite Firmen, die in der Einstellung von Migranten einen Mehrwert sehen.
„Oft finden die Leute keinen ordentlichen Job, daher arbeiten sie schwarz in Restaurants.“ Die Leute haben keinen Anspruch auf Sozialleistungen, bezahlt werden sie in bar und manchmal nicht einmal das. Druckmittel gibt es keines. Denn wer schwarzarbeitet, kann im schlimmsten Fall auch im Gefängnis landen. Mit Kinstep will Tenzin Leute aus der Schwarzarbeit holen. Sie will ihnen zu einem ordentlichen Job verhelfen, der ihnen Würde gibt und den Menschen, nicht den Migranten in den Vordergrund stellt.

Man merkt, dass Tenzin ihre Business-Idee nicht zum ersten Mal zwischen Terminen im Silicon Valley ins Smartphone referiert. Erst wenn sie über den sozialen Wert ihrer Idee erzählt, blüht sie auf. „Immigration ist eine der moralischen Krisen unserer Generation“, sagt Tenzin mit Nachdruck. Jeder Sektor müsse sich fragen, was er zur Lösung beitragen kann. Es sei nicht bloß Sache von Regierungen oder Einzelnen, sondern ein Problem für den ganzen Planeten, ja für die Menschheit, ist sie überzeugt.
Für Tenzin schließen sich Moral und Business nicht aus. Im Gegenteil. Kinstep wurde als ‚Social Benefit Corporation‘ im Mai 2017 gegründet und Tenzin ist überzeugt, dass soziale Unternehmen die besseren Unternehmen sind, auch wirtschaftlich. Diese Auffassung wurde ihr bereits in die Wiege gelegt. „Im Buddhismus ist Mitgefühl die Nummer eins. Am Ende muss ich also immer sicherstellen, sogar bei Geschäftsmodellen, dass eine altruistische Komponente dabei ist.“

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Tenzin wuchs als Flüchtling aus Tibet im indischen Dharamsala auf, dem Sitz des Dalai Lama und der tibetischen Exilregierung. „Meine Tanten und Onkel meditierten in Höhlen“, erzählt sie. Manche ihrer engsten Familienmitglieder sind Mönche und Nonnen. Sie selbst wuchs also in der Überzeugung an die Möglichkeit auf, nicht nur einen kleinen Teil, sondern das ganze Leben dem Wohle anderer widmen zu können.
„Jeden Morgen stand ich mit meiner Familie sehr früh auf, wir beteten und führten Rituale durch.“ Irgendwann gewann ihre Mutter eine Green Card für die USA und ging nach Amerika. Erst zehn Jahre später folgten Tenzin, ihre zwei Brüder und ihr Vater. Wie alt sie damals war, weiß sie nicht. „In unserer Kultur dokumentieren wir das Alter nicht so genau“, lacht sie, „es war irgendwann in meiner frühen Jugend.“
Sie ging in den USA zur Schule und gewann dann ein Stipendium, um an der renommierten Stanford Universität Anthropologie zu studieren. Darauf folgte ein Stipendium für die britische Oxford Universität, wo sie ihren Master in Sozialpolitik machte. Bevor sie ins Silicon Valley zog, arbeitete sie für die UNO in Bangkok.

Tenzin legte also eine steile Karriere hin. Dass sie damit eine Ausnahme darstellt, weiß Tenzin aus ihrer eigenen Familie. Sich am Arbeitsmarkt zu integrieren, und zwar mit dem Können, das von zu Hause mitgebracht wird, ist eine der schwierigsten Aufgaben für Migranten und Flüchtlinge. Immer noch kämpfen einige ihrer Familienmitglieder damit, beruflich in den USA anzukommen. „Die Mitglieder meiner Gemeinschaft arbeiten so hart daran, die Fülle ihrer eigenen professionellen Erfahrungen, die sie aus unserem Land mitbrachten, anzuwenden“, erzählt Tenzin. „Doch sie schaffen es oft nicht.“
Menschen, die in ihrem Heimatland zehn Jahre lang etwa im Medizinbereich tätig waren, enden in den USA als Uber-Fahrer. „Das ist kein Problem, das man innerhalb weniger Jahre löst“, zeigt sie sich realistisch. Doch umso dringender ist es für sie, sich mit Kinstep eine der großen Fragen unserer Generation zu stellen: Wie können Migranten sinnstiftende Jobs finden?

Migranten fehle oft das Selbstbewusstsein, sich für gewisse Jobs überhaupt zu bewerben, berichtet Tenzin. Wenn es niemand aus der Gemeinschaft schafft, dann glauben viele auch nicht daran, dass sie es schaffen könnten. Vonseiten der Arbeitgeber ortet Tenzin zudem eine gewisse Selbstgefälligkeit: Hauptsache, Arbeitsplatz! Viele verabsäumen zu fragen, wo der Mensch am besten hinpassen würde. „Ich möchte den Leuten nicht irgendeinen Job geben. Ich möchte ihnen einen würdevollen Job geben!“ Tenzins Stimme ist lauter geworden.
Ein Schlüsselproblem ist das soziale Netzwerk, das die meisten Migranten nicht haben. Sie geben all ihre institutionellen Stützen in der Heimat auf. Im neuen Land haben sie nicht die eine Universität oder den einen Onkel, das Bekannten- und Familiennetzwerk, das sie unterstützen könnte. Und hier soll Kinstep als ‚soziales Kapital der Migranten‘ einspringen. Jede einzelne Person wird Teil eines professionellen Netzwerkes, ‚in dem sie als Individuen wahrgenommen werden‘.

Die Idee von Kinstep ist simpel. Im App-Profil kann der arbeitssuchende Migrant seine Berufserfahrung, seine Interessen und Ähnliches angeben. Und der Arbeitgeber präzisiert, was oder wen er sucht. Beide Seiten können mithilfe der App das finden, was sie brauchen. Die Jobs, die Kinstep vermitteln kann, seien zumeist Einstiegsjobs, erklärt die Gründerin. Nach einem Pilotprojekt startete sie mit ihrer Kollegin Arianne Huesca die Firma im vergangenen Mai. Jetzt wird die App entwickelt. Tenzin erzählt, dass große Firmen bereits Interesse gezeigt haben, mitzumachen. Namen will sie aber noch keine nennen.
Die Hauptaufgabe, einen passenden Match zu finden, übernimmt die Technologie. Um die App zu entwickeln, sind momentan sechs Teilzeitmitarbeiter am Werk, es sollen aber noch mehr Programmierer an Bord geholt werden, damit die Plattform 2018 durchstarten kann. Für Tenzin ist wichtig, dass Kinstep als ‚Social Business‘ gegründet wurde, weil sie überzeugt ist, dass es heute um mehr als Geld geht. „Oft bauen Leute im Silicon Valley irgendwelche Applikationen, einfach nur so, weil sie es eben können. Daran glaube ich nicht. Ich glaube an Produkte, die Menschen wirklich brauchen und sie deshalb benutzen.“ So versteht sie eine sozial verantwortliche Geschäftsführung.
Ihr tibetischer Hintergrund wird untrennbar mit der buddhistischen Philosophie verwoben bleiben. „Bei jedem Job, den ich annehme, stelle ich mir die Frage: Welche Wirkung wird er auf Menschen haben?“ Tenzins Vater war lange in der tibetischen Exilregierung tätig. „Das öffentliche Dienst-Gen habe ich mitbekommen“, lacht sie. Schon ihr Vater habe ihr erklärt, wie wichtig es sei, jede Aufgabe, egal, ob klein oder groß, mit Integrität und Mitgefühl auszuführen. Der eigene Nutzen soll nicht immer im Vordergrund stehen, sondern die Verteilung des Mehrwertes auf beide Seiten: „So wie es Buddha damals und Buddhisten heute eben lehren.“

Tenzin Seldon, geboren 1989, wuchs als Flüchtling in Dharamsala in Indien auf, bevor sie in die USA auswanderte. Sie studierte an der Stanford Universität Anthropologie, an der Oxford Universität machte sie ihren Master in Sozialpolitik. Im Jahr 2017 gründete sie Kinstep. www.kinstep.com
 
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