Leben

Wie und warum wir bis ins hohe Alter physisch und psychisch fit bleiben und worin die Fehler des Rentensystems liegen, darüber spricht die renommierte deutsche Soziologin und Altersforscherin Gertrud M. Backes.

Ab wann gilt man überhaupt als alt?

In unserer Gesellschaft unterscheiden wir einerseits zwischen Menschen nach der Ruhestands- oder Altersgrenze, die nicht mehr erwerbstätig sind. Die andere Gruppe sind Menschen, die 80-85 Jahre oder älter sind. In diesem Alter setzt verstärkt die Beeinträchtigung durch nachlassende Körperfunktionen und durch häufigeres und/oder längeres Kranksein ein. Demenz nimmt signifikant zu, viele Menschen werden pflege- und hilfebedürftig. Diese Menschen bezeichnen wir in unserer Gesellschaft als alt. Die 60- bis 80-Jährigen definieren sich heute selbst nicht mehr als alt, obwohl sie zur Gruppe der gesellschaftlich als alt definierten Menschen gehören. Hier kommt es also zu einem Auseinanderklaffen der objektiven und der subjektiven Definition.

 

 

Die alten Menschen werden also jünger?

Wenn wir uns die gestiegene Lebenserwartung im Laufe der Zeit ansehen, ist dies nicht weiter erstaunlich. 60- bis 70-Jährige sind fit in Bezug auf ihre körperlichen Funktionen, ihr gesellschaftliches Engagement und ihre Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Die gängigen Klischees von Alter umfassen die Vorstellung der Hinfälligkeit, des Rückzugs und der Inaktivität. Dieses Bild trifft nicht mehr zu. Auch 70- bis 75-Jährige sind heute normalerweise gesünder als noch vor zwei Jahrzehnten und gesellschaftlich sichtbar aktiver.

Für viele ältere Menschen ist der Rentenantritt trotzdem das Ende der Produktivität. Woran liegt das?

Im Hinblick auf die Erwerbstätigkeit trifft dies zu. Aber unter Produktivität können wir auch freiwilliges Engagement, ehrenamtliche Arbeit, das Betreuen der Enkelkinder oder das Betreiben von Freizeittätigkeiten verstehen. In diesem Sinne sind viele weiterhin produktiv. In unserer Gesellschaft wird Produktivität aber an Erwerbstätigkeit gekoppelt.

Werden die Menschen zu früh in Rente geschickt?

Durch unser Rentensystem werden die Menschen gezwungen, zwischen 60 und 70 Jahren aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Für viele bedeutet das aber einen Bruch, den sie für sich individuell gar nicht nachvollziehen können, weil sie doch noch fit sind. Dies betrifft allerdings eher Menschen, die sich in privilegierten Berufen befinden und die gesund sind. Wir haben aber ebenso Berufe, in denen körperlich, psychisch und sozial extrem hohe Anforderungen gestellt werden, so dass es auch eine Gruppe gibt, die mit 55 oder 60 Jahren fragt, wie lange sie noch muss, nicht, wie lange sie noch darf.

Weshalb fallen viele Menschen nach Rentenantritt in ein ‚Loch'?

Das hängt davon ab, ob wir uns körperlich, geistig beziehungsweise sozial noch in der Lage gefühlt haben, die Erwerbsarbeit weiter zu betreiben oder nicht. Der Beruf ist außerdem stark an soziale Faktoren gekoppelt: die soziale Einbindung und Vernetzung, das regelmäßige Ausgehen, eine geordnete Tagesstruktur neben der sozialen Sicherheit des Einkommens. Durch diese Veränderungen fallen deshalb auch immer wieder jene Menschen in ein sprichwörtliches Loch, die eigentlich den Rentenantritt aus gesundheitlichen Gründen brauchen. Sinnvoll wäre ein gleitender und individuell gestalteter Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand. Folgende Fragestellung wäre sinnvoll: Wie steht der Mensch da in Bezug auf seine Arbeitsfähigkeit, seine Arbeitsbedürfnisse und seine Chancen, dies zu realisieren? Die Antwort darauf sind partielle und gleitende Übergänge, also weichere Formen, um Schock und Verlusterlebnis abzufedern.

70- bis 75-Jährige sind heute gesünder als noch vor zwei Jahrzehnten.

Gibt es solche Modelle schon?

Ja, in Form von Altersteilzeit. Man arbeitet also einige Jahre vor dem Übergang schon deutlich weniger. Es gibt viele andere Modelle in der Literatur, in der Praxis hat sich bisher leider nur wenig durchgesetzt. Es gibt keine entsprechenden Tarifverträge; die Chance, diese Modelle in den Arbeitsalltag zu integrieren, wird nicht gesehen. Auch für Arbeitgeber scheinen alternative Arbeitsmodelle organisatorisch nur schwer umsetzbar zu sein.

Was könnte ein individuell angepasster Rentenantritt für den Arbeitgeber bedeuten?

Er müsste älteren Mitarbeitern die Möglichkeit bieten, flexibel auf sich plötzlich ändernde Lebensumstände zu reagieren, das heißt zum Beispiel, Beurlaubungen beziehungsweise Freistellungen für die Betreuung von kranken Familienmitgliedern zu genehmigen – und das, ohne Angst haben zu müssen, den Arbeitsplatz und die soziale Absicherung zu verlieren. Diese Idee wird in kleinen Ansätzen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Bezug auf Karenz oder Kinderbetreuung bereits praktiziert. Unser Thema betreffend könnte das bedeuten, einen Arbeitsplatz zu halten, obwohl der Arbeitnehmer/die Arbeitnehmerin anderweitig beschäftigt ist, etwa mit der Betreuung der Enkelkinder. Auch Pflegeurlaub, wenn ein Familienmitglied schwer erkrankt ist, könnte beansprucht werden. So würden dann viele durchaus bis ins Alter von 70 oder 80 arbeiten. Andere wiederum können aufgrund beschwerlicher Umstände schon in ihren 50ern nicht mehr erwerbstätig sein. Die Institution Ruhestand wird leider über einen Kamm geschoren.

Wenn ein 50-Jähriger nicht mehr arbeiten kann, hängt das nicht häufig mit der Einstellung zur Arbeit beziehungsweise mit seiner psychischen Struktur zusammen?

Vieles, was dem Altern zugeschrieben wird, hat mit dem Altern gar nichts zu tun. Ob wir in der Lage sind, in der Erwerbsarbeit aktiv zu sein, Kinder zu betreuen und alte Menschen zu pflegen und uns im Allgemeinwesen zu engagieren, das hängt nicht so stark vom Alter ab, sondern viel eher von der individuellen Lebenslage. Wie ist unsere Bildungssituation, wie unsere Gesundheit, unsere Vernetzung? Diese Faktoren entscheiden über die Chance, weiter aktiv zu sein. Wir schreiben dies aber immer noch einseitig dem kalendarischen Alter zu.

Der Generationenvertrag wird aufgrund der demografischen Entwicklung auf Dauer nicht mehr aufrechtzuerhalten sein. Wie könnten Alternativen zu diesem Modell aussehen?

Es gibt die Möglichkeit, sich neben der staatlichen Rente und dem Sozialsystem zusätzlich zu versichern. In der Schweiz existiert ja das vorbildliche Drei-Säulen-Modell: Sicherung über den Betrieb, Sicherung über eine Privatversicherung und eine Mischform dieser beiden, also eine private Versicherung, die zusätzlich vom Staat – also durch Steuern – gefördert wird.

Wieso vereinsamen so viele alte Menschen?

Je älter man wird, desto mehr Freunde und Bekannte sterben und desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, allein zurückzubleiben. Beim Ausstieg aus der Erwerbsarbeit verkleinert sich in der Regel das soziale Netz. Die Angehörigen der anderen Generationen halten sich tagsüber eher an anderen sozialen Orten auf. Viele Kontakte, die früher beiläufig gepflegt wurden, sind nicht mehr aufrechtzuerhalten. Das Mehr-Generationen-Wohnen gibt es in Modellen, in der Praxis aber nur sehr selten. Alte Menschen müssten also viel aktiver sein, um Kontakte aufrechtzuerhalten, was sie häufig auch nicht so leicht können, weil sie z.B. kein Auto (mehr) haben oder ihnen auch das nötige Geld oder die nötige Gesundheit fehlt oder beides.

Was ist Ihrer Meinung nach das beste Rezept für ein zufriedenes Älterwerden?

Interessiert zu bleiben. Der Begriff ‚interesse' aus dem Lateinischen bedeutet ja, mittendrin zu sein bzw. auch zu bleiben: Der Mensch bleibt weiterhin aufgeschlossen und konzentriert sich nicht nur auf sich selbst. Ältere und alte Menschen haben teil an der gesellschaftlichen Entwicklung, an der Entwicklung ihrer Kinder und Enkelkinder. Manche Menschen sind sehr aktiv im Internet, andere gehen regelmäßig mit dem Hund spazieren oder betreuen ihre Enkel oder engagieren sich in der Nachbarschaft, es gibt ein breites Spektrum. Wichtig ist es auch, dass sie noch ein Ziel haben, wie etwa die Hochzeit der Enkel oder die Geburt des Urenkels in einem relativ guten, vor allem gesunden Zustand zu erleben.

Alte Menschen müssten viel aktiver sein, um Kontakte aufrechtzuerhalten.

Wieso werden in unserer Gesellschaft Alter und Tod tabuisiert?

In unserer Gesellschaft wird Leistung sehr hoch angesehen – Krankheit und Tod haben damit nichts zu tun. Abbau und Verlust beschreiben Prozesse, die in der Leistungsgesellschaft – in der es immer um Schnelligkeit, Ergebnisse und Output geht – nichts verloren haben.

 

Prof. Dr. Gertrud M. Backes, geboren 1955 im Saarland, ist Soziologin und Gerontologin an der Universität Vechta in Deutschland. Backes ist seit 1979 in außeruniversitären Forschungseinrichtungen und in der Organisationsberatung tätig; sie übt Lehr- und Forschungstätigkeiten an Universitäten und anderen Institutionen aus, vor allem in den Fächern Soziologie und Gerontologie. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen u.a. soziologische und sozialgerontologische Analyse der Vergesellschaftung des Alter(n)s und des gesellschaftlichen Strukturwandels des Alter(n)s, Alter(n) und Arbeit, Alter(n) und Geschlecht, Alter(n), Körper und Identität.

 

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