Leben

Das Loslassen üben - Der Mensch leidet an seiner Egozentriertheit. Heilung bedeutet im Buddhismus einen schrittweisen Wandel des Geistes. Das Ziel ist Mitgefühl.

Die Leerheit ist der wohl schillerndste Begriff im Buddhismus. Er taucht erst relativ spät auf. Generell hat man den Buddhismus immer wieder auch als Nihilismus, nicht als positive Heilslehre gedeutet. Im Frühbuddhismus stand zunächst das Nirvāna als Heilsziel im Vordergrund. Im Pali-Kanon wird es überwiegend aus mönchischer Perspektive gedeutet. Triebüberwindung und Weltabkehr sollten die Vorwegnahme von Nirvāna sein. Nirvāna wurde negativ definiert als das ‚restlose Versiegen von Gier, Hass und Verblendung‘ – jener drei Geistesgifte also, die aus dem bloßen Lebendigsein immer wieder neu erwachsen. Die Geburt ist Verkörperung in einer Welt des Leidens. Erst durch die ‚restlose Vernichtung und Aufhebung‘ dessen, was ‚Daseins-Stützen‘ genannt wird, ‚kommt es nicht mehr zur Entstehung des Leidens‘, so steht es im Sutta-Nipāta 727. Die Deutung Nietzsches, Buddhismus sei ‚ein Verlangen ins Nichts‘, ein ‚passivischer Nihilismus‘, erfüllt vom ‚Hass gegen das Leben‘, scheint sich hier zu bestätigen. Zweifellos ist der Vorwurf des Nihilismus aber ein Missverständnis. Zur Vermeidung dieses Missverständnisses ist daran zu erinnern, dass im Mahāyāna-Buddhismus die Lehre von der Leerheit stets durch die Praxis des Mitgefühls ergänzt wird. Gleichwohl ist die Leerheit in vielen Schulen immer noch einer der am meisten gedeuteten und wohl auch fehlgedeuteten Begriffe.
Die Leerheit vollständig zu erkennen gilt als Verwirklichung des Nirvāna bereits in diesem Leben. Die meisten Mahāyāna-Schulen argumentieren so: Der Buddha hat im Hīnayāna die Leerheit des Ich verkündet, während man von der objektiven Realität kleinster, gleichwohl vergänglicher Einheiten – Dharmas – ausging. Im Mahāyāna wurde diese Beschränkung aufgehoben und es wurden auch die Dharmas als leer bezeichnet. Berühmt sind die Zeilen aus dem Prajnaparamita-Sutra: „Form ist Leerheit. Leerheit ist Form.“ Und: „Alle Dharmas sind leer an einer Substanz (Selbstnatur).“
Ich hege keinen Zweifel an der tiefen Wahrheit dieser Aussagen. Doch, so zeigt langjährige Erfahrung im Gespräch mit buddhistischen Freunden, es wirkt hier stillschweigend im Hintergrund gelegentlich eine recht krude Vorstellung. Man denkt etwa so: Formen oder Elemente haben bestimmte Eigenschaften. Ihre wichtigste sei aber dies, ‚leer‘ zu sein. Die Leerheit wird wie eine Eigenschaft neben anderen vorgestellt. Es bleibt dann ein Rätsel, wie solch eine Erkenntnis hilfreich, wie sie zum Heil, der Erlösung von Leiden, beitragen soll. Die Vorstellung, Zahnschmerzen seien eben leer und letztlich Illusion, hat sie noch nie beseitigt. Woran erkennt man die Leerheit von Zahnschmerzen? Sie sind vergänglich und veränderbar. Der Gedanke, sie seien ‚leer‘ oder ‚Illusion‘ heilt sie nicht. Das Wissen um die Leerheit ist keine konkurrierende Theorie neben dem Wissen des Zahnarztes. Die Leerheit zeigt sich als Prozess, nicht als Eigenschaft. Sie offenbart sich als Vergänglichkeit. Vergänglichkeit zwingt uns zum Loslassen. Leerheit zu praktizieren heißt also, das Loslassen zu üben. Das möchte ich etwas genauer erläutern.
Das Leiden und seine Leerheit sind nicht zwei verschiedene Dinge, verschieden wie Samsāra und Nirvāna im Frühbuddhismus. Der große buddhistische Gelehrte Nāgārjuna sagt: „Es gibt nichts, was den Samsāra vom Nirvāna und das Nirvāna vom Samsāra unterscheidet.“ (MMK 25.19) Das Leiden selbst offenbart sich als Leerheit – jeden Tag wieder neu. Wie ist das zu verstehen? Dazu ist zuerst zu fragen: Was ist eigentlich ‚Leiden‘? Erst daraus abgeleitet kann man von Heilung sprechen. Ein Arzt muss zuerst die Krankheit erkennen, soll Heilung durch Therapie oder Medizin gefunden werden. Obgleich auch der Buddha das Beispiel des Heilers verwendete, so ist sein Begriff des Heilens viel tiefer. Er deckt ‚radikal‘ die Wurzel für jedes Un-Heil auf. Das Unheil des Leidens besteht nun nicht darin, überhaupt zu leben, geboren, verkörpert zu sein. Nicht das ‚Leben‘ überhaupt ist der Grund für das Leiden. Es ist der Geist, in und aus dem das Leben gelebt wird. Wir sind keine mechanischen Geräte, keine Gen- oder Neuro-Roboter. Wir erleben das Leben stets durch Geistiges, also durch Denken und Fühlen hindurch. „Den Dingen geht der Geist voran“, sagt der Buddha. Heilung im Buddhismus bedeutet somit einen schrittweisen Wandel des Geistes: Das Denken wird von Illusionen befreit, das Fühlen von der Ego-Zentrierung – durch Mitgefühl. Genau hierin besteht die Praxis der Leerheit.
Betrachten wir das etwas genauer. Wann und wie empfinden wir Leiden? Genau dann, wenn sich etwas entzieht: Die selbstverständlich geglaubte Gesundheit und die Energie der Jugend schwinden im Alter immer häufiger. Verlässlich geglaubte Dinge wie Einkommen, Freunde oder Arbeitsplatz zeigen plötzlich ihre Vergänglichkeit. Freunde wenden sich ab; geliebte Menschen sterben; ein als sicher geglaubtes Einkommen aus Arbeit oder Vermögen reduziert sich plötzlich in einer Krise. Aber auch bei scheinbar harmlosen Dingen machen wir ähnliche Erfahrungen: Die Waschmaschine oder der PC, eben noch funktionstüchtig, ist plötzlich defekt. In solchen Erfahrungen offenbart sich die Leerheit, zeigt sie ihr Gesicht ganz alltäglich. Die Lebewesen und die Dinge haben keine innere Substanz, keine autonome Identität unabhängig von anderem. Das gilt auch für abstrakte Dinge wie Glaubensüberzeugungen oder das Wissen. Was man jahrelang als Gewissheit glaubte, entpuppt sich durch neue Erfahrungen auf einmal als unsicher, gar als völlig falsch. Ebenso kann analog bislang als falsch Geglaubtes plötzlich als richtig erscheinen.
Alles im Alltagsleben ist vergänglich. Eben deshalb greifen Menschen auch immer wieder nach vermeintlich absoluten Wahrheiten. Physik und Mathematik gelten in der Moderne als derartige Fundamente. Wenigstens darauf könne man sich verlassen. Kant glaubte, ihre Wahrheiten würden unabhängig von der Erfahrung, also ewig gelten. Und seit Jahrtausenden greifen Menschen nach einem absoluten Gott, ewig, unvergänglich, um sich an ihm – hoffend, betend, glaubend – festzuhalten. Der Buddhismus bekämpft diesen Theismus nicht wie der Atheismus. Er sieht das Heil nur gerade in der Freiheit des Loslassens, im Fluss der Offenheit, nicht im Festhalten eines Gedankens, eines Glaubens.
Aber, so könnte man einwenden, das mag ja in der Religion zutreffen, doch es gibt letzte Gewissheiten im Denken, vor allem in der Mathematik, in der Naturwissenschaft. Leider erweist sich auch das als Illusion. In der Physik haben sich vermeintlich unverrückbare Wahrheiten – wie die Theorie Newtons – durch Relativitäts- und Quantenphysik teilweise als Makulatur erwiesen. Ist aber nicht wenigstens die Mathematik, wie Platon meinte, letztlich gewiss und ewig gültig? Wenn man sich etwa in die Begründungen der Zahlentheorie vertieft, bemerkt man einen erheblichen Streit. Gottlob Frege meinte über die Arithmetik einmal: „Es ist doch eigentlich ein Skandal, dass die Wissenschaft noch über das Wesen der Zahl im Unklaren ist.“ Was eine ‚1‘ ist, war schon umstritten; bei der ‚0‘ waren die Differenzen noch größer. Immerhin ist bekannt, dass die ‚0‘ aus Indien nach Europa kam. Sie hieß ursprünglich auf Sanskrit ‚Śūnya‘, woraus auch ‚Śūnyatā‘ – die Leerheit – abgeleitet ist. Selbst in den vermeintlich letzten Gewissheiten der Mathematik erscheint eine Leerheit in der Verkleidung einer Zahl. Im Zweifel, in der Vergänglichkeit, in immer wieder neu aufbrechenden offenen Fragen zeigt sich das Offene selbst: die Leerheit.
Doch wie genau lässt sich aus solchen Einsichten eine heilsame Meditation formen, eine Meditation, die nicht über die Leerheit, sondern aus ihr meditiert? Um diese Frage zu beantworten, greife ich nochmals die ‚Krankheit‘, das Leiden, auf. Leiden bedeutet unerwünschte Veränderung dessen, was uns ‚selbst‘-verständlich erscheint. Wir verstehen uns selbst – als Ego – aus den wiederum als unveränderlich geglaubten Dingen oder Gedanken. Frei atmen zu können ist ‚selbstverständlich‘ – bis zur ersten Grippe mit starkem Husten. Dass mein Auto beim Drehen des Zündschlüssels anspringt, ist ‚selbstverständlich‘ – bis plötzlich der Motor streikt. Man glaubt an die tiefe Wahrheit einer Theorie oder eines ideologischen Systems – bis widerspenstige Tatsachen auftauchen. Auch im Buddhismus gibt es so etwas. Man entwickelt eine Dharma-Identität im Vertrauen auf einen Lehrer; plötzlich muss man erfahren, dass dieser Lehrer hinter den Kulissen allerlei Schändliches treibt. Die eigene Identität, das geliehene Ego durch Spiegelung eines großen Vorbildes kommt ins Wanken und offenbart, dass das als gewiss Geglaubte nur leer war. Es ist die auf Nāgārjuna zurückgehende Tradition, die ausdrücklich auch die Leerheit selbst als leer an einer Leerheit, die bedeutet an einem ergreifbaren Wesen der Leerheit bezeichnet hat. 

Das Loslassen üben

Was lässt sich aus solchen Erfahrungen folgern? In all den genannten und tausend weiteren Fällen erzwingt die Veränderung ein Loslassen. Man muss etwas loslassen, das man geliebt hat, worin und woraus man seine Identität, sein Selbst illusionär aufbaute. Leiden heißt nicht einfach ‚ergreifen‘. Wer lebt, muss immer wieder etwas ergreifen – Nahrung, Kleidung, Wohnung, Freundschaften. Doch all dies erscheint in einem Offenen, das für nichts einen dauerhaften Halt bietet. Dennoch geht die Welt der Phänomene unaufhörlich aus dem Offenen hervor. Das Offene ist leer, räumt deshalb alles ein, bietet aber keine Stütze für die Dinge oder Gedanken, die es einräumt. Das Offene verleiht den Dingen – anders als ein Schöpfergott – kein dauerhaftes Sein. Die Dinge hängen nur aneinander, sind verschränkt durch Ursache und Wirkung, was in dem Sanskritwort ‚pratītyasamutpāda‘ zusammengefasst wird. Ich stehe zwar scheinbar sicher auf dem Fußboden meiner Wohnung, doch das Haus ruht auf der Erde, die plötzlich in einem Erdbeben, bei Überschwemmungen oder Stürmen offenbart, dass auch sie kein letztlich verlässlicher Grund ist. Keine göttliche Hand hält die Dinge in ihrem Sein. „Sein ist Zeit, Vergänglichkeit“, sagte Zen-Meister Dogen. Wodurch die Dinge bedingt sind, ist selbst bedingt. Im Offenen, entfaltet als Raum und Zeit, sind alle Phänomene verschränkt und vergänglich; sie schenken darin aber einander das Sein.
Das Offene räumt alle Phänomene – auch uns selbst – ein. Sie ist nicht von uns verschieden – irgendwo draußen oder später. Die Leerheit ist in uns und mit uns lebendig. Eben deshalb sind wir nicht festgelegt, sind frei, können kreativ selbst das Offene immer wieder neu ausfüllen. Wie ist das Offene, die Leerheit darin unmittelbar erkennbar? Wir sind ihr nicht nur nahe, unser innerstes Wesen ist diese Offenheit. Wir praktizieren sie als Achtsamkeit. In der Achtsamkeit ist die Leerheit ganz nahe, kann durch uns in unserem Geist aktiv werden. Zugleich sind wir darin mit allen Wesen ‚verbunden‘ – nicht äußerlich, sondern aus der offenen Quelle. Weit davon entfernt, ein ‚Nichts‘ zu sein, ist die Leerheit die alltägliche Quelle des Lebens. Und weil das Offene alles einräumt, weil wir uns nur immer wieder neu an und mit anderen zu einem Selbst formen, deshalb ist das Mitgefühl zugleich die Aktivität der Leerheit. Achtsamkeit und Mitgefühl sind praktizierte Leerheit. Die Leerheit ist kein Fernziel, unterschieden von der Welt des Leidens. Durch Achtsamkeit und Mitgefühl können wir das Loslassen immer wieder mit dem Ergreifen praktizieren. Darin liegt letztlich auch das Heil, wodurch wir in einem Ozean des Leidens dessen Vergänglichkeit nicht nur erkennen, sondern wach durchleben. Das noch in diesem Leben verwirklichte relative Nirvāna ist kein Zustand, sondern das Leben in und aus der Offenheit, achtsam und mitfühlend. Dass über Sterben und Tod und damit über das absolute Nirvāna noch anderes zu sagen wäre, sei nicht verschwiegen. Hier nur dies: Wer aus dem und im Offenen lebt, der ist schon hier in seine innere Wahrheit eingekehrt. Die so praktizierte Leerheit unterliegt als absolute Heilung gar nicht mehr der Unterscheidung von Leben und Tod.

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Kommentare  
# Kurt Fritz 2019-05-21 11:09
Sehr schöner Artikel :)
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