Leben

„Du solltest deinen Sohn von einem Psychologen testen lassen.“ „Warum?“ „Er hat vielleicht autistische Züge.“ „Inwiefern?“ Manchmal machen wir ganz schwierige Mathematikübungen in der Klasse und dein Sohn ist der Einzige, der sie lösen kann.

Wenn ich ihn dann frage, wie er auf das Ergebnis kommt, sagt er nur: Ich weiß es nicht, ich habe das Ergebnis gesehen!“ „Was soll es dann bringen, wenn der Psychologe dem Ganzen einen Namen gibt?“ „Wenn wir wissen, was er hat, können wir ihn gezielt fördern.“ „Vor zwei Jahren haben eure Tests ihn zu einem schweren Legastheniker gemacht. Die Übungen, um ihn zu fördern, waren viel zu leicht für ihn und nach ein paar Wochen kein Thema mehr.“ „Ja, aber er ist auch sozial auffällig.“ „Inwieweit?“ „Er zieht sich gerne zurück und ist für sich alleine.“ „Und?“ „Das könnte auch zu einem Autisten passen.“ „Und?“ „Wenn wir wüssten, dass er ein Autist ist, können wir ihm helfen.“ „Meint ihr, mithelfen, ihn so zu fördern, dass er nicht mehr auffällt, dass er so ist wie alle anderen? Zu Hause fällt er gar nicht auf. Mit seinen Geschwistern ist er ganz normal, und wenn andere Kinder kommen, interessiert er sich und spielt mit ihnen. Von Rückzug keine Spur. Und wenn er sich zurückziehen will, so wird er seine Gründe haben. Ich bin gegen eine Testung beim Psychologen. Ich will nicht, dass ihr meinen Sohn in eine Schublade schiebt und euch dann in schlauen Foren im Internet Tipps holt, wie man am besten mit ‚so einem‘ umgeht. Deshalb ist er ja bei euch, in einer Montessori-Schule, damit er so sein kann, wie er ist, dass er sein eigenes Tempo haben kann, dass er seine eigene Entwicklung durchlaufen darf. Und wenn ihr etwas an seinem Verhalten nicht versteht, dann umso besser ...“ „...“ 

Wir wollen verstehen, und wenn ein Begriff dafür da ist, dann haben wir die Illusion, es einordnen und verstehen zu können.

In unserer Gesellschaft wollen wir allem einen Namen geben. Sobald etwas einen Namen hat, können wir leichter damit umgehen. Sobald etwas einen Namen hat, gibt es sehr viele Menschen, die darüber forschen und ‚Experten‘ sind. Ich spreche damit Erkrankungen an, Erkrankungen unseres Körpers, unserer Seele, unseres Geistes. Wir wollen verstehen, und wenn ein Begriff dafür da ist, dann haben wir die Illusion, es einordnen und verstehen zu können. Gehen Sie über eine Wiese und betrachten Sie die Blumen. Ah, eine Schafgarbe. Ah, Beifuß. Ah, Kamille. Erkannt und in einer Schublade abgelegt. So funktioniert unser Gehirn. Was wir nicht verstehen, macht uns Angst. Wofür wir keinen Namen haben, verstehen wir nicht, und das macht uns Angst. Gerade bei psychischen Normabweichungen scheint es eine große Erleichterung zu sein, wenn wir ein Etikett aufkleben können. Denken Sie an einen Baumarkt, in dem Sie einkaufen gehen. Sie brauchen für eine Ware, die Sie kaufen wollen, einen Code. Ist dieser Code nicht auf der Ware, können Sie sich das Chaos vorstellen, das Sie an der Kassa verursachen. Da wird dann wild herumtelefoniert, bis schließlich ein Code zu finden ist, eine Zahlenkombination, die in der computerisierten Kassa mit einem Preis und einer Warenausgangsverbuchung gekoppelt ist. Klare Zahl, klarer Preis, klare Buchung. Klarer Name, klare Störung. Und die Therapie?

AutistIch war sechs Jahre alt, als meine Mutter mit mir an der Hand in die Volksschule Kritzendorf zur Frau Direktor gegangen ist. Ich war mit sechs Jahren schulpflichtig und sollte für die erste Klasse angemeldet werden. Die Frau Direktor hat sich kurz mit mir unterhalten. Ich habe etwas gemalt. Dabei erkannte sie meine Linkshändigkeit und sagte: „Der ist ja Linkshänder. Den setzen wir ein Jahr zurück.“ Also noch ein Jahr in den Kindergarten und erst dann in die erste Klasse. Meine Linkshändigkeit dürfte damals als ein objektivierbares Zeichen für ‚Unreife‘ für die Frau Direktor gegolten haben, aus welcher Informationsquelle sie das auch immer in den 70er-Jahren hatte ... Und ja, in der Schule war ich legasthenisch.
Erst gestern wieder habe ich mit meiner Frau über die Unverständlichkeit der ‚S‘- und ‚scharfes S‘-Schreibung geredet und dass ich es einfach nicht sehe. Ich sehe nicht, wenn ein Wort falsch geschrieben ist. Mittlerweile warte ich einfach darauf, ob eine rote Welle unter dem Wort auftaucht, das ich geschrieben habe, um das Wort dann so lange in seiner Schreibweise zu verändern, bis die rote Welle verschwindet. Großartige Erfindung und eine deutliche Arbeitserleichterung für meinen Lektor!
In meiner Volksschulzeit hatte ich wunderbare Lehrer, die sich für mich als Mensch viel mehr interessierten (und meine engelsblonden Haare ...) als für meine Deutschschreibweisen. Mein Sohn erinnert mich in vielen Belangen an meine eigene Entwicklung. Auch er ist Linkshänder, auch er ist Legastheniker und auch er hat manchmal Verhaltensweisen, die anderen ‚auffallen‘, mir wahrscheinlich nicht, weil ich diese ja von mir selber kenne. In meiner Volksschulzeit ging es nie vordergründig um Leistungserbringung, was sich heute leider geändert hat. In meiner Volksschulzeit ging es vor allem um Freundschaften, um das Verleben schöner Momente und nebenbei um ein bisschen Lernen.

Ist das ‚Anderssein‘ für alle anderen nicht eine Chance, sich etwas abzuschauen für sich selbst?


In unserer heutigen Zeit – und das ist nur 35 Jahre später – steht die Leistungserbringung an oberster Stelle. Aus der Physik kennen wir den Begriff der Leistung als ‚Arbeit pro Zeit‘ und das ist genau das, was heute vielen Menschen zusetzt. Der ständige Druck, in noch weniger Zeit noch mehr Arbeit zu erbringen. Verwundert es daher, dass Kinder, die ein bisschen anders sind oder waren, wie mein Sohn und ich, sich immer wieder zurückgezogen haben, um diesem Druck von außen nicht ausgesetzt zu sein? Ist das nicht eine natürliche Reaktion und damit gut, weil sie uns davor bewahrt, Schaden zu nehmen an Körper und Geist? Ist das ‚Anderssein‘ für alle anderen nicht eine Chance, sich etwas abzuschauen für sich selbst? Oder sind diese ‚Störungen‘ oder Abweichungen von der Norm nicht sogar frühkindliche Reaktionen auf die merkwürdige stressbehaftete Lebensweise hier bei uns in Mitteleuropa? Warum wird Autismus oder die abgeschwächte Form davon, das Asperger-Syndrom, heute immer häufiger diagnostiziert? Die Weltgesundheitsbehörde bringt den ICD-10, den weltweit anerkannten Diagnose-Katalog, heraus. Darin wird Autismus folgendermaßen definiert: „Diese Gruppe von Störungen ist gekennzeichnet durch qualitative Abweichungen in den wechselseitigen sozialen Interaktionen und Kommunikationsmustern und durch ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten. Diese qualitativen Auffälligkeiten sind in allen Situationen ein grundlegendes Funktionsmerkmal des betroffenen Kindes.“ Offensichtlich werden unter dem Begriff Autismus verschiedenste Erkrankungen zusammengefasst, die obiges Erscheinungsbild gemeinsam haben. Der frühkindliche Autismus tritt bereits in den ersten Lebensjahren auf und ist durch eine stark eingeschränkte Sprachentwicklung gekennzeichnet. Seine Ursache dürfte eine Entwicklungsstörung des Gehirns sein. Der atypische Autismus zeigt sich meist erst ab dem dritten Lebensjahr, ebenso wie das Asperger-Syndrom, wobei Letzteres durch ein sozial zurückgezogenes Verhalten mit Meiden des Blickkontakts, aber eine auffallend grammatikalisch und stilistisch hochstehende Sprache mit Problemen des Verständnisses von Ironie und Metaphern gekennzeichnet ist. Ein Kriterium des Asperger-Syndroms ist auch die schlechte Konzentrationsfähigkeit, die Unfähigkeit, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden, wodurch die Kinder in der Schule auffällig werden, was oft mit ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – verwechselt wird. Bei allen Formen des Autismus steht das Unvermögen im Vordergrund, mit der unmittelbaren Umgebung zurechtzukommen, entweder aus einer Entwicklungsverzögerung heraus oder einer Reaktion eben auf diese soziale Struktur. Die Kinder und Erwachsenen schaffen sich Strukturen in ihrem Alltag, an denen sie sich festhalten können, die ihnen Sicherheit geben. Zum Beispiel bauen sie Hunderte Male einen Turm aus Bauklötzen, oder sie stecken sich als Erwachsene das Ziel, jeden Tag mit dem Fahrrad ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Durch diese repetitiven Verhaltensweisen trainieren sie ihr Gehirn auch in einer ganz bestimmten Richtung, woraus eine große Begabung erwachsen kann. Hans Asperger schrieb: „Es scheint, dass für Erfolg in der Wissenschaft oder in der Kunst ein Schuss Autismus erforderlich ist.“ Und das ist genau das, was wir von ihnen lernen können: Regelmäßigkeit und Struktur im Alltag sind wichtig, damit sich der Körper und der Geist wohlfühlen.
In den Anfängen meiner TCM-Praxis in Wien habe ich Suchtpatienten behandelt – Heroinsucht, Alkoholsucht, Tablettensucht. Das Wichtigste an meiner Therapie war, ihrem Alltag Struktur zu geben. Süchtige Menschen, egal, unter welcher Sucht sie leiden, brauchen die Droge, um diesem Gefühl der Haltlosigkeit im Alltag zu entfliehen. Ein klarer Tagesablauf gibt Halt, gibt Sicherheit, und so habe ich diese Patienten jeden Tag in meine Praxis bestellt und sie in der Gruppe akupunktiert. Ich habe dafür nichts verlangt, die Voraussetzung aber war, dass sie jeden Tag erscheinen, und zwar gleich in der Früh. Und der Erfolg war enorm. Die Akupunktur war eher der Anlass, sie zum Kommen und eine halbe Stunde in Ruhe bei mir verweilend zu bringen. Die Gruppe, der soziale Kontakt mit Menschen mit vergleichbaren Problemen, hat dann noch ihr Übriges vollbracht. Depression ist oft eine Haltlosigkeit und Strukturarmut im eigenen Leben. Da kann man sich von Menschen mit Asperger einiges abschauen: gleichbleibende Tagesabläufe, Meiden plötzlicher Veränderungen, Meiden von zu großer Informationsflut.
Als Kind war ich sehr introvertiert. Ich liebte es, in meiner eigenen Welt zu leben. Ich konnte stundenlang irgendwo sitzen und nur träumen. Bis in meine 20er-Jahre tat ich mir sehr schwer, mit Menschen direkten Blickkontakt zu halten. Ich strukturierte mein Leben sehr genau, von früh bis spät – so wie ich es als Bewältigungsmechanismus in der Klosterschule, in die ich in der Unterstufe ging, gelernt hatte. Mönche wissen offenbar, wie wichtig Struktur ist: „Ora et labora.“ – „Bete und arbeite.“ So verbrachte ich viele Jahre, die Oberstufe und all meine Studien, ein Medizin- und drei Musikstudien, mit Struktur und Wissen und mehreren Stunden Klavierspielen am Tag und es waren die herrlichsten Jahre, die man sich nur vorstellen kann. Kein Gedanke der Unzulänglichkeit oder sozialen Inkompetenz, einfach nur gute, sinnvoll genutzte Zeit des ‚In-mir-Seins‘ und ‚Mich-Entwickelns‘.
Wir sollten vorsichtig dabei sein, Menschen in Schubladen zu stecken. Wir sollten vielmehr fasziniert sein von der Vielfalt menschlicher Individuen und von ihnen lernen, da das, was bei unserer Betrachtung als ‚abnorm‘ gilt, vielleicht die Lösung vieler unserer Probleme beinhaltet. Toleranz kann man auch einmal aus der Perspektive betrachten, dass man die Vielzahl von Menschen als ein großes EINS zulässt, OHNE sie durch Verbaletiketten und Codes wie eben den ICD-10 auseinanderzudividieren. Wenn ich meinen Sohn testen lasse und er bekommt eine Diagnose, ein Etikett, hat das Auswirkungen auf seine kindliche Unbeschwertheit: Er bekommt eine ICD-10-Diagnose umgehängt und wird somit als ‚krank‘ eingestuft. Dabei hat ER kein Problem. ER leidet nicht unter seinem vielleicht etwas anderen Verhalten, ebenso wie ich es sogar geliebt habe, den Rückzug anzutreten und in meiner Welt zu leben. Mein Sohn wird seinen Weg gehen und ich werde ihn unterstützen, dass es SEIN Weg bleibt ...

Regelmäßigkeit und Struktur im Alltag sind wichtig, damit sich der Körper und der Geist wohlfühlen.


Vor 25 Jahren stieß ich zufällig – und wir wissen, wie das so ist mit ‚Zufällen‘ – auf das Buch ‚ich will kein inmich mehr sein‘ des Berliners Birger Sellin, eines Autisten von früher Kindheit an, der keine Sprachentwicklung hatte und keinerlei Kommunikation mit seiner Umgebung, man hielt ihn für völlig debil, bis er eines Tages mithilfe eines Computers zu schreiben begann: „ich dichte erst jetzt ein lied über die freude am sprechen ein lied für stumme autisten zu singen in anstalten und irrenhäusern – nägel in astgabeln sind die instrumente – ich singe das lied aus der tiefe der hölle und rufe – alle stummen dieser welt – erklärt den gesang zu eurem lied – taut die eisigen mauern auf – und wehrt euch ausgestoßen zu werden – wir wollen eine neue generation der stummen sein – eine schar mit gesängen und neuen liedern – wie es die redenden noch nicht vernommen haben – unter allen dichtern fand ich keinen stummen – so wollen wir die ersten sein – und unüberhörbar ist unser gesang – ich dichte für meine stummen schwestern – für meine stummen brüder – uns soll man hören und einen platz geben wo wir unter euch allen wohnen dürfen – in einem leben dieser gesellschaft“ (Birger Sellin am 21. September 1992, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1993).

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Kommentare  
# Franz 2019-04-29 09:46
Danke für Ihre Sichtweise!
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