Leben

Ich sehe zurück und erkenne mich, Georg, als achtjährigen Buben: Die Welt um mich ist verwirrend. Ich verstehe sie nicht. Mein Herz rast. Mama weint immer wieder, Papa schreit. Mein Bruder ist nicht da, irgendwo Schach spielen oder mit Freunden. Ich spüre meinen Herzschlag bis in den Kopf hinauf. Im Brustkorb wird es mir eng. Leid und andere Gefühle.

Ich gehe in den nahen Wald hinüber. Keinem fällt meine Abwesenheit auf. Niemand sieht mich.
Ich setze mich auf den weichen Waldboden. Es ist Frühsommer. Morgens schon ist der Boden trocken und warm. Langsam richtet sich meine Aufmerksamkeit mehr nach außen, langsam beginne ich dem Wald zuzuhören, höre das Rascheln, das ich selbst durch kleinste Bewegungen verursache, höre das rhythmisch wiederkehrende Rufen der Vögel. Langsam verlasse ich die Enge meines Oberkörpers und überhöre das Hämmern meines Herzens im Ohr. Wie ein tiefer Seufzer atme ich ein, spüre, wie sich die Augen mit Tränen füllen, welche dann gleichzeitig mit
der Ausatmung zu rinnen beginnen. Ich verstehe diese Welt nicht, nicht die Gefühle, die sie in mir auslöst, nicht die Worte, die sich meine Eltern an den Kopf werfen. Ich verstehe nicht, wie ich Teil von all dem bin. Ich verstehe nicht – und lasse los. Das tiefe Atmen ist so befreiend, und frei ist nun auch wieder mein Herz. Sonnenstrahlen dringen durch das hohe Blätterdach und blenden mich, doch sie wärmen. 

Und so beginne ich zu träumen, wie ich mich immer träumend sehe, wenn ich an meine Kindheit denke.

Ich lege mich zurück, der Boden ist abschüssig, meine Beine hängen nach unten, wie auf einer schrägen Bahre liege ich, schließe die Augen, die Arme fallen seitlich von meinem Körper auf die Erde, verlassen ihre schützende Haltung und verbinden sich mit dem Boden. Könnte ich doch für immer hier liegen bleiben, im Schutze des Waldes, in der Wärme der Sonne, mit der Musik der Natur und dem Duft des Lebens.
Und so beginne ich zu träumen, wie ich mich immer träumend sehe, wenn ich an meine Kindheit denke. Ich träume vom Fliegen, wie ich, einem Adler gleich, über die Felder schwebe, ohne Mühe und Anstrengung, ohne Geräusch, Teil eines unendlichen Universums der Freiheit. Und dann sehe ich mich wieder als Mensch, der andere Menschen in mein nun gebautes Flugobjekt geleitet und mit ihnen davonfliegt. Und ich lächle, auch wenn sie es nicht tun, und erzähle Geschichten, erzähle, wie es auf der Welt wirklich zugeht und wie schön sie ist. Nein, nein, all das Leid ist nur eine Illusion. Real sind der Vogelgesang und die Wärme der Sonne und die Verbindung mit der Erde.
Ich entwerfe quasi Gebrauchsanleitungen für das wahre Leben. Und so sehe ich mich schließlich als weisen alten Mann, der noch immer lächelnd Geschichten erzählt. Und die Menschen sehen mich und hören mir zu.
Als Kind ist alles viel einfacher und doch auch viel komplizierter. Als Kind sieht man direkt und spürt man sofort. Als Kind funktionieren die später erlernten Ablenker und Verdränger noch nicht. Als Kind erlebt man die Natur um sich herum als Wunder und die eigene Natur als gegeben. Das Vertreiben aus dem Paradies geschieht durch uns Erwachsene. Wir sehen nicht, was Kinderaugen sehen, und hören nicht, was Kinderohren hören. Wir können nicht mehr nachvollziehen, welche oft übermächtigen Emotionen wir in Kindern zur Implosion bringen, wie verheerend das Übergehen und Nichtsehen der kindlichen Gefühlswelt ist.
Dabei ist unsere Gefühlswelt gar keine andere. Wir haben nur gelernt, mit den Widersprüchen unserer Emotionen und den Zuständen in unserem Körper zu leben. Das heißt noch lange nicht, dass das gut ist. Was normal ist, ist noch lange nicht gut. Um unseren Kindern helfen zu können, auch dem Kind in uns, das immer in uns leben wird, müssen wir uns zunächst einmal selber helfen. Bringen wir es auf den Punkt: Warum leiden wir? Warum leidet unsere Seele, warum unser Körper?
Gehen wir an die Frage zunächst chinesisch heran: In der Traditionellen Chinesischen Medizin sagt man, dass zwei Drittel aller Erkrankungen durch Emotionen ausgelöst werden. Zwei Drittel! Ich glaube, die westliche Studie, die ‚belegt‘, dass Emotionen für den Herzinfarkt genauso gefährlich sind wie ein hoher Blutdruck oder ein hoher Cholesterinwert, ist etwa ein Jahr alt. Sie wurde damals in den Medien als große Offenbarung präsentiert ... Dabei geht es bei den Gefühlen darum, dass sie entweder zu viel oder zu wenig da sind, zu viel an negativen Gefühlen – wie Aggression oder Zorn –, zu wenig an positiven Gefühlen – wie Liebe oder Zuneigung. Denken Sie an die Kindheitssituation, die ich oben beschrieben habe: 

Ein Kind erlebt die Emotionen der Eltern als übermächtig, egal, ob Wut, Aggression, Trauer, Angst oder Sorge, und erlebt die körperlichen Auswirkungen, wie zum Beispiel den ‚Herzschlag bis in den Kopf‘ oder die ‚Enge im Brustkorb‘.

Noch ist nichts passiert. Noch ist das eine gesunde Reaktion des Körpers. Aber falls sich diese ‚emotionale Ohnmacht‘ wiederholt und es keine Auflösung und Erklärung der elterlichen Konflikte gibt beziehungsweise falls das Kind einfach nicht gesehen wird, weil die Eltern so mit sich beschäftigt sind, kann der Körper dauerhaft geschädigt werden und aus dem ‚Herzschlag bis in den Kopf‘ wird zum Beispiel eine Herzrhythmusstörung oder eine Panikattacke und aus der ‚Enge im Brustkorb‘ wird zum Beispiel später einmal ein Asthma bronchiale.
Wir Erwachsenen spüren oft den Zusammenhang der Gefühle mit Erkrankungen nicht. Es braucht dann einen ‚Übersetzer‘, zum Beispiel einen Psychotherapeuten oder einen Arzt, der einem den Zusammenhang zwischen einer Emotion oder einem sehr emotionalen Ereignis oder dem Fehlen einer Emotion und einem körperlichen Symptom nahebringt und verständlich macht.
Ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine Frau ist von ihrem Großvater aufgezogen worden. Der Großvater stirbt und sie bekommt Asthma. Wir sagen in der Chinesischen Medizin, dass die Emotion der Lunge die Trauer ist. Wenn die Trauer plötzlich stark ist, blockiert sie die Lungenfunktion. Wir kennen das alle, dass wir nicht mehr atmen können, wenn etwas Trauriges passiert. Aber sobald die Tränen fließen, sobald die Trauer einen Kanal nach außen findet, kurbelt sie gleichzeitig auch die Atemfunktion wieder an, und mit dem Weinen kommt das Atmen wieder. Wenn die Trauer keinen Weg nach außen findet und quasi innen stecken bleibt, blockiert sie den glatten Fluss der Atmung und Atemnot ist die Folge.
Ein anderes Beispiel: Durch viel Stress im Leben spannt sich chinesisch die Leber an und führt generell zu einer hohen Anspannung im Körper. Stress entspricht der Emotion ‚Aggression‘ und Sie wissen, wie angespannt man ist, wenn man aggressiv oder wütend ist. Kurz ein bisschen Aggression und dann wieder Entspannung wäre ja kein Problem. Das Problem entsteht, wenn diese Anspannung ständig da ist: Der Blutdruck steigt langsam an, am Abend kommt man nicht mehr gut runter, kann nicht einschlafen oder wacht immer wieder auf, dadurch ist man tagsüber müde und muss sich noch mehr ‚zusammenreißen‘, um den Alltag zu bewältigen. Durch die Anspannung entspannt man sich dann mit Essen, welches dann meist nicht wirklich gesund ist – zu süß oder einfach zu viel oder vermehrt Alkohol, was dann wiederum Stress im Verdauungstrakt über die Bauchspeicheldrüse und die Leber verursacht, was wiederum langsam den Körper in Richtung Diabetes mellitus und erhöhte Blutfette treibt und alles zusammengenommen schön langsam die Sicherungen im Körper durchbrennen lässt mit Fahrtrichtung Herzinfarkt, Schlaganfall und so weiter ... Und alles deshalb, weil der Körper mit all dem Stress nicht umgehen kann und deshalb mit Wut und Aggression reagiert, die wir aber gar nicht spüren, weil wir ja denken: „Jeder hat Stress.“ Oder: „Ich brauche das, es treibt mich voran.“

Und nach einiger Zeit wundern wir uns über die körperlichen Veränderungen. Ich sage meinen Patienten immer: „Mir ist vollkommen egal, wie viel Stress Sie haben, SOLANGE ich diesen nicht in Ihrem Puls fühle!“ Sobald ich nämlich den Stress als Leberspannung im Puls spüre, schadet er dauerhaft und hinterlässt Schäden im Körper. Sobald Sie also merken, dass eine Emotion Ihr oder das Leben Ihres Kindes beeinflusst, was Sie im einfachsten Falle in einem Gespräch feststellen können, im komplizierteren Falle an einer immer wiederkehrenden Beschwerde des Körpers, dann braucht das Gefühl ein Ventil und Sie brauchen Hilfe. Dann lassen Sie sich bitte helfen. Gehen wir die Frage, warum wir leiden, nun indisch an: Das SanskritWort für Leid ist duhkha. Dur bedeutet eng, schwierig, kha ist der Herzraum. Leid wird also körperlich beschrieben durch eine Enge im Herzraum. Das Gegenteil von Leid ist sukha, Leichtigkeit und Weite im Herzraum. Denken Sie an den achtjährigen Buben am Anfang dieser Geschichte: Die Überfülle an Emotionen verursacht eine Enge im Brustkorb, welche als unangenehm und bedrohlich empfunden wird. Unser Citta, unsere Gefühls- und Denkebene, setzt nun die Überfülle an negativen Emotionen gleich mit der Enge im Brustkorb.

Als Kind reflektiert man nicht weiter, man erlebt. 

Das Erleben der körperlichen Enge wird gleichgesetzt mit der Emotion, die sie ausgelöst hat, die Emotion wird zunehmend als negativ erlebt, es entsteht ein innerer Druck, duhkha, der das Fühlen und Denken trübt und sich auch körperlich bemerkbar macht: Es entsteht zunehmend Spannung, Angespanntheit im Körper, und der freie Fluss der Atmung verschwindet. Der achtjährige Bub ist in der Fantasie aus dem Körper geflohen, hat sich an schöne Gedanken und Träume angebunden, um in der Fantasie wieder Glück zu erleben. Fantasie ist so unendlich wichtig, um innerlich und äußerlich eine neue Welt entstehen zu lassen.
Leider wird dieser oft überlebenswichtige Instinkt von unserer Gesellschaft nicht gefördert. Das Yogasutra beschreibt sehr gut, wie man aus dem Leid aussteigen kann. Ursache für das Leid, so spricht das Yogasutra, ist die Anbindung daran. Unser sehendes Selbst, Drasta, SIEHT ausschließlich, steigt aber nicht auf die Emotion ein. Unsere Gefühlsebene, Citta, macht dann das Drama daraus. Ein einfaches Beispiel: Drasta sieht einen Baum. Er sagt: Das ist ein Baum, nicht mehr und nicht weniger.
Doch Drasta sieht den Baum durch die Brille des Citta. Und Citta sagt: Das ist ein Baum, der umfallen kann und dadurch sehr gefährlich ist. Der Baum macht mir Angst. Durch diese Angst leide ich. Doch Drasta beruhigt den Citta und hilft ihm, das Objekt Baum von seinen Ängsten und seinen Interpretationen zu trennen. Und so lernt Citta, den Baum zu sehen als das, was er ist: nur ein Baum, nicht mehr und nicht weniger ...
Leid ist zwar überall und allgegenwärtig, doch es geht darum, es als solches zu sehen, sich durch Citta nicht in eine Ohnmacht drängen zu lassen, sondern in aller Klarheit des sehenden Selbst sich nicht mit dem Leid zu identifizieren. Durch die klare Betrachtung erhalte ich meine Handlungsfähigkeit zurück und kann reagieren, kann den Baum als Baum sehen und schon in aller Ruhe die Äste zurückschneiden, um allfälliges Leid durch Erkennen der Gefahr zu vermeiden. Der Weise erkennt das Leid, duhkha, bei sich und als allgegenwärtig. Aber sein Herzraum bleibt weit und geöffnet. Er übt im Alltag, gut zu atmen, die Emotionen gut fließen zu lassen, sie nicht überzubewerten, sich immer wieder an gute Erlebnisse oder gute Gefühle und Träume anzubinden und immer ein offenes Herz zu haben. Auch in unserer Geschichte des achtjährigen Georg gibt es zwei Weise: Noch ganz in Gedanken, noch immer mit dem Boden des Waldes verbunden, höre ich auf einmal eine Stimme rufen. Es ist die Stimme von Mama: „Georg, Georg, wo bist du?“ Und gleich danach höre ich die Stimme von Papa: „Georg, komm, wir wollen einen Ausflug machen.“ Beide klingen fröhlich, beide lachen. Wieder spüre ich Tränen in meine Augen steigen. Diesmal sind es Tränen der Freude.

Ihr Kräuterdoktor Weidinger

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentar schreiben