Leben

Die Britin Emma Slade arbeitete jahrelang in einer Bank. Eine Geiselnahme in Jakarta veränderte ihr Leben. Heute lebt sie als Nonne in Bhutan. Ein Porträt.

 An dem Tag, an dem Emma Slade als Geisel genommen wurde, fühlte sie sich ‚ein bisschen sexy‘. Sie hatte ihre High Heels an und klackerte auf den weißen Steintreppen hinauf zu ihrem Zimmer im Fünf-Sterne-Hotel Hyatt in Jakarta. Emma hatte den ganzen Tag mit Top-Managern in Indonesien mögliche Investments besprochen. Sie war erschöpft, aber stolz auf sich. Mit 30 hatte sie viel erreicht. Nachdem sie in ihrem Zimmer angekommen war, entschied sie sich, noch in den Hotel-Pool zu springen. Genervt merkte sie, dass nur zwei Badetücher im Zimmer waren, überlegte, die Rezeption anzurufen. Vor dem großen Spiegel schlüpfte sie in ihren türkisen Badeanzug. Emma zog gerade einen Bademantel über, als es an der Tür klopfte.
„Jakarta hat den Grundstein dafür gelegt, wer ich heute bin“, sagt Emma und ist plötzlich ernst. Plötzlich, ganz ohne die fröhliche Selbstironie, ohne kokettes Augenzwinkern, mit dem sie ihre Mitmenschen so leicht in ihren Bann zieht. Ihr Kopf ist kahl, ihr Körper umhüllt von roten Roben, aus denen nur ihre nackten Arme schauen. Es hat etwa 15 Grad an diesem Vormittag in Thimphu, der Hauptstadt Bhutans. Ein kühler Wind zieht durch den bunten Pavillon, auf Emmas Oberarmen zeichnet sich eine Gänsehaut ab. Die 51-Jährige scheint das nicht zu stören. Ihr Mala, ihre Gebetskette, rauscht durch ihre Finger, die Holzkugeln klackern stetig aneinander.
Die gebürtige Britin ist die einzige Nonne aus dem Westen, die in Bhutan je ordiniert wurde. Wenn Emma Slade etwas will, dann bekommt sie es auch. „Ist es okay, wenn ich ein bisschen frech bin?“, läuft sie lächelnd von einem Teilnehmer zum nächsten. 250 internationale Gäste haben sich in Thimphu zum ‚Vajrayana Summit‘ versammelt, eingeladen von der bhutanesischen Regierung. Für Emma ist es die perfekte Gelegenheit, ihr Buch ‚Set Free‘ zu promoten. So schnell können die Angesprochenen nicht schauen, sind sie ihrem Charme verfallen und um einige Dollar leichter.


Der Reinerlös ihrer Lebensgeschichte geht an ihre Wohltätigkeitsorganisation ‚Opening Your Heart to Bhutan‘, die arme Kinder in Bhutan unterstützt. Als ihr ein Teilnehmer eine 100-Dollar-Note in die Hand drückt, stehen ihr Tränen in den Augen. Seit Jakarta hat sich viel in ihrem Leben geändert.
Vor Jakarta hatte sie Kalkulationstabellen erstellt, mögliche Profite und Verluste berechnet, Millionenbeträge jongliert. Ihr Gewinn war ein dicker Bonus am Ende des Jahres. Heute ist ihr Bonus die Umarmung eines Kindes, das aufgrund ihrer Arbeit eine Ausbildung, medizinische Hilfe erhält oder auch einfach nur eine ordentliche Toilette in der Schule hat. ‚Warum ich meine Arbeit mache‘, steht unter einem Foto am Ende ihres Buches, auf dem sie ein Kind innig umarmt.
Damals, 1997 in Jakarta, war nicht die Rezeptionistin an der Tür, um ein drittes Badetuch zu bringen, sondern ein Mann, der ihr den Mund zuhielt und ihr eine Pistole an die Brust drückte. Er zwang sie, sich auf den Boden zu legen. Emma traute sich nicht, auch nur aufzuschauen. Sie begann die Sekunden zu zählen, die sie noch zu leben hatte. Sie sah sich da unten, zwischen Bett und Nachtkästchen liegen, im Bademantel, und wusste: „Ich will nicht sterben.“
„Ich habe überlebt. Aber ich dachte, dass ich nicht überleben würde“, sagt sie heute in Thimphu, auf dem gleichen Kontinent, aber doch so weit weg von Jakarta. Anfangs ging sie zurück in ihren Job in Hongkong. Doch auf die Geiselnahme folgten schwere posttraumatische Symptome. Die Finanzkrise in Asien löste weitere Unsicherheiten in ihr aus. Eine Odyssee folgte, von einem Ort zum anderen, sie wusste nicht: Wie soll ich mit dem Erlebnis in Jakarta umgehen?
Immer wieder sah sie sich in dem Raum mit dem Terroristen. Immer wieder durchlebte sie die Minuten der Todesangst. Vergangenheit und Gegenwart verschwammen ständig. Sie kann sich nicht daran erinnern, dass sie laut geschrien hätte, kurz bevor der Mann ihren Mund zuhielt. Alarmierte Nachbarn verständigten aber die Polizei. Diese stürmte nach einer gefühlten Ewigkeit das Zimmer und konnte sie retten. Den Mann jedoch nicht.
Erst als Emma auf Yoga stieß, war Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Yoga half ihr, wieder Vertrauen in die Welt aufzubauen, erzählt sie. Anfang der 2000er-Jahre war Yoga noch recht exotisch. Auf der Suche nach guten Lehrern reiste sie um die ganze Welt: San Francisco, Byron Bay in Australien, Hawaii.
2003 wurde sie schließlich Buddhistin und kam 2011 erstmals nach Bhutan. Von da an ging alles schnell. 2013 legte sie dort ihre Nonnen-Gelübde ab. Damals war sie 46 Jahre alt. Ein paar Monate vorher hatte ihr bhutanesischer Lama, ihr Lehrer, gesagt: „Es ist Zeit, deine Kleider zu wechseln.“ Sie wusste, was gemeint war.
Emma ist sich klar darüber, was manche Leute denken: Ihr wurde von einem ‚lustigen Mann ohne Haare und in roten Roben‘ gesagt, was sie zu tun hätte, lacht sie mit ihrem Augenzwinkern. „Aber du musst wissen: Ich hatte gesucht, gesucht, aber nicht gefunden. Mein Geist war bereit, diese Anweisung zu hören.“ Emma war damals erschöpft von der Idee, dass das eigene Glück von einer anderen Person kommen würde, durch eine Heirat etwa.

Zwei Tage nach der Geiselnahme legte ihr ein Polizist auf dem Polizeirevier in Jakarta ein Foto von einem Mann in die Hand. Ob er es war? Und durch sie strömte ein überwältigendes Mitgefühl, wie sie es noch nicht gekannt hatte. „Ich empfand Mitgefühl, für ihn, für mich, für die ganze Situation des gemeinsamen Leidens in diesem Zimmer! Da war keine Wut, waren keine Rachegelüste“, meint Emma. Einfach nur das Mitgefühl für das Leiden der menschlichen Existenz.
Emma ist seit 2013 ‚Ani‘, wie die Anrede für Nonnen in Bhutan lautet. Von 2013 bis 2016 absolvierte sie 110.000 Niederwerfungen, 110.000 Rezitationen von Mantras, 110.000 Mandala-Opfergaben und 110.000 Guruyoga-Übungen. Insgesamt also jene 440.000 Übungen, die als ‚Ngöndro‘ bekannt sind, die mühseligen Einführungsübungen am Anfang des Vajrayana-Weges.
Und trotzdem: Das Schwierigste am Nonnen-Dasein ist es, Tibetisch zu lernen, sagt die Ani. Ansonsten: „Eine Nonne zu sein, bedeutet Freiheit“, lächelt sie. Freiheit von allen Erwartungen und Zwängen. Man muss nichts mehr machen, man ist wirklich für alle da. Und das bezieht sich auch auf den Zölibat.
„Für andere Menschen wirkt es viel außergewöhnlicher als für mich. Sie sind erstaunt: Was, du wirst nie wieder Sex haben?“, lacht Ani. „Ich war ja nicht mehr 20 Jahre“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Wenn man im Zölibat lebt, erklärt sie, dann sei man nicht mehr in einem Zustand des Bedürfnisses. „Erst dann beginnt sich der Geist wirklich zu entspannen. Anstatt einen Menschen zu suchen, kann man für alle da sein. Als Nonne kann man zu allen Menschen freundlich sein, weil du von niemandem etwas willst oder erwartest“, erklärt sie. Der Zölibat hole wirklich das Beste aus ihr heraus, ist sie sich sicher. Und außerdem wird sie nicht mehr für eine verrückte Stalkerin gehalten, wenn sie Leute auf der Straße angrinst. Jetzt, in roten Roben, können die Leute denken: „Das ist eine Nonne, sie muss so sein.“
Emma war immer schon energisch, wollte Verantwortung übernehmen. Genauso wie als Bankerin macht sie das nun auch als Nonne. Sie hat ihre Charity gegründet, reist zwischen Großbritannien und Bhutan hin und her, gibt erfolgreich TED-Talks und bewirbt ihr Buch. „All das mache ich nicht mehr für irgendeinen persönlichen Nutzen, sondern für andere. Daraus entsteht das meiste Glück“, lächelt sie, freut sich und setzt dann doch nach: Eigentlich möchte sie sich ab dem nächsten Jahr wieder auf ihre meditative Praxis konzentrieren. „Meine Mutter fragt mich: Warum machst du das alles? Ich bin 51 und beginne jetzt Dzongkha, also die Sprache Bhutans zu lernen! Irgendwie kann ich’s nicht lassen.

Emma Slade ist Yoga- und Meditationslehrerin, buddhistische Nonne sowie Autorin. Auch ist sie die Gründerin der NGO-Charity ‚Opening Your Heart to Bhutan‘. www.openingyourhearttobhutan.com.
 
Fotos © Emma Slade
 
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