Leben
Foto: ©John Madere

Der in New York lebende österreichische Star-Designer unterzog sich für seine Ausstellung ‚The Happy Show‘ einem Selbstversuch – drei Monate Meditation, drei Monate Psychotherapie und drei Monate nahm er Antidepressiva ein. Was ihn wirklich glücklich macht, lesen Sie hier.

Warum beschäftigen Sie sich mit Glück?
Der französische Mathematiker Blaise Pascal soll gesagt haben, dass alles, was wir tun, egal, was es ist, wir deshalb tun, weil wir die Möglichkeit sehen, glücklicher zu werden. Sogar der Selbstmörder bringe sich um, weil er denke, im Tod glücklicher zu sein. Dies war mir Grund genug, um mich mit dem Glück zu beschäftigen.

Was hat Sie dazu veranlasst, dem Thema eine ganze Ausstellung zu widmen?
Ich hatte ursprünglich nur eine kleine Präsentation zum Thema ‚Design und Glück‘ gehalten. Das Echo darauf war ausgezeichnet und viel emotionaler im Vergleich zu meiner ‚normalen‘ Design-Präsentation. Und so ist dieses Thema immer wieder aufgetaucht.

Wie würden Sie Glück definieren?
Die Definition, die mir am besten gefällt, teilt Glück nach der Zeitdauer ein: Da gibt es das ganz kurze Glück, den nur wenige Sekunden dauernden Glücksmoment, das mittellange Glück, etwa eine Zufriedenheit, die stundenlang anhalten kann, und es gibt das ganz lange Glück: Dies bedeutet, das zu finden, was man mit seinem Leben machen will, also den Lebenssinn.

Kann man Glück selber herstellen?
Ich habe einen kleinen Selbstversuch auf Bali gemacht: Ich habe einen iPod mit einer Reihe neuer, guter Lieder bespielt, die noch keine alten Erinnerungen hervorrufen, mich dann auf einen gelben Motorroller gesetzt und bin eine unbefahrene schöne Straße entlang gefahren. Da es keine Helmpflicht gab, konnte ich ohne fahren und den Wind spüren. Ich bin ziellos, nur um des Fahrens willen, durch Bali gefahren. Das hat einen richtigen Glücksmoment hervorgerufen, Gänsehaut inbegriffen. Und es hat auch beim Wiederholen geklappt, was es aber wahrscheinlich nicht endlos tun wird. Sicher funktioniert es auch auf einem roten Roller in Österreich.

Was brauchen Sie, um langfristig glücklich zu sein?
Meine Erfahrung zeigt mir, dass mich im Allgemeinen viele und gute soziale Beziehungen glücklicher machen als das Alleinsein. Studien sagen dasselbe.

Sie beschäftigen sich momentan mit Meditation, Psychotherapie und Drogen.
Ja, davon handelt ein Film, den ich gerade produziere. Ich will daher hier nicht allzu viel verraten. Nur so viel: Alle drei beschrieb der Psychologe Jonathan Haidt als die effizientesten Methoden, um sein eigenes Wohlbefinden zu verbessern.

Sie sagen, Antidepressiva hätten bei Ihnen am besten gewirkt. Sind Sie depressiv?
Nein, ich war nicht depressiv und bin auch jetzt nicht depressiv. Ich gehöre die meiste Zeit meines Lebens zu den glücklicheren Menschen, ich würde sagen, so zwischen 7 und 8 auf einer Skala von 1 bis 10.
Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen das vorübergehend anders war, etwa als meine Mutter starb.

Sie haben sich neun Monate durchgehend therapiert. Wie haben Sie das gemacht?
Mit Meditation, Psychotherapie und Medikamenten. Alle drei Methoden wirken gut. Das eine baut auf dem anderen auf.

Wie lange und wie oft am Tag haben Sie während Ihres Experiments meditiert?
In den drei Monaten habe ich normalerweise 45 Minuten am Morgen und 45 Minuten am Abend meditiert. Ich habe auch an einem siebentägigen ‚Silent Meditation Retreat‘ teilgenommen, dort wurde 12 Stunden am Tag meditiert.

Was ist Meditation für Sie?
Das ruhige Sitzen mit dem Versuch, die Gedanken abzustellen und nur zu sein.

Wie wirkt sie?
Beruhigend. Ich komme den Dingen besser auf den Grund.

Meditieren Sie noch immer?
Nein. Aber ich kann es mir gut vorstellen, in Zukunft wieder zu meditieren. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, wieder in Therapie zu gehen oder Drogen zu nehmen.

Sind Sie ein spiritueller Mensch?
Nein, eigentlich nicht.

Lassen sich Ihre Erfahrungen auf andere Menschen übertragen?
Nein. Ich habe in der Zwischenzeit mit sehr vielen Menschen gesprochen, die Antidepressiva genommen haben, und habe die unterschiedlichsten Erfahrungen gehört: Es gibt Menschen, bei denen sich am Anfang nichts verändert hat, aber mit der Zeit sehr viel, und andere, bei denen zunächst enorme Verbesserungen festzustellen waren, dann aber nicht mehr … Trotzdem würde ich jemandem, der unglücklich ist, Meditation, Therapie oder Medikamente empfehlen, auch als Kombination von zweien oder sogar alle drei gemeinsam.

Spielt dabei die Religion oder die Spiritualität eine Rolle?
Ich selber bin nicht religiös, kann dazu also aus eigener Erfahrung wenig sagen. In Umfragen geht es religiösen Menschen allerdings immer besser als nicht-religiösen.

Auf welche Methode würden Sie zurückgreifen, wenn es Ihnen einmal schlecht geht?
Wie gesagt, auf alle drei. Meditation ist am schwierigsten, die Drogen sind am einfachsten.

Macht Ihre ‚Happy Show‘ die Menschen glücklicher?
In den letzten beiden Jahren habe ich die Menschen im Publikum am Anfang meiner Präsentation per Hand aufzeigen lassen, wie glücklich sie auf einer Skala von 1 bis 10 (0 = feels like shit, 2 = doing badly, 4 = bored, 6 = well, 8 = love life, 10 = fantastic) sind. Am Ende habe ich sie wieder aufzeigen lassen. Die zweite Umfrage bringt immer VIEL bessere Resultate, egal, ob ich in Brasilien, Norwegen, im Iran oder in Ecuador bin. Ich glaube allerdings nicht, dass meine Präsentation oder die darin gezeigte Arbeit die Leute wirklich glücklicher macht. Sie müssen die Erfahrungen, von denen ich erzähle, schon selbst einmal gemacht haben. Jemand wird ja auch nicht dünner, weil er mir beim Fahrradfahren zuschaut.

Empfehlen Sie traurigen und unglücklichen Menschen etwas?
Nein. Ich selber habe einiges zu diesem Thema ausprobiert und berichte darüber, wie es mir dabei ergangen ist. Viele Besucher können sich mit meinen Erfahrungen identifizieren. Ich weiß dies, weil ich viele Briefe bekommen habe.

Ist Ihre Ausstellung Kunst oder ist sie Wissenschaft?
Weder noch, ich sehe diese Ausstellung als Grafikdesign. Wir haben eine große Anzahl von Informationen in kommunizierbaren Einheiten gestaltet, also eine klassische Grafikdesignarbeit erstellt.

Stefan Sagmeister, geboren 1962, ist ein österreichischer Grafikdesigner und Typograf. Er lebt und arbeitet in New York City und betreibt das Studio Sagmeister & Walsh. Er beeinflusste die Designkultur der letzten Jahrzehnte maßgeblich, unter anderem durch CD-Covers für Lou Reed, The Rolling Stones und Talking Heads.

Kommentar schreiben