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Von der Langsamkeit und dem Spüren - Unser Leben beschleunigt sich immer mehr. Der Transport, Kommunikation, Internet, E-Mail, Social Media. Alles geschieht blitzschnell. Doch wir selber werden deswegen nicht schneller.

Unsere Fähigkeit, Information und emotionale Erfahrungen zu verarbeiten, steigt nicht im gleichen Maß wie die Geschwindigkeit der Welt, in der wir leben. Natur ist nicht endlos beschleunigbar. Festplatten verdoppeln ihre Kapazität jedes halbe Jahr. Wir aber nicht.
100 Meter kann der Mensch unter zehn Sekunden laufen. Aber er wird sie nie in zwei Sekunden laufen können.In dem Versuch, mit der Geschwindigkeit der Welt mitzuhalten, geraten wir an eine Grenze. Unser Gehirn, unsere Gefühle und unser Körper haben eine eigene Geschwindigkeit, in der sie die Ereignisse des Tages verarbeiten können. Unser Organismus und unsere Psyche brauchen Zeit und eine ihnen angemessene Geschwindigkeit, um sich wieder ordnen zu können. Sie sind darin gut. Aber wenn sie die Zeit nicht bekommen, dann versagen sie in der Aufgabe. Gibt es einen ständigen Overload an Reizen und Konflikten, geht irgendwann etwas kaputt. Verspannungen, Burn-out, Krankheitssymptome sind die Folge.

Der Begriff „Stress“ kommt aus der Physik. Stress bedeutet dort: Wie viel Belastung kann ich auf ein Material ausüben, bevor es kaputtgeht? Im modernen Leben heißt das, wie viel Geschwindigkeit und wie viel Input halten wir aus, bevor wir kaputtgehen?

Von der Langsamkeit und dem Spüren
Resonanz
Wenn wir schneller sind als unsere Sinne, dann können wir Dinge zwar noch wahrnehmen. Aber es passiert etwas Interessantes. Wir spüren sie nicht mehr.
30 Jahre meines Lebens war ich Regisseur und habe im Schneideraum gelernt, dass es eine Zeit gibt, in der ich ein Bild wahrnehmen und begreifen kann. Das geht blitzschnell. Und es gibt eine zweite Zeit, in der ich beginne, ein Bild zu spüren. In der ich tatsächlich in Resonanz gehe und etwas spüre.
Das Gleiche gilt auch für reale Erfahrungen. Ich kann eine Blume sehen, oder ich kann sie wirklich mit allen Sinnen wahrnehmen. Schnelle Erfahrungen werden sinnlos, denn sie gehen an meinen Sinnen vorbei.
So spüre ich in der Geschwindigkeit mein Leben nicht mehr. Ich kann dann nicht mehr wirklich mit dem in Resonanz gehen, was in meinem Leben passiert. Ich esse, aber ich weiß nicht mehr, was ich esse, wie es mir schmeckt und wann ich jetzt eigentlich satt bin.So mache ich leere Erfahrungen. Ich spüre nicht mehr, womit ich in Kontakt bin – und ich spüre mich selbst nicht mehr. Der moderne Mensch kommt zu der Erkenntnis, dass er nur noch funktioniert. Eine andere Bezeichnung dafür, dass er sich nicht mehr spürt. Er versucht, wie eine Maschine zu funktionieren, doch er scheitert, denn er wird leer.

Spüren durch Verlangsamung
Wenn ich im Flugzeug fliege, spüre ich nichts von den Ländern, über die ich fliege.
Wenn ich auf der Autobahn fahre, spüre ich kaum etwas von dem Land, durch das ich fahre.
Auf der Landstraße nehme ich es immerhin schon deutlicher wahr.Wenn ich mit dem Fahrrad fahre, „beginne“ ich es nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu spüren.

Gehe ich zu Fuß – dem Tempo, für das meine Sinne geschaffen sind – spüre ich mich, und ich spüre das Land, den Untergrund, den Himmel und die Sonne. Ich nehme das, was um mich ist, mit allen Sinnen wahr.

Gehe ich langsam, immer langsamer, dann spüre ich mich selbst und was um mich herum ist noch intensiver. In der Achtsamkeit heißt dieses bewusste langsame Gehen Gehmeditation. Sie verbindet mich ganz bewusst mit dem, was gerade ist. Ich kann in der Gehmeditation mit mir und der Welt in Resonanz gehen und mache eine lebendige und sinnliche – eine sinnvolle Erfahrung.

Setze ich mich an einer Stelle hin und verbinde mich mit allen Sinnen, mit dem was ist, achte ich auf die Geräusche und den Wind, die Gerüche, wird das Spüren noch intensiver.

Schließe ich die Augen, dann spüre ich mich selber noch deutlicher, denn die Welt verschwindet zu einem guten Teil. Auf einmal richten sich meine Sinne nach innen.

Ich kann lauschen, wie es mir geht und was in mir lebendig ist.
Diese Form der Verlangsamung ist die Meditation. In ihr kann ich in Resonanz gehen mit mir selber. Es ist die reinste Form, um sich selber zu spüren.

Langsamkeit bringt uns immer ins Spüren
Hauptsache schnell, nur nicht warten, am besten zwei, drei Dinge gleichzeitig erledigen.
Wenn wir so denken und fühlen, verlieren wir unsere Lebendigkeit. Wir verlieren uns selbst und existieren nur noch in unseren Köpfen. Die Köpfe sind dann auch überfordert. Denn sie überhitzen. Sie müssen dann viel zu viel auf einmal machen. Denn die anderen Wahrnehmungssysteme arbeiten nicht mehr mit.
Es gibt ein schönes Zitat von Alan Watts, das mir zu diesem Thema gerade untergekommen ist:

„Going out of your mind at least once a day is extremely important. Because by going out of your mind, you come to your senses.“

Auf Deutsch:

„Es ist sehr wichtig, zumindest einmal am Tag aus seinem Kopf zu gehen. Denn wenn man das macht, kommt man wieder zu Sinnen.“

Übung
So wie wir essen, schlingen wir oft das herunter, was auf dem Teller ist, und lesen dabei vielleicht noch etwas. Was haben wir gegessen? Wie hat das geschmeckt? Haben wir ein Sättigungsgefühl? Hat mich das, was ich gegessen habe, wirklich genährt? War ich eigentlich hungrig, oder hab ich nur gegessen, weil es zwölf Uhr mittags ist?

Essen ist ein gutes Beispiel dafür, was verloren geht, wenn wir zu schnell für unsere Sinne sind. Aber es ist nur ein Beispiel von vielen.

Wo möchte ich ausprobieren, langsamer zu werden, und dadurch mich selbst und die Welt wieder spüren?

Nehme ich die U Bahn heute nicht und gehe zu Fuß nach Hause und spüre Wind und Wetter – was tut das mit mir? Was tut das mit dem, was mein Gehirn, meine Gefühle und mein Körper noch zu verarbeiten haben vom Tag? Lauter Dinge, die zu schnell und zu viel waren.

Was passiert mit mir, wenn ich mich dazu entscheide, mich mit meinen Sinnen zu verbinden, und darauf vertraue, dass mein System in der Verlangsamung die Möglichkeit hat, alles, was war, ein bisschen zu verdauen und zu ordnen?

Was kann ich verlangsamen? Was passiert dann mit meiner Wahrnehmung?

Zu dieser Übung möchte ich diese Woche einladen.

Weitere Übungen finden Sie hier.

Kommentare  
# Johanna Strippe 2019-09-19 09:03
Langsamkeit bringt mich auch immer zum Spüren.
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