Achtsamkeit & Meditation

Mit Sprache verändert sich die Wahrnehmung der Dinge, die Verbindung zwischen den Menschen. Wie sich die Gedanken auf einem Schweigeseminar ändern können.

Wenn nach einem Schweige-Retreat wieder Worte geäußert werden, fürchten sich die Meditierenden oft davor, damit aus der heiligen Stille wieder in den weltlichen Raum zurückzukehren. Denn Worte fixieren. Sie halten uns fest und bannen uns. Sie faszinieren, ja hypnotisieren uns. Sie versetzen uns in eine Verstehtrance: in den Wahrnehmungstunnel der Überzeugung, das Gehörte zu verstehen. In diesem Tunnel ist unsere Wahrnehmung nicht erweitert, sondern eingeschränkt. In diesem Tunnel sind wir weniger achtsam als außerhalb davon, im Freien.

Worte sind das Werkzeug der Demagogen und Verführer. Sie wollen uns glauben machen, das Gesagte zu verstehen. So machen sie uns erst zu Überzeugten, dann zu Rechthabern und Besserwissern. Achtsamkeit? Wo geredet wird, geht die Achtsamkeit verloren. Wie viel schöner wäre doch eine Welt, in der es keine Worte gibt!

Vielleicht meint der Mythos vom Baum der Erkenntnis dies: Als wir zu sprechen begannen, verloren wir die Unschuld. Damit begann Samsara, das irdische Jammertal. Erst wenn wir vom Baum des Lebens essen, der ebenfalls, gemäß christlichem Mythos, in der Mitte des Paradieses steht, sind wir von der Verblendung durch Worte befreit und so dem Jammertal entronnen – befreit von dem Glauben, etwas zu wissen, weil wir nun der Irreführung durch Worte entkommen sind. Erst dann starren wir nicht mehr auf den Finger, der zum Mond zeigt, sondern sehen den Mond. Auch alles andere sehen wir erst dann als das, was es ist, und halten es nicht mehr bloß für das, was es bedeutet.

Die Freiheit im Schweigen

Denn das ist die Ursünde: sich von einem Geschehen wie dem Geräusch eines ausgesprochenen Wortes aus der Präsenz entführen zu lassen. Erst wenn wir diese Entführung also solche erkannt haben und dabei wach bleiben können, erleben wir die Worte wieder als das, was sie sind: als akustisches Geschehen. Erst dann schaffen Worte es nicht mehr, uns aus dem realen Hier und Jetzt zu verbannen in ein Dann und Dort. Erst dann versetzt uns das konditionierte Signal aufgrund unserer kulturellen Konditionierung, die wir so gutgläubig Erziehung nennen, nicht mehr wie ein Pawlowscher Reflex in eine Trance des Glaubens an etwas, das gar nicht der Fall ist.

Und das gilt für alle Bedeutungsträger, schriftlich wie mündlich, für Signale und Gesten aller Art. Im Samsara hat jeder Gegenstand für uns Bedeutung. Im engeren Sinn gilt das für Sprachliches wie diesen Satz, den du gerade liest. Im Weiteren für alles, was wir wahrnehmen, weil dabei unsere Interpretation sich über das Wahrgenommene legt. Auch den Menschen, der einem nach dem Lesen als Nächstes begegnet, wird man nicht so wahrnehmen, wie er ist, sondern als einen Bedeutungsträger. Erst wenn wir nach all der Irreführung durch Buchstaben und bedeutsame Geräusche, Signale und Zeichen, inklusive all der Projektionen auf unsere lieben Mitmenschen, die dies zu ertragen haben, aus der Welt des Als-ob wieder zurückgekehrt sind ins echte Leben, haben wir Samsara verlassen, sind trancebefreit, ernüchtert, erleuchtet, will sagen: angekommen in der realen Welt.

„Darf ich das sagen, was ich da eben gesagt habe?“ Das sind doch auch wieder nur Zeichen, die den Anspruch erheben, bedeutsam zu sein, und folglich in die Irre führen. Oder ist das etwa das, was Buddha mit sammavaca meinte, mit rechter Rede, und ähnelt dem, was uns buddhistische Lehrer in ihren Unterweisungen zu geben versuchen? Gibt es vielleicht auch eine gute Art der Sprachanwendung, die nicht verführt, sondern aufklärt, obwohl sie uns in einen Wahrnehmungstunnel führt? Gibt es ein Licht am Ende dieses Tunnels?

Ich mag Geschwätz nicht. Auch Smalltalk mag ich nur selten, obwohl Soziologen sagen, es sei das Öl im Getriebe einer funktionierenden Gesellschaft. Uns Mönchen im Theravada-Kloster in Thailand waren Smalltalk und Geschwätz verboten, es war gegen die Regeln des Vinaya. Wenn unsere Kommunikation nicht einem einfachen, praktischen Zweck diente, sollte sie mit dem Dharma zu tun haben, mit der Lehre des Buddha, andernfalls sollten wir schweigen.

Übrigens gibt es neben der Verstehtrance natürlich auch eine Redetrance. Wenn mein inneres Geschwätz mich nicht gerade stört, schwebe ich schweigend im Nichts, im bruchlosen Kontinuum. Wenn ich mit anderen Menschen rede und meine Achtsamkeit liegt dabei nicht bei hundert Prozent, rede ich mich in eine Trance hinein und je überzeugender, je faszinierender ich damit auf andere wirke, umso schwerer komme ich davon wieder runter. So werden Demagogen geboren, Charmeure, Politiker, unsere gesamte Kultur basiert auf unserer Faszinierbarkeit durch Zeichen; ein ganzer Wald verführerischer Bäume der Erkenntnis starrt uns da entgegen und verstellt den Blick auf den Baum des Lebens. Vor lauter deutenden Zeigefingern sieht kaum einer mehr den Mond.

„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“, klagte Rilke in seiner Verzweiflung über diese Welt aus Worten und Zeichen, die vergessen hatten, dass sie nicht nur etwas bedeuten, sondern auch etwas sind. „Sie sprechen alles so deutlich aus“, die Menschen, klagte er, „und dieses heißt Hund, und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort. Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, sie wissen alles, was wird und war; kein Berg ist ihnen mehr wunderbar; ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.“

Ja, die Anwendung von Sprache kann die Achtsamkeit reduzieren. Im Smalltalk und Geschwätz, in der fanatisierenden Rede tut sie das. Ebenso in der Nötigung, Schuldzuweisung, Beleidigung reduziert Sprache unsere Wachheit und Geistesgegenwart, unsere Präsenz im Hier und Jetzt, unsere Achtsamkeit. Auch in dem, was wir Unterhaltung nennen, entführt uns Sprache in Traumwelten, raus aus der Realität, raus aus dem Gewahrsein. Auch wenn Sprache dabei die Funktion haben mag, soziales Schmieröl zu sein, zu trösten, zu beschwichtigen, zu bauchpinseln oder verdiente Anerkennung auszusprechen, auch dann schränkt sie die Wahrnehmung eher ein – der Tadel ärgert uns, das Lob steigt uns zu Kopf, beides entführt uns aus der Präsenz.

Dass Rede unsere Achtsamkeit erhöht, ist eher selten. So erging es auch den vier Meditierenden, die in einem Vipassana-Retreat auf dem Land sieben Tage schweigen wollten. Schon am dritten Tag hielt es einer von ihnen nicht mehr aus und sagte: „Das ständige Gegacker der Hühner geht mir auf die Nerven.“ – „Nun hast du das Schweigen gebrochen“, rief der Zweite entsetzt, „wir sind doch in einem Schweige-Retreat!“ Und der Dritte: „Jetzt hast auch du gesprochen!“ Und der Vierte: „Ich bin der Einzige, der noch nicht gesprochen hat.“
Auch ich habe mit diesem Text die heilige Stille unterbrochen. Mögen diese Worte verenden wie der Klang einer Klangschale und der Raum danach sich weit dehnen ins Unendliche.

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