Achtsamkeit & Meditation

Überforderung ist für viele der Normalzustand. Das führt in ein Leben ohne Energie. Auf Buddhas Weg kann man sich vom Druck und Stress befreien.

Jede Zeit und jede Gesellschaft hat ihre eigenen Leiden. Wir haben den Stress. Psychologen und Mediziner haben schon lange entdeckt, dass Stress die Ursache für viele Krankheiten ist. Einige fanden heraus, dass die Verminderung oder Beseitigung von Stress zu Heilung und einem gesünderen Leben beiträgt. Es wäre jedoch falsch zu denken, dass Stress prinzipiell schlecht ist. Wie alle Phänomene im menschlichen Leben hat er eine sinnvolle und notwendige Funktion. Der ‚gesunde Stress‘ produziert in bestimmten Situationen chemische Stoffe, die es dem System ermöglichen, darauf angemessen zu reagieren. So kann etwa ein durch eine Bedrohung oder durch eine Forderung ausgelöster Stress Energien hervorrufen, die entweder zur Abwehr oder zum Rückzug genutzt werden. Wenn jedoch die Situation geklärt ist, dann sollte innerhalb einer gewissen Zeit diese Reaktion vergehen und eine Beruhigung eintreten. Das ist wichtig zu bedenken, damit wir sehen, dass die Forderung „Nie wieder Stress!“ auf diesem Gebiet unrealistisch, vielleicht sogar schädlich wäre. 

Zu Buddhas Zeiten finden wir anstelle von Stress den Begriff ‚Leiden‘.

Was wir als krankmachenden Stress erfahren, tritt erst dann ein, wenn sich diese Energien gewissermaßen selbstständig machen. Das geschieht, wenn die stressauslösenden Faktoren scheinbar gar nicht mehr aufhören. Es kann sein, dass tatsächlich die Bedrohungen und Druck erzeugenden Faktoren massiv zugenommen haben, was allerdings dazu führt, dass auch in den gegebenen Phasen der Beruhigung das System weiter die Stresshormone ausschüttet. Das ganze System kommt nicht mehr zur Ruhe. Wir empfinden dauerhaften Druck, fühlen uns überfordert, hilflos oder aggressiv, sind ständig in Abwehr oder auf der Flucht. Wir kommen nicht mehr zu den notwendigen Phasen der Normalität und der Ruhe. Besonders in unserem gesellschaftlichen System hat sich das Leistungsdenken derart manifestiert, dass es praktisch alle Berufe dominiert. Überhöhte Anforderungen, massiver Zeitdruck, Informationsflut, rasend schnelle Veränderungen von Technik und Methoden, Perfektionsdrang und die Angst vor Fehlern sind die wesentlichen Quellen von dauerhaftem Stress. Dass diese Form von Stress krank macht, ist völlig klar.

Es ist verständlich, dass sich schon vor vielen Jahren Meditierende die Frage gestellt haben, ob nicht Meditation als Beruhigung ein gutes Gegenmittel zu Stress wäre. Selbst Menschen, die noch nie mit Meditation zu tun hatten, werden sofort die Vorstellung hegen, dass ein Meditierender völlig frei von Stress sei. Selbst wenn das stimmt, besteht doch das Problem darin, dass man gerade im Stress gänzlich unfähig ist, sich hinzusetzen und den Geist zur Ruhe zu bringen. Dann kam vor einigen Jahren die Achtsamkeit ins Spiel. Übende bemerkten, dass es in der Meditation des Buddha nicht nur um Beruhigung geht, sondern vielmehr um ein Beobachten dessen, was gerade im Geist auftaucht. Diese Zuwendung und das Akzeptieren boten einen dem westlichen Geist neuen Zugang zum Umgang mit Stress und anderen Hindernissen. So entstand MBSR, was auf Deutsch so viel heißt wie ‚Verminderung von Stress durch Achtsamkeit‘. Diese in die Form einer methodischen Übung gebrachte Bewusstheit führt bis heute in Kliniken chronisch Kranke zum Erkennen und dadurch zu einem Umgang mit den Schmerzen, der tatsächlich zurückwirkt und Heilung ermöglicht. Mittlerweile werden in Firmen für Mitarbeiter Kurse angeboten, die sie zu einem besseren Umgang mit den stressauslösenden Faktoren anregen.

Damit befinden wir uns auf der Ebene der Verbesserungen im weltlichen Leben, die in Buddhas Lehre zwar als wichtig angesehen wird, aber nicht als das eigentliche Ziel. Das liegt darin, gute Bedingungen zu schaffen, die wir brauchen, um den Weg zur völligen Loslösung gehen zu können. Zu Buddhas Zeiten – und daher in seiner Lehre – finden wir anstelle von Stress den Begriff ‚Leiden‘. In seiner ersten Rede von den Vier Edlen Wahrheiten wird deutlich, dass es zunächst darum geht, das Leiden wahrzunehmen. Buddhas Definition des Leidens trifft sehr gut auf Stress zu. Leiden heißt, das nicht zu bekommen, was man möchte, und dem zu begegnen, was man nicht möchte. Es bedeutet, dass man einem Impuls folgen muss, der einen antreibt, ständig etwas zu wollen, ohnejemals auf Dauer zufrieden sein zu können, weil sich alles verändert. Diesem Gesetz des ins Leben eingebauten Wollens, der Buddha nennt es ‚Durst‘, ist man ausgeliefert, so dass man sich vergeblich um Beständigkeit und Sicherheit bemüht. Man möchte etwas schaffen, was man gar nicht schaffen kann – und das erzeugt Stress. So lange wir uns auf der Ebene der weltlichen Verbesserungen befinden, gibt es da keine befriedigende Lösung.


Wenn wir Buddhas Lehre folgen, indem wir unseren engen Blick weiten, dann sehen wir vielleicht, was für eine ungeheure Aussage in der Dritten Edlen Wahrheit liegt: Es gibt einen Weg, der uns von jedem Leid befreit. Es wäre also doch möglich, nie wieder Stress zu erfahren und das schon in diesem Leben. Wie sollte das gehen? Nun, indem man das in der Zweiten Wahrheit als Ursache des Leidens genannte Wollen oder Begehren loslässt. Ist das überhaupt vorstellbar? Denkende Menschen werden an dieser Stelle vielleicht einwenden, ob das nun wieder eine Behauptung ist, die man einfach glauben muss, wenn man diesem Weg folgt. Oder man fragt sich, wenn man das grundsätzliche Wollen auflöst, ob das nicht das Ende jedes Lebens bedeutet, die Vernichtung, denn wie wäre Leben denn möglich ohne Wollen?
Hier sollte man sich vergegenwärtigen, dass dieser Weg weder ein philosophischer ist (Spekulation) noch ein religiöser (Glaube). Es ist ein Weg der Lebenspraxis. Das erkennt man daran, dass diese Wahrheiten zwar auf die höchsten Dimensionen der Loslösung und Befreiung des Menschen weisen, aber geübt und angewendet werden sie im ganz normalen Leben. Wenn Wollen die eigentliche Ursache des Leidens ist, so ist es auch die Ursache von Stress. Wenn man mit Achtsamkeit herausfindet, dass Stress entsteht, weil man bestimmten Anforderungen genügen will, dann hat man die Lösung bereits eingeleitet.

Ohne Stress seinDas ‚Wollen‘ zeigt sich in den konkreten Formen Gier und Hass, deren Vorhandensein und Folgen man gut erkennen kann: „Aus Gier, Hass und Verblendung trachtet man nach eigenem und anderer Schaden und erleidet geistigen Kummer und Schmerz. Gier, Hass und Verblendung machen blind, augenlos, unwissend, zerstören Weisheit, machen Qualen und führen nicht zum Nibbana (Nirvana).“
Man könnte sagen, dass jemand, der nie mehr Stress erfährt, vollkommen erleuchtet ist. Das ist wahr, aber vielen Übenden hilft das nicht wirklich. Deswegen hat der Buddha in der Vierten Edlen Wahrheit den wahren Weg gezeigt, der das Ideal des Erwachens zurück in das gewöhnliche Leben bringt. Das bedeutet: Arbeite mit dem, was täglich da ist, mit dem Körper, dem Atem, deinen täglichen Handlungen, mache dir deine Emotionen bewusst, erkenne dein Denken, ändere deine Beziehungen, sei achtsam in Beruf, Familie, in der Natur, in Gemeinschaft oder allein. Das gewöhnliche Leben ist dein Übungsfeld. Statt dir „Nie wieder Stress!“ zu wünschen, werden Sorge, Stress, Angst, Trauer und Ärger zu deinen besten Helfern auf dem Weg. Indem du sie erkennst, werden sie sich in Liebe, Wertschätzung, Mitgefühl und Gelassenheit verwandeln. Während du deinen Frieden schaffst und die Bedingungen verbesserst, öffnest du dich zugleich für die höheren Dimensionen.
Der Buddha berichtet, dass es ihm gelungen ist, durch intensive Arbeit nur noch positive Gefühle und Gedanken zu haben. Da wusste er, dass er auch diese loslassen musste. Wer das kann, von dem sagt der Buddha: „Er hat das Begehren abgeschnitten, die Fesseln abgeworfen und durch das vollständige Durchschauen hat er dem Leiden ein Ende bereitet.“

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Kommentare  
# Elisen Spies 2020-02-26 11:31
Man begegnet Menschen, die stressen noch mehr die anderen:
- Permanentes Handytelefonieren im öffentlichen Raum.
- Solchen, die es nicht aushalten, wenn man "langsam" ist, flaniert oder gar nur blöd in die Luft philosophiert. Oder an der Zahlkassa:
Geld zählen und der nächste in der Schlange schon krabbelig. Denn die Paycard würde den Betrieb beschleunigen.
Oder man fragt etwas, Antwort: steht eh im Internet.
Daher, zu beobachten
(bei Achtsamkeit).
In Kaffeehäusern etc. packen Alleinsitzende in Bälde ihr Handy aus und lächeln in sich hinein.
Andernfalls die Scham des Nichtstun sie überfällt.
Weitere Beispiele gerne.
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