Achtsamkeit & Meditation

Der Holländer Andreas de Bruin verbindet Achtsamkeit und Kunst. Rückblick auf eine einzigartige Führung im Kunsthistorischen Museum in Wien.

Mit geschlossenen Augen steht eine Gruppe von Menschen im Halbkreis vor einem Selbstbildnis von Rembrandt. Sie sehen das Bild nicht, sind in eine Meditation versunken und merken auch nichts von den anderen Museumsbesuchern, die an ihnen vorbeiziehen. Die Gruppe wird angeführt von Andreas de Bruin. Er ist Professor für angewandte Wissenschaften in München, ein Betriebswirt, Psychologe und Ethnologe, der sich in seinen Forschungen unter anderem auch mit den Auswirkungen von Meditation auf physischer, emotionaler, kognitiver und sozialer Ebene beschäftigt. Er trägt eine Brille, hat braunes, längeres Haar und beendet nach ein paar Minuten die Meditation seiner Gruppe, um den Fokus der Teilnehmenden zurück zum Kunstwerk an der Wand zu lenken.
Im Rahmen des Achtsamkeitsforums der Denkwerkstatt GLOBART hatte de Bruin im April dieses Jahres ins Kunsthistorische Museum Wien geladen: ‚Art und Meditation‘, so der Titel der Führung. De Bruin empfängt seine Gruppe an der Treppe im Foyer. Über die Prunkstiege geht es hinauf in den ersten Stock, überall Stuck, Statuen und Goldverzierungen: De Bruin rät, die prachtvollen Räume im Museum in einer Gehmeditation zu durchschreiten, schweigend. Die Mitglieder der Gruppe sind aufgefordert, sich auf die eigenen Füße zu konzentrieren und alles ringsherum so gut wie möglich auszublenden.
Worum es bei der Führung ‚Art und Meditation‘ geht? Um eine tiefere Verbindung mit den großen Werken der Malerei, mit Bildern der Renaissance genauso wie mit jenen aus dem Goldenen Jahrhundert. De Bruin will eine Verbindung zu den Künstlern von damals aufbauen. „Meditation ist eine Möglichkeit, die Inspiration von einst nachzufühlen und erfahrbar zu machen“, sagt er. Es geht vor allem auch um das genaue Hinsehen. Rembrandt, Selbstbildnis: ein bekanntes Meisterwerk im KHM. Nach der Meditation vor dem Bild teilt de Bruin die Teilnehmer in Zweiergruppen ein. Es gilt, Komposition, Farben, Lichteffekte, Objekte, Technik sowie Ausdruck zu untersuchen. Dabei entspinnen sich angeregte Unterhaltungen. „Welche Farben siehst du?“ Oder: „Er schaut deprimiert aus, nein?“ „Finde ich nicht“, sagt jemand anderer. Schließlich stellen die Gruppen ihre Entdeckungen vor. Die Farben von Rot bis Braun werden beschrieben und es wird genau aufgezeigt, an welchen Stellen sich noch etwas Weiß in das Bild mischt. Rembrandts Ausdruck und sein Gewand werden diskutiert und seine Lebensumstände hineininterpretiert. „Glücklich kann er nicht gewesen sein, als das Bild entstand“, war der einheitliche Tenor. Schnell ist jedem der Teilnehmer klar, dass auf diese Art Feinheiten zutage treten, die ein Einzelner alleine bei der oberflächlichen Betrachtung wohl kaum hätte sehen können.

KunstIn Bilder versunken „Die Gruppe setzt sich in diesem Prozess intensiv mit dem Werk auseinander. Jeder entwickelt einen eigenen Zugang. Die Teilnehmer nehmen es selber auf und werden nicht, wie sonst üblich, mit kunsthistorischen Informationen überschüttet“, erklärt de Bruin. „Wenn wir alle Details, seien sie auch noch so klein, sammeln, entsteht ein reger Austausch. Einander zuhören ist wichtig, man schaut gemeinsam. So entsteht ein Bild mit vielen Facetten.“
Erst nach dieser Betrachtungsphase erläutert de Bruin den kunsthistorischen Hintergrund des Rembrandt-Bildes. Wer war Rembrandt, der Maler? In welcher Epoche ist das Bild entstanden? Woran orientierte sich der niederländische Künstler?
‚Extra Know-how‘ nennt es de Bruin und so erfährt die Gruppe, warum Rembrandt tatsächlich besorgt war: Es gab Schwierigkeiten mit dem Kirchenrat und um seine finanzielle Situation war es schlecht bestellt. Eine halbe Stunde lang wird jedes Bild betrachtet, die Zuhörer sind konstant involviert. „Keiner soll Zeit haben, mit den Gedanken abzuschweifen oder darüber nachzudenken, was abends auf dem Programm steht.“ So lautet das Ziel, denn auf diese Weise hat die Betrachtung eines Bildes sehr viel mit den Grundprinzipien von Meditation und Achtsamkeit zu tun.
Meditation integrieren, das ist de Bruins Ansatz. Er verbindet sie nicht nur mit Kunst, sondern hat sie an einigen deutschen Universitäten auch als Unterrichtsfach etabliert. Meditation und Achtsamkeit sind für ihn nicht nur Möglichkeiten zum Stressmanagement, sondern auch „Übungen für Intuition und Inspiration, weil jeder ja dadurch ein höheres Inspirationslevel erreichen kann“, meint er lächelnd. Er will diese Fähigkeit auch vermitteln. „Keiner von uns kann wie Rembrandt oder Tizian malen, aber wir können versuchen, alles wahrzunehmen, was sie erschaffen haben. So kommen wir schrittweise zum Bewusstsein, das dahinterliegt“, sagt er – und das sei doch schließlich die Idee von Meditation.

KunstSein Enthusiasmus für die Bilder ist längst auf die Gruppe übergesprungen. Nach Rembrandt werden Werke von Raffael, Tizian und Veronese auf dieselbe Art und Weise betrachtet. Der Weg von einem Meisterwerk zum nächsten wird stets für eine kleine Gehmeditation in Schweigsamkeit genutzt, de Bruin marschiert voran, die Gruppe pilgert hinterher.
„Die großen Künstler waren auf einer sehr hohen meditativen Ebene“, vermutet de Bruin und zitiert den französischen Bildhauer Rodin, der meinte, dass ein wahres Kunstwerk beim Betrachter immer eine Verbindung zu sich selbst herstellt. „Wie bei der Meditation“, sagt de Bruin, sie hilft, nach innen zu gehen. Eine Teilnehmerin meinte nach der Führung: „Ich habe mich noch nie so eingehend mit einem Bild beschäftigt, das war eine gänzlich neue Erfahrung. Ich habe die Inspiration des Malers förmlich spüren können.“ Bei ihr ist de Bruins Konzept also aufgegangen. Zurück im Foyer des Museums hat sich die Sicht auf einige Bilder verändert. Schön, wenn der Blick auf die Dinge auch außerhalb des Museums sorgfältiger würde. 
Vielen Dank an die Denkwerkstatt GLOBART, die im Rahmen des ‚Mindfulness Forum‘ die Führung ‚Art und Meditation‘ ermöglicht hat.

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1. Foto © Lucas Stürzenhofecker
2. Foto und Foto außen © Chris Zvitkovits
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