Achtsamkeit

Ursache\Wirkung interviewte den bekannten Psychologen Tobias Glück. Er sprach über die neurobiologischen Auswirkungen von Meditation und wie nachweisbar deren positive Effekte auf Körper und Geist sind. Doch nicht nur Meditation verhilft zu einem glücklicheren Leben: auch Achtsamkeit hilft.

 

Ihr aktuelles Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Auswirkung der unterschiedlichen Meditationsstile auf Achtsamkeit, das seelische Wohlbefinden und Stress. Welches Ergebnis erwarten Sie Sich?

Da es sich um eine explorative, also ergebnisoffene Studie handelt, haben wir keine festgelegten Erwartungen. Da in der Forschung häufig verschiedenen Meditationsstile zusammengefasst werden und den unterschiedlichen Schulen bzw. Arten von Meditation weniger Beachtung geschenkt wird, wollen wir überprüfen, ob es hinsichtlich der Auswirkungen ein Muster im Hinblick auf Stress, Angst, Depressivität, Achtsamkeit aber auch bestimmte Persönlichkeitseigenschaften gibt — oder auch nicht. Wir sind somit in der glücklichen Lage, dass auch „kein Ergebnis" ein interessantes Ergebnis ist.

 

Können Sie erklären, mit welchen Techniken und wie sie in ihrer Forschung vorgehen?

Wir führen eine sogenannte Querschnittuntersuchung anhand eines Online-Fragebogens durch. D.h. dass die Teilnehmer einmalig zu verschiedenen psychologischen Parametern (Achtsamkeit, Stress, etc...) befragt werden. Es gibt mittlerweile den Ansatz, Achtsamkeit, also den Zustand der durch Meditation erreicht werden soll, als ein psychologisches Konstrukt zu betrachten, das aus mehreren Facetten, wahrscheinlich fünf, besteht. Diese fünf Facetten werden als Nicht-Reagieren, Beschreiben, Beobachten, Nicht-Beurteilen und Bewusstes Handeln bezeichnet und machen zusammen das „Konstrukt" Achtsamkeit aus. Wir verwenden einen Fragebogen, mit dem man die Ausprägung dieser fünf Faktoren erfassen kann. Der Vorteil von Online-Fragebögen ist, dass sie sowohl von den Teilnehmer schnell ausgefüllt werden können als auch von uns keine aufwendige (und häufig mit Fehlern verbundene) Dateneingabe notwendig ist. Außerdem erreichen wir so kostengünstig eine große Zahl von Personen, die durch eine E-Mail bzw. durch Meditationszentren und Dachverbände auf unsere Studie aufmerksam gemacht werden.

 

Welche Meditationsstile untersuchen Sie?

Bei uns stehen für die Teilnehmer Zen, Vipassana, Yoga, Chi Gong und Tai Chi zur Auswahl. Die letzten drei, da auch diese als Achtsamkeitstechniken verstanden werden. Wir geben den Teilnehmer aber auch die Möglichkeit selbst eine Meditationsart einzutragen. Die meisten der wissenschaftlich untersuchten Mediationsstile lassen sich in die beiden sogenannten Arten der „focussed attention" (also gerichtete Aufmerksamkeit) und des „open monitoring" (offenes Beobachten) einteilen. Diese grobe Einteilung verwenden wir auch für unsere Studie und versuchen durch Fragen zur Meditationsart eine Zuordnung, was allerdings nicht immer gelingt. Bzw. fangen viele mit gerichteter Aufmerksamkeit an, z.B. den Atem zählen und wenn man dann schon fortgeschrittener ist, geht es zu einem offenen Beobachten über. Hier interessiert uns, ob sich das mit den Fragebögen erfassen lässt.

 

Können Sie in einfachen Worten erklären, was auf physiologischer und neurophysiologischer Ebene in der Meditation passiert?

Kurzfristig gesehen, scheinen sich beim Zustand des Meditierens bestimmte Hirnwellen zu ändern und die Aufmerksamkeitslenkung wird besser. Man weiß mittlerweile auch relativ gut, dass sich durch Meditation bestimmte Hirnareale verändern. Also z.B. dass bei älteren Menschen, meditieren bestimmte Gebiete des Cortex dicker werden, obwohl im Alter das Gegenteil passieren sollte. Auch scheint sich die Emotionsregulation zu verbessern, da die hier verantwortlichen Hirnbereiche angesprochen werden. Es hat sich auch gezeigt, dass das in der Meditation verwendete Benennen von Empfindungen und Gefühlen zu einer geringeren emotionalen Reaktion und damit den beteiligten Hirnzentren führt. Hier handelt es sich allerdings um Veränderungen, die nur stattfinden bzw. nachweisbar sind, wenn man regelmäßig meditiert, z.B. jeden Tag mindestens 20 Minuten, dann aber schon nach einigen Wochen bzw. Monaten. Anderes wird hingegen erst nach vielen Jahren der Meditation sichtbar, wie z.B. eine Synchronisation bestimmter Hirnwellen bei der Meditation. Da ist es wie mit dem Joggen; wer nur einmal pro Monat laufen geht, wird wenig davon haben – die Regelmäßigkeit macht es aus und wenn es nur 5 bis 10 Minuten am Tag sind, ist das schon besser als gar nichts. Physiologisch konnte unter anderem gezeigt werden, dass sich durch Meditation beispielsweise die Schmerztoleranz erhöhen lässt, aber auch dass der Blutdruck sinkt bzw. Meditation gut für das Herz-Kreislauf-System und die Lungenfunktion ist. Was mich am meisten fasziniert ist, dass das Immunsystem schon nach wenigen Wochen regelmäßiger Meditation gestärkt wird.

 

Welche Unterscheide zeigen sich in Bezug auf die Art der Meditation (Ruhe vs. Einsichtsmeditation)?

Wir sammeln gerade noch die Daten und können hier in Bezug auf unsere Stichprobe noch keine Aussagen treffen. Allerdings verwenden wir, wie vorhin erwähnt, einen Fragebogen, der die verschiedenen Facetten der Achtsamkeit misst. Wir gehen davon aus, dass z.B. jemand der eher in Meditation der gerichteten Aufmerksamkeit geschult ist, eine höhere Ausprägung auf der Facette des Bewussten Handelns zeigt. Jemand der hingegen eher eine Meditation der offenen Beobachtung praktiziert wird wahrscheinlich eine höhere Ausprägung in Nicht-Reagieren haben. Aber das ist nur eine Vermutung. Man kann aber aus der bisherigen Forschung sagen, dass z.B. eine Meditation der gerichteten Aufmerksamkeit andere Bereiche des Gehirns anspricht, da es hier z.B. nötig ist mit dem Bewusstsein länger auf einem Objekt, z.B. dem Atem, zu verweilen und sich nicht von anderen Dingen ablenken zu lassen. Und wenn man abgelenkt wird, kehrt man wieder zum Objekt zurück. Das sind hochkomplexe neuronale Vorgänge, die eine Vielzahl an unterschiedlichen Hirnregionen ansprechen. Bei anderen Arten der Mediation sind wieder andere Bereiche gefragt.

 

Studien belegen, dass Meditation den Menschen einfühlsamer mache und Mitgefühl fördere. Wie ist das möglich?

Hierzu kann ich leider nicht viel sagen, da die sog. Compassion Meditation ein eigenes, relativ großes Forschungsgebiet ist. Allerdings spricht Meditation Gehirnbereiche an, die für positive Emotionen verantwortlich sind und führt auch dazu, dass Menschen Ihre eigenen Gefühle besser wahrnehmen. Das ist immer eine Grundvoraussetzung dafür, sich in andere einzufühlen und eben auch Mitgefühl zu entwickeln. Jedoch laufen bei der Mitgefühls Meditation andere neurophysiologische Prozesse ab, als z.B. bei der Atemmeditation.

 

Es wird behauptet, dass durch regelmäßiges Meditieren Neurosen und sogar Psychosen überwunden werden können. Wie funktioniert das?

Meditation kann die Selbstheilungskräfte des Menschen fördern, wobei ich mich das aber nur im Bezug auf Angststörungen (früher Neurosen) und Depressionen zu sagen traue. Hier kann Meditation helfen, sich selbst besser wahrzunehmen, bzw. auch negative Erfahrungen anzunehmen. Außerdem kann man lernen seinen Stresspegel zu senken — und ein hoher Stresspegel ist eigentlich immer Gift für die Psyche. Bei Psychosen sollte zuerst medikamentös behandelt werden, bevor andere Behandlungen (z.B. psychologische) hinzugezogen werden können. Eine Überwindung durch Meditation halte ich für eher unwahrscheinlich. Allerdings gibt es in der Meditation Zustände, die durchaus als psychotisch beschrieben werden können wie z.B. eine veränderte Wahrnehmung.

 

Kann Meditation auch die so genannte emotionale Intelligenz steigern (zB. Führung einer Partnerschaft oder im Umgang mit den Mitmenschen)?

Meditation kann zu einem achtsameren Umgang mit sich und anderen führen, was sich dann wiederum positiv in Beziehungen auswirken kann. Wie das individuell ausgeprägt ist, wird aber sehr verschieden sein.

 

Wie kann Meditation in Bezug auf die gesamte Lebensführung hilfreich sein? (Streben nach Geld, Erfolg,..)

Höchstens, dass man konzentrierter an Dinge herangeht und anderes, Unwichtigeres ausblendet. Ich denke nicht, dass man sich mehr Geld herbeimeditieren kann (vielleicht durch einen achtsameren Umgang damit, weil man weniger ausgibt), außer Sie gründen ein Sekte ;-).

 

Was würde es für die Volksgesundheit bedeuten, wenn viele Menschen meditieren würden?

Ich denke, dass es für viele Menschen hilfreich wäre, wenn sie meditieren würden. Regelmäßige Meditation kann den eigenen Stresspegel senken und es ist allgemein bekannt, welche negativen Auswirkungen Stress auf unsere Gesundheit hat und was durch Stress bedingte Erkrankungen die Volkswirtschaften jährlich kosten.

 

Für wen ist Meditation hilfreich und kann Meditieren auch Schaden verursachen?

Meditation ist im Großen und Ganzen für alle Menschen hilfreich, solange sie sich mit der Form der Meditation wohl fühlen. Ich würde hier auch keinen Unterschied zwischen Gesunden und Kranken machen, und denke, dass Meditation jedem auf sein Art helfen kann. Während der eine dadurch zur Ruhe kommt, lernt der andere eventuell besser mit seinen Schmerzen umzugehen. Von einem schädlichen Effekt ist mir derzeit nichts bekannt, außer, dass festgestellt wurde, dass Menschen mit wiederkehrenden schweren Depressionen nicht vor dem 3. Rückfall an einer Therapie die Achtsamkeitstechniken beinhaltet teilnehmen sollten, da dies die Möglichkeit eines weiteren Rückfalls erhöht. Bei Personen die schon mehr als 3 Rückfälle hatten hilft die Therapie hingegen sehr gut. Die genauen Gründe hierfür sind allerdings noch nicht erforscht. Meditation sollte in jedem Fall unter Anleitung gelernt werden, auch wenn man nur einmal pro Monat einen erfahrenen Lehrer hat, da während der Meditation Erfahrungen und Eindrücke aufsteigen können, die mitunter schmerzlich sind. Da ist es dann gut, wenn man jemanden hat, der einen anleitet und unterstützt, wie man damit am besten umgeht, bzw. wie man lernt diese Erfahrungen anzunehmen.

 

Welchen Einfluss hat Meditation auf die Phänomene Empathie, Fairness, Altruismus, Hass?

Ich würde sagen, dass all diese Phänomene auch vom Grad der Achtsamkeit abhängen, den ein Individuum erreicht hat. Jemand der achtsamer ist, wird wohl empathischer auf seine Mitmenschen zugehen und eher bemerken, wenn er andere unfair behandelt. Auch die Einsicht in die Natur starker emotionaler Reaktionen kann durch regelmäßige Meditation verbessert werden, wodurch dann das Aufkommen von Hass unwahrscheinlicher wird, weil man den Kreislauf der Destruktivität erkennt, bevor er beginnt. Das zeigt sich auch in einem positiven Einfluss auf die emotionsverarbeitenden Zentren im Hirn. Von einem klaren Einfluss kann man hier aber nicht sprechen, da es immer vom Individuum und den Umständen abhängt.

 

Hypothetische Frage: Wie würde eine Welt ausschauen, in der sich Menschen im Bewusstseinstraining regelmäßig üben?

Rein hypothetisch: Hoffentlich ein wenig friedlicher. Wenn die Menschen den Geist der Achtsamkeit für sich entdecken könnten und dadurch ein bisschen mehr die Zusammenhänge ihrer Umwelt bemerken und kennenlernen, würden wir wahrscheinlich alle zufriedener und friedlicher leben können. Eine schöne Vorstellung, aber jeder der meditiert weiß, dass es mitunter viel Disziplin und Arbeit bedeuten kann und ob da alle mitmachen, ist die andere Frage...

 

Bitte erklären Sie kurz Ihr Forschungsprojekt über Online-Meditation?

Im Rahmen meiner Diplomarbeit habe ich ein Trainingsprogramm entwickelt, in dem über einen Zeitraum von zwei Wochen den Teilnehmer die grundlegenden Meditationstechniken also Körperwahrnehmung und auf den Atem achten über ein Online-Portal beigebracht wurde. Die Idee dahinter war, dass man dadurch vielen Menschen die Gelegenheit gibt, Meditation kennenzulernen und diese zur Stressreduktion zu nutzen. Wir haben das in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeboten, da ich das an der Uni Wien in Zusammenarbeit mit der Uni Zürich bei Prof. Andreas Maercker geschrieben habe. Es gibt mittlerweile schon einige Audiofiles im Internet, die man sich herunterladen kann und auch online angebotene Klassen, aber es ist bisher noch nicht so viel bekannt darüber, ob das überhaupt wirkt oder ob ich zum Meditieren-lernen immer in eine „reale" Schule gehen muss.

 

Zu welchem Forschungsergebnis sind sie gekommen?

Schönerweise scheint das Training zu wirken. Bei den Teilnehmer zeigte sich, dass nach den zwei Wochen der Stresspegel niedriger als vor dem Training war und, dass sich die negativen Emotionen verringert hatten. Der Effekt davon war auch nach drei Monaten noch nachweisbar.

 

Mag. Tobias Glück ist Diplompsychologe und arbeitet am Institut für Klinische, Biologische und Differentielle Psychologie der Universität Wien. Zur Zeit ist der Mitglied der Forschungsgruppe ‚Auswirkungen verschiedener Meditationsstile auf Achtsamkeit, das seelische Wohlbefinden und Stress '.

Kommentare  
# Michael P. Ammel 2016-04-11 09:59
Achtsamkeit und Meditation sind die untrennbar verbundenen Elemente, die zu Glueck, Mitgefuehl gegenueber sich selbst und anderen fuehren und somit auch zu einem koerperlichen Wohlbefinden beitragen. Man kann sagen sie bedingen sich und so werden sie zu einem Transformator. :)
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# Isolde Schnorbach 2016-05-16 08:08
Ich kann nach 25 Jahren regelmäßiger ZEN-Meditation bestätigen, dass die Meditation u.a. dazu führte, dass ich frei von Depressionen bin. Zu Beginn hatte ich zeitweise sehr traurige Phasen. Meditation hat mein Selbstwertgefühl gestärkt und die Sicht auf viele Dinge versachlicht, weil ich jetzt viel mehr Zusammenhänge erkenne bzw. die Einsicht in Ursachen.
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# Engelbert Schlechtri 2016-05-19 12:11
5 Facetten der Achtsamkeit: Beschreiben, Beobachten, Nicht-Beurteilen, Nicht-Reagieren und Bewusstes Handeln. Wie soll es in der Arbeit mit Menschen ohne gehen?
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# Susan Rosky 2016-05-19 12:12
Innehalten wahrnehmen anerkennen sein
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