Leben

Die Lernforscherin Michaela Brohm-Badry über Stimmigkeit, das Entdecken eigener Stärken und Sinnerleben.

Sie sind Wissenschaftlerin und haben Ihr erstes populärwissenschaftliches Buch geschrieben. Wie kamen Sie auf den Titel ‚Das gute Glück‘?

Es gibt kurzfristiges Glück, das man spürt, wenn man etwas geschafft hat oder Vorfreude empfindet. ‚Das gute Glück‘, das ich meine, ist aber das ruhige Glück. Ein Zustand, in dem Menschen sich wohl, wirksam und stimmig mit sich selbst fühlen.


Das kann schwierig sein, wenn man gerade in einer komplizierten Lebensphase ist ...

Ja, aber genau in diesen Phasen kann man auch zur Stimmigkeit mit sich selbst finden, weil man sich mit den eigenen Stärken beschäftigen und sich neu ausrichten muss.

 

Die meisten stecken doch in fixen Lebensumständen fest, oder?

Wahrscheinlich empfinden das einige so. Eigentlich stecken wir nie fest. Irgendetwas geht immer, irgendetwas lässt sich immer verändern. Es ist wichtig, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, in sich hineinzuhorchen und die äußeren Einflüsse so zu gestalten, dass man als Mensch möglichst stimmig mit sich selbst leben kann. Ich gehe da von einer humanistischen Perspektive aus.

 

Was meinen Sie damit genau?

Menschen sind im Grunde gut und wollen wachsen, sich entwickeln. Um sich entfalten zu können, muss man aber wissen, welche Stärken man hat, welche Werte man vertritt und welche Ziele man verfolgt.

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Und Sie denken wirklich, dass viele das nicht wissen?

Depressionen, Angsterkrankungen oder Burn-out nehmen in unserer Gesellschaft seit Jahren stark zu, zeigen Statistiken. Es ist wohl eine Form der Entfremdung von sich selbst, die die Menschen krank macht. Der Arbeitsalltag soll immer effizienter und schneller werden. Das verlangt uns viel ab. Die natürliche Reaktion ist, dass man sich von alledem abkoppelt. Die Menschen werden sich selbst und ihren Bedürfnissen gegenüber fremd.


Und wie wirkt sich diese Entfremdung aus?

Man macht zu, wird der Umwelt gegenüber verschlossener, es ist also eine negative Grundstimmung. Psychologen sprechen von einem ‚closed mindset‘. Es ist das genaue Gegenteil von dem, was Menschen brauchen, um Glück zu empfinden. Dafür ist ein ‚open mindset‘ nötig, also die Offenheit des Geistes, die Neugierde auf andere Menschen, Kulturen, Natur, Literatur. Das Gefühl von Lebensfreude geht statistisch nachweisbar mit dieser Offenheit einher.


Was passiert im Gehirn?

Das, was wir wahrnehmen, macht uns auch aus. Wahrnehmung ist auf hirnphysiologischer Ebene die Verbindung zwischen den Synapsen. Reize werden verarbeitet, indem sie von Synapse zu Synapse geleitet werden. Neurotransmitter und Hormone wie Dopamin, Serotonin und Oxytocin unterstützen diesen Prozess. Wenn unsere Wahrnehmung allerdings eingeschränkt ist, werden weniger dieser Neurotransmitter ausgeschüttet.


Lässt die Wahrnehmung sich beeinflussen?

Ein und derselbe Wald ist für einen Jäger und ein Liebespaar vollkommen verschieden. Es kommt auf die Perspektive an. Negative Menschen fokussieren auf das, was sie in ihrem Leben ablehnen, frohe Menschen auf das, was sie lieben. Es ist eine innere Freiheit, diese Perspektive selbst zu wählen. Glück kreist also um eine freie Entscheidung, zu wollen, zu denken, zu fühlen und zu tun, was das Leben lebenswert werden lässt.


Ist der Blick auf die Welt nicht auch Charaktersache?

Etwa die Hälfte des Glücksempfindens ist biologisch fundiert. Die andere Hälfte lässt sich beeinflussen. 40 Prozent hängt von den eigenen Handlungen ab, zehn Prozent von der Umwelt, in der wir leben. In meinem Buch geht es um die 50 Prozent, die man beeinflussen kann.


Ist die theoretische Grundlage dafür die Positive Psychologie?

Die Positive Psychologie ist eine Fachrichtung, die in den 1990er-Jahren in den USA entstanden ist. Der Grundgedanke dabei ist, sich in der Psychologie wissenschaftlich nicht nur mit Erkrankungen zu beschäftigen, sondern zu erforschen, was Menschen guttut und sie gesund hält. Es geht darum, Ressourcen zu entdecken, Menschen und Organisationen zu stärken. Bald griff diese Forschung auch auf die Philosophie oder die Erziehungswissenschaften über. Sehr bald verstanden wir, dass Freiheit eine wichtige Voraussetzung ist.


Warum Freiheit?

Weil Freiheit vor allem Selbstbestimmtheit bedeutet und Selbstbestimmtheit für die meisten Lebensbereiche ein entscheidender Faktor ist, der Menschen motiviert und froh werden lässt. Wenn man in der Arbeit selbst entscheiden kann, ist es motivierender, als wenn man ganz genaue Anweisungen hat. Zwang tötet Motivation und Lebensfreude.


Das klingt aber leichter, als es ist. Jeder hat Verpflichtungen, in der Partnerschaft, in der Arbeit, in der Familie. Wie geht sich Freiheit aus, ohne dass man alles hinschmeißen muss?

Es geht vielleicht nicht immer um die absolute Selbstbestimmtheit, aber doch um ein hohes Maß. Die eigenen Stärken sollten eingesetzt werden, um dem Druck zu entkommen. Ich bin überzeugt, dass es auch in scheinbar aussichtslosen Situationen immer einen Handlungsspielraum gibt. Der aus Wien stammende Psychoanalytiker Bruno Bettelheim hat gesagt, dass es selbst im Konzentrationslager möglich war, sich eine innere Freiheit zu bewahren. Ziel auf dem Weg sollte es sein, einen für sich stimmigen Weg zu finden und umzusetzen.


Wie schützt man sich vor Übergriffen?

Indem man bewusst Grenzen setzt und lernt, sich zu schützen, also auch Nein zu sagen. Das meine ich durchaus auch im Arbeitskontext. Es ist sicher nicht so, dass man nur dann einen guten Job macht, wenn man sich ausbeutet. Das Gegenteil ist der Fall: Wer offen und damit wohlbefindlich bleibt, arbeitet besser. Auch das finanzielle Ausgeliefertsein ist in Zeiten des demografischen Wandels nicht mehr absolut.


Zurück zum Glück: Sie widmen sich in Ihrem Buch auch immer wieder der Spiritualität. Warum?

Ich gebrauche Spiritualität in einem breiteren Sinn: Die Positive Psychologie hat bewiesen, dass der Mensch etwas Größeres braucht, als er selbst ist. Also etwas Größeres als das eigene Ego. Wir wollen etwas beitragen zum großen Ganzen, ein sinnvolles Leben führen.


Meinen Sie ‚groß‘ im religiösen Sinn?

Es kann, muss aber nicht sein. Etwas finden, das größer und wichtiger ist als die eigene Person, kann für manche religiös sein, andere arbeiten an karitativen Projekten mit. Auch Naturschutz, Menschenrechte, Kultur, Kunst, Musik und Literatur sind sinnstiftend. Wer etwas gefunden hat, was wichtiger als die eigene Person ist, sieht einen Sinn über die eigene Existenz hinaus. Wie die Forschung zeigt, ist dieses Sinnerleben für das Lebensglück wesentlich.


Wie soll man mit Ängsten umgehen?

Angst ist primär ein sehr wichtiges Gefühl, weil es uns viele Botschaften vermittelt – über uns selbst und die Umwelt, in der wir leben. Bei Alltagsängsten kann es helfen, sich der Angst zu stellen. Johann Wolfgang von Goethe zum Beispiel hatte starke Höhenangst. Es wird berichtet, dass er, um sie loszuwerden, jeden Tag höher auf den Turm des Straßburger Münsters gestiegen ist. Es soll ihm geholfen haben.


Und was ist mit Ängsten, die durch Traumata entstehen?

Da macht es Sinn, sich professionelle Hilfe zu holen.


Auch, um die Angst vor dem Tod zu besiegen?

Da halte ich es mit Epikur: Vor der Geburt war der Mensch in einem schmerzfreien Zustand, ich denke, er wird es auch nach dem Tod wieder sein. Ich beschreibe in meinem Buch ja auch meine eigene Geschichte. Als ich ganz nahe am Tod war, war da eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit, nichts, wovor man Angst haben müsste.

 

Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Empirische Lehr- und Lernforschung an der Universität Trier und beschäftigt sich mit Persönlichkeitswachstum. www.brohm-badry.de
 
 
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Foto Michaela Brohm-Badry © Lemrich
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