Leben

Der Tod ist nur ein Augenblick im Leben, es gibt einen davor und einen danach. Einsichten am Sterbebett eines Freundes. Augenblicke einer Nacht.

Ich sitze am Bettrand meines Freundes Florian. Es ist zwei Uhr 17 in der Nacht des 30. Juni 2017. Florians Ehefrau hat enge Freunde und Angehörige gefragt, ob sie bereit wären, in manchen Nächten bei ihm zu wachen, als Unterstützung für die Familie, damit auch diese in diesen schweren Nächten schlafen kann, um Kräfte für den Tag zu haben. Heute Nacht bin ich es, der bei ihm sitzt, ihn durch die Nacht begleitet. Vor drei Monaten haben wir noch einen Abend lang über Vergangenes diskutiert, über die Zukunft philosophiert und in vielen Augenblicken noch mehr gelacht. Wir haben ein wenig wehmütig Erinnerungen gemeinsamer, sehr erfolgreicher Seminare wiederbelebt und die Sorge geteilt, wann wir unsere wissenschaftlichen Auswertungen zu Ende schreiben werden. Jetzt liegt Florian schlafend vor mir, schwer, aber ruhig atmend, und ich weiß, dass er bald sterben wird, vielleicht in wenigen Stunden, noch heute Nacht, vielleicht doch erst morgen, fast sicher innerhalb der nächsten Tage, sagen die, die es zu wissen glauben und es dennoch für sich behalten sollten. Sie irren sich öfter, als sie zugeben. ‚Die Sprache von Ärzten und Ärztinnen‘, das war Florians wissenschaftliche Expertise, weltweit anerkannt, seine linguistischen Untersuchungen über die Kommunikation zwischen ÄrztInnen und PatientInnen. ‚ Missverständnisse sind der Normalfall‘, so der Titel unserer gemeinsamen Seminare. Inhalt war, dass wir Menschen uns die meiste Zeit missverstehen. Daher galt ihm als Forscher das unerwartete Gelingen von Kommunikation als besonderes und eigentliches Interesse. Wie oft haben wir einander gefragt: Warum verstehen wir uns gelegentlich doch? Und warum merken wir oft nicht, dass wir uns missverstanden haben? Warum streiten wir so viel, ohne zu ahnen, dass wir uns missverstehen? Und könnten wir in Frieden miteinander leben, selbst wenn wir wüssten, dass wir uns eigentlich missverstanden haben? Diese Fragen haben wir uns immer und immer wieder gestellt, ab jetzt werde ich sie nicht mehr besprechen können. Ich sehe ihn an, frage ihn einmal mehr in meinen Gedanken, bekomme aber nur das Summen der Morphinpumpe zur Antwort. Er liegt erschöpft und ausgezehrt von dieser unheilbaren Krankheit, die so unerwartet und plötzlich festgestellt wurde. Die Diagnose war niemandem, auch ihm selbst nicht, auch nur im Ansatz bewusst gewesen – obwohl der Krebs wohl schon seit längerem in ihm gewachsen war.

Er hatte nur wenig Zeit, Abschied zu nehmen, Lebewohl zu sagen, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Nach der niederschmetternden Nachricht war er zuerst ratlos, ängstlich und verwirrt. Dann war er ärgerlich und irritiert, kämpfte kurz dagegen an. Doch schließlich akzeptierte er das Unvermeidliche, vorerst staunend, manchmal sogar schmunzelnd, seinen unerschütterlichen Humor mit seinem bis zuletzt unvergleichlich strahlenden Lächeln auf den Lippen. „Ich werde euch da oben weiterempfehlen“, ist einer seiner letzten ganzen Sätze. Jetzt spricht er kaum mehr, nur mehr Namen und einzelne Worte, so wie „Wasser“ und „Ja“ oder „Nein“ auf Fragen, ob er Durst oder Schmerzen habe. Vor zwei Tagen hat er seine engste Familie gebeten, sich ganz in Weiß zu kleiden, er will Freude sehen, keine Trauer. Er hatte den Tod bereits umarmt oder zumindest erwartet er ihn mit offenen Armen. Ganz friedlich erscheint er mir, schlafend mit halb offenen Augen, wie es bei sterbenden Menschen so oft vorkommt. Ich fange an zu assoziieren, was sein viel zu früher Tod für einen Sinn haben könnte. „Der Tod ist die beste Erfindung, denn sie schafft Raum für etwas Neues“, hat Apple-Gründer Steve Jobs angesichts seines eigenen nahen Todes gesagt. „Zu einfach“, sage ich mir, denn für Florian wäre diese Antwort wohl zu banal gewesen. „Ist der Tod nicht der Widersacher des Lebens, den wir stets bekämpfen müssen?“, wurde ich unlängst von einem Arzt gefragt, der überzeugt ist, dass die Behandlung bis zuletzt weitergeführt hätte werden müssen, unabhängig von der zu deutlichen Prognose und unabhängig vom Wunsch des Patienten, die Behandlung zu beenden. „Nein“, ist meine Antwort, „der Tod ist nicht Widersacher, sondern Teil des Lebens.“ Überleben ist daher keine Option, es ist noch jeder gestorben, sage ich dann auch noch, in deutlich strengerem Ton, als ich es hatte sagen wollen.Und frage mich selbst, warum wir den Tod mit so großer Vehemenz bekämpfen, wenn wir ihn die meiste Zeit unseres Lebens verdrängen? Und würde es etwas ändern, wenn der Tod uns gegenwärtiger, wenn er alltäglicher in unseren Gedanken wäre, wenn wir schon früh gelernt hätten, ihn als Teil unseres Lebens wahrzunehmen? Geben wir dem Tod doch keinen tieferen Sinn als die Bedeutung, dass diese Begrenzung uns die Freiheit zu entscheiden gibt? Bei einem unendlichen Leben wäre jede Entscheidung ja beliebig. Können wir das? Ich beginne mit Florian einen inneren Dialog, bin also Fragender und Antwortender zugleich. Ich erinnere mich, sage ich, an die Worte von Meister Dogen: „Wenn ihr in Leben und Tod zu Buddha erwacht, seid ihr frei von Leben und Tod.“ „Was könnte Meister Dogen damit gemeint haben?“, fragt Florian. Dogen schreibt: „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass das Leben von der Geburt bis zum Tod verläuft – Leben ist der Stand eines Augenblicks, es gab bereits einen Augenblick davor und es wird einen Augenblick danach geben. Und so ist auch der Tod der Stand eines Augenblicks, es gab einen Augenblick davor und es wird einen Augenblick danach geben.“ Ich assoziiere weiter. Meine berufliche Deformation vermischt sich mit Dogens Gedanken: Bleibe ich zu sehr in den Augenblicken der Vergangenheit haften, kann ich mich in der Trauer verlieren, stelle ich mir aber nur zukünftige Augenblicke vor, kann ich mich in der Angst verirren. Anders gesagt: Leben und Tod existieren jeweils im gegenwärtigen Augenblick. Dies bedeutet: Wir leben und sterben in jedem Augenblick. „Nur weil wir das nicht erkennen können, hängen wir am Leben und fürchten den Tod“, sagt Dogen. „Wenn wir leben, ist Leben alles, was existiert, und wenn wir sterben, ist Sterben alles, was existiert.“ Ich denke nach, während ich Florian ein- und ausatmen höre, Augenblick nach Augenblick. So gleicht das Leben einer Übung: einen Augenblick nach dem anderen loszulassen, um den einen Augenblick im Hier und Jetzt zu erleben und um irgendwann ganz und alles loszulassen. In diesem Augenblick spüre ich eine tiefe Zufriedenheit in mir, bin von diesem einen Augenblick berührt, nehme Florians Hand. Sie zuckt bei der Berührung, ist sehr warm, schweißgebadet, sein Puls ist zu schnell. Ich bin jetzt ganz bei ihm, für einen Augenblick vergesse ich Zeit, Raum und Müdigkeit. Dann lasse ich los, verlasse diesen Augenblick, sehe auf die Uhr. Der Sekundenzeiger bewegt sich auch zu schnell, kommt mir vor. Es ist drei Uhr und sechs Minuten. Wäre uns der Tod ein täglicher Vertrauter, ein Begleiter, der kein Ende anzeigt, sondern nur einen Hinweis gibt, dass wir begrenzt sind, was würde das mit uns machen? Wenn der Tod nicht als Teil des Lebens wahrgenommen wird, als ein Augenblick, der unweigerlich einmal kommt, dann hätte jener, der Angst vor dem Tod hat, eigentlich Angst vor dem Leben. Die uneingeschränkte Akzeptanz des Lebens als Ganzes bedeutet demnach auch die radikale Akzeptanz des Todes. Die radikale Akzeptanz des Lebens und des Todes lässt dann die Angst vor der eigenen Begrenztheit verschwinden. Dann bleibt die Zeit in uns stehen und jeder Augenblick steht für sich da: eine Minute mit 60 wahrgenommenen Augenblicken. Hindernisse des Lebens sind dann keine Hindernisse mehr, sondern Augenblicke des Erlebens. Ich muss dann einer misslichen Lage nicht mehr entkommen, muss mich nicht ablenken vor einer befürchteten Langeweile, muss keine unangenehme Konfrontation mehr meiden, kein Eskapismus macht mehr Sinn, denn alles, der Tod miteingeschlossen, ist lebendiges (Er-)Leben. Es ist vier Uhr sieben Minuten.


„Leben und Tod existieren jeweils im gegenwärtigen Augenblick. Dies bedeutet: Wir leben und sterben in jedem Augenblick.“

Wenn ich die Illusion eines unendlichen Lebens aufgebe, bringt das meine Gier nach immer mehr von diesem Leben mit einem Mal zum Stillstand. Innerer Frieden macht sich breit. Ich muss nicht alles verstehen, ich muss nicht immer verstanden werden, ich habe, auch wenn ich den anderen missverstehe, ein inneres Verständnis für alles, was ist. Ich muss mich nur annehmen, wie ich bin. „Es stellt vielleicht die größte Herausforderung dar, damit zu beginnen, uns selbst gegenüber eine mitfühlende, vergebende Haltung einzunehmen, liebevoll anzuerkennen, dass wir nicht perfekt sind – nicht perfekt sein können und nicht perfekt sein müssen“, wie es die ZenLehrerin Corinne Frottier formulierte. Ich denke weiter. Lebe dein Leben und nicht das Leben, das andere von dir erwarten. Angesichts der sicheren Begrenzung durch den Tod ist es besser, achtsam mit deinen Augenblicken umzugehen, sie nicht zu vergeuden. Das ist radikale Akzeptanz und der daraus resultierende innere Frieden macht mich in diesem Moment ganz ruhig.

„Er hatte den Tod bereits umarmt oder zumindest erwartet er ihn mit offenen Armen. Ganz friedlich.“

Und nach dem Tod? „Florian“, frage ich, „wer wird mit mir unsere Forschung weiterführen?“ „Du wirst schon jemanden finden“, hat er vor drei Wochen gesagt und nannte mir den Namen einer jungen Assistentin, die bei ihm diplomiert hatte. Ich war verunsichert, ob ich nach seinem Tod den Mut und die Motivation dafür haben würde, unsere Arbeit wiederaufzunehmen. Der Architekt Walter Gropius schrieb dazu: „Handeln Sie so, als würden Sie ewig leben, und planen Sie weit voraus. Damit meine ich, dass Sie sich ohne zeitliche Begrenzung verantwortlich fühlen müssen, und Sie nie der Gedanke beschweren sollte, Sie könnten die Ergebnisse Ihres Mühens nicht mehr erleben. Wenn Ihr Beitrag wesentlich war, wird sich immer jemand finden, der dort weitermacht, wo Sie aufgehört haben; und das ist Ihr Anspruch auf Unsterblichkeit.“ Vielleicht ist es das, was den äußeren Frieden in dieser Welt fördern könnte: das Wissen um die Augenblicke nach dem Tod. Nennen wir es das generative Denken, das Bedenken, dass es eine Zeit nach uns gibt, so wie es eine Zeit vor unserer Geburt gegeben hat. Auch das sind einfache Augenblicke, einer davor und jener danach. Wir sind ein Glied einer langen Kette, der augenblickliche Träger von Generationen, wir halten ein Feuer, das wir in Verantwortung übernommen haben und weitertragen sollen, wenn wir es nicht erlöschen lassen wollen. Der Tod hat so eine große Bedeutung, dass wir ihn nicht ignorieren, sondern täglich lächelnd annehmen sollten. Der Samurai Tsunetomo Yamamoto meinte, dass ‚Dinge von großer Bedeutung gelassen angegangen werden sollten‘ und nur ‚Dinge von kleiner Bedeutung sollten ernsthaft angegangen werden‘. Es sind zwei Aufgaben, die mir heute Nacht bewusstgeworden sind: Frieden in mir zu fördern und Frieden, um mich möglicher zu machen. Lebe und sterbe im Augenblick und ruhe in Frieden. Ich sehe Florian an, sehe sein eingefallenes Gesicht, die hohlen Wangen, die Wangenknochen, die sich aus seinem Gesicht viel zu sehr abheben, und bin mir plötzlich der Besonderheit des Augenblicks bewusst. Ich denke an die frühere Zeit mit Florian zurück und an die Zeit, in der er nicht mehr da sein wird. Die Vergangenheit macht mich jetzt traurig, die Zukunft macht mir Angst. Dazwischen geht es mir aber sehr gut, denke ich, und jetzt gerade bin ich hier mit ihm in sanfter Verbundenheit. Er hat sein Feuer übergeben und hat seinen Frieden gefunden. Eine heilige Stille ist im Raum, eine große Ruhe umgibt mich, ich spüre eine tiefe Dankbarkeit, hier bei ihm sein zu dürfen. Fünf Uhr 45, in 15 Minuten ist meine Wache für diese Nacht zu Ende. Ich werde abgelöst werden. Um acht Uhr schon wird dann an einem anderen Ort ein Patient mit einer Angststörung auf mich warten. Ich stehe auf, um für mich selbst ein Glas Wasser zu holen, Florian hat auf meine diesbezügliche Frage nicht geantwortet. Während das Wasser läuft, blicke ich auf. Ich sehe mein etwas müdes und unrasiertes Gesicht, wünsche mir und ihm, dass er in Frieden ruhen möge. Was könnte ich ihm noch geben, wie ihm eine Freude machen, frage ich mich. Es fällt mir nichts ein. Und dann sehe ich im Spiegel, dass ich ein weißes T-Shirt trage.

Univ. Prof. Mag. Dr. Florian Menz, Leiter des Instituts für Sprachwissenschaften der Universität Wien, verstarb nach kurzer und schwerer Krankheit am 30.6.2017 um 17.00 Uhr im Alter von 56 Jahren im Kreise seiner engsten Familie.

Patrick Frottier ist Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin sowie Kinder-und Jugendneuropsychiatrie. Derzeit leitet er die Liaisondienste Kinder-Jugendpsychiatrie des PSD-Wien.

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Kommentare  
# Claudia Kretschmer 2019-06-26 12:22
Danke für das Teilen dieses gehalt- und kraftvollen, sehr persönlichen, tief berührenden und wunderschön formulierten Textes.
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# Andreas Neumaier 2019-06-26 12:22
stimmt ! so ist es.
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# Juliane Zieren 2019-06-26 12:23
Sehr sehr gut!
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# Elisabeth Katharina 2019-06-26 12:23
Danke!
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