Leben

Achtsamkeit kann uns helfen, die schönen und positiven Dinge im Leben wieder in den Mittelpunkt zu rücken, auch in der Partnerschaft.


Seit 25 Jahren bin ich mit meinem Mann zusammen. Seit 19 Jahren teilen wir Kühlschrank, Zahnpasta und Bett miteinander. Seit 13 Jahren sind wir verheiratet. Ich liebe meinen Mann aus tiefstem Herzen und bekenne: Wir sind ein glückliches Paar. Genauso wahr ist aber, dass wir es auch immer wieder schwer hatten: Gesundheitliche Krisen, Liebschaften, berufliche Herausforderungen, die das Äußerste von uns verlangten, und insbesondere der unerfüllte Wunsch nach eigenen Kindern haben unsere Beziehung mehr als einmal auf die Probe gestellt. Auch die Tatsache, dass Jörg eine Nachteule ist und ich ein früher Vogel, wie auch unsere unterschiedlichen Vorstellungen von Ordnung haben uns schon einige Konflikte beschert. Wie wir kleine und große Krisen gemeistert haben? Wir haben sie als das gesehen, was sie sind: Wolken am Himmel. Sie gehören zum Leben. Wir können nicht verhindern, dass Dinge geschehen, die das Herz verdunkeln. Aber wir können lernen, das Wetter zu lesen und uns darauf einzustellen – an guten wie an schlechten Tagen. Ganz nach dem Motto: Schlechtes Wetter gibt es nicht. Es gibt nur schlechte Kleidung.

Wir Menschen neigen dazu, uns bei Beziehungsproblemen ähnlich zu verhalten wie bei miesem Wetter. Wir regen uns auf, fordern Besserung oder verkriechen uns. Manche heben sogar drohend die Fäuste gen Himmel! Das alles kostet Kraft – die Wetterlage verbessert es aber nicht. Was das Wetter sowohl meteorologisch als auch in Sachen Beziehung tatsächlich beeinflusst, ist das Klima. Wenn wir also lernen, das Wetter zu lesen, mit Regen, Sturm und Schnee besser umzugehen, und außerdem aktiv für gutes Klima sorgen, können wir unser Leben zu zweit mehr genießen.

Sicherlich haben auch Sie schon erlebt, dass sich ein Tiefdruckgebiet in einer Beziehung ausbreiten kann wie ein Virus. Wir stören uns daran, dass der andere Sachen rumliegen lässt, den Schwimmunterricht des Kindes vergisst, am Wochenende müde auf der Couch liegt, statt einen Ausflug mit uns zu machen, und verlieren den Blick für das, was gut läuft.

Dabei ist die Fähigkeit, das Gute zu sehen, eine von vier Voraussetzungen, die Richard Davidson, einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Emotions- und Achtsamkeitsforschung, für Wohlsein ausgemacht hat. Er hat festgestellt, dass ‚sich wohlzufühlen, glücklich und zufrieden zu sein‘ eine Fähigkeit ist, die man lernen kann wie Cellospielen, und dass sich das subjektive Wohlsein beträchtlich steigert, wenn man vier Schlüsselfertigkeiten trainiert:

1. Schlüssel: Blick für das Gute
Damit meint Davidson die Fähigkeit, Gutes wahrzunehmen und wertzuschätzen. Zum Beispiel in der Lage zu sein, eine andere Person mit ihrer Menschlichkeit und angeborenen Güte zu sehen. Oder in der Lage zu sein, angesichts von Enttäuschungen und Ärgernissen den Blick für das Gute nicht zu verlieren. Die Wahrnehmung bewusst auf das zu richten, was gelingt und guttut, wirkt heilsam auf Körper, Geist und Herz. In Beziehungen beugt es der negativen Tendenz vor, sich an den Schrullen des anderen festzubeißen, statt die Sternstunden zu feiern.

2. Schlüssel: Großherzigkeit
Gemeint ist ein freundliches Wohlwollen, das aus vollstem Herzen kommt. Wenn es sich ohne Anstrengung in liebevolle Taten und Gesten regelrecht ergießt, stimmt es uns auch selber froh. Es ist menschlich, dass wir bisweilen anderen gegenüber nicht großherzig sein können. Wenn wir uns bedürftig fühlen, ist es wichtig, mitfühlend mit uns selbst zu sein. Statt unsere Verletzlichkeit zu übergehen, sollten wir unsere ganze Liebe nach innen richten und so den Herzenstank wieder füllen.

3. Schlüssel: Aufmerksamkeit
Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit, zu steuern, worauf sich die eigene Wahrnehmung richtet. Das klingt simpel. Tatsache ist aber, dass wir einen großen Teil unserer wachen Zeit abgelenkt und nicht bei den Dingen sind, die wir tun oder denken wollen. Abgelenktheit führt zu Kummer, da unser Unbewusstes die Tendenz hat, sich stärker auf Negatives als auf Förderliches zu fokussieren. Unter Druck verstärkt sich diese Neigung. Je gestresster wir sind, desto mehr driftet unsere Aufmerksamkeit hin zu ‚Schlechtem‘. Bei Beziehungsstress können wir zeitweise kein gutes Haar mehr an dem anderen lassen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden seltener in negative Gedanken abdriften und stattdessen ganz präsent sein – für Ihre Worte und Handlungen; für Ihre innere Wahrnehmung genauso wie dafür, Ihren Mann oder Ihre Frau ganz bewusst zu sehen, zu hören und zu spüren.

4. Schlüssel: Resilienz
Resilienz ist die Geschwindigkeit, mit der sich eine Person geistig, körperlich und emotional von schwierigen Erfahrungen erholt. Je besser diese Erholungsfähigkeit, desto besser sind Menschen für die Herausforderungen des Lebens gewappnet. Niemand ist davor gefeit, dass allerhand Mist passiert. Aber es führt in einen Teufelskreis, wenn wir mit anhaltender Angst, Aggression oder Ohnmacht auf Dinge reagieren, die nicht rückgängig zu machen sind. Fragen Sie sich einmal, wie lange Sie brauchen, um sich zum Beispiel von (Beziehungs-)Stress zu erholen. Wie schnell finden Sie zurück zu einem unbeschwerten und entspannten Miteinander?

Achtsamkeit als Generalschlüssel nutzen
Die aktuelle Forschung bestätigt, dass mithilfe von Achtsamkeitsübungen die vier von Davidson bestimmten Schlüsselkompetenzen tatsächlich kultiviert werden und Sie

  • zu gesammelter Aufmerksamkeit finden,
  • sich von schwierigen Erfahrungen schneller erholen,
  • den Blick für das Gute öffnen sowie
  • Großherzigkeit und Mitgefühl entwickeln können.

Achtsamkeit macht nicht nur die einzelnen Menschen, sondern auch ihre Beziehungen wetterfest. Menschen mit Bewusstsein und verkörperter Achtsamkeit kommen besser mit der Tatsache klar, dass das Leben unberechenbar, unbeständig und unzulänglich ist. Obwohl wir intellektuell wissen, dass das so ist, spielen trotzdem Gedanken, Gefühle und Körper oft verrückt, wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir es uns vorgestellt haben. Und das erzeugt viel Leid.
Das Thema Kinder löst in jeder Beziehung früher oder später Stress aus. Entweder weil sich die Partner Kinder wünschen und keine bekommen können oder weil eine Schwangerschaft zum ungeeigneten Zeitpunkt kommt oder weil sich die unterschiedlichen Rollen von Eltern, Geliebten und Berufstätigen nicht unter einen Hut bringen lassen oder, oder, oder. So oder so verläuft das ‚Kinderkriegen‘ nie so, wie man es sich wünscht – immer steckt etwas Unberechenbares und Unbefriedigendes darin. Menschen, die ein gewisses Maß an Achtsamkeit in sich kultiviert und zu Weisheit gefunden haben, finden einen leichteren Umgang damit. Sie erholen sich schneller von schwierigen Erfahrungen und können sich sorglos an den guten Dingen erfreuen. Sie sind großherzig mit sich selbst – vor allem, wenn sie ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen. Sie hängen nicht an Idealen und können ihre Partner mit offenem Herzen so nehmen, wie sie sind. Achtsam zu sein heißt, in der Partnerschaft zu sich selbst zu stehen und den anderen so zu nehmen, wie er oder sie ist. Achtsamkeit ist das Fundament dessen, was sich alle Menschen wünschen: Sie wollen tief verbunden und dabei ganz sie selbst sein.

 UW100 Siepmann

 

Anja Siepmann, geboren 1969, ist Coach, MBSR-Lehrerin und Systemaufstellerin. Sie betreibt eine psychotherapeutische Praxis (HP) in Köln.
Tipp zur Vertiefung:
Anja Siepmann, Achtsamkeit in der Liebe. Für eine erfüllte Partnerschaft. Scorpio 2017
 
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