Leben

Was kann man gegen Ärger tun, denn letztlich will sich natürlich niemand ärgern. Am einfachsten wäre natürlich, sich an das christliche ‚Dein Wille geschehe' zu erinnern und in der Ärger auslösenden Situation Seinen Willen zu erkennen und uns sogleich damit auszusöhnen.

Aus buddhistischer Sicht macht Anhaften und insbesondere an etwas so Negativem wie Ärger schon gar keinen Sinn. Wer Uppekha-Meditation übt, um Gleichmut zu finden, lernt natürlich auch, mit solch negativen Emotionen umzugehen. Psychologisch könnten wir den Ärger auch nutzen, da er uns immer eigenen Widerstand zeigt, den es zu verstehen und allmählich aufzugeben gilt, um immer mehr einverstanden zu werden. Das große Ziel wäre dann, mit allem einverstanden zu sein. Befreiung von allem Ärger und Widerstand und Erleuchtung sind natürlich überhaupt letztes und höchstes Ziel.
Ende und Ziel des spirituellen Weges beschreiben alle möglichen Traditionen in ihren eigenen Worten, so viele Wege führen zu diesem Ziel, wie es Religionen und Lebensphilosophien gibt. Eines aber ist bei allen Definitionen des letzten Zieles gleich, es ist ein Zustand frei von jeglichem Widerstand, eben ein Einverstandensein mit allem. Und damit verschwindet natürlich auch die letzte Möglichkeit, sich zu ärgern.
Ärger wird somit zu einer Art Synonym für Widerstand. Wo wir in Widerstand geraten, ärgern wir uns, und wenn wir uns irgendwo ärgern, sind wir in Widerstand mit irgendwem oder irgendetwas. Somit wird Ärger im spirituellen Sinn zur Aufforderung, das dahinterliegende Problem zu lösen.UW88 wir-sind-wie-wir-sind

Widerstand entwickeln wir auch gegenüber Symptomen. Der bewährte Weg ist das Erkennen der Botschaft des Symptoms und damit dessen Auflösung. Wir nehmen Anstoß an Symptomen und Krankheitsbildern, stören uns daran und ärgern uns darüber. Tatsächlich stören sie uns in unserem gewohnten Leben, um nicht zu sagen Trott, und das ärgert uns.
Seit vielen Jahren bewährt, kommen wir über die Deutung von Symptomen zu darin enthaltenen Lern- und Lebensaufgaben. Was die Seele nicht verarbeitet, sinkt mit der Zeit auf die Körperebene, wo es sich in symbolischer Form ausdrückt. Gelingt es uns beispielsweise nicht, unser Herz im Laufe des Lebens zu weiten und zu öffnen, wie es der Auftrag aller Religionen, aber auch des Buddhismus wäre, ist damit zu rechnen, dass das Thema sich verkörpert. Dann übernimmt das körperliche Herz die Aufgabe stellvertretend und weitet und vergrößert sich, bis die Schulmedizin von Herzinsuffizienz spricht. Aus einer wundervollen Aufgabe und Selbstverwirklichungschance entwickelt sich so ein körperliches Krankheitsbild, das die Schulmedizin nur mildern, aber nicht heilen kann.

Unsere Seele steht aber nicht nur in Resonanz mit unserer Innenwelt, sondern auch mit der Außen- und Umwelt. Alles, was uns im Außen ärgert und stört, wird uns zum Thema. So wie innere Symptome uns Aufgaben und Themen offenbaren, mit denen wir auf Bewusstseinsebene in Widerstand sind, tun das auch äußere Probleme. Sie machen uns Ärger und bringen uns ähnlich in Widerstand und zeigen so, was uns (zur Ganzheit) fehlt und als Lernaufgabe offenbleibt. Ob wir uns nur gestört oder schon geärgert fühlen, ist abhängig von unserer Art, mit Widerstand umzugehen. Jedenfalls wird uns die Umwelt mit dieser Einstellung zum ebenso verlässlichen Spiegel wie unser Organismus. So können wir alles, was uns drinnen und draußen stört und ärgert, genauso ernst und wichtig nehmen und uns mit seiner Hilfe besser kennenlernen und entwickeln.
Gedeutete Probleme werden so zu Wachstums-Chancen – äußeren wie inneren. Vom Schimpfen und Projizieren bis zur Übernahme der Verantwortung für die eigenen Widerstände ist es ein ebenso weiter wie lohnender Weg.
Stellen wir uns vor, wir würden uns, statt zu schimpfen und uns zu ärgern, fragen: Was will mir dieses Geschehen, dieser Mensch mit seinen Ansprüchen sagen, wo kann er mir zeigen, was ich zu lernen und zu integrieren habe? Wo verhalte ich mich ganz ähnlich auf anderer Ebene, ohne es zu bemerken?

Unsere Seele steht aber nicht nur in Resonanz mit unserer Innenwelt, sondern auch mit der Außen- und Umwelt.

Wer sich ärgert, wenn Politiker sich nach der Wahl kaum mehr an ihre gemachten Aussagen und Versprechungen erinnern, könnte sich fragen, wo er selbst schon Versprechen vergessen oder verdrängt und jedenfalls gebrochen hat und nicht bezahlen wollte für vorher erhaltene Zustimmung oder anderweitige Liebesdienste. Sofort würde der Ärger über die Politiker nachlassen und die Erkenntnis könnte reifen, dass wir genau die Politiker haben, die wir verdienen, auch wenn das auf den ersten Blick noch so ärgerlich ist.
Statt sich über Vorgesetzte und (Ehe-)Partner zu ärgern, könnten wir den Widerstand gegen sie zum Anlass entsprechender Selbstprüfung nehmen. Denn auf der einen oder anderen Ebene werden wir Ähnliches bei uns selbst finden. Eine große Hilfe sind dabei die Ur- oder Lebensprinzipien, die auf einer tieferliegenden Symbolebene Brücken des Verständnisses bauen. Über sie lassen sich zum Beispiel Verbindungen zwischen geäußerten Aggressionen, die uns bei unseren Mitmenschen ärgern, zu eigenen Entzündungen herstellen. Zwar sind wir dann selbst sanfter in unserer Kommunikation, aber leben die Aggressionsenergie in unseren in den Körper gesunkenen Kriegen zwischen Immunsystem und Erregern. Die Lösung läge dann darin, das Prinzip der Aggression, Mars, zu erkennen und auf eine erlöstere Ebene zu heben, also etwa ein mutigeres, entscheidungsfreudigeres, offensiveres Leben zu führen, mit mehr Konfrontationsbereitschaft und Streitkultur. Es liegt auf der Hand, dass uns das weiter bringt, als uns über die Aggressionen anderer zu ärgern und an diesem Ärger auch noch festzuhalten.
Die Entwicklung zu Selbsterkenntnis und Einsicht wäre so gesichert wie auch die Erfahrung, dass es keinen Zufall gibt, sondern uns lediglich gesetzmäßig zufällt, womit wir in Resonanz sind.Ursache und wirkung dahlke

Statt auf Veränderungen bei anderen und in der Außenwelt zu pochen, wie es die meisten tun, bei allem, was sie ärgert, ließe sich erkennen, dass wir, um unsere Umwelt zu ändern, uns selbst ändern müssten. Wer einmal den Körper wie auch die Umwelt als Spiegel erkannt hat, wird sich bewusst, wie unsinnig es ist, auf Spiegel einzuschlagen oder ihnen Schuld zuzuschieben. Die Umwelt wird plötzlich statt als Quelle von Ärger zum Zauberspiegel mit unzähligen Gelegenheiten zu Selbsterkenntnis und Erwachen.
Am Morgen im Bad gelingt das allen noch völlig problemlos. Wir schminken selbstverständlich das eigene Gesicht und nicht das Abbild im Spiegel. Kaum aber kommen wir aus dem Bad heraus, kämpfen die meisten im Außen und fordern dort Veränderungen, die sie innerlich auch nicht bereit sind, bei sich zu vollziehen. Geschehen diese nicht, weil die anderen es nicht schaffen, ärgern wir uns und geraten sogar in Wut.
Was ist also der Weg, um Ärger zu vermeiden?

Wer eine bessere Regierung fordert, könnte sein Leben besser regieren und für Ordnung in der eigenen Zentrale sorgen.

Wer das Resonanzgesetz als zweitwichtigstes der (Schicksals-)Gesetze wahr und wichtig nimmt, kann sich alles Ärgern, Schimpfen und Projizieren ersparen. Die Menschen und Dinge sind, wie sie sind, und wenn uns das ärgert, hat es immer mit uns selbst zu tun. Ärger ist der Garant dafür, dass wir nicht einverstanden, sondern im Widerstand sind. Er zeigt verlässlich, dass da noch etwas erlöst werden will. Der erste Schritt wäre, uns unseren Ärger einzugestehen, deshalb ist es manchmal hilfreich, ihn auszudrücken, weil das entspannt und entlastet. Nur sollten wir nicht hoffen, dass dadurch die Ursachen des Ärgers verschwinden. Solange wir auf unserem Willen bestehen, um Ärger zu minimieren, wie die Mehrheit, werden wir zu leiden haben, desto mehr, je mehr wir an unserem Willen und Ärger festhalten. Dass Festhalten und Anhaften zu Leid führt, ist für Buddhisten selbstverständlich, für die große Mehrheit der Bevölkerung ist das zwar auch eine dauernde Erfahrung, aber sie sehen die Lösung nicht im Loslassen, sondern im Beharren auf ihrer Position. Wer aber den Widerstand kultiviert, statt löst, wird immer mehr ins Leid abrutschen und das wiederum projizieren, so dass sich der bekannte Teufelskreis entwickelt. Wer sich ständig ärgert, wird immer mehr Widerstand und damit Gelegenheit zu Ärger anziehen.

Je weiter aus der Mitte beziehungsweise je ver-rückter wir sind, desto irrwitziger müssen die sich nach außen spiegelnden inneren Probleme sein. Wer die Umwelt ändern und Frieden schaffen will, sollte das als bewusstes Ritual begreifen und immer auch bei sich selbst beginnen. Ein ganz praktisches Beispiel: Wer die Erde ernsthaft – in ökologischer Hinsicht – retten möchte, sollte nicht nur Appelle an andere richten und Petitionen entwerfen, sondern auch zu ‚Peace Food' wechseln. Wer sich als Tierschützer bekennt, könnte neben all seinen Tierrettungsaktionen und Geldsammlungen selbst aufhören, Tiere zu essen, und damit deren Hauptleidensquelle beseitigen. Wer eine bessere Regierung fordert, könnte sein Leben besser regieren und für Ordnung in der eigenen Zentrale sorgen. Wer ein Leben im christlichen Sinn führen will, sollte, statt von Regierungen und Umwelt christliche Gebote einzufordern, lieber anfangen, sich selbst zu lieben, um dann auch dem Nächsten in diesem Sinne gerecht zu werden. Aber nicht nur der Nächste, sondern auch das Nächstliegende wäre uns Aufgabe. Das hinduistische Tat twam asi – Du bist das und das und alles – entspricht dieser Forderung. Wer sich in allem sieht und spiegelt, dem wird das Leben und die Umwelt zur Schule und alles zu einem einzigen zusammenhängenden Lernprogramm. Wer es wagt, den Kreis solcher Erkenntnis immer mehr auszuweiten und die ganze Welt als seinen Spiegel zu durchschauen, dem wird das Leben zu einem Spiel, bei dem er lernt und wächst und allmählich aufhört, sich zu ärgern.

Die Menschen und Dinge sind, wie sie sind, und wenn uns das ärgert, hat es immer mit uns selbst zu tun.

So ist also nicht nur der Körper Spiegel unserer Seele und sind folglich seine Krankheitsbilder eine Ansammlung von Lernaufgaben, sondern auch die Umwelt und der Alltag. Alles, was außen schiefläuft und uns stört und ärgert, hat mit uns selbst und unserem Widerstand zu tun. Aber natürlich hat auch alles, was sich prächtig entwickelt, mit uns und unseren Fortschritten zu tun. So können wir mit Fug und Recht vom Leben als einer Schule sprechen, deren Reifeprüfung der Moment der (Er-)Lösung, der Tod ist. Das macht das Leben gerade nicht hart und schrecklich, sondern gibt ihm eine ganz neue, schönere und hoffnungsvollere Perspektive. Inder sprechen von Lila, dem kosmischen Spiel, und meinen damit das Leben. Wenn wir aber das Leben als Spiel und Schule zugleich begreifen, wird uns jeder Tag zu einer spielerischen und lernintensiven Aufgabe und all seine Ereignisse sind Herausforderungen, an denen wir wachsen und uns entwickeln können.
Wie Krankheitsbilder wird uns so auch ein möglicherweise noch kranker und krank machender Alltag zum Symbol und Ärger zum Dünger, der uns von einer Lernaufgabe zur nächsten und damit schlussendlich zur letzten Erfüllung bringt. Andererseits können wir uns auch an jedem gelungenen Tag freuen wie an einem gesunden, energiegeladenen Organismus.

Wem also Unfreundlichkeit begegnet, der könnte, statt grantig zu reagieren, in den Tiefen seiner Seele nach derselben forschen. Vielleicht hat er im Laufe seines Lebens die eigene Unfreundlichkeit gut vor sich versteckt. Insofern läge es nahe, unfreundlichen Menschen geradezu dankbar zu sein, dass sie einem auf die Sprünge helfen und eigene Themen offenbaren. Ähnliches gilt für Achtlosigkeit und Unaufmerksamkeit und alles andere, was Widerstände und Ärger in uns hervorruft. Insofern wird alles bisher als schlecht Eingestufte nun plötzlich gut und wichtig. Daraus lässt sich eine wundervolle Lebensperspektive entwickeln: Was uns begegnet, ist folglich gut oder es wird durch die entsprechende Einschätzung als Lernaufgabe erkannt und damit gut. Am Ende wird demzufolge alles gut oder es ist noch nicht das Ende in der Schule des Lebens.

Rüdiger Dahlke, geboren 1951, ist seit über 30 Jahren als Arzt, Autor, Trainer und Seminarleiter tätig. Dahlke publizierte eine Vielzahl von Büchern, zuletzt erschien sein Buch ‚Peace Food' (siehe Lesetipp). www.dahlke.at und www.mymedworld.cc
 
Tipps zur Vertiefung:
Rüdiger Dahlke (2013) Das Buch der Widerstände. Wie wir unser Leben wieder in Fluss bringen.
Rüdiger Dahlke (2009) Die Schicksalsgesetze. Spielregeln fürs Leben (beide Goldmann Arkana)


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Kommentare  
# christine hammer 2018-05-24 12:55
ja ja immer dieser ärger... schöner Artikel von hr Dahlke
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