Diskurs

Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus – in allen Weltreligionen waren und sind Frauen nicht gleichberechtigt. Eine Ursachensuche.

Es geht um Einfluss, Anspruch und/oder Verbreitung: Die sogenannten ‚Weltreligionen‘ Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und auch der Konfuzianismus gelten als die großen Religionen der Gegenwart. Ihre Wurzeln ähneln einander insofern, als sie allesamt im Kontext patriarchal organisierter Gesellschaften entstanden sind und die männlich dominierten Sozialstrukturen religiös legitimiert haben.

Patriarchat und Religion
In den jeweiligen Entstehungsphasen waren Frauen aktiv beteiligt und konnten verschiedene Rollen einnehmen. Das gilt beispielsweise für die frühe Zeit der altisraelitischen Religion, die Frauen als Prophetinnen und Richterinnen kennt, aber genauso für die vedisch-hinduistische Überlieferung, die die Namen von Seherinnen und gelehrten Frauen tradiert. Viele Frauen folgten dem Ruf des Buddha oder unterstützten ihn tatkräftig.
Eine berühmte und oft zitierte Erzählung präsentiert eine Frau namens Kisā Gotamī als Modell für den typischen Weg eines Menschen, den die Erfahrung des Todes (in diesem Fall des Kindes) in die Nachfolge Buddhas führt. Die bewegende Geschichte ist in verschiedenen Versionen überliefert, unter anderem auch in den sogenannten Therīgāthās, den Liedern der erleuchteten Nonnen. Diese Texte stammen aus der Frühzeit des Buddhismus und zählen zu den ältesten schriftlichen Frauenzeugnissen der Religionsgeschichte.

Das Stereotyp der Frau als Verführerin ist quer durch die Religionen verbreitet.


Zum Jüngerkreis um Jesus Christus gehörten zwar keine Frauen, sie bildeten jedoch einen wesentlichen Teil seiner Gefolgschaft. Viele von ihnen sind namentlich bekannt. Frauen waren die ersten Zeugen der Auferstehung und in frühchristlicher Zeit konnten sie sowohl religiöse Ämter ausüben, wie etwa die Apostolin Thekla, als auch durch das Martyrium zu hohen Ehren gelangen. Die Frauen des Propheten Muhammad übten nicht nur großen Einfluss auf ihn aus, sondern spielten darüber hinaus eine wichtige Rolle in der Überlieferung.
Nach der Gründungsphase wurden Frauen jedoch in all diesen Religionen in deutlich untergeordnete Funktionen zurückgedrängt. Trotz gradueller Unterschiede, die sowohl zwischen den einzelnen Religionen als auch innerhalb einer Religion bestehen können, wurden und werden die wichtigen Ämter und generell die Leitungsfunktionen traditionellerweise überwiegend von den männlichen Anhängern beansprucht.

Geschlechterrollen und Kontrolle
Die traditionellen, normativen Auffassungen über Rechte und Pflichten der Geschlechter basieren weitgehend auf dem Modell der polaren Geschlechterrollen einer heterosexuell orientierten Gesellschaftsordnung. Insbesondere die wichtige Rolle der Mutter für die Bewahrung der Patrilinie führt zu starker männlicher Kontrolle über die Frau, welche religiös legitimiert wird. Frauen werden in den normativen Texttraditionen zu Treue, Gehorsam und Unterordnung unter den Ehemann angehalten. Der Ehemann kann in diesem Zusammenhang sogar göttlichen Status erhalten: Die treue Hindu-Frau etwa soll ihren Gatten wie einen Gott verehren.
Judentum, Christentum und Islam untermauern die männliche Vormachtstellung mit verschiedenen Mitteln wie der Schöpfungsordnung, beispielsweise dem Mythologem von der Erst-Erschaffung des Mannes beziehungsweise seiner besonderen Auszeichnung. Obwohl die Rolle der Mutter im Buddhismus nicht betont wird, weil ja Geburt das wichtigste Symbol für die Verhaftung im Kreislauf der Existenzen ist, wird die Geschlechterhierarchie beispielsweise in den Zusatzregeln für den Nonnenorden – garudhammā – deutlich festgeschrieben: Selbst die höchststehende buddhistische Nonne muss sich dem rangniedrigsten Mönch unterordnen.
Obwohl die Geschlechtsmerkmale im Buddhismus als prinzipiell unwesentlich und leer betrachtet werden, spielt das Geschlecht in vielen Texten für die Frage nach der Erleuchtungsfähigkeit doch eine entscheidende Rolle. So findet sich etwa im Mahāyāna-Buddhismus die populäre Vorstellung, dass eine spirituell weit fortgeschrittene Frau erst nach einer Geschlechtsumwandlung zum Mann – entweder spontan im aktuellen Leben oder in einer Wiedergeburt – die höchste Stufe der Buddhaschaft erreichen kann.

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Frauenfeindliche Stereotype
In den Traditionen patriarchaler Religionen dominieren frauenfeindliche Stereotype, die die Frau als unreines und triebhaftes Wesen mit charakterlichen Defiziten wie Wankelmütigkeit, Leichtsinn, Untreue oder Genusssucht darstellen. Das Stereotyp der Frau als Verführerin ist quer durch die Religionen verbreitet. Weibliche Sexualität und weiblicher Körper sind der Welt des Geistes diametral entgegengesetzt und stellen insbesondere im asketischen Milieu eine Gefahr für die spirituelle Entwicklung des Mannes dar. Als genauso folgenreich wie das negative Image der Verführerin entpuppte sich die Tatsache, dass Frauen vom religiösen Wissen ausgeschlossen wurden oder nur einen eingeschränkten Zugang erhielten.
Buddhismus und Christentum ermöglichten Frauen, die sich für eine monastische Lebensweise entschieden, einen gewissen Zugang zu Bildung, allerdings begrenzt, ohne Lehrerlaubnis und mit geringem Respekt verbunden. Buddhistische Nonnen konnten sich bis in die jüngste Zeit dem Studium des überlieferten Wissens kaum widmen, da ihnen – im Gegensatz zu den von der Laienbevölkerung geachteten und unterstützten Mönchen – die finanziellen Mittel nicht im gleichen Maß zur Verfügung standen.

Fundiert durch feministische Theologien und religiöse Reflexionsprozesse haben sich Frauen mittlerweile meist selbst den Zugang zu religiösen Rollen erkämpft.


In der Geschichte des Islam dominierte eine männliche Gelehrtentradition. Explizit vom religiösen Wissen ausgeschlossen wurden Frauen im Judentum und im klassisch-brahmanischen Hinduismus. So wurden jüdische Frauen vom Studium der Thora ‚befreit‘, obwohl dieses nach der Zerstörung des Tempels ins Zentrum jüdischen Lebens rückte und als das wichtigste aller Gebote eingestuft wurde. Das faktische Verbot des Frauenstudiums verhinderte in weiterer Folge die kultische Vollberechtigung von Frauen. Frauen zählen beispielsweise grundsätzlich nicht zum Minjan, der Mindestzahl von zehn Betern, die notwendig ist, um einen Gemeindegottesdienst in der Synagoge abhalten zu können. Auch für Hindu-Frauen stellt das Studium der heiligen Schriften nach der klassisch-brahmanischen Tradition kein religiöses Verdienst dar, weil ihre Religion im Dienst am Ehemann besteht. Obwohl in den vedischen Schriften, den ältesten religiösen Quellen der späteren hinduistischen Traditionen, vereinzelt von gebildeten religiösen Frauen die Rede ist, hat sich das explizite Verbot des Veda-Studiums für Frauen im klassisch-brahmanischen Hinduismus durchgesetzt.
An die Stelle der Initiation, die zum Schriftstudium berechtigt und als zweite, wahrhafte Geburt erachtet wird, trat für Frauen das Hochzeitsritual. Frauen sind daher nach dieser Auffassung keine vollwertigen Mitglieder der Hindu-Gesellschaft und ihre Unwissenheit macht sie nicht nur rituell inkompetent, sondern dient als Begründung dafür, dass religiöse Riten für Frauen ohne die heiligen vedischen Verse abzuhalten sind.
Das männliche Monopol auf Wissen hat in vielen Religionen zu einem geringen religiösen Status von Frauen geführt. Aus dem faktischen Bildungsverbot resultierte ein geringer Bildungsstand, der Frauen den Makel der Unwissenheit und Minderwertigkeit eintrug. Unwissenheit wurde letztendlich zu einer weiblichen Charakterschwäche, die wiederum den Ausschluss vom religiösen Wissen und andere Diskriminierungen rechtfertigte. Rollen mit religiöser Autorität und Leitungsfunktionen, aber auch die Vollberechtigung im Kult waren damit automatisch Männern vorbehalten. Verbote oder Einschränkungen des Erwerbs religiösen Wissens haben die Stimmen der Frauen zum Schweigen gebracht und wesentlich zu ihrer Marginalisierung beigetragen.


Impulse zur Gleichstellung
In den autoritativen Texten aller großen Religionen der Gegenwart finden sich mehr oder weniger starke Impulse für die Gleichstellung der Geschlechter im metaphysischen Bereich, vor allem im Sinn der Zuerkennung derselben Heilsfähigkeit. Beschränkt auf den Bereich der religiösen Heilslehre können die vorherrschenden Geschlechterbeziehungen außer Kraft gesetzt werden. Diese Vorstellungen haben jedoch nicht zu einer politisch-rechtlichen Gleichstellung der Geschlechter im sozialen Zusammenleben beigetragen.
So wurde die Idee der Einheit von Frauen und Männern ‚in Christus‘ nicht als Infragestellung der herrschenden Gesellschaftsordnung interpretiert. Weder das hinduistische Axiom von der Geschlechtslosigkeit des spirituellen Grundprinzips in jedem Menschen noch die buddhistische Überzeugung, dass die Geschlechtsmerkmale unwesentlich ‚leer‘ seien, entfaltete ein nachhaltiges sozialemanzipatorisches Potenzial zur Veränderung weiblicher Unterordnung im Geschlechterverhältnis.
In der Regel knüpfen Reformbewegungen in den traditionell patriarchalen Religionen erst unter dem Einfluss der Moderne und den gesellschaftlich veränderten Geschlechterrollen an geschlechtsegalitäre Elemente der jeweiligen Tradition an und setzen mehr oder weniger erfolgreiche Veränderungen im Status von Frauen in Gang. Fundiert durch feministische Theologien und religiöse Reflexionsprozesse haben sich Frauen mittlerweile meist selbst den Zugang zu religiösen Rollen erkämpft, die mit Autorität und Interpretationsmacht im Umgang mit der normativen Überlieferung ausgestattet sind, wie die der Theologin, Lehrerin oder Rabbinerin, Imamin und sogar der Päpstin, so bezeichnet eine hinduistische Reformbewegung das erste weibliche Oberhaupt in ihrer 800 Jahre alten Tradition.
Da in der Zeit der muslimischen Eroberungen und der Zerstörung der buddhistischen Klöster in Indien die Sukzessionslinie der Nonnenorden (die traditionelle Kette der Nachfolge) abgerissen ist, akzeptierten die männlichen Autoritäten des Theravāda-Buddhismus die vollgültige Ordination buddhistischer Nonnen nicht mehr.

Konservative Kreise versuchen bis heute, die Religionen als Bastion männlicher Dominanz und traditioneller Geschlechterrollen zu verteidigen.


Obwohl buddhistische Nonnen seit vielen Jahren um ihren Status ringen, gibt es noch immer keine einheitliche Haltung in den entscheidenden Institutionen. In Thailand beispielsweise verweigert der Höchste Buddhistische Rat noch immer die Anerkennung der Nonnen-Ordination, obwohl Bhikkhuni Dhammananda, vormals Chatsurman Kabilsingh, als erste vollgültig geweihte Nonne der Theravāda-Tradition seit 2003 das bislang einzige Frauenkloster in Bangkok leitet.
Feministische Transformationen finden im Rahmen aller ‚Weltreligionen‘ statt, abgeschlossen sind sie noch lange nicht. Ambivalente Einstellungen zur Forderung nach Gleichstellung/Gleichberechtigung von Frauen sind nach wie vor in allen religiösen Traditionen zu beobachten, beispielsweise wenn das Oberhaupt der katholischen Kirche in einem lehramtlichen Dokument auf einer ‚besonderen‘ Würde der Frau – gemeint sind spezifisch ‚weibliche‘ Fähigkeiten und Rollen, die die ‚männlichen‘ ergänzen – insistiert (Johannes Paul II., 1988). Konservative Kreise versuchen bis heute, die Religionen als Bastion männlicher Dominanz und traditioneller Geschlechterrollen zu verteidigen.
Univ.-Prof. DDr. Birgit Heller, geboren 1959, ist eine österreichische Religionswissenschaftlerin. Sie ist ao. Professorin am Institut für Religionswissenschaft der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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Illustrationen © Francesco Ciccolella

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