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In letzter Zeit interessieren mich ganz besonders die zehn Vollkommenheiten, die Paramis. Das sind die Geisteseigenschaften, die gemäß der buddhistischen Psychologie einen erwachten Geist charakterisieren. Wer sich viele Jahre der buddhistischen Achtsamkeitspraxis widmet, wird bei stetem Bemühen die zehn Vollkommenheiten entwickeln.

Dazu gehören unter anderem Großzügigkeit und Geduld, Wahrhaftigkeit, Gleichmut und Willenskraft. Klar, keine Frage, das habe ich alles viel geübt. Aber dann ist da noch Verzicht (nekkhamma). In meinen Ohren klingt dieses Wort unangenehm. Verzicht! Kein Thema für Mitglieder einer Überflussgesellschaft, die flächendeckende Aufrufe zum grenzenlosen Konsum an ihre Hauswände projiziert. Man könnte nekkhamma auch mit Entsagung übersetzen oder mit Askese. Das macht die Sache aber auch nicht einfacher. Verzicht oder Askese sind heutzutage nicht populär. Wer lebt bei uns asketisch und verzichtet freiwillig auf weltliche Güter, sozialen Status, Sinneslust? Ich lebe nicht in Hinblick auf ein nächstes Leben, in dem sich alles erfüllen soll, was jetzt unbefriedigt bleibt. Wie also realisiert sich diese Geisteseigenschaft in meinem Leben? Wenn ich wochenlang ins Schweigen gehe und unter einfachsten Bedingungen im Retreat-Zentrum lebe, empfinde ich das nicht als Askese, obwohl manch anderer das so nennen würde. Ich fühle mich dabei pudelwohl und habe nicht das Gefühl, auf etwas zu verzichten.

Entsagung beginnt für mich da, wo ich freiwillig etwas loslasse, das mir zur lieben Gewohnheit geworden ist. Wenn es keine Reibung mit sich bringt, ist es keine Entsagung, oder? Ich übe doch nur, wenn es auch Herausforderung ist, wenn ich damit meine Grenzen erweitere und ein wenig über mich selbst hinauswachse. Was würde dann in meinem Alltag Verzicht bedeuten? Früher aufstehen? Weniger Kohlenhydrate aufnehmen? Weniger .... hm. Mir scheint, Verzicht bedeutet für jeden etwas anderes, denn er beginnt da, wo ich an meine persönliche Grenze stoße und darüber hinausgehe. Nur ich selbst weiß, wann etwas für mich wirklich Verzicht bedeutet, wann es wirklich zu einer Übung wird. Es ist die Art von Grenzerweiterung gemeint, die Kraft und Freiheit mit sich bringt, wenn ich meine Gewohnheiten, Meinungen, meine Bequemlichkeiten überwinde und loslasse. Aus ökologischer Sicht ist Verzicht eine dringend benötigte Geisteshaltung. Wenn ich nachfolgenden Generationen ein gutes Leben ermöglichen möchte, muss ich jetzt mit ganz persönlichem Verzicht beginnen. Wenn ich Tiere mehr achten und beschützen möchte, ist mein Verzicht auf bestimmte Ernährungsgewohnheiten angesagt. Das fühlt sich gut und richtig an. Da klingt Verzicht plötzlich ganz anders, stark und wichtig. Weniger CO2-Ausstoß, weniger Fleisch, weniger Konsum – Woche für Woche ein Hauch mehr an Verzicht, einfacher leben und darin einen Frieden finden, der weit über die persönlichen Grenzen hinauswirkt.

 

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