Achtsamkeit

Das Tibetische Totenbuch ist sicher eine der bekanntesten Schriften des Buddhismus, obwohl es vermutlich nicht viele gründlich gelesen haben. Es bietet eine einzigartig dastehende genaue Beschreibung der Reise des Geistes beim Sterben und nach dem körperlichen Tod, eine Anweisung zum Umgang mit den Zwischenzuständen und ihren Erscheinungen.

Selbst in den ursprünglichen Reden des Buddha findet sich nichts Vergleichbares. Dennoch hat der Buddha den Umgang mit dem Sterben und dem Tod gelehrt und damit auch die Grundlagen für das Totenbuch geschaffen. Deshalb lohnt es sich zu erforschen, was wir darüber in den Reden des Buddha finden.UW78SCHW-Befreieung_vor_dem_Tod

Am Eingang zu Buddhas Lehre steht die Erkenntnis, dass es im Leben unvermeidlich ist, Leiden zu erfahren. In vielen Reden erläutert der Buddha klar, was er unter Leiden versteht:

„Niemand kann erreichen, dass das, was dem Altern unterworfen ist, der Krankheit, dem Sterben, dem Untergang, nicht altert, krank wird, stirbt und untergeht.
Wer Trauer empfindet über Alter, Krankheit und Tod ... sollte sich klarmachen: Ich bin nicht der Einzige, der das erfährt. Im Gegenteil, alle erfahren das." Angereihte Sammlung 5/48

Damit wird deutlich, warum man über diese Tatsachen des Lebens meditieren sollte. Es geht darum, nicht an Jugend, Schönheit, Gesundheit und am Leben zu hängen und daher nicht zu klagen und zu verzweifeln, wenn sich etwas verändert. An anderer Stelle finden wir die Worte:

„Deswegen werden weise Menschen niemals klagen, da sie die Natur der Welt erkannt haben. Man kennt den Weg der Menschen nicht, weiß nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen – sinnlos ist daher das Klagen. Durch Klagen gewinnt man nichts, man schadet nur sich selbst." Sutta Nipata 3/8

Wie kann man nun solch eine große Geisteshaltung erreichen? Darüber sagt der Buddha im Hinblick auf seinen eigenen bevorstehenden Tod:

„Ihr müsst euch selbst ein Licht sein, in der Lehre euren Schutz finden, und sonst nirgendwo. Wie geht das? Das geht nur, wenn ihr achtsam und klar bewusst den Körper, die Gefühle, die Geisteszustände und die ... Lehre als das betrachtet, was sie sind." Gruppierte Sammlung 47/13

Diese geschulte und nicht anhaftende Achtsamkeit ist es auch, die uns nach dem Tod sicher durch alle Zwischenzustände führen kann. Indem wir alles als von uns geschaffene geistige Gebilde erkennen, bewahren wir einen ruhigen Geist und werden nicht von den Emotionen mitgerissen.

Ein Schwerpunkt des Tibetischen Totenbuches liegt darin aufzuzeigen, dass alle Erscheinungen ein Ausdruck des eigenen Geistes sind, eine Spiegelung der Verfassung des unbefreiten Geistes. Auch der Buddha weist darauf hin, dass alles aus dem Geist entstanden und vom Geist geschaffen ist. Im ersten Vers des Dhammapada heißt es: „Vom Geist geführt die Dinge sind, vom Geist beherrscht, vom Geist gezeugt."

Eine weitere Unterstützung für eine stabile Geisteshaltung bekommen wir, wenn wir daran arbeiten, sowohl Begehren wie Ablehnung zu schwächen und zu überwinden, und darauf achten, dass unser Handeln ethisch einwandfrei ist.

„Welcher Sterbliche wird im Angesicht des Todes nicht in Furcht und Angst geraten? Wer das fieberhaft Verlangen und Begehren abgelegt hat. Wer nichts Unheilsames, Verletzendes und Gemeines getan hat, sondern edel und heilsam gehandelt hat." Angereihte Sammlung 4/184

Alle buddhistischen Traditionen sind sich einig, dass eine einfühlsame und weise Begleitung Sterbender von großer Wichtigkeit ist. Einmal erzählte der Buddha, wie ein König im Sterben lag und von seiner Frau mit folgenden Worten getröstet wurde:

„Alles, was einem lieb und wert ist, muss man eines Tages loslassen. Wenn du im Sterben liegst, dann greife nicht mehr nach dem Leben ... Sieh nur alle deine Schätze und gib sie auf, sie gehören dir nicht wirklich, sie sind nur geliehen. Wende dich davon ab." Längere Sammlung 17

Vor allem aber soll man einem Sterbenden die Lehre aufzeigen, den klaren Weg zur Freiheit, denn dadurch können sich viele Fesseln lösen. Der Buddha erklärt vier Arten der Begleitung eines Schwerkranken oder Sterbenden. Zuerst soll man Trost spenden und die guten Eigenschaften dieser Person ansprechen. Dann soll man fragen, woran dieser Mensch noch hängt, und ihn anregen, das loszulassen. Drittens soll man fragen, ob er sich noch nach menschlichen und sinnlichen Freuden sehnt, und ihm klarmachen, dass die zu erwartenden körperlosen Freuden viel intensiver sein werden, und ihn anregen, sein Herz darauf zu richten. Schließlich soll man aufzeigen, dass auch diese Freuden und Welten vergänglich sind, und ihn ermuntern, alles Anhaften an das Ich aufzugeben. Die mögliche Folge einer solchen Begleitung wird so beschrieben:

„Wenn ein Anhänger meiner Lehre das erkennt, hat er das entwickelt, was ein innerlich befreiter Mensch erreicht – nämlich die Befreiung von den treibenden Kräften." Gruppierte Sammlung 55/54

Es geht schließlich um die Befreiung aus dem sich sonst immer weiter drehenden Rad von Geburt, Alter, Sterben und Tod. Wie im Tibetischen Totenbuch beschrieben, bietet der vom Körper gelöste Geist, ehe er zu einer neuen Geburt drängt, eine gute Gelegenheit zur Befreiung durch Einsicht und Erkenntnis. Es geht darum, im Zwischenzustand den ursprünglichen Geist, das unmittelbare klare Licht zu erkennen, das niemals geboren wurde und daher niemals stirbt.

In den Reden des Buddha heißt es:

„Es ist das Ungeborene und Ungeschaffene, das Nicht-Gewordene und Nicht-Zusammengesetzte. Wenn es das nicht gäbe, dann wäre ein Entkommen ... nicht möglich. Weil es aber das Ungeborene und Ungeschaffene ... gibt, ist ein Entkommen daraus möglich." Udana 7/1

Vielleicht denken wir, das sei nur eine religiöse Theorie. Der Buddha berichtete jedoch von seinen konkreten Erfahrungen, und viele Menschen seiner Zeit und auch später haben diese Erfahrungen bestätigt. Ein Meditationslehrer erzählt von einem alten thailändischen Mönch, der im Sterben lag. Auf die Frage des Lehrers, wie er sich dabei fühle, sagte der Mönch: „Der Herr des Todes hat die ganze Erde nach mir abgesucht, er konnte mich aber nirgends finden. Dieser Mönch kann weder hier noch da noch irgendwo gefunden werden." (Aus Ch. Titmuss: Erleuchtung ist anders, als du denkst) Am nächsten Morgen starb der erwachte Mönch.

In vereinfachter Weise werden viele der Anweisungen des Tibetischen Totenbuches in der folgenden kurzen Belehrung des Buddha vorweggenommen, die der Meister einem kranken Mönch an dessen Lager gab:

„Du bist krank und schwach, aber wenn du ... die Befreiung durch Weisheit verwirklichen möchtest, dann bemühe dich um folgende Haltung. Mache dir die Unvollkommenheit und Hinfälligkeit dieses Körpers bewusst. Sei dir bewusst, dass die Nahrung dazu dient, diesen Körper am Leben zu erhalten. Erkenne, dass das körperliche Dasein keinen Reiz hat. Schau auf die Vergänglichkeit aller Erscheinungen. Stell dich auf den Tod ein und festige diese Vorstellung in deinem Inneren. Wenn du diese meditativen Betrachtungen übst, kannst du ... die Befreiung erlangen." Angereihte Sammlung 5/121

Eine außergewöhnliche Geschichte aus Buddhas Leben zeigt auf wunderbare Weise, wie der Buddha die Kontemplation über Tod und Vergänglichkeit als ein Mittel versteht, das in konsequenter Anwendung zu einem klaren Geist führt und das Tor zur Befreiung öffnet.

Einmal hielt der Buddha in einem Dorf einen Vortrag über die Wichtigkeit, täglich die Betrachtung des eigenen Todes als Meditation zu üben. Es wird gesagt, dass die Menschen nach Hause gingen und das unbequeme Thema schnell wieder vergaßen. Nur die Tochter eines Webers war so berührt, dass sie beschloss, jeden Tag während ihrer Arbeit am Webstuhl darüber zu meditieren. Nach langer Zeit kam der Buddha wieder in das Dorf und die Weberin, die eine wahre Schülerin des Buddha geworden war, freute sich sehr. Als sie beim Vortrag erschien, erkannte der Buddha ihren geistigen Fortschritt und in einem bemerkenswerten Dialog konnte sie ihm zeigen, dass sie nun eine Sache ganz sicher wusste: nämlich, dass sie eines Tages sterben werde. Tatsächlich geschah es, dass sie einige Zeit später bei einem Unfall getötet wurde. Den klagenden Vater tröstete der Buddha mit folgenden Worten:

„Der Tod ist kein Ende, sondern nur ein Wandel. Deine Tochter wird aufgrund ihrer intensiven Übung und tiefen Einsicht ihr nächstes Leben in einer himmlischen Welt verbringen oder Befreiung finden. Weine nicht, denn im unendlichen Kreislauf der Geburten hast du über den Verlust von geliebten Menschen schon mehr Tränen vergossen, als Wasser im großen Ozean ist." (Aus P. H. Köppler: Auf den Spuren des Buddha. O. W. Barth, 2001)

Alle Zitate aus den Reden des Buddha aus: Paul H. Köppler: So spricht Buddha. O. W. Barth Verlag 2004

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Kommentare   

# Uwe Meisenbacher 2018-01-11 10:15
Die Vorstellung, dass ein Ich wiedergeboren wird, wurde von Buddha ausdrücklich abgelehnt ( SN XXII, 47 ). Das Ich ist eine vergängliche Illusion.
Zu sagen, „ich“ habe in früheren Leben dies oder das vollbracht, werde in künftigen Leben ( als Mensch,Tier, in Himmel oder Hölle ) dies oder das erleben, beruht auf dem grundlegenden Denkfehler von der Existenz eines „Ich“.
Es ist eine Illusion sagt der Buddha, dass ein Körper (rupa) von einem Geist (nama) bewohnt wird, der sich dann wieder vom Körper trennen kann.
Es ist also eine illusorische Verblendung des Menschen durch Wunschdenken und Realitätsverweigerung bedingt, sich vorzustellen, das er wiedergeboren wird.
Buddhismus ohne Reinkarnationsglaube ist ein gut zu praktizierender Weg.
Buddha sein Anliegen war, uns Menschen im Umgang mit dem alltäglichen Leiden zu helfen.
Darauf basiert Buddhas Pfad der Weisheit, "Mache das Heilsame, lasse das Unheilsame und entwickle deinen Geist.
Wenn dann dadurch mehr Ethik, Moral und Gemeinwohl praktiziert wird und die Menschen weniger Leiden müssen, ist das doch auch schon mal was.

Schon der Buddha betonte, dass auch seine eigene Lehre (wie alle Dinge) dem Wandel unterliegt und stets in der Darstellungsform der jeweiligen Zuhörerschaft und ihrem spezifischen historisch-sozialen Kontext angepasst werden muss.

Mit freundlichen, aberglaubensfreien, heilsamen, buddhistischen Grüßen
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