Achtsamkeit & Meditation

Das ‚Gut Vielfalt‘ in der Buckligen Welt ist ein Gemeinschaftsprojekt von Menschen, die im Einklang mit der Natur leben wollen. Dafür teilen sie sich die Arbeit auf dem Bauernhof, auch das Gemeinschaftsgefühl ist für sie sehr wichtig.


Es ist Frühling, die Sonne scheint auf die Bucklige Welt. Hier, in den sanften Hügeln gerade einmal eine Stunde von Wien entfernt, liegt der Bauernhof aus dem 18. Jahrhundert. Gleich daneben plätschert ein Bach, schon auf der Straße kommen einem die ersten Hühner entgegen. Ländliche Idylle, so weit das Auge reicht.

An der Tür steht Inci. Sie ist schon seit fünf Uhr morgens auf. „Wie jeden Tag, um die Ziegen zu melken“, erzählt sie. Sie ist Anfang 50, hat graubraunes, schulterlanges Haar, kommt aus Deutschland, lebt seit einem Jahr auf dem Hof und strahlt eine angenehme Ruhe aus. Früher, erzählt sie, war sie Köchin und hatte ihr eigenes Restaurant in Köln. Das hat sie aufgegeben, um in einer Gemeinschaft im Einklang mit der Natur zu leben. ‚Gut Vielfalt‘ heißt der Hof, der als Projekt 2016 begonnen hat. Sie teilt sich die Arbeit mit drei Erwachsenen.

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Inci ist die Einzige, die immer da ist. Die anderen, Christin und ihre vierjährige Tochter, Frieder, der Student, sowie Kathi, eine Köchin, haben ihre Wohnungen in der Stadt behalten und pendeln, weil sie entweder arbeiten oder studieren. Hilfe auf dem Hof bekommt sie auch von Andreas, einem 24-jährigen Studenten, der von Anfang an dabei war, und drei weiteren Personen, die regelmäßig mitarbeiten, aber fix in der Stadt wohnen.
Ahnung von der Landwirtschaft oder der Permakultur hatte anfangs keiner. Mit viel Enthusiasmus und der Unterstützung von Karl, der ihnen den Hof vermietet und gleichzeitig auch als Mentor fungiert, wird der Hof gemeinsam bewirtschaftet. Das Credo, das alle hier teilen, ist, dass man aus den Erfahrungen in der Natur lernen will. Und zum Glück gibt es Karl, den man jederzeit anrufen und fragen kann: „Wie geht das? Wo ist das?“ Karl gibt gerne Auskunft. „Das ist Teil der Vereinbarung, ich helfe gerne, nur ausführen müssen sie es dann selber“, lacht er.

Karl selbst ist ein Aussteiger. Eigentlich hat er Schlosser gelernt, sich die Landwirtschaft dann selber beigebracht. Mittlerweile kann er davon auch leben. „Für mich ist es interessant, zu schaffen und zu gestalten“, sagt er. Deshalb ist Permakultur auch sein Weg. Was das ist? „In der Permakultur geht es um eine Bewirtschaftung angepasst an die natürlichen Kreisläufe und ein Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur.“
In Gemeinschaft mit der Natur leben, darum geht es. Karl hat auf seinen vier Hektar Land ein Permakultursystem mit 800 Beerensträuchern und 200 Obstbäumen etabliert. Bewässert werden die Pflanzen von Teichen, die Karl selbst angelegt hat. Die Hofgemeinschaft mietet einen Teil dieser Fläche, „eben so viel, wie wir bewirtschaften können“, erklärt Andreas.

Ziegen, Hühner, Schweine und zwei Katzen gehören auch dazu. „Die Arbeit mit den Tieren war anfangs sehr fordernd“, erzählt Inci. „Ich habe nie viel mit Tieren zu tun gehabt. Als wir hierhergekommen sind, waren die Ziegen schon da. Wir mussten uns also um sie kümmern. Es ist uns nicht leichtgefallen, war echt anstrengend. Jetzt wissen wir aber, wie es funktioniert, und es nicht mehr so dramatisch.“

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Auf dem Hof hört die Arbeit nie auf. Im Sommer wird auch schon mal bis zehn Uhr gearbeitet, im Winter ist die Planungszeit. Gepflanzt wird, was die Bewohner selber gerne essen, also unter anderem Spinat, Brokkoli, Gurken, Kartoffeln, Rhabarber und Kürbisse. Im April werden dann die Pflänzchen im Folientunnel vorgezogen, „denn erst ab Mitte Mai, wenn die letzte Chance auf Frost vorbei ist, geht es richtig los“, erläutert Andreas den Jahreskreislauf. Was noch zur Winterarbeit dazugehört: Küche renovieren zum Beispiel. Man braucht Platz, um die Ernte auch verarbeiten zu können, etwa Marmeladen für den Verkauf. Auch beim Renovieren wird alles selbst gemacht, wird Estrich gelegt, werden Wände verfliest oder verputzt. Mit jedem neuen Projekt lernt die Gemeinschaft dazu.

Leben von dem, was der Hof hergibt, kann einstweilen noch keiner. Essen ist aber für alle ausreichend da. Für den Verkauf werden Säfte, Marmeladen, Chutneys und Pesto hergestellt, auch Fleisch wird verarbeitet. Doch es reicht nicht einmal ganz für die Miete, geschweige denn für die Krankenversicherung oder persönliche Dinge. Deshalb arbeiten alle auch noch in anderen Jobs. Das wiederum bringt mit sich, dass nur selten alle Bewohner gemeinsam auf dem Hof anwesend sind. Es gibt aber regelmäßige Treffen, den Rest der Zeit wird in einer WhatsApp-Gruppe kommuniziert.

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Bei diesen Gemeinschaftstreffen ist die Devise: Es wird so lange geredet, bis alle einer Meinung sind. Andreas bezeugt: „Es kann oft anstrengend sein, aber man kann sich auch seiner Stimme enthalten, um den Prozess zu verkürzen. Die Bereitschaft zu Kompromissen ist jedoch erforderlich. Im Prinzip wollen wir ja alle das Gleiche beziehungsweise haben dieselben Ziele.“ Die Treffen bieten aber auch Raum, um persönliche Dinge anzusprechen. „Wir reden viel, und wenn einen was stört in der Gemeinschaft, muss es ausgesprochen werden, weil wenn nicht geredet wird, bricht es irgendwann später heraus“, ist Andreas überzeugt.

Warum zieht man aus der Stadt auf einen Bauernhof auf dem Land? Für Inci ist es ganz klar: „Es ist nicht weniger Arbeit als im Restaurant, aber ich lebe meinen Traum.“ Christin, die mit ihrer Tochter erst seit kurzem auf dem Hof wohnt, hat vorher auch schon in Wohngemeinschaften in der Stadt gelebt. „Gemeinschaft war mir immer schon wichtig, ich will Zeit mit anderen Menschen verbringen, das Miteinander, das Sich-Mitteilen oder auch nur das gemeinsame Kochen gehören für mich zum Leben dazu“, schildert Christin ihre Beweggründe. Jetzt mit Kind ist es ihr besonders wichtig, denn ihre Tochter soll die Naturkreisläufe kennenlernen. „Wir bekommen ein Naheverhältnis, wissen, wo die Nahrungsmittel herkommen“, sagt sie und sieht zufrieden aus. Christin ist Luftartistin, arbeitet im Zirkus, im Varieté und als Straßenkünstlerin. Sie pendelt vierzehntägig in die Stadt, um Geld zu verdienen und ihre beruflichen Kontakte zu pflegen.

Das Zusammenleben ist für alle Bewohner auf dem Hof ein zentrales Anliegen. Inci etwa hofft, dass sie später einmal, wenn sie alt ist, in der Gemeinschaft gut aufgehoben sein wird. Sie könnte auf die Kinder der anderen aufpassen und – sollte es einmal notwendig werden – auch von den anderen umsorgt werden, wenn es ihr schlecht geht. Durch Hof und Mitbewohner hat sich ihre Sicht auf das Leben verändert. Die Natur hat einen zentralen Stellenwert bekommen. „Früher habe ich mich immer über das Bessersein definiert. Der Hof hat mir geholfen, dass ich meine Prioritäten anders setzte. Miteinander macht das Leben einfach viel mehr Spaß, man baut Vertrauen auf und ist glücklich – einfach nur, weil andere da sind“, präzisiert Andreas.

Für die Zukunft hat die Gemeinschaft viele Pläne. Der Hof soll sich eines Tages selbst finanzieren und die Menschen, die dort leben, sollen nichts zahlen müssen, sondern eben von den Erträgen aus der Landwirtschaft leben können. Es sollen auch noch andere Personen zur Gemeinschaft kommen, damit die Arbeit besser aufgeteilt und mehr Fläche bewirtschaftet werden kann. „Ich habe derzeit keine Freizeit“, sagt Inci ganz offen, „meine Zukunftsperspektive wäre, dass ich nur bis zu Mittag arbeite. Ich will auch mal schöne Sachen machen, zu denen ich momentan einfach nicht komme: Etwa schöne Schilder für meine Kräuter malen oder vielleicht auch mal eine Runde spazieren gehen.“ Auch Tiere sollen noch kommen: Im nächsten Sommer soll es Kaninchen, Laufenten und ein Pferd geben.

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Fotos © Apollonia Bitzan

 

 

 

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