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Man kann es mit allem übertreiben, finde ich. Vor allem Drama Lamas greifen gerne zu diesem aufmerksamkeitsverschaffenden Trick. Doch die meisten von ihnen bringen damit niemanden in den Knast – hoffe ich zumindest.


Vor einigen Monate brachte die hiesige Tageszeitung ein Portrait von mir, weshalb ich mich erkenntlich zeigen wollte und ein Abo abgeschlossen habe. Meist überfliege ich die Titelseite, lese darauf die Öko-Glosse und wenn ich mir ausgesprochen Zeit nehme, blättere ich durch den Lokalteil. Dass ich dabei immer die Tage versäume, wo Freunde von mir Interviews geben und ich dann unschuldig schauen muss, wenn sie mich darauf anreden, ist eine andere Geschichte. Sie merken schon: ich bin eine schlampige Printmediennutzerin geworden. Und das trifft auch auf das Abo meiner Wochenzeitung zu, die ich inzwischen total zerfleddere, bevor sie meinen Geist ob all der gut geschriebenen Geschichten zerfleddert. Nur die Themen, die mich laut Inhaltsangabe interessieren, überleben diesen Prozess. Reicht auch noch.
Bei meiner lokalen Zeitung geht es schneller, schon allein wegen des Umfangs. Doch heute bin ich hängen geblieben, und zwar an einer Geschichte, bei der ich mir die Augen reiben musste. Nicht wegen des Kollegen, der sich damit beschäftigt hat, sondern wegen des Inhalts. Da ging es um eine über 70jährige Frau, deren Mann wohl neben alt auch ziemlich krank war. Bei einem Arztbesuch hatte sie sich beim Herrn Doktor erkundigt, ob es denn nötig sei, dass ihr Gatte so viele Medikamente nehmen müsse. Dabei ist mir meine Großmutter väterlicherseits eingefallen, die sich sehr gerne mit Ärzten umgeben hat und entsprechend viele Rezepte eingelöst hat. Nach ihrem Tod füllten diese einen halben Müllsack. Ich glaube mich auch erinnern zu können, dass mein Mediziner-Vater immer wieder einmal gefragt hat, wofür sie das eine oder andere Präparat verschrieben bekommen hätte. Angesichts der aktuellen Erkenntnis hat er wirklich Glück gehabt, dass er für diese Frage nicht im Kittchen gelandet ist.
Die 70jährige Frau nämlich wurde wegen versuchter Anstiftung zum Mord angeklagt, vier Monate saß sie in Untersuchungshaft. Und das alles offenbar wegen eines Missverständnisses. Sie wollte ihrem Mann das Leben erleichtern, dass ihrer Anschauung nach mit weniger Medikamenten eher zu gewährleisten war. Verstanden wurde, dass sie ihren Mann durch das Absetzen der Präparate um die Ecke bringen wollte. Und das alles zieht jetzt weitere Kreise, weil man zur Absicherung jetzt auch noch weitere Richtlinien und Verschärfungen der Anzeigepflicht fordert. Und ich frage mich wieder einmal: Haben Menschen ihre kommunikativen Fähigkeiten komplett verloren?

Reden statt anklagen
Nicht dass mein Leben arm an Missverständnissen ist! Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass in die einfachsten Sätze Romane hineingedichtet werden. Und das oft nur deshalb, weil man an einem Wort hängen bleibt, das irgendwas triggert. Bei meinem Ex beispielsweise ist es aktuell das Wort „Leid“. Wenn ich ihm etwas vorlese, von dem ich denke, dass es ihn freuen würde, und das Wort „Leid“ kommt zu früh, kann ich auch gleich mit dem Vortrag aufhören. Denn der Rest versickert eben in seiner Abwehr. Jetzt ist er aber schon zu den Fortgeschrittenen zu rechnen, denn er ist sich nach einer kurzen Beruhigungszeit dessen bewusst und dann auch für den Rest aufnahmebereit. Bei vielen anderen findet diese Reflexion nicht statt. Sie brettern mit ihren Überzeugungen einfach über das Gegenüber drüber, als gäbe es eine Weltmeisterschaft zu gewinnen.
Es hat einen Grund, warum der Mensch zwei Ohren und nur einen Mund hat. Doch das Zuhören ist eine Qualität, die keine große mehr zu sein scheint. Das Nachfragen übrigens auch nicht, wenn man etwas nicht verstanden hat. Das ist aber auch nur logisch, wenn man eh nicht zuhören will. Doch brauchen gerade jene, die verstopfte Ohren haben, irgendwann einmal jemanden, der sich das anhört, was sie von sich geben. Und da ist diesen Menschen dann jeder recht, der des Weges kommt. Ich verstehe das schon – man muss sich ja manche Dinge von der Seele reden. Doch gute Kommunikation ist wie eine Beziehung ein ausgewogenes Geben und Nehmen. Eine alte Gesprächsregel besagt, dass man zweimal auf Gesagtes eingehen sollte, bevor man sich selbst ins Spiel bringt. Und das gilt für das Gegenüber dann selbstverständlich auch. Die verschärfte Version wäre der indianische „Talking Stick“, bei dem so lange zugehört werden muss, bis der Inhaber desselben ihn weitergibt. Das kann dauern, zugegeben. Und deshalb ist diese Methode ja auch nicht immer und überall passend. Aber zweimal auf sein Gegenüber zu reagieren – das muss drin sein.
Und hätte der Arzt die 70jährige Frau gefragt, warum sie nach dem Absetzen der Medikamente verlangt, hätte sie dem Mediziner vielleicht erklären können, wie sie es gemeint hat. Und dann hätte man die Gefängniswärter, die Schöffen und die Richter nicht bemühen müssen. Dass man das dafür verwendete Steuergeld sinnvoller einsetzen hätte können, scheint mir glasklar. Oder stelle ich mir das in meiner Pippi Langstrumpf-Welt nur wieder einmal einfacher vor als es ist? Na ja, „einfacher“ ist vielleicht das falsche Wort – direkter, wertschätzender und konstruktiver würde es wohl eher treffen. Doch das setzt eines voraus, nämlich eine zunehmende Distanzierung zum eigenen Ego. Und das ist dann tatsächlich weniger einfach, als Pippi sich das gedacht hätte.

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