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Kollision mit der Unendlichkeit. Ein Leben jenseits des persönlichen Selbst.’ So hieß das Buch von Suzanne Segal, das 2000, vier Jahre nach ihrem Tod, auf Deutsch erschien.

Ich war elektrisiert – hier beschrieb eine ganz normale junge Frau aus dem Mittleren Westen der USA ihre Odyssee, nachdem sie spontan das erlebt hatte, was im Osten als Erleuchtung angestrebt wird. Nach langen Jahren der Suche, einem Studium der Klinischen Psychologie und nach Therapie, die ihre Erfahrung jedoch als Krankheit begriff, fand sie schließlich bei einem Therapeuten, Stephan Bodian, Verständnis. Er hat in seinem Vorwort den Satz geschrieben: „Es gibt nur eine Realität, eine Wahrheit, ein Bewusstsein, das in diesem Moment durch deine wie durch meine Au- gen schaut. Meister Eckehart hat es so aus- gedrückt: Die Augen, mit denen ich Gott sehe, sind die Augen, mit denen Gott mich sieht.“ Dieser Therapeut erkannte, dass mit Suzanne Segal ein tiefgehendes spirituelles Erwachen geschehen war. Er schickte sie zu seinem eigenen spirituellen Lehrer, Jean Klein, der zu diesem Zeitpunkt Vorträge über Advaita (Nicht-Dualismus) hielt. In diesem Kontext ist die Abwesenheit eines ‚Ich’ alles andere als ein Problem, es ist der ‚vollkommene’ Zustand des Seins.
Für dieses Buch habe ich mich entschie- den, weil mir die Zustände der spontanen Bewusstseinsveränderung, der Bodenlo- sigkeit und Entfremdung von Kindheit an vertraut sind und auch ich das große Glück hatte, auf verständnisvolle, spirituell orientierte Therapeuten zu stoßen. Autobiographien wie diese machen Mut, sich nicht verunsichern zu lassen, sondern beharrlich auf dem Weg der Ichlosigkeit weiterzugehen. ‚Kollision mit der Unendlichkeit’ war für mich ein Meilenstein in meiner eigenen Entscheidung, den spirituellen Weg im Westen gehen zu wollen und dabei auf die Angebote von Ersatzbefriedigungen durch Konsum weitgehend zu verzichten – nicht aus Lustfeindlichkeit oder Weltabgewandtheit, sondern aus Einsicht.
Ich meine zu beobachten, dass immer mehr solche Fälle des spontanen Egoverlusts bekannt werden und dass sich andere Ansichtsweisen anbieten als nur eine der Psychologisierung, die das Phänomen als Symptom erklären und beseitigen will. Die westliche Psychologie und ebenso die Philosophie des Abendlandes sind geprägt durch die Haltung des Rationalismus. Das Erleben der Allverbundenheit wird als ‚mystisch’ abgetan, als etwas, das keinerlei Wert in einer materialistisch orientierten Gesellschaft hat. Ich empfinde aber stark das Bedürfnis von Menschen nach ebensolchen Erfahrungen der Verbundenheit und spüre ihre Suche nach einer Wiederverbindung. In meiner Beschäftigung mit Trancezuständen habe ich denjenigen Zustand der Ekstase als einzigen weiterführenden erkannt, der mich ganz bewusst, völlig wach und mit beiden Beinen voll im Leben und in der Welt stehend in Verbindung mit dem Höchsten, mit dem Göttlichen bringt.

Kay Hoffman ist Tanztherapeutin, Autorin, Coach und Leiterin von Seminaren. Nach einer langen Phase der Beschäftigung mit fremden Kulturen bemüht sie sich heute, kritisches Denken mit Kreativität und Vision zu verbinden. Mehr Infos unter www.kayhoffman.de

 

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