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Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie grimmig die Mienen der Menschen sind, denen wir begegnen? Erschreckend in einer Westwelt, die alles hat und (fast) alles darf. Die Erfahrung eines Kuttel-Barbecues könnte viele Wertigkeiten wieder zurechtrücken.

Kürzlich ist meine Tochter nach einem Heimaturlaub wieder nach Berlin zurückgekehrt. Nachdem ich wieder das Privileg hatte, sie zum Flughafen zu fahren, ging dem eine lange Nacht der Gespräche voraus. Meist bedeutet das, Bilanz ziehen des hiesigen und dortigen Ist-Zustandes, der Empfindungen dabei und der Lehren daraus. Natürlich ist sie oft traurig, die Abstammungsgegend zu verlassen, doch inzwischen gewinnt sie ihrem aktuellen Standort doch einiges Gutes ab. Und so sagte sie, leicht vom schnoddrigen Berlinerisch angesteckt: „Weißte, in Berlin kannste sein, wie du willst. HIER bewertet dich jeder.“

Nicht dass das neu gewesen wäre. Schließlich bin ich in einem Ort aufgewachsen, wo ich bei meinem Vater verpetzt wurde, weil ich einen Menschen auf der anderen Straßenseite ob meiner Kurzsichtigkeit nicht gesehen und infolgedessen nicht gegrüßt hatte. Das setzt sich fort bis heute, wo meine Erscheinung Ratlosigkeit in den Menschen erzeugt, die mich unbedingt in eine Schublade stecken wollen. Je nach Befindlichkeit dieser Leute lande ich in ‚unabhängig, pippiesk und lustig‘ oder ‚schräg, unberechenbar und kryptisch‘. Schon alleine deshalb habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, Menschen meist so zu lassen, wie sie sich mir präsentieren – ich stecke nicht in ihren Schuhen. Und sie nicht in meinen. Aber mach’ ihnen das mal klar. Meist ist es einfach zu viel verlangt, Selbstreflexion in puncto Kommode einzufordern.

Am Wochenende – es regnete – fand ich endlich die Zeit, mir ein Video von Eckhart Tolle anzuschauen. Er erzählt darin von der Kraft der Gegenwart und dass alles, was uns beunruhigt, Sorgen bereitet oder wütend macht, meist nur Kopfkino ist. Mit der schnurrenden Katze auf dem Schoß und den prasselnden Tropfen auf dem Blechdach über mir befand ich mich in der perfekten Meditationssituation. Und war absolut im Reinen mit mir. Doch dann schob die Sonne die Wolken beiseite, und ich machte mich auf in die Stadt – ein Gassenfest, bei dem ‚meine‘ Bauchtanzmädels auftreten würden. Unsere Lehrerin hat angeregt, dass auch meine Gruppe irgendwann mal auf die Bühne müsse, weshalb ich schon jetzt in der seelischen Vorbereitungsphase bin. Doch das ist eine andere Geschichte.

Auf jeden Fall schob ich mich durch die Gasse, die bereits am Nachmittag vielbevölkert war. Essens- und Trinkstände wechselten sich ab, die Menschen hingen aneinander und bewegten sich auf diese Weise vorwärts. Dazwischen Touristen, die ihren Weg suchten, weil ihnen der Stadtführer mit dem hoch erhobenen Regenschirm in der Menge abhandengekommen war. Und das alles im Schneckentempo. Sie wissen ja inzwischen, dass ich’s mit Schnecken nicht so habe – weder im Hochbeet noch auf der Straße. Man sollte ein Ziel haben. Gurken beispielsweise oder eben eine Bühne mit Bauchtänzerinnen. Um dem stockenden Strom zumindest zeitweise zu entkommen, zweigte ich in meine bevorzugte Seitengasse ab, weil sich dort ein Geschäft befindet, in dem ich zu nachtschlafender Zeit immer einen Seidenmantel anschmachte. Er übersteigt mein Budget und doch gehört er mir. Eine Freundin regte an, speziell für ihn ein Sparschwein anzulegen. Werde darüber nachdenken.

Irgendwann nahmen mein Mantel und ich Abschied voneinander, weil mir klar war, dass es dauern würde, bis ich das Ende der Gasse und besagte Bühne erreicht hätte. Also eine weitere Etappe mit Essens- und Trinkständen, schleichenden Menschen und suchenden Touristen. Es ging schneller als erwartet, und ich nahm mich aus dem Gedränge. In einem kleinen französischen Bistro war ein einigermaßen abgeschiedener Tisch frei, wo ich meine Telefone, das Notizbuch und meine Zigaretten auspackte. Ja, Zigaretten wirken heutzutage schon abschreckend auf potenzielle Kontaktanbahner. Was für ein Segen! Während ich auf mein Viertel an Quiche Lorraine und meine Bauchtanzfreundin wartete, lehnte ich mich zurück und stellte Erschreckendes fest. Dabei handelte es sich nicht um die vorbeiziehenden Menschen, die ihren Körper nicht umfassend genug tätowieren konnten, keinerlei Einschätzung über die richtige Kleidergröße, Farbe oder den passenden Schnitt derselbigen hatten oder es im Stehen schafften, Kinn und Knie grimmig zusammenzuführen. Das Erschreckende war, dass ich mich von den Bewertungen anstecken hatte lassen, die meine Tochter hier so furchtbar fand. Und ich kam einfach nicht heraus, selbst das Schreiben darüber half nichts. Geschweige denn Connie Francis’ ‚Schöner fremder Mann‘, das von der Bühne zu mir herüber dudelte. Ich liebe Connie Francis, aber nicht unter Nervenanspannung.

Wo war meine Toleranz, derer ich mir vor kurzem noch so sicher gewesen war? Ich erinnerte mich an meine Reisen (Ausnahme bleibt Dar Es Salaam, aber da stand ich unter schwerer Medikation!), wo ich alles so nehmen konnte, wie es war – ohne Bewertung, einfach nur als Beobachtung. Welchen Unterschied gab es? Schließlich wohne ich in einer Stadt, deren Schönheit es mit vielen anderen Orten dieser Welt locker aufnehmen kann. Und dann erkannte ich: Die Schönheit ist es. Jeder von uns kann dazu beitragen, dass diese Welt ein Stückchen schöner wird. Und sei es nur mit einem Lächeln. Doch das finde ich offensichtlich eher in einem Township in Kapstadt, wo Menschen Kutteln auf den Grill werfen und sich eine Toilette mit 199 anderen teilen müssen. Hierzulande, wo jeder alles hat und kann, ist man offenbar immer noch unzufrieden mit dem, was das Leben hergibt. „Was denn noch?“, frage ich mich, während ich den Kopf drehe und meine Freundin auf mich zusteuern sehe. Sie lächelt – und ist schön. So geht Leben. Immer und überall.

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