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Die derzeit herrschende Hitze ist ja nicht gerade förderlich für kreative Ideen – zumindest nicht für meine. Ich merke, wie sich der Schweißfilm über das legt, was sonst sprudelt. Und deshalb habe ich heute meinen Arbeitsplatz an den See verlegt. Mit irritierendem Ausgang.

Vor zwei Wochen hatte ich mich ja darüber ausgelassen, dass der Mangel an trüben Tagen meinen Zeitungsstoß in den Himmel wachsen lässt. Heute habe ich mich aufgerafft und die liegen gebliebenen Wochenend-Zeitungen in die Seetasche gepackt. Normalerweise bin ich da relativ schnell, weil ich nur die Überschriften lese und mich dann genauso schnell der Frust packt. Ich lese über den Knatsch innerhalb politischer Parteien, inspirative Fußballtrainer und das Internet, das wir verdienen. Abgesehen davon, dass ich keine Ahnung habe, was das bedeuten soll – jetzt weiß ich wieder, warum die Stimmung im Land so ist, wie sie ist.

Ich mache mir Notizen in mein Büchlein, das mich stets begleitet. Dort finden sich außerdem ein Plot für einen Roman, Aufzeichnungen einer Besprechung und ein unausgegorener Abschiedsbrief. Alles in rosaroter Tinte, weil ich das gerade so sommerlich finde. Zusätzlich mehrere Versuche, gedankliche Kakophonie zu bündeln. Man könnte also sagen, in dem Büchlein finden sich ziemlich persönliche Schreibereien. Unter anderem auch Fäden für diesen Blog.

Die aufziehenden Gewitterwolken und ein bevorstehender Abendtermin sowie die Tatsache, dass diese Zeilen noch geschrieben werden wollten, ließen mich zügig aufbrechen. Ich nestelte mich aus dem nassen Bikini, klaubte meine Zigarettenstummel aus dem Gras, warf die überflogenen Zeitungen weg und verließ den See. Vor meinem geistigen Auge stand dieser Text bereits, und ich freute mich, ihn zu virtuellem Papier zu bringen.

Daheim angekommen, warf sich die Katze vor meine Füße, um mir ihren verklebten Bauch zu präsentieren und es sich dann anders zu überlegen, als ich mit der Schere anrückte, um die Haare abzuschneiden. Anders lassen sich Blätter und sonstige Gartenrückstände leider nicht entfernen. Und nein, sie hat keine Flöhe. Ich hatte nur wenig Erfolg, weil auch wenig Geduld, weil ich ja schreiben wollte. Kaffee gemacht, Ventilator eingeschaltet und draufgekommen, dass ich mein Büchlein aus der Tasche holen muss.

Mein Griff ging ins Leere. Und auch als die Tasche ausgeleert war, fand sich das Büchlein nicht. Ich stapfte zum Auto, denn wer rasant um die Kurven fährt, schüttet Zimmer, Küche, Kabinett schon mal quer durch den Beifahrer-Fußraum. Oder in die Ritzen zwischen Türe und Sitz, wahlweise zwischen Sitz und Handbremse. Nichts. Ran ans Telefon, um im Strandbad meines Vertrauens einen freundlichen Menschen dazu zu bringen, das Büchlein zu suchen. Doch dieser freundliche Mensch machte mir genauso freundlich klar, dass gerade ein Unfall die Belegschaft auf Trab halte und ich doch am Folgetag in der Früh anrufen solle. So.

Ich bin eine große Verfechterin von Zeichen. Nicht immer gelingt es mir, sie im richtigen Zeitpunkt auch zu sehen. Was mich wiederholt in Situationen bringt, mit denen ich vorerst schlecht zurechtkomme. Doch das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls: Mit dem Büchlein sind die Aufzeichnungen futsch. Die für den Roman. Die für diesen Beitrag. Die über meine Gedanken. Schon einmal hatte ich eine ähnliche Situation, als ein Zimmerbrand einen Tagebuchband vernichtete – mehrere Wochen lang kann ich also nichts belegen, was sich damals in meinem Kopf und Leben abspielte. Es soll ja Menschen geben, die das als Gewinn betrachten. Und aus der heutigen Sicht waren es wirklich nur Prozessschritte, more or less.

Das Einzige, was ich gerettet habe, weil vorher abgetippt, war der Abschiedsbrief. Deute ich die Zeichen richtig, soll ich wohl den Roman noch einmal neu denken, das Thema dieses Blogs spontan wählen, den Brief aber abschicken. Und meine tagebuchartigen Eintragungen? Sie waren wohl auch nicht von Wert. Auch wenn ich mich – vorbehaltlich des angeregten Anrufs im Strandbad – über meine Unachtsamkeit ärgere und mir überlege, ob mit dem Büchlein Missbrauch getrieben werden könnte, nehme ich die Angelegenheit doch einigermaßen gelassen. Und das hat vor allem einen Grund: Meine Handschrift ist nur für Ausgewählte leserlich. Mehr als eine Handvoll Menschen kommt da nicht zusammen. Und die waren definitiv nicht am See. Selbst ich muss über manches Wort mehrmals drüberlesen. Wird sich jemand von den sonnenfaul herumliegenden Leuten diese Mühe machen? Wohl nicht, denn ich war umrahmt von Jugendlichen, die sich in mehr oder weniger großer Lautstärke ihren hormonellen Schwankungen hingaben. Sie waren mit sich selbst beschäftigt. Loslassen fällt also leicht. Den Roman. Die Notizen. Die Gedanken. Am Wasser immer.

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