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Kürzlich habe ich etwas über interkulturelle Verständigung gelernt. Und die beginnt ja bekanntermaßen nicht erst bei den richtig großen Angelegenheiten, sondern bei den Kleinigkeiten.

Während meiner Tätigkeit als Sprachtrainerin für Flüchtlinge (oder heißen die jetzt offiziell ‚Geflüchtete‘? Wurscht, anderes Thema) gehörte es nicht nur zu meinen Aufgaben, ihnen Deutsch nahezubringen, sondern sie auch mit den hiesigen Sitten vertraut zu machen. Dass man sich mit Handschlag begrüßt. Dass man sich dabei in die Augen schaut. Dass man idealerweise pünktlich zum Sprachtraining erscheinen sollte. Solche Sachen. Diese Art von Achtsamkeit zu schulen war interessant, denn meist sind es ja die Selbstverständlichkeiten, die man sich selbst erst einmal vergegenwärtigen muss, um sie vermitteln zu können. Jeder, der Kinder hat, kennt das.

Bei meinem kürzlich erfolgten Spontan-Trip nach Tunesien habe ich die umgekehrte Warte kennengelernt. Das Thema: Wie zeigt ein Mann einer Frau, dass er sie mag, in sie verliebt ist? Mir wurde beigebracht, dass es für eine tunesische Frau ein eindeutiges Zeichen von Sympathie ist, wenn sie zu einem Kaffee eingeladen wird. Bei französischen Frauen würden die Karten bei einem Abendessen auf dem Tisch liegen. Und mich erreichte die Frage, wie das denn in Österreich so gehandhabt würde. Überrascht musste ich feststellen, dass ich dafür keine spontane Antwort hatte. Eine Kaffee-Einladung jedenfalls nicht, was die Mimik meines Gegenübers verdüsterte. Schließlich geht man hierzulande sehr schnell und gerne auf einen Kaffee – wo käme man denn hin, wenn sich daraus jedes Mal lebenslange Beziehungen ergeben würden? Das mit dem Abendessen finde ich jetzt auch wenig aussagekräftig, denn erstens bin ich inzwischen zu alt, um mich davon beeindrucken zu lassen, und zweitens will ich selbst für mein Essen zahlen, um etwaige Erwartungen schon im Vorfeld zum Platzen zu bringen. Was also dann?

Ich kratzte den Schaum von den Wänden meiner Cappuccino-Tasse und überlegte. Meinem Gegenüber jetzt eine Abhandlung in Sachen ‚Wahrgenommen werden‘ zu halten erschien mir zu kompliziert, selbst wenn ich den Umgang mit der englischen Sprache sehr genieße. Es musste also etwas Einfacheres sein, und im Grunde passt das ja, denn Zuneigung ist im Idealfall etwas sehr Einfaches. Entweder mag man sich oder nicht. Ende der Fahnenstange. Wenn man sich da nicht sicher ist, sollte man den Kontakt tunlichst meiden, bis sich die innere Gewissheit eingestellt hat.

„Wenn ich geküsst werde“, antwortete ich schlussendlich aus einer Eingebung heraus. Und tatsächlich ist das so. Es mag ja sein, dass es dem vorhergehende Zeichen gibt, doch dafür war und bin ich meist blind. Bei einem Maturatreffen vor einigen Jahren hat mir ein ehemaliger Schulkollege gestanden, dass er unglaublich verliebt in mich gewesen sei. Mir erscheint das bis heute unwahrscheinlich anhand der Reminiszenz seines Verhaltens. An dieser Stelle greift die These vom Erinnerungspositivismus in keiner Weise. Ich brauche also wirklich Taten, um Zuneigung ‚zu checken‘ – das wurde mir in diesem Café am Golf von Hammamet klar.

Kürzlich wurde ein neues Projekt angestoßen, denn eine Freundin soll die Bekanntschaft eines muslimisch geprägten Mannes machen. Und damit das nicht entgleist (oder zumindest nicht sofort), wird ein Vierer-Treffen anvisiert. Ein gemeinsamer Kaffeehausbesuch. In Anbetracht dessen, dass sich Menschen mit jüdischem, christlichem, orthodoxem und eben muslimischem Hintergrund beim Kaffee treffen werden, bin ich gespannt, welche Bedeutung die Beteiligten diesem Ereignis zuweisen werden. Der Freundin kann praktisch alles passieren – bis hin zur Verheiratung. Ich freue mich auf die Berichte.

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