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Sind Sie schon einmal durchgebrochen? Also nicht durch das Eis oder mit dem Buttermesser durch die Toastscheibe. Sondern erkenntnistechnisch. Im Sinne des gordischen Knoten, den man durchschlägt oder dem Licht, das einem plötzlich aufgeht, weil man endlich die richtige Glühbirne mit dem richtigen Sockel gefunden hat.

Diese Art von Durchbruch. Doch Achtung: So sehr man sich danach gesehnt hat – das muss man erst einmal verkraften.

Man kann sich ziemlich gut einrichten darin, Lösungen und Vorgehensweisen für bestimmte Probleme und Herausforderungen zu suchen. Nächtelang. Wochenlang. Jahrelang. Dabei entwickelt man richtige Rituale, die einen scheinbar darin unterstützen, Pudels Kern zu finden. Und dringt man von Zeit zu Zeit eine Schicht tiefer, freut man sich tierisch. Dann hat man das Gefühl, das nächtelange Sitzen und Sinnieren trägt Früchte. In der Größe von Kirschen, aber immerhin. Irgendwann hat man einen Viertelkilo beisammen und kann Kuchen backen. Und sich sattessen.

Doch genauso wenig, wie man sich permanent von Kirschkuchen ernähren kann, gibt die Seele Ruhe. Und man merkt, dass das noch nicht alles gewesen sein kann. Dass da noch etwas ist, was es zu betrachten, zu suchen und zu entdecken gilt. Meist ist es nur ein Gefühl ohne Namen, und schon die Suche nach einer begrifflichen Eingrenzung treibt einen wieder in das bekannte Ritual. Sitzen und Sinnieren. Sinnieren und Sitzen. Geschirrspülmaschine einräumen/ausräumen. Sitzen und Sinnieren. Sinnieren und Sitzen. Das kann einem auch auf die Nerven gehen, und dann geht man ins Außen. Befragt Freundinnen, Freunde, Familie. Denn man kommt immer wieder an einen Punkt, wo man die Mann-im-Mond-Warte einfach nicht schafft. Weil man im Wald steht und die Bäume nicht sieht. Seine Gedanken nach außen zu tragen, hilft oft. Der Erfolg hängt allerdings auch vom Beraterstab ab. Und dessen Bodenständigkeit, Zugewandtheit und Empathie. Jemanden, der die Suche als irrelevant, sinnlos oder negativ abtut, verkraftet ein Wurzelschürfender ganz schlecht.

Und dann kommt der Tag, wo man spürt, dass man dem Ziel sehr nahe ist. Wo man spürt, dass die Mauer, gegen die man nächtelang, wochenlang, jahrelang gelaufen ist, Risse bekommt. Wo der Putz bröckelt. Und man weiß, dass man weder zuspachteln noch drüber malen will. Nicht mehr. Weil es einen nämlich zurückhalten würde auf dem fast durchgesessenen Stuhl, der ebenfalls schon ächzt, wenn man sich wieder einmal darauf niederlässt. Denn eigentlich will man sich befreien vom Sinnieren und Sitzen, bei aller Liebe zu Ritualen. Wo ein Wille, da ein Weg – plötzlich gibt die zusammengebrochene Mauer ihn frei, so unglaublich das erscheinen mag. Er führt einen ans Ziel, weil man das Ziel auf einmal erkennen kann. Man weiß, wo es liegt und wie man hinkommen kann. Endlich!

Doch was man sich als Befreiung vorgestellt hat, haut einen gelinde gesagt erst einmal zusammen. Die Kraft, die man in die Wurzelschürfung investiert hat, ist genau dort – unterirdisch. Und man merkt, wie viel davon man gelassen hat in den nächtelangen, wochenlangen, jahrelangen Sitzungen. Man fühlt sich wie der nasse Fetzen, der einfach nur liegen will. Und dabei staunt man über den plötzlich leer gewischten Kopf. Dort, wo sich die Warums um die Wiesos gedreht haben, ist Ruhe eingekehrt. Und weil man keine Kraft für nichts mehr hat, hört man auf, zu bewerten. Das Leben, die Menschen darin, die Vergangenheit. Zur Trauer, Resten von Bitterkeit und Wut über die scheinbar verschwendete Mühe mischt sich Gleichmut, immer mehr. Man fühlt sich zuerst für sich verantwortlich und lässt anderen ihren eigenen Entwicklungsweg. Für den sie selbst einstehen müssen. Und nur sie. Und bei all dieser herzenstief empfundenen Gelassenheit merkt man plötzlich, wie viel Zeit man gewonnen hat – für Kreativität, Leichtigkeit und Schlaf.

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