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Selten zuvor hat mich ein Buch derart verändert wie dieses, so sehr, dass ich gezögert habe, es zu teilen, gar weiterzuempfehlen.

rosaKulmhof, Polen, in gewellter Erde, Massengräbern, wohnt in einer talgigen, verrußten Höhle die Volksdeutsche Rosa Peham mit ihrem Mann und ihrem Schatz, einem Emaileimer (in einer Zeit, die noch keine E-Mails kennt) voller Eheringe und einem Schimmel namens Franz, benannt nach ihrem Geliebten, dem Wehrmachtssoldaten Maderholz, der nach dem Krieg von Partisanen aufgegriffen, mit zerschossenem Kiefer in eine Triester Klinik eingeliefert wird, ein Lehrbeispiel für Kriegstraumatisierte, Untersuchungsgegenstand, später, wieder halbwegs hergestellt, Gastwirt, um ganz am Ende gar noch einmal nach Kulmhof zurückzukommen.
Rosa, die nur mehr ein Auge hat, ausgeschlagen das andere auf der Hochzeit ihrer Schwester, von ebendieser, der Braut, aus Rache dafür, dass sie ihr als Kind mit einer Nagelschere die Wimpern abgezwickt, Rosa Peham also, mit einem Gewächs über der leeren Augenhöhle, lebt wie ein Geist des Vernichtungslagers Kulmhof, dort, wo die ersten Vergasungswagen eingesetzt, man Hunderttausende zuerst erschossen, dann verbrannt, später ihre Knochen zu Mehl zerschlagen, in die Netze geworfen hat, lebt inmitten der Massengräber wie ein Geist mit ihrem Mann, den man später wegen Kindesvergewaltigung vor Gericht bringen sollte, lebt in einem Wald mit kriegstraumatisiertem Moos, depressiven Bäumen, auch noch nach Generationen verstörten Vögeln.
In diese düstere Atmosphäre taucht Thomas Harlan, selbst Sohn des NS-Filmers Veit Harlan (Jud Süß), selbst als Kind an Hitlers Tisch gesessen, später Aufarbeiter, nähert sich ihr von immer wieder anderen Zeitpunkten und anderen Perspektiven auf höchst poetische Art in einer unerhörten, so sonst selten zu lesenden Sprache, in oft seitenlangen Sätzen, unerhört präzise. Nicht heischend oder sensationslüstern, nicht urteilend, unvoreingenommen nähert er sich dieser seltsamen Geschichte dieses einäugigen Geistes namens Rosa Peham und damit auch dem Zweiten Weltkrieg, dem Gräuel der Vernichtungslager, menschlicher Perversion, generationsübergreifender Verwicklung, aber eben damit auch dem Wunder allen Existierens. Insofern ist dieses ‚Rosa’ von Thomas Harlan auch ein spirituelles Buch, eines, das vielleicht an keinen Gott mehr glaubt, an keinen höheren Geist als die Sprache selbst, die bei Harlan unerhört musikalisch ist, ohne in erkennbare Rhythmen zu verfallen. Musikalisch auf eine Art und Weise wie moderne Musik, fast atonal, nicht melodiös, aber eben doch sehr musikalisch.
Ein Buch, so einzigartig in seinem Stil wie in seiner Thematik, undurchschaubar wie das Tibetanische Totenbuch, faszinierend wie Konrad Bayers ‚Vitus Bering’ und spannender als viele Krimis. Ein Buch, das man nicht nur immer wieder lesen kann, sondern auch eines, das einen verändert. Aus diesem Buch geht man anders hervor, als man hineingegangen ist. Selten zuvor hat mich ein Buch derart verändert wie dieses, so sehr, dass ich gezögert habe, es zu teilen, gar weiterzuempfehlen. Dieses Buch ist ein Geschenk, aber wirklich kein Geschenksbuch.

 

FRANZOBEL, geb. 1967, gilt als einer der populärsten und polarisierendsten Schriftsteller Österreichs. Zahlreiche Auszeichnungen; bei Zsolnay zuletzt erschienen: ‚Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik’ (2005), ‚Liebesgeschichte’ (2007) und 2009 ‚Österreich ist schön. Ein Märchen’. Nähere Informationen: www.franzobel.at

 

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