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Einer dieser Abende mit einem meiner Leihsöhne. Futter für Körper und Geist fassen. Reden. Über das, was ihn bewegt. Und die Welt. Manchmal kann ich (noch) mit, manchmal weniger. Bei einer 1.000 Euro-App ganz bestimmt nicht.

Der frühe Abend ist lau unter den Schirmen, das Essen sättigend und das Gespräch fließt. Er steht knapp vor seinem Hochschulabschluss, erzählt mir von seinem durchgetakteten Leben zwischen Bachelor, Boxen und Beziehung. Immer wieder bewundere ich an ihm diese Disziplin, die ich in seinem Alter vernachlässigt habe. Für die Diplomarbeit räumte ich für drei Wochen mein Leben von allen Lastern frei, für die Prüfung noch einmal. Das war’s mit meiner Disziplin. Dazwischen ließ ich mich treiben, lernte vorrangig fürs Leben. Vom heutigen Standpunkt aus gesehen hat es mir wenig geschadet, außer dass mir manchmal das Verständnis dafür fehlt, dass es andere eben nicht machen.

Doch meine Leihkinder liegen mir am Herzen und selbstverständlich respektiere ich ihre Art, das Leben anzulegen. Die ‚wilde Mutter‘ in mir gibt sich damit aber nicht immer zufrieden, sondern will fördern und fordern. Und so gehen wir in ein Ein-Mann-Stück, das sich mit dem Apfel-Telefon und dessen ‚Erfinder‘ beschäftigt. Nicht dass wir zwei eines dieser Geräte besäßen – der Technik kommen auch wir nicht aus. Er, weil er diese Branche für sich gewählt hat, ich im weitesten Sinne auch. Schließlich geht ohne Taschencomputer heute kaum mehr etwas. Keine Mails im Urlaub? Huch. Keine grün-weißen Nachrichten? Hach. Keine Updates im Gesichtsbuch? Hui. Lassen Sie mich ein bisschen übertreiben, der endlich eingetroffene Frühling inspiriert mich über die Maßen.

Auf jeden Fall kann man über den Apfelhändler sagen, was man will – er wusste die Menschen zu bewegen. Und sie dazu zu bringen, etwas von sich zu glauben, was sie ohne Handy nie geschafft hätten. Ich in meiner skeptischen Art, alles, was mit Schein zu tun hat, zu hinterfragen, wende mich an die Jugend mit der Bitte um eine Erklärung. Doch alles, was ich höre, wird von einem getoppt: nämlich, dass es eine App gegeben habe, die den Leuten 999,99 Dollar aus der Tasche zog. Und das alles für das Mantra „I am rich, I deserve it, I am good, healthy & successful.“ Sonst konnte diese inzwischen vom Apfelmarkt entfernte Applikation nichts. Nada. Niente. Und trotzdem haben sie acht Menschen gekauft. Einfach, weil sie es konnten. Ich versinke in Schweigen.

Am Morgen danach schweige ich immer noch. Sitze inmitten meiner Pusteblumenwiese, verteile mich samt Katze auf zwei grünen Kissen, halte mein Gesicht in die Sonne und trinke meinen Ingwertee. Und fühle mich reich, weil es viele Menschen ohne Garten gibt. Fühle mich gut, weil mich die Sonne wärmt. Fühle mich gesund, weil ich meinen Tag ohne Kaffee beginne. Fühle mich erfolgreich, weil ich das alles ganz ohne die Investition von 1.000 Dollar genießen und das Geld lieber für eine weitere Reise verwenden kann. Bevor ich über den Zustand dieses Teils der Schein-Menschheit zu hadern beginne, legt mir die Katze ihre Pfote auf den Schenkel. Ganz als wollte sie sagen: „Lass gut sein.“ Und das mache ich dann auch.

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