Spiritualität

Wie man von Körper und Bewegung in den Geist und die Spiritualität kommt. Der Daishin-Zen-Weg mit seinen drei Übungspfeilern zeigt, wie wir unsere in Meditation, Yoga-Asana-Training oder Sport gewonnenen Erfahrungen für einen erfüllten Weg in uns selbst und unsere Welt nutzen können.

In unserer Kultur bedeutet Spiritualität, vom lateinischen Wort ‚spiritus' – (Atem) Geist abgeleitet, häufig, dass wir Körper und Geist trennen. Entweder entwickeln sich ehemals spirituelle Übungen als rein körperlicher Sport oder Spiritualität wird zur Vergeistigung mehr und mehr ohne Körper verstanden. Beides versteht sich oft ohne Bezug zur Wirklichkeit, ohne Erdung, eher als Parallelwelt einer erdachten oder gefühlten Innerlichkeit. In unserer Zivilisation findet Wirklichkeit immer häufiger nur in Gedanken statt. So bedeutet Spiritualität eben für viele nur Geist. Durch diese Tendenz entwickelt sich in der Spiritualität eine immer größere Virtualität, eine Abtrennung von der Welt. Geist und Körper sind aber eine Einheit. Körper ist Geist und Geist ist Körper. Form ist Leerheit, Leerheit ist Form. „Shiki soku ze kū, kū soku ze shiki."

 

Es gibt jedoch immer mehr Menschen, die diese einseitige Betonung auf Vorstellung, also spirituell-emotionale Erfahrung auf der einen und Fokussierung von Spiritualität auf reine Körperübung auf der anderen Seite, zwar als guten Einstieg für sich realisieren, schließlich aber nicht wirklich weiterkommen. Die eigene Entwicklung und das spirituelle Wachstum in Bezug auf eine Veränderung im eigenen Leben kann sich besonders dann nicht einstellen, wenn der Maßstab eben nur ‚die eigene, innere Erfahrung' und nicht die eigene Person und die eigene Welt mit allen Herausforderungen wie Beruf, Beziehungen und Verführung zu Verstrickungen ist. Im Zen bedeutet die erste Befreiung, ‚Kensho', nicht ‚Ich-Erfahrung', sondern Wesensschau im Sinne von Wirklichkeitsergründung. Welt und Wesen sind alles, das bedeutet, dass alles miteinander verbunden ist. Ich, Körper, Umwelt, Mitmenschen, Leiden, Freude, Krankheit, Sterben, Tod, Geburt, Verstrickung, Emotionen, Irrtümer – eben alles, was die weite Welt ausmacht, ist miteinander verbunden. Wenn wir uns wirklich von Verstrickung, Unruhe, Getriebensein, Ängsten, Sorgen und Fremdbestimmung befreien, diese Welt retten und den Menschen dienen wollen, ist es wichtig, dass wir in die Einheit von allem kommen, vor allen Dingen in die Einheit mit dem eigenen Körper und der eigenen Welt.

 

Form ist Leerheit, Leerheit ist Form.

 

Zen lehrt, dass die Verbindung zwischen Geist und Erfahrung ‚Ki' ist. ‚Ki' ist Lebensenergie. Die verbindende Erdung findet im ‚Hara', der sogenannten ‚Erdmitte' beziehungsweise Leibesmitte des Menschen statt. Das ist der Bereich des Körpers, der sich im Bauchraum unterhalb des Bauchnabels befindet, und dort wird ‚Ki', chinesisch ‚Qi' oder Sanskrit ‚Prana', gesammelt. Es gibt keine Lebensenergie ohne Bewegung, ohne Fluss und ohne lebendige Kraft. ‚Ki' ohne Bewegung ist nur kosmische Energie, Raum-Unendlichkeit selbst (Sankrit: Akasha). Es geht aber noch weit über diese Erkenntnis hinaus. Viele großartige Menschen, ganz besonders Frauen, beschreiten heute diesen Weisheitsweg und das hat damit zu tun, dass Frauen vermehrt erkennen und verstehen, dass Weisheit weiblich ist. Weisheit ist weiblich, Körper, Schöpfung und Erde sind weiblich. Die Methode aber, der Weg ist männlich. Streben, Bewegung, zielgerichtetes Handeln und Himmel sind auch männlich. Das Dienende, Schützende, Gestaltende ist ebenfalls männlich. Männlich und weiblich in ihrer geheilten, reinen Form sind heilig. Die Verbindung von beiden kann ein spirituelles Ziel sein. Über 2,6 Millionen Frauen in Deutschland üben Yoga. Das ist großartig. Millionen andere joggen oder machen andere Sportarten. All diese Menschen spüren instinktiv, dass der Körper der Schlüssel ist. Wer Yoga betreibt, Sport in Achtsamkeit praktiziert oder joggt, kommt manchmal oder vielleicht sogar häufig in eine Erfahrung, die man gerne als ‚Flow' bezeichnet. Und dieser Flow hat schon einen Geschmack von Tiefe, einen Hauch von Erfüllung.
Was ist also der Unterschied zwischen Flow und tiefer Spiritualität?

 

All diese Menschen spüren instinktiv, dass der Körper der Schlüssel ist.

 

Die drei Pfeiler des Zen


Wie schon erörtert, wird im Westen Spiritualität gerne ausschließlich als Geist verstanden. Im Gegensatz dazu steht Zen mit seinen drei Pfeilern. In allen drei Pfeilern des Zen sind Körper, Geist und Energie gleichwertig. Erleuchtung ist niemals nur Erleuchtung im Sinne von Vergeistigung oder Abtrennung von Welt und Sinnlichkeit, sondern die Erkenntnis, dass ‚Rupa', das Sanskrit-Wort für Körper, aber auch für Welt, gleichermaßen erleuchteter Geist ist. Das bedeutet, dass Körper und Geist eins sind. Dass großer Geist und große Natur eins sind. Die drei Pfeiler des Daishin-Zen bieten einen großartigen Weg, der in die Vollendung führen kann. Sei es, weil vielleicht schon regelmäßig meditiert wird, dort aber eine Grenze entstanden ist, wo die innere Erfahrung immer mehr im Widerspruch zu den Herausforderungen der Welt steht. Sei es, dass Sport, Yoga-Asanas oder andere Richtungen wie Qi Gong geübt werden und auch hier ein Wunsch gespürt wird, weiterkommen zu wollen.

 

In der rechten Reihenfolge sind diese drei Pfeiler am effektivsten, wobei der erste die Voraussetzung für alle folgenden darstellt. Der erste Pfeiler heißt Zazen. Zazen ist die Zen-Meditation im Sitzen und hat in der rechten eingeübten Form eine außergewöhnliche Bedeutung. Wieso brauchen wir in der Zen-Meditation eine strenge Form? Warum können wir die Form nicht einfach aufgeben, auflösen und entspannt im Hier und Jetzt verweilen? Die Form ist das Gefäß. Ich vergleiche das gerne mit heißem Tee, den ich trinken möchte. Habe ich keine Tasse, dann kann ich den Tee nicht trinken. Das Zazen in der Form und der rechten Übung ist der Weg zur ersten Erfahrung. Es geht darum, dass wir ‚wir selber' sind. Das bedeutet, dass wir im Zazen in unsere Mitte der Kraft und des Herzens kommen und so zu Hause bei uns selbst, in unserem Wesen und in unserer Welt ankommen. Daraus ergibt sich ein angemessenes, erfülltes und freudvolles Handeln.

 

In allen drei Pfeilern des Zen sind Körper, Geist und Energie gleichwertig.

 

Es geht im Zen um Freiheit, um Erfüllung, um Bestimmung, den Menschen zu dienen, eine Welt zu erhellen und zu erlösen. Zuerst geht es aber darum anzufangen, einen Geschmack des Absoluten, des Ewigen, des Göttlichen zu bekommen. Die gute Nachricht ist, dass weder der Beginn noch der Weg schwer ist. Es geht nur darum, dass wir anfangen. Dieser Weg ist einfach und wunderbar. Zazen, die Meditation in Kraft und Stille im Sitzen, ist dieser einfachste Weg und die Sitzmatte ist der geschützte Platz dafür. Die Form ist dazu die geeignete Haltung des Körpers. Es gibt keine Form ohne Körper. Die körperliche Form ist das Gefäß der Erfahrung. Je kraftvoller, vollendeter, je fester und unbewegter die Form, desto nachhaltiger ist die Erfahrung und desto leichter ist es, sie in der Welt zu bezeugen, und desto mehr verändert sich die eigene Welt. Wenn wir in der großartigen Natur bei einem wunderschönen Sonnenaufgang, in einer spirituellen Zeremonie oder durch Musik, Kunst oder auch Erotik, durch das Absolute, das einen durchströmt, wie Dürckheim sagt, ‚angerührt' werden, dann ist das eine tiefe Erfahrung. Aber wenn wir keinerlei Instrument haben, dies in Transformation zu bringen, dann ist das Erlebte nach einigen Minuten oder spätestens Tagen weg und wir sind im gleichen Chaos, im gleichen Leid wie vorher. Es ist wie ein Funke, der verblasst, aber kein Weg. Die Form nicht einzuhalten bedeutet, keinen Körper und somit keinen Weg zu haben, der in der Welt trägt. Der Zen-Weg lehrt uns, auf der einfachsten Ebene ein Gefäß zu sein, denn so sind wir bereit, die Gnade tiefer Spiritualität aufnehmen zu können.

 

Es ist wie ein Funke, der verblasst, aber kein Weg.

 

Der zweite Pfeiler des Daishin-Zen heißt ‚Do'. ‚Do' bedeutet Zen in einfacher, wiederholbarer Bewegung und ist die Brücke zwischen Körper und Geist. Diese Brücke wiederum wird aus Energie und Bewegung gebildet. Indem wir den Do, also einfache Bewegung, einsetzen, bringen wir die Erfahrung der Einsicht tiefer Stille in den Alltag. Wir haben im geschützten Raum auf unserer Sitzmatte eine Erfahrung von Einsicht gewonnen und durch Bewegung bringen wir diese in den Körper und in unsere Welt. Der Sinn ist, dass wir das Absolute durch einfache Bewegung in unserem Leben manifestieren.

 

Die 7 Regeln des Do im Daishin-Zen:

  1. Die Voraussetzung für alles Weitere ist, dass zuerst einmal eine Erfahrung der Einsicht im Zazen gewonnen werden muss.
  2. Der Do muss einfach sein.
  3. Der Do muss wiederholbar sein.
  4. Man soll dabei weder denken noch reden.
  5. Der Do besteht auf der identischen Präzision, denn jede Abweichung bedeutet, dass Energie ausströmt, dass die Form nicht trägt. Die Bewegung muss erst annähernd gleich und irgendwann identisch sein.
  6. Der Do muss körperbetont sein. Dies ist für Anfänger besonders wichtig. Der Do soll körperlich deutlich wahrnehmbar sein, was bedeutet, dass ein deutliches Schwitzen erreicht werden will. Wenn der Körper gleichermaßen spürbar ist wie die Energie selbst und die Energie gleichermaßen spürbar ist wie der Geist, dann gehen wir diese wunderbare Einheit ein. Für Fortgeschrittene gibt es auch Dos, deren Form nicht so körperbetont sein muss.
  7. Die Bewegung muss für die jeweilige spirituelle, absolute Erfahrung geeignet sein. Nur dann kann sie im Relativen geöffnet, unterstützt und gefördert werden.

 

Übungstipp: Hara wird im Zen trainiert, um ‚Ki', also Lebensenergie, zu sammeln, zu stärken oder fließen zu lassen. Joggen ist als Do geradezu ideal für das Training von Hara. Um das Joggen zum Do zu wandeln, brauchen wir nur ein paar kleine Modifikationen. So kann der Läufer in einem Fünfer-Rhythmus joggen: drei Schritte aus-, zwei Schritte einatmen. Wenn das mit Leichtigkeit gelingt, kann auf dem dritten Schritt das Hara betont werden. Dann ist Laufen im Hara plötzlich möglich. Die Kraftmitte, die Erdung, die Quelle aller Lebenskraft wird spürbar.

 

Der Weg selbst, und nicht der kleine Ausschnitt einer Tätigkeit in Leichtigkeit und Glück, ist das Ziel.

 

Zurück zu den drei Pfeilern des Daishin-Zen. Der erste Pfeiler war also Zazen und der zweite Do. Der dritte Pfeiler lautet Zen im Alltag. Wenn wir beim Beispiel Hara bleiben, dann geht es jetzt nicht nur darum, dass wir das Hara im Absoluten, in der Meditation, im Zazen erfahren, sondern jetzt geht es um das, was die Japaner im Zen mit ‚Haragei' bezeichnen. Das heißt, wir wollen Hara im Leben bezeugen, mitten im Wahnsinn, im chaotisch Mannigfaltigen, verstrickt in unserer Welt von Beruf, Beziehungen, Arbeit und Freizeit, Liebe und Leid. Es geht hier nicht darum, dass es uns gut geht und wir ausgelassen glücklich sind, sondern dass wir immer in dieser Kraftmitte sind, auch wenn unser Leben uns fordert und manchmal schwierig ist. Das gelingt durch Übung mit der Zeit immer besser. Wenn wir den Zen-Weg gehen und die drei Pfeiler des Zen einsetzen, dann spüren wir einerseits einen Unterschied zwischen dem Flow, der im Moment des Gelingens auftaucht, und andererseits der Erfüllung beziehungsweise dem Ankommen in unserer Welt und wir merken, was die Ausrichtung auf die drei Pfeiler des Daishin-Zen ausmachen kann. Der Weg selbst, und nicht der kleine Ausschnitt einer Tätigkeit in Leichtigkeit und Glück, ist das Ziel. Unser Weg, dein Weg. Erfüllung ist. Erfüllung ist Sein. Und Erfüllung ist immer nachhaltig. Sie bleibt für ewig, weil wir erkennen, was Geist und Ewigkeit bedeuten: Wir selbst. Ein wunderbarer Weg.

 

Die drei Pfeiler des Zen

  1. Pfeiler Zazen, Meditation in der Sitzhaltung, auf der Matte. Der Körper bildet die Form, die rechte Haltung für tiefe Einsicht und Erfüllung.
  2. Pfeiler Do, Übung in der einfachen, wiederholbaren Bewegung. Im traditionellen Zen ergänzt durch Samu, Zen-Übung in der Arbeit. Im Daishin-Zen werden zahlreiche Sportarten als Do eingesetzt.
  3. Pfeiler Zen. Zen im Alltag. Der Zen-Schüler Joshu fragte Zen-Meister Nansen: „Was ist der Weg?" „Der alltägliche Geist ist der Weg", antwortete Nansen. Das Leben ist ein Geschenk, unser Sinn ist es, dieses Geschenk auszupacken und anzukommen im Leben.

 

Hinnerk Syobu Polenski ist ordinierter Mönch und Mitglied des Hokoji-Rinzai-Ordens sowie des Syoko-ji in Japan. ‚Syobu' ist sein Dharma-Name, der ihm von Zen-Meister Oi Saidan Roshi 1992 gegeben wurde. Polenski praktiziert seit 38 Jahren den Zen-Weg. Er ist Dharma-Nachfolger (Inka) für Dashin-Rinzai-Zen von Reiko Mukai Roshi. Gemeinsam mit seinem Lehrer Reiko Mukai gründete er die Daishin-Zen-Linie. Im Jahr 2014 gründete er das Zen-Kloster Buchenberg im Allgäu.
 
Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren