Wohlfühlen

Die 74-jährige Altbäuerin Gertrude lebt auf dem Bauernhof, den sie gemeinsam mit ihrem verstorbenen Ehemann von einer kleinen Landwirtschaft zu einem stattlichen Hof emporgebracht hat, gemeinsam mit dem ältesten Sohn, der den Hof vor mehr als zehn Jahren übernommen hat, und dessen Frau. Ihre Tagesarbeitszeit lässt sich in Stunden nicht angeben, da sie ihre gesamte Existenz als Arbeit sieht.

Wenn sie im Buckelkorb das Holz zum Heizen des Küchenofens aus der Scheune herausträgt, dann sind ihr die Schmerzen deutlich anzusehen, die ihr das in den Hüften bereitet. Aber sie lässt sich diese Arbeit genauso wenig abnehmen wie alle anderen. „Es muss schon gehen", ist dann ihre Standard-Aussage. Wir wollen diesen Satz einmal wörtlich nehmen: Warum muss es gehen? Es wäre finanziell durchaus möglich, wenn sie den Tag mit Fernsehen, Lösen von Kreuzworträtseln, Spazierengehen oder – noch viel schlimmer – mit einem Kuraufenthalt verbringen würde.

UW78SCHW-Es_muss_gehenÄhnliches hat ihr die Schwiegertochter auch schon öfter vorgeschlagen. „Aber da wäre ich ja überflüssig", sagt sie dann. Aber was genau daran so schlimm wäre, darauf hat sie keine Antwort. Es wäre einfach nur ein unerträglicher Gedanke, nicht mehr gebraucht zu werden. Denn: Es muss eben schon gehen. Und Klagen kommt nicht infrage.

Gibt es da eine gewisse kulturelle Logik, die ihr – und vielen anderen Personen in vergleichbaren Situationen – das Klagen und Hilfesuchen verbietet?

Versuchen wir eine Antwort. Dazu müssen wir ein wenig ausholen:

In der Erstausgabe der Märchen der Gebrüder Grimm aus dem Jahre 1812 findet sich ein kurzes Märchen, das in späteren Ausgaben – vermutlich von verantwortungsbewussten Pädagogen – zunächst modifiziert und dann ganz entfernt wurde. Es trägt den Titel ‚Herr Korbes' und sei den Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten:

Es war einmal ein Hühnchen und Hähnchen, die wollten zusammen verreisen, da baute das Hähnchen einen schönen Wagen mit vier rothen Rädern,
und spannte vier Mäuschen davor, dann setzte sich das Hühnchen mit dem Hähnchen auf,
und so fuhren sie fort. Da begegnete ihnen eine Katze, die sprach: „wo wollt ihr hin?" da antwortete das Hähnchen:
„als hinaus nach dem Herrn Korbes seinem Haus."
Die Katze sprach: „nehmt mich auch mit."
Das Hähnchen antwortete: „recht gern, setz dich hinten auf, daß du vornen nicht herabfällst:
Nehmt euch wohl in Acht
daß ihr mir meine rothe Räderchen nicht schmutzig macht.
Ihr Räderchen schweift!
Ihr Mäuschen pfeift!
als hinaus
nach des Herrn Korbes seinem Haus."
So kam nach und nach ein Mühlstein, ein Ei, eine Ente, eine Stecknadel und eine Nähnadel, die setzten sich auch alle auf den Wagen, wie sie aber zu des Herrn Korbes seinem Haus kamen, war der Herr Korbes nicht da. Die Mäuschen fuhren den Wagen in die Remise, das Hühnchen flog mit dem Hähnchen auf eine Stange, die Katze setzte sich ins Kamin, die Ente in die Bornstande, die Stecknadel sich ins Stuhlkissen, die Nähnadel ins Bett ins Kopfkissen, der Mühlenstein legte sich über die Thüre, und das Ei wickelte sich in das Handtuch. Da kam der Herr Korbes nach Haus, ging ans Kamin und wollte Feuer anmachen, da warf ihm die Katze das ganze Gesicht voll Asche; er ging geschwind in die Küche und wollte sich abwaschen, wie er an die Bornstande kam, sprützte ihm die Ente Wasser ins Gesicht, als er sich abtrocknen wollte, rollte ihm das Ei aus dem Handtuch entgegen, ging entzwei und klebte ihm die Augen zu; er wollte sich ruhen und setzte sich auf den Stuhl, da stach ihn die Stecknadel, darüber wurde er ganz verdrießlich und ging ins Bett und wie er den Kopf aufs Kissen niederlegte, da stach ihn die Nähnadel; da ward er so bös und toll, daß er zum Haus hinaus laufen wollte, wie er aber an die Thüre kam, sprang der Mühlstein herunter und schlug ihn todt.

In der Ausgabe von 1857 findet sich dann noch der Nachsatz:

Der Herr Korbes muß ein recht böser Mann gewesen sein.

Die Logik, um die es hier geht: Die Bösen müssen immer besiegt werden, und je schlechter sie dabei wegkommen, desto besser ist es. Und – das wird in der späteren Variante der Geschichte vom Herrn Korbes ganz deutlich gesagt – diese Logik funktioniert auch in die andere Richtung: Wer am Ende schlecht wegkommt, der muss auch vorher schon böse gewesen sein.

Unter dem Blickwinkel der heutigen Unterhaltungsindustrie würden wir zur späteren Variante der Geschichte sagen: logisch konstruiert, aber dramaturgisch miserabel aufgebaut. Die heutige Unterhaltungsindustrie folgt nämlich eisernen Regeln: Je sorgfältiger die Bösen, die am Schluss untergehen, von Anfang an als Böse aufgebaut werden, desto mehr Spaß macht es, sie untergehen zu sehen. Zu diesem Muster gibt es im Kino nur ganz selten Ausnahmen. Die Lust am Leid der anderen speist sich also aus einer, vielleicht auch aus zwei Quellen: Erstens bestätigt der Untergang der Bösen das Funktionieren von gesellschaftlicher Ordnung, das schafft Sicherheit und bedient somit ein menschliches Grundbedürfnis. Wenn man freilich die Sorgfalt betrachtet, mit der das Leid sowohl der Guten als auch der Bösen im Kino ausgearbeitet wird, dann ist es schwer, sich des Verdachts zu erwehren, ob da nicht auch irgendwelche sadistisch-voyeuristischen Bedürfnisse eine Rolle spielen könnten.

Zentrale Elemente unserer Alltagskultur indoktrinieren uns also seit etwa 200 Jahren – wenn nicht schon sehr viel länger – mit der Idee, dass nicht nur die Bösen nach Möglichkeit leiden sollen, sondern dass auch, wer leidet, nach Möglichkeit böse sein soll.

Da verwundert es nicht, dass die deutsche Sprache in ihren Redensarten, die ja so oft sehr viel tiefsinniger sind, als man vermuten würde, auf die Frage „Wie geht es?" den sehr wahren Satz als Floskel bereithält: „Man muss zufrieden sein." Auch „Es muss schon gehen" oder „Ich kann nicht klagen" sind deutliche Hinweise darauf, dass es in der Logik unserer Alltagskultur nach Tunlichkeit zu vermeiden ist, sich als schwach und leidend zu präsentieren.

Bei genauerer Betrachtung dient diese Quasi-Logik auch einem ökonomischen Kalkül, denn das Leid der Guten erfordert Hilfestellung und die ist zumeist mit Kosten verbunden. Es ist deshalb sehr viel billiger für die Guten, wenn nur die Bösen leiden. Vielleicht ist es kein Zufall, wenn in der amerikanischen Gesellschaft, deren Wirtschaftssystem wegen des schwachen Systems der sozialen Absicherung eine noch sehr viel größere Geldgier notwendig macht als das unsere, die Bereitschaft, in Begriffen von ‚gut' und ‚böse' zu argumentieren, noch viel höher ist als bei uns. Man denke nur an die ‚Achse des Bösen' des G. W. Bush.

Wem es schlecht geht, für den oder die entsteht ein gewisser Druck. Der Denkautomatik, nach der die, denen es schlecht geht, zumindest einmal daraufhin zu überprüfen sind, ob sie Hilfe auch verdienen – ob sie auch Gute sind –, müssen die Betroffenen etwas entgegensetzen. Damit wird die Ruhe des Ruhestandes nicht unwesentlich gestört: vor allem dann, wenn sie auch sonst schon nicht so gemütlich ist. Denn erinnern wir uns: Es sind ja vor allem die, denen es schlecht geht, die Probleme bereiten. Wem es gut geht, der braucht ja nicht überprüft zu werden.

Wiederum kann uns der Blick nach Amerika nachdenklich stimmen: Warum wohl finden wir dort so häufig die Selbstdarstellung, wonach alles so prächtig ist, auch wenn es unter dem Lack bisweilen beträchtlich bröckelt? Ist es eher Heldenhaftigkeit, wenn ein amerikanischer Pensionist von seinem großartigen Leben schwärmt, obwohl es in Wirklichkeit gar nicht so besonders ist, oder ist es eher die Angst, als ‚Loser' auch das letzte bisschen Achtung durch die anderen zu verlieren?

Auch die Idee, jeder Mensch repräsentiere unabhängig von seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit einen Wert an sich, ist zwar aus Sonntagspredigten bekannt; sie ist uns aber (noch) nicht zur Selbstverständlichkeit geworden. Und das lehren uns nicht nur die soziologischen Einführungsvorlesungen, sondern auch die erlebte Alltagspraxis: Es sind nicht die Sonntagspredigten, die das Alltagsverhalten der Menschen bestimmen, sondern die Selbstverständlichkeiten.

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