Wohlfühlen

Wir können lernen, unsere Gefühlswahrnehmung zu präzisieren und einen inneren Raum zu schaffen, in dem ein entspanntes Verweilen mit schwierigen Gefühlen möglich ist.

Um einen gelassen-akzeptierenden Umgang mit Gefühlen zu erreichen, können wir eine Reihe von Fähigkeiten entwickeln, die uns helfen, mit den Gefühlen in einen guten inneren Fluss zu kommen. Sich seiner Reaktionen bewusst zu werden, ist eine sehr fruchtbare Übung. Wenn wir in einer klugen, nicht-reaktiven Weise mit unseren Gefühlen umgehen möchten, brauchen wir dafür viel inneren Raum, der uns erlaubt, erst einmal ganz unvoreingenommen einem Gefühl zu begegnen. Statt sofort in den inneren Widerstand zu gehen, warten wir ab und schenken der Empfindung im Körper alle Aufmerksamkeit. Raum geben zu können ist eine Facette der Akzeptanz. Aus dieser wunderbaren Kraft heraus wächst oft eine Lösung, die wir vorher gar nicht sehen konnten, die nicht erdacht wird, sondern intuitiv aufsteigt. Wenn wir innehalten, bevor wir reagieren, lockern wir die Bindung und Enge, die durch unsere Bewertungen und die darauf folgenden Reaktionen entstehen. So lässt sich auch leichter ein erster Abstand zu schwierigen Gefühlen herstellen.

Sie werden vielleicht sagen: „Das ist leichter geschrieben, als getan." Damit haben Sie natürlich recht. Um mit einer inneren Empfindung in Ruhe verweilen zu können, ohne sie zu beurteilen, ist viel, viel Übung nötig und die Bereitschaft, die eigenen Urteile nicht auch noch zu beurteilen. Wie können wir im Gleichgewicht bleiben, wenn unsere Gefühle so stark und mitreißend wirken? Wenn sich Bewertung an Bewertung reiht? Es geschieht ja alles so blitzschnell, dass wir es kaum bemerken.

Viele spirituelle Übungswege vermitteln uns, wie wir Erfahrung ohne Bewertung üben können. Im Buddhismus sprechen wir vom bewussten Innehalten. Erst einmal schauen, was sich zeigen möchte. Wir versuchen, einen Schuh in die Tür zu schieben, die zwischen Reiz und Reaktion sofort zuklappt. Das bedeutet, dass wir die Erfahrung an uns heranlassen, dass wir der Wirklichkeit begegnen, ohne sie sogleich einzuordnen und mit Gedanken und Vorstellungen zu belegen.

‚Genauern'
Je mehr Aufmerksamkeit wir den Gefühlen widmen, umso differenzierter erschließen sie sich uns. Im Ablauf eines Tages können wir immer wieder Möglichkeiten finden, unsere Gefühle zu präzisieren. Gene Gendlin, der Begründer der Focusing-Methode, spricht vom ‚Genauern'. Das ist ein schönes Wort für die innere Übung. Wer sich beispielsweise mit Vogelstimmen nicht auskennt, kann gerade mal sagen: „Da singt ein Vogel." Bei genauerem Hinhören lassen sich jedoch schon Spatz und Kuckuck recht einfach unterscheiden. Wächst das Interesse weiter, genauert sich das Gehör. Das Tschilpen der Spatzen, der Gesang der Amseln, das Krächzen von Raben, der Ruf eines Raubvogels unterscheiden sich klar voneinander.

So ist es auch mit den Gefühlen. Was zunächst wie ein schwammiges Einerlei im Inneren erscheint, lässt sich durch Genauern in allen Facetten wahrnehmen. Wir lernen zwischen Körperempfindungen und Gedanken zu unterscheiden. ... Erst wenn der innere Raum sich öffnet und Sie mit dem Gefühl so lange verweilen können, bis Sie sich nicht mehr darin verfangen, können Sie erkennen, wie Sie antworten möchten und was Sie mit Ihrer Antwort beabsichtigen. Sind Sie damit hilfreich für sich und andere? Führt Ihre Antwort zu einer Lösung? Steht sie im Einklang mit Ihren ethischen Grundsätzen? Dieses Innehalten und Abklären von Beweggründen wird bei regelmäßiger Übung immer reibungsloser geschehen. So erhalten Sie die Möglichkeit, statt einer spontanen, unbewussten Reaktion eine bewusste Antwort zu wählen.

Streuen Sie einen Teelöffel Salz in ein Wasserglas, wird der Geschmack des Wassers deutlich verändert. Ein Teelöffel Salz in einer Wassertonne dagegen wird kaum erkennbar sein. So ist es auch mit der Intensität eines Gefühls in Bezug auf den inneren Raum. Ein Teelöffel Wut oder Furcht in einem von Ich-Überzeugungen, Meinungen und Urteilen erfüllten Geist vergiftet die Atmosphäre. Die gleiche Menge Gefühl in einem großzügigen, entspannten Geist ist gar nicht zu erkennen. Die Größe des inneren Raumes hat also viel Einfluss auf die Auswirkungen von Gefühlen. Die Verwirrung, die Emotionen stiften können, ist viel stärker, wenn wenig innerer Raum zur Verfügung steht.

Eine klare Einschätzung des eigenen inneren Raums und der Widerstände, die ihn verdichten, hilft uns, die Emotionen zu verstehen und zu verwandeln. Unser Lernen ist also darauf ausgerichtet, den inneren Raum schätzen zu lernen und ihn nicht zu fürchten. Wir üben, Problemen mit ‚Raum geben' zu begegnen, das heißt, sie mit Raum zu umfangen, ihnen zu erlauben, sich ganz zu zeigen. Dabei unterscheiden wir drei Dimensionen der Raumerfahrung. .....

Die buddhistische Lehre versteht Geist gleichbedeutend mit Raum. Neben der materiellen und der psychologischen Ebene der Raumerfahrung manifestiert sich in unserem Geist der unbegrenzte Raum des reinen Seins. Es heißt in den buddhistischen Lehren, der Geist ist offen, substanzlos, strahlend durchsichtig, alles umfassend wie Raum, wie der Himmel, wie das Universum. Ohne Anfang und Ende, nicht dem Entstehen und Vergehen unterworfen, der Geist ist einfach so da, wie er ist.

Der amerikanische Psychologe John Welwood, der die Raumerfahrung in meditativen Zuständen erforscht hat, vergleicht das, was wir als ‚innere Quelle' oder ‚inneren Wesenskern' bezeichnen, mit dem, was im Buddhismus ‚offener Raum des reinen Bewusstseins', ‚grenzenlos wacher Geist' genannt wird. Welwood meint, dass wir Menschen immer auf der Suche nach der Verbindung mit unserer inneren Quelle sind und dass wir ein klares Empfinden davon haben, ob wir in deren Nähe rücken oder weit davon entfernt sind. Und dass unser inneres Wachstum sich intuitiv in Richtung von offenem Raum, Tiefe, Ausdehnung, Freiheit bewegt. All diese Qualitäten treffen auf das Zentrum unseres wahren Wesens zu – die Quelle in uns.

Sich hinzuwenden zu sich selbst heißt, sich zu öffnen für den unermesslichen inneren Raum. Je stärker wir die Verbindung zum Fluss der Gefühle wiederherstellen können, umso zufriedener fühlen wir uns. Je näher wir unserer inneren Quelle kommen, desto mehr Raum erleben wir. Diese Erfahrung stärkt unser Vertrauen in das Leben. Unsere Suche kommt zur Ruhe, wir erleben das als ‚Ankommen' oder als Gotteserfahrung. In allen Kulturen, zu allen Zeiten haben die Menschen nach Worten für diese Erfahrung gesucht und sie auf vielfältige Weise beschrieben. Auch in der Gegenwart, in unserer westlichen Konsumgesellschaft, sehnen wir uns nach diesem geheimnisvollen Prozess. Voraussetzung dafür ist der Einklang, das In-Frieden-Sein mit den eigenen Gefühlen. ....

Probieren Sie es aus: Wenn Sie Ihre Wut, Ihre Furcht, Ihre Bedürftigkeit ganz achtsam im Herzen fühlen, werden Sie nicht mehr so leicht unbewusst von diesen Empfindungen überwältigt. Diese Gefühle verlieren ihre Bedrohlichkeit, je mehr Sie sich auf sie einlassen, je weniger Sie diese beherrschen wollen. Die innere Auflehnung gegen Erfahrung schwächt uns. Wenn wir unsere eigene Wut, unsere eigene Furcht so annehmen können, wie sie gerade erscheinen, müssen wir diese Gefühle nicht mehr ausagieren. Wir machen Raum dafür, wir genauern unser Spüren und bemerken, dass sich in uns etwas zum Besseren hin verwandelt.

Auszüge aus dem Buch von Marie Mannschatz
‚Mit Buddha zu innerer Balance’ (mit CD)
Verlag Gräfe und Unzer, 2011

 Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentare  
# Oliver 2017-08-25 17:09
Hallo Marie, interessanter Artikel! Danke dafür.

Unlängst habe ich beim Stöbern auf Google Play das Ebook "Warum Mönche meditieren müssen" entdeckt - ziemlich provokanter Ansatz (aus der Beschreibung ersichtlich). Würde mich interessieren, ob das schon jemand von Euch gelesen hat - oder ob ihr eine Meinung dazu habt.

Grüße, Oliver
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# Uwe Meisenbacher 2018-01-04 11:32
Hallo Frau Mannschatz,

Ihr Artikel ist ein sehr guter Aufklärungsbeitrag und das nicht nur für Buddhisten.

Friedliche, heilsame, Emotionen-, Denk-, Verhalten- und Handlungsweisen des Menschen sind möglich und praktizierbar durch Achtsamkeit auf die eigene Person.
Das heißt durch Selbstbeobachtung, die Aufmerksamkeit auf Leid verursachende Emotionen, Denkweisen und Handlungen rechtzeitig, also in der Entstehungsphase
Innehalten, sie zu erkennen und in nicht Leid verursachende
Denk- und Handlungsweisen umzuwandeln.

Buddha sein Anliegen war, uns Menschen im Umgang mit dem alltäglichen Leiden zu helfen.
Darauf basiert Buddhas Pfad der Weisheit, "Mache das Heilsame, lasse das Unheilsame und ent-
wickle deinen Geist. Ist ein gut zu praktizierender Weg.
Der allerdings ohne Geduld, Ausdauer, Beharrlichkeit, Gelassenheit und Achtsamkeit nicht zum gewünschten Ziel führt.


Mit freundlichen, aberglaubensfreien, buddhistischen Grüßen
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# Uwe Meisenbacher 2018-01-04 13:11
Hallo Oliver,

Dich würde es interessieren ob jemand das Buch „Warum Mönche meditieren müssen“
gelesen hat und eine Meinung dazu hat.
In der Buch Kurzbeschreibung steht:
Meditation hat in vielen Lebenssituationen eine positive Wirkung. Ob das jedoch auch heißen muss, dass man sich so manchen asexuell und asketisch lebenden - meist männlichen - Proponenten der Meditation als generelles Vorbild für das eigene Leben nimmt, oder "fernöstliche Weisheiten" als Leitsätze für das eigene Leben übernehmen muss wird in diesem Artikel hinterfragt. Denn Meditation kann auch der Verdrängung von wichtigen menschlichen Bedürfnissen dienen.
Gelesen habe ich das Buch nicht.
Aber asexuell und asketisch leben, müssen auf dem buddhistischen Weg Praktizierende und Meditierende nicht.
Und „fernöstliche Weisheiten“ sind als Leitsätze für das eigene Leben nur dann akzeptabel, wenn sie in der heutigen Lebenswirklichkeit, frei von den unheilsamen Dogmen und Aberglauben,
wie , Wiedergeburten , Göttern , Dämonen , Höllenhunden, Gespenstern , Jenseitswelten , unsinnigen Ritualen , leeren Zeremonien , übernatürlichen Kräften , Frauenunter- drückungen usw. sind.


Mit freundlichen, aberglaubensfreien Grüßen
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