Wohlfühlen

Wissenschaftliche Untersuchungen nach schulmedizinischen Standards über die Wirksamkeit von Ayurveda-Behandlungen stecken noch in den Kinderschuhen. Das soll sich aber bald ändern.

Ayurveda, die ‚Traditionelle Indische Medizin', kurz TIM genannt, zählt zu einem der ältesten Gesundheitssysteme der Menschheit. Von der Weltgesundheitsorganisation WHO als medizinische Wissenschaft anerkannt, sind allein in Indien mehr als 300.000 ayurvedische Ärzte registriert und an über 200 von der indischen Regierung anerkannten Universitäten und Fachhochschulen wird die ayurvedische Medizin systematisch gelehrt und praktiziert.

Die wachsende Anzahl von Kliniken mit Ayurveda-Angeboten in Europa, die zunehmende Berücksichtigung von Ayurveda bei der Erstellung universitärer Lehrmaterialien sowie die Gründung universitätsassoziierter Ausbildungsinstitute weisen ebenfalls auf die immer größer werdende Bedeutung dieses differenzierten südasiatischen Heilsystems hin. Seit 2009 besteht in Europa zudem die Möglichkeit, einen nach Bologna-Kriterien anerkannten Studiengang für Ayurveda mit einem ‚Master of Science' abzuschließen.

Besonderheiten des Ayurveda
Der Ayurveda ist als ganzheitliches und mehrdimensionales Medizinsystem stets individuell ausgerichtet und folgt komplexen multimodalen Diagnose- und Therapiepfaden. In ayurvedische Diagnose und Therapie werden sämtliche Faktoren, die sich positiv auf Krankheitsverlauf und Gesundheitserhaltung eines Menschen auswirken können, mit einbezogen. Insbesondere durch Kombinationen verschiedener Therapieelemente sollen synergistische Effekte erzeugt und für individuelle Heilungsprozesse nutzbar gemacht werden. Dazu gehört unter anderem das reichhaltige Instrumentarium äußerer ayurvedischer Anwendungen wie Massagen, Güsse, Bewegungstherapien oder Dampfbäder, aber auch Ernährungsberatung und Ernährungsergänzung, Lebensstilberatung, Phytotherapien, Yoga-Übungen und die bekannten Ausleitungsverfahren des Panchakarma.

Ayurveda ist jedoch nicht nur ein medizinisches System, sondern zugleich eine Lebensphilosophie. Die Philosophie des Ayurveda hat im Laufe der Jahrtausende komplexe medizinische Theorien hervorgebracht. Sie postuliert eine grundsätzliche Harmonie zwischen dem Mikrokosmos Mensch und dem Makrokosmos Umwelt. Zudem berücksichtigt Ayurveda eine Vielzahl von Faktoren, die den Patienten in seiner Individualität ausmachen und charakterisieren.

Ayurveda bei chronischen Erkrankungen
Chronische Erkrankungen sind ein ausgewiesenes Spezialgebiet des Ayurveda. Das traditionelle ayurvedische Naturheilkundesystem ist hier oft besonders erfolgreich und kann bei der Behandlung chronischer Erkrankungen sehr gute Ergebnisse erzielen. Dies ist vor allem auch deshalb bedeutsam, da chronische Erkrankungen zu den größten epidemiologischen, sozialen und ökonomischen Herausforderungen moderner westlicher Gesellschaften gehören. Ayurveda liefert in diesem Bereich vielversprechende, teils über Jahrtausende empirisch etablierte und in Südasien bis zum heutigen Tage gesellschaftlich breit angewandte Therapieansätze, vor allem auch bei folgenden Erkrankungen:

*Rheumatische Erkrankungen
*Autoimmunerkrankungen
*Stoffwechselerkrankungen
*Entzündliche Darmerkrankungen
*Schmerzsyndrome
*Burnout, chronische Erschöpfung, Fatigue-Syndrome
*Depression, Angst, Stress
*Neurologische Erkrankungen

Ayurveda und Wissenschaft
Aus der Sanskrit-Sprache übersetzt bedeutet Ayurveda ‚Wissen vom Leben' – ein Zusammenhang mit Wissenschaft ist also schon aus dem Eigennamen des Medizinsystems ersichtlich. Aber trotz seiner zunehmenden globalen Verbreitung und zahlreicher positiver Erfahrungen ist der Ayurveda zumindest aus Sicht der westlichen Naturwissenschaften umstritten. Die Überprüfung mittels des methodischen Arsenals der evidenzbasierten Medizin, also der auf Beweismittel gestützten Medizin, steckt trotz zahlreicher experimenteller und zumeist kleinerer vorklinischer und klinischer Studien jedoch noch in den Anfängen. So ist beispielsweise bei der Therapie chronischer Erkrankungen unklar, ob und in welchem Ausmaß die verschiedenen Elemente der Behandlung wirksam sind. Bisher gibt es weltweit kaum Studien, im Rahmen derer die komplexen und mehrdimensionalen diagnostischen und therapeutischen Herangehensweisen der Ayurveda-Medizin bei der Behandlung chronischer Erkrankungen analysiert worden sind.

Eine weitere Einschränkung bisheriger Ayurveda-Studien ist deren ausschließliche Fokussierung auf strukturelle westliche Diagnosen und Krankheitswahrnehmungen. Die Grundprinzipien der traditionellen diagnostischen und therapeutischen Ayurveda-Herangehensweisen, nämlich auf Faktoren, die für die Entstehung und Erhaltung von Gesundheit verantwortlich sind, zu untersuchen, bleiben dabei fast immer unberücksichtigt. Darüber hinaus gibt es keine klinischen Daten darüber, ob und inwieweit individuelle und kollektive soziokulturelle Hintergründe Einflüsse auf die Wirksamkeit von Ayurveda-Behandlungen haben. Für Ärzte und Patienten gestaltet es sich hier deshalb oft schwierig, Therapieentscheidungen zu treffen, da in vielen Bereichen nach wie vor Antworten auf Kernfragen zur Wirkweise und Wirksamkeit ayurvedischer Therapiemethoden fehlen.

Ein Blick in medizinische Datenbanken, wie zum Beispiel in die ‚PubMed-Datenbank der National Library of Medicine', macht aber erfreulicherweise deutlich, dass während der letzten Jahre die Forschungsaktivitäten in diesem Bereich stark zunehmen. Allein mit dem Suchbegriff ‚ayurved*' lassen sich weit mehr als 1300 Publikationen zu Ayurveda finden. Dies könnte mittel- und langfristig zu einer Optimierung wissenschaftlich gestützter Therapieentscheidungen ayurvedischer Therapeuten sowie zu einer größeren Therapiesicherheit für Ayurveda-Patienten führen.

Ayurveda des 21. Jahrhunderts
Für die Zukunft gilt es, die methodischen Schwachstellen moderner Ayurveda-Forschung zu beseitigen. Auch ein traditionelles Medizinsystem wie Ayurveda, das sein Wissen während der letzten 2000 Jahre vor allem aus Erfahrungswerten generiert und legitimiert hat, sollte sich weiterentwickeln.

An dieser Stelle müssen Fragen dazu beantwortet werden, ob im Falle von Ayurveda (und traditionellen Medizinsystemen generell) eigene, spezifische Evaluations-Methoden bereits vorhanden sind oder ob es hier noch Bedarf an zusätzlicher methodischer Forschung gibt. Darüber hinaus gilt es herauszufinden, ob die ayurvedische Medizin mit ihren besonderen Bedingungen möglicherweise neue Anforderungen an naturwissenschaftliche Analytik und Evaluation stellt.

Dafür müssen von beiden Seiten, sowohl vom traditionellen Ayurveda als auch von der modernen Naturwissenschaft, ideologische Barrieren überwunden werden. Es sollte geklärt werden, wo dieses uralte Heilsystem Südasiens seine besonderen Stärken hat und wo es als eine sinnvolle Ergänzung oder Alternative zu bereits etablierten Verfahren eingesetzt werden könnte. Geplante klinische Forschungsprojekte zur Überprüfung der Wirksamkeit ayurvedischer Therapieverfahren, zum Beispiel an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, könnten wichtige Beiträge zur Etablierung ayurvedischer Therapiemethoden in einer integrativ ausgerichteten Medizin leisten.

 

Dr. Christian Keßler, M.A., arbeitet am Berliner Immanuel-Krankenhaus in der Abteilung für Naturheilkunde und an der Hochschulambulanz für Naturheilkunde der Charité – Universitätsmedizin Berlin als Assistenzarzt. Bereits seit Beginn seines Medizinstudiums beschäftigt er sich intensiv mit Ayurveda und südasiatischen Kulturen. 2006 promovierte er an der Medizinischen Hochschule Hannover über die Wirksamkeit von Ayurveda bei chronischen Erkrankungen und ist seitdem durchgehend in diesem Bereich wissenschaftlich tätig.

 

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