Wohlfühlen

Die Essenz der buddhistischen Lehre ist die Befreiung. Doch wie kann diese helfen, uns aus dem täglichen Stress zu lösen? Einblicke in die buddhistische Psychotherapie.

„Beruflicher Stress ist eine der größten Gefahren im 21. Jahrhundert“, heißt es in einem Statement der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Negativer Stress kann auf Dauer zu Erschöpfungsdepressionen bis hin zum Burnout führen. Was ist da eigentlich krank – der Mensch oder das System? Was, wenn die Arbeitsgesellschaft krank und ein Burnout nur eine ‚gesunde Reaktion‘ ist? Eine gesellschaftskritische Analyse kann den Menschen von Schuldgefühlen befreien und ihm einen Weg abseits des Gedankens „Das System ist in Ordnung, der Fehler bin ich“ zeigen.

Uns Menschen drängt es, uns den gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen, um Ärger zu vermeiden und unsere Existenz zu sichern. Doch der Gestalttherapeut Fritz Perls hat schon in den 1950ern auf die Gefahren eines solchen Denkens hingewiesen: „Um den Sollensforderungen der Gesellschaft zu entsprechen, lernen wir, unsere eigenen Empfindungen und Bedürfnisse zu missachten.“ Hält die Psyche irgendwann nicht mehr die ewige Okay-Haltung aus, droht sie k.o. zu gehen. Ein Burnout ist die höchste Stufe der Selbstentfremdung, ein stummer Schrei nach seiner selbst. Darin, dass der Erwerbstätige seinen Selbstwert oft ausschließlich über seine Arbeit definiert, liegt der Nährboden für Ängste, Erschöpfung und Depression. Es kommt zu einer übermäßigen Identifizierung mit fremdbestimmter Arbeit und einer damit einhergehenden Geringschätzung aller anderen Lebensbereiche.

Digitalisierung und Globalisierung beschleunigen massiv die gesellschaftlichen Lebensbedingungen und bewirken Halt- und Orientierungslosigkeit und somit das Gefühl der Sinnleere. Da zeigt sich ein grundlegendes spirituelles Dilemma. Es ist die Frage nach dem Warum allen Tuns und Seins. Wer die Sinnfrage nicht beantworten kann, sucht Zuflucht in seiner Arbeit. Wer sich in ihr verliert, riskiert Erschöpfungszustände bis hin zum Seelen-Infarkt.

UW103 Spallek Stress

Kaum etwas kann im Leben des Menschen moderner Gesellschaften mehr Angst hervorrufen als die vor Arbeitsplatzverlust. Das führt leicht zu Überanpassung, Unterwerfung oder funktionaler Selbstoptimierung. Wir arbeiten zu viel und nehmen die Restwelt kaum wahr: Wie viel Leiden entsteht da? Wie viel Lebensfreude ist da noch möglich?

Burnout-Betroffene lernen in der Regel erst durch die persönliche Katastrophe. Erst durch den Besuch einer Therapie erkennen sie, dass jeder Krankheit eine Krankengeschichte vorausgeht: Sie sind sich und der Welt nach und nach abhandengekommen. Zu diesem Verlust hat aus Perspektive der buddhistischen Psychologie Folgendes geführt: die Unwissenheit über das eigene Selbst und seine Allverbundenheit, die Anhaftung an Identifikationen und die Angst vor dem Loslassen.

Die Unwissenheit zeigt sich darin, dass der Hilfesuchende sich seiner reduzierten Aufmerksamkeitsspanne nicht bewusst ist. Ebenso ist es wichtig, sich von den stark einengenden Denk- und Verhaltensmustern zu befreien. Dies kommt in Gedanken wie „Ich finde keinen neuen Job“ zum Ausdruck. Oft wird der Blick auf die Realität, etwa eine gute Arbeitsmarktlage, verstellt durch innere Automatismen wie: „Was du hast, das hast du.“ Der Betroffene soll das befreiende Potenzial solcher Ent-Täuschungen erkennen. Zu den segensreichen Ent-Täuschungen gehört auch das Wissen um die Vergänglichkeit alles Seienden, gerade auch unangenehmer Ereignisse, Gedanken und Gefühle. Alles entsteht, besteht, vergeht.

Der Klient soll erkennen, dass er über unzählige Abhängigkeiten mit der Welt verbunden ist. Das Unwissen darüber führt zu Isolation. Ihm geht es schlecht, weil er sich nicht seiner Umwelt zuwendet, und nicht, weil diese sich von ihm abwendet. Mitgefühl leben heißt auch: Das Ego reduzieren. All diese Punkte dürfen nicht nur Inhalte der Reflexion zwischen Therapeut und Klient sein, sie müssen auch kontemplativ oder meditativ erfahrbar und vertieft werden.

Hilfesuchende sollen erkennen, dass Anhaften und Gier sowie das Nicht-loslassen-Können grundsätzlich Leiden hervorrufen. Der ständige Drang nach Ablenkung, Beschäftigung, Vergnügung, Bestätigung, Kommunikation birgt Sucht- und Betäubungsgefahren und steht unserer inneren Befreiung entgegen. Wir sollen erkennen, dass innere Automatismen uns unserer Entscheidungsfreiheit berauben und dass das tiefe Verstehen des Prinzips der Vergänglichkeit grundsätzlich eine entspannte, ausgeglichenere innere Haltung fördern und Ängsten den Boden entziehen kann. Und wir sollten das Prinzip des ‚Mittleren Weges‘ verstehen. Man pendelt zwischen Immer-mehr-Wollen und Enthaltsamkeit: Der Klient sollte sein eigenes Maß erkennen und seine Bedürfnisse an sich selbst anpassen, um so das ständige leidvolle Begehren zu reduzieren und die innere Ausgeglichenheit zu stabilisieren. Was brauche ich wirklich? Was macht mich abhängig? Was frei? Da geht es um Leiden und eine mögliche Opferrolle, um das Ich und seine Vergänglichkeit. Ganz nach dem Prinzip ‚Nicht ich bin wütend, sondern da ist jetzt Wut in mir‘. Loslassen üben wirkt Anhaftungen entgegen.

Um den Widerstand sowie den Hass zu überwinden, sollen Hilfesuchende verstehen, dass aus Konflikten am Arbeitsplatz oft nur Verlierer und Verletzte hervorgehen. Sie sollten sich Klarheit verschaffen über die latent in uns nagende, oft im Vergleichswettbewerb wurzelnde Feindseligkeit. Dabei wirkende negative Gedanken und Gefühle lassen sich therapeutisch in einer analytischen Meditation bearbeiten, an deren Ende eine sachlich-emotionslose Klärung des Sachverhalts steht.

Wenn einen Menschen bisher fast ausschließlich seine Arbeit ausmachte, welche Auswirkungen muss das haben, wenn jemand diese Identifikation als Ursache seines Leidens erkennen muss! Zuvor wollte er so lange wie möglich mit verzweifelter Kraft in seinem Gefängnis bleiben, weil es destruktiven Halt schenkte, doch plötzlich muss ein Mensch ähnlich wie ein Gefängnisinsasse lernen, die Freiheit nicht zu fürchten.

Hilfesuchende sollten sich also der verschiedenen inneren Widerstandsstrategien bewusst sein: Verdrängen, Verleugnen, Abspaltung, Isolation, Rationalisieren, Projektion, Regression – allesamt unbewusste Automatismen zur Selbsterhaltung und Ego-Pflege. Da schlägt ein Herz, aber es fühlt und spricht nicht mehr.

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Buddhistische Psychotherapie geht ganzheitlich vor und arbeitet mit individuellen Lösungsansätzen. Grundsätzlich aber sind erst einmal Übungen der Dankbarkeit und Akzeptanz von heilsamer Bedeutung. Was auch immer dem psychisch Kranken nicht in den Kram passen mag, in der Therapie lernt er das Annehmen und die Dankbarkeit für jegliche Erfahrung. Kein willenloses Abnicken soll sich entwickeln, sondern das Pendel soll erst einmal ins Gegenteil ausschlagen, um sich später auf den ‚Mittleren Weg‘ einzupendeln, der inneren Frieden verspricht.

Rainer Spallek ist Sozialwissenschaftler, Betriebswirt und Entspannungspädagoge. Er arbeitet als Referent, Seminarleiter, Autor und Musiker.
 
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Illustrationen © Francesco Ciccolella
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