Wohlfühlen

Die Innenschau ist eine Entdeckungsreise ins Unbewusste. Mit der Meditation kommen verborgene Gefühle und Gedanken ans Licht. Die Stille in sich selbst finden.

Den Schatten zu jagen, das bringt nichts, er ist immer schneller als der Jäger. Aber wo das Licht hinfällt, da ist kein Schatten mehr. Ich brauche also gar keinen Schatten zu jagen. Licht zu bringen an die dunklen Stellen, das genügt.
Gilt das auch für die Innenschau, bei der man die verdrängten Anteile der eigenen Seele hervorzuholen versucht, damit sie einen nicht hinterrücks überfallen? Allzu oft foppt uns das Verdrängte in den Projektionen, die wir auf die eigene soziale Umgebung werfen. Sie kommen aus dem dunklen, unerkannten, unerlösten eigenen Inneren.
Es gibt einen Weg, wie wir diese verdrängten Anteile ans Licht bringen können, und das ist sogar ziemlich leicht. Wir brauchen uns einfach nur still hinzusetzen und an nichts zu denken. Am Scheitern dieses Versuchs merken wir sehr schnell, was Sache ist, denn da kommen die verdrängten Anteile aus dem Unbewussten hoch, wir müssen sie gar nicht mehr jagen oder auch nur suchen. Sie sind einfach da. Im ziellosen Stillsitzen kommt alles aus dem Unbewussten hoch, was wir im Lauf der Jahre verdrängt haben. Da kommen die Gespenster aus dem Keller, dem Reich der Schatten, sie wollen nun ans Licht. Wenn sie dort ‚oben‘ sein dürfen, im Licht des Bewusstseins, wenn sie dort akzeptiert werden und ‚integriert‘ werden, dann kann die Seele heilen. Dann sind wir ganz.
Wie werden wir ganz? Setze dich hin, schließe die Augen und denke an nichts! Der Versuch ist nobel, das Gewahrwerden des Scheiterns ebenso. Und mit dem Eingeständnis dieser Unfähigkeit ist der erste Schritt zur Heilung gemacht. Eine Willkommenskultur brauchen wir nicht nur im Politischen und im Sozialen, wir brauchen sie auch hier. Da kommen erwünschte Gedanken und Gefühle, aber auch unerwünschte. Dieses Jucken jetzt gerade am unteren Rücken, das ist unerwünscht. Kann ich es integrieren? Manchmal ist Kratzen der bessere Weg: Tu es, handle, warte nicht ab! Manches aber kann ich nicht durch mein Handeln zum Verschwinden bringen. Dann muss ich es hinnehmen, willkommen heißen, integrieren – und das Integrieren heilt.
Nicht alle Gedanken und Gefühle sind Boten aus dem verdrängten Unbewussten, die nach Heilung lechzen. Es gibt auch praktische, alltagstaugliche Gedanken und Gefühle. Nach Erledigung des von ihnen geforderten Tuns verschwinden sie wieder. Sie sind nützlich, sie brauchen nicht geheilt zu werden. 

Die Stille in sich selbst finden

Einen Heilungs- oder Integrationsbedarf aber zeigen die Gedanken und Gefühle, die immer wiederkehren, die vor allem dann wiederkehren, wenn wir sie nicht brauchen. Sie tauchen auf, obwohl gar kein Grund dafür da ist. Oft sind das selbstentwertende, entmutigende Gedanken. Für die gibt es nie wirklich einen Grund. Wir alle sind imstande, auch Böses zu tun, dem will ich hier nicht widersprechen – nichts Menschliches ist mir fremd, wie der römische Dichter Terenz sagte. Aber die rhythmische Wiederkehr selbstentwertender Gedanken ist eine Krankheit. Bitte dies nun nicht als Grund für eine weitere Selbstentwertung benutzen! Sich nun auch noch als krank zu erklären, würde das Übel noch vergrößern. Besser ist es, die stille, inhaltsleere Meditation dazu zu nutzen, die dort auftretenden Gedanken und Gefühle freundlich aufzunehmen: Hallo, Gedanke, aha, du bist es! Ich kenne dich doch schon von irgendwoher, sei willkommen! So willkommen geheißen, lösen sich die wiederkehrenden Gedanken und Gefühle mit der Zeit auf. Weil sie ja zu nichts nütze sind und den sie Beherbergenden bald langweilen.
Mit stiller Meditation meine ich hier übrigens keine Affirmationen oder Visualisierung, die werden ja auch oft Meditation genannt, sondern die Übung in Inhaltsleere, Stille, Ziellosigkeit. Wer dabei auch noch die Ziellosigkeit fallen lassen kann, gut so. Als Streber nach der Leere ist man ja immer noch voll von etwas, als Streber nach der Stille hat man immer noch Lärm in sich. Also: Alles fallen lassen, auch das Streben danach, das ist die Zauberformel. Es braucht Übung, sich darauf einzulassen, sich dem hingeben zu können, und doch ist das Gelingen dieser Übung immer eine Gnade. Jeder Moment wirklicher Stille und Akzeptanz ist eine Gnade. Wir können uns darauf vorbereiten, dass ‚es‘ geschieht, indem wir Hindernisse aus dem Weg räumen, aber wir können es nicht herbeiführen. Und wenn sie dann da ist, diese Stille, diese Hingabe an den Flow, an das Vorbeiströmen, dann ist das das Erholsamste, was es gibt. So erholsam wie die Erschöpfung, nachdem man sich körperlich völlig verausgabt hat – nur ohne die Erschöpfung.
Brauchen wir auch noch die Ethik? Die Willkommenskultur in der stillen, inhaltslosen Meditation ist kein Abschied von der Ethik, von der Bevorzugung des Guten gegenüber dem Schlechten. Sie entledigt sich der Ethik nur für den Akt der Wahrnehmung, des Gewahrseins, der unterschiedslosen, nicht wertenden Präsenz. Insofern ist sie ein Gleichnis und zugleich ein Übungsfeld für die Willkommenskultur im Politischen und im Sozialen, so etwas wie die Rolle des Gastgebers in dem Gedicht ‚Das Gasthaus‘ von Rūmī: Er heißt alle Gäste willkommen, die guten wie die schlechten, und bewirtet sie. Werden sich dabei die Schlechten in Gute verwandeln? Im ersten Moment weiß man das nicht, da braucht es die totale Akzeptanz, sonst unterliegt die Wahrnehmung einer Wertung, einem Vorurteil. Die Erfahrung zeigt, dass Gäste, die sich wertgeschätzt fühlen, sich verwandeln, auch die Bösen unter ihnen. Oder sie lösen sich in Nichts auf und kommen nie wieder, sie können der uneingeschränkten, bedingungslosen Liebe nicht standhalten. Im ersten Akt der Aufnahme jedoch braucht es die Akzeptanz eines solch uneingeschränkten Willkommenheißens. Erst danach, im Handeln, darf, soll und muss die Wertung beginnen.
Die Kultur der Meditation, vor allem, wenn sie dem ‚Zweck‘ der Heilung dienen soll, verlangt deshalb einen feinen Balanceakt zwischen dem Werten und dem Nichtwerten. Eine Ethik des guten Tuns – die sechste Regel auf dem Achtfachen Pfad des Buddha: sammā kammanta – ist unerlässlich, um das Leiden im menschlichen Leben auch nur zu mindern. Im Akt des Wahrnehmens aber braucht es das uneingeschränkte Ja zum Vorhandenen.
Ein Großteil der spirituellen Subkulturen geht nicht klug mit dieser feinen Unterscheidung um und auch in den Religionen ist das Thema – bei den Christen als Theodizee, die Frage, warum der doch allmächtige, angeblich gute Gott das Böse zulässt – eine Herausforderung und Einladung zur Transzendenz. Ein Koan, das sich nur im Überschreiten des dualen Denkens lösen lässt.

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