Wohlfühlen

Ich habe heuer den Frühling mit so großer Freude und Intensität erlebt wie schon lange nicht mehr. Meine kleine Enkeltochter lief von Blume zu Blume, und dort eine Hummel und hier ein Käfer und wo kommen die vielen Fliegen plötzlich her? Die Natur der Dinge.

Das wunderbare Erwachen der Natur, die sinnliche Wiedergeburt der Fruchtbarkeit, das Kapha, das sich voll Kraft und mütterlicher Fürsorge auf die Wiesen und Felder ausbreitet. Der Duft der Erde, das klare Blau des Himmels, die herrliche, frische Luft und die Farben, die der Frühling über die braungrauen Bäume, Pflanzen und Menschen zaubert, und das Singen und Jubilieren der Frühlingsvögel, das ist Sinnlichkeit, das ist Sexualität in höchster Achtsamkeit. Die Natur lebt uns vor, was so unendlich schön ist auf dieser Erde. Und wir? Ja, wir gehen hinaus in unser herrliches Land, genießen es, und manchmal wundern wir uns, dass uns der Frühling und alle anderen Jahreszeiten nicht verlassen und jedes Jahr wiederkommen, wie wundervoll! Alles Leben ist sexuell, das ist die Urgewalt der Existenz, ohne sie wäre schon längst alles ausgestorben, aber manchmal denke ich, dass der Welt vielleicht am besten geholfen wäre, wenn die Evolution die Parthenogenese, die ungeschlechtliche Vermehrung, flächendeckend durchgezogen hätte.

Vielleicht würden uns dann die grauslichen Auswüchse des patriarchalen Wahnsinns erspart bleiben. Ob der etwas mit Sex zu tun hat? Ich sehe, wie Weltpolitiker die brutale patriarchale Energie auf die Spitze treiben, frauenverachtend und restriktiv. So darf ein polnischer Abgeordneter im Europaparlament öffentlich sagen, dass es rechtens sei, dass Frauen weniger verdienen, nicht nur weil sie kleiner und schwächer sind, sondern natürlich auch dümmer. Was bedeutet schon so ein kleiner, armer Wicht? Es trampeln ja immer mehr aufgeplusterte ‚große‘ noch ganz anders auf schwer erworbenen Achtsamkeiten herum. Jedoch hütet euch vor den Wichten! Am liebsten spreche und schreibe ich nur mehr über Dinge, die ich selbst erfahren habe. Natürlich könnte ich über Sexualität und Achtsamkeit etwas sagen. Sexualität war zentral wichtig, wir waren die Generation, die wilden und oft rücksichtslosen Sex hatte, endlich durften wir. Achtsamkeit interessierte uns nicht, von ihr hatten wir keine Ahnung, wohl aber von Angst. Solange die Hormone strömten, war die Sexualität eine Quelle von Lust und Leid, von Sehnsucht und Verlangen. Heute wird viel über Sex im Alter geredet, schöner und achtsamer soll er sein, na ja, darüber kann ich authentisch nichts sagen, ich habe kein Interesse an Sex und fühle mich unglaublich befreit. Viele Frauen in meinem Alter erzählen das Gleiche. Natürlich habe ich als alte Köperpsychotherapeutin, Neoreichianerin und Frau der 68er-Generation darüber nachgedacht, ob das nicht ein gefinkelter Abwehrmechanismus ist, denn wir haben gelernt, dass gute Sexualität die Quelle von Gesundheit, Lebensfreude und Ausgeglichenheit ist. Wie soll ich dann eine heitere, lebendige Alte sein können? Ich kann! Ich laufe mit meiner lebendigen, wundervollen Enkeltochter hinaus und wir passen auf, dass wir ja nicht auf die kleinen blauen, gelben und weißen Frühlingsblümchen oder im Sommer auf Beißkäfer treten, achtsam und voll Freude und Lebenslust! Natürlich gibt’s Einbrüche, Altersfrust und Sinnlosigkeitsanfälle, dann spekuliere ich schon mal mit der großen Lehre des Tantra-Yoga, die verspricht, dass dieser Weg sicher und schnell zur vollkommenen spirituellen Einsicht führt, weil alles Leben Begehren ist und wir dieses nur sinnvoll nutzen müssen. Vielleicht könnte ich mich überzeugen lassen und an der Hand eines wahren Meisters des TantraYoga diesen lustvollen, achtsamen Weg gehen, aber ich habe noch keinen getroffen. Doch erst dann könnte ich wieder authentisch über Sexualität und Achtsamkeit reden. In diesem Sinn wünschen wir Nexen einen schönen Sommer!

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