Wohlfühlen

Wie ein tantrisches Öl-Ritual in einem kleinen Bergdorf in Oberösterreich Fremde zu Vertrauten macht. Ein Erlebnisbericht - Achtsam in Öl sein.

Ich liege auf dem Rücken und blicke an die holzvertäfelte Decke. Mein Körper fühlt sich wohlig und weich an und ich spüre Christina und Adrian, die noch neben mir liegen. Sonst hat sich der Raum bereits geleert. Man hört leise das Lachen der anderen Teilnehmer, während sie draußen zusammen duschen. Unsere Körper glänzen noch vom Öl und meine Gedanken wandern und fragen sich, was eigentlich in den letzten Stunden passiert ist.
Es ist ein sonniger Junitag, als wir uns am Mittag in einem kleinen Bergdorf in Oberösterreich treffen. Insgesamt neun Teilnehmer, vier Frauen und fünf Männer im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Als wir die Seminarräume betreten, fühle ich mich sofort wohl. Mit ihrem hellen und warmen Holz ist die Atmosphäre ausgesprochen gemütlich und einladend. Es dauert gut eine Stunde, bis alle Seminarteilnehmer da sind und unser Workshop-Leiter Jörg uns im großen Seminarraum zusammenruft.
Wir tragen bequemen Lunghis, eine Art Wickelrock, sitzen im Kreis, stellen uns kurz mit unseren bisherigen tantrischen Erfahrungen vor und sprechen über unsere Erwartung an dieses Seminar. Wie ich schnell merke, bin ich hier in der Gruppe der ‚Neuling‘. Alle anderen haben schon mehrere Tantra-Seminare besucht, manche auch schon Öl-Rituale. Ich werte es als gutes Zeichen, dass die Erfahrung offensichtlich nicht allzu abschreckend war.

Viel Vorfreude

Nach der Begrüßung führt Jörg kurz in den Ablauf des heutigen Workshops ein und es wird rasch deutlich, dass der Tag ganz auf das Öl-Ritual ausgerichtet sein wird, welches am Ende des mehrstündigen Seminars steht. Im Vorgriff auf diesen Höhepunkt des Tages werden auch schon einmal ein paar Regeln ausgegeben, die wir bis zum Abend verinnerlichen sollen. Dazu gehört unter anderem, dass während des Öl-Rituals keine Form der Penetration gestattet ist, dies heißt, dass weder mit dem Finger noch mit der Zunge oder dem Penis in Körperöffnungen eingedrungen werden darf. Auch sollen die Männer einen Samenerguss vermeiden, während eine Erektion nicht nur erlaubt, sondern willkommen ist. Mir kommen unmittelbar Zweifel, ob sich diese Regeln im weiteren Seminarverlauf immer werden einhalten lassen, aber die Dramaturgie ist gelungen und erzeugt einen aufregenden Spannungsbogen für die kommenden Stunden.
Der Workshop beginnt allerdings wesentlich harmloser. Den Auftakt bildet eine Tanzimprovisation zu verschiedenen Klängen und Rhythmen. Alle Teilnehmer tanzen in frei gewählten Bewegungsformen passend zu den mal langsamen, mal schnellen Rhythmen und beziehen in ihre Bewegungen dabei auch die anderen Teilnehmer spielerisch mit ein. In kurzer Zeit sind alle Lunghis im Raum in steter Bewegung und wir folgen tanzend dem roten Faden unseres Seminarleiters, der die nächsten fünf Stunden sehr geschickt verschiedene Übungen aneinanderreiht, die die Gruppe immer weiter formen und uns auf das abendliche Ritual einstimmen sollen. 

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Mit dem Körper spielen

Zu diesen Übungen gehört zum Beispiel das Beckenprellen, eine Bewegungs-, aber vor allem Atemübung, bei der die Teilnehmer ihr Becken zu den rhythmischen Klängen der Musik anheben und es dann auf die untergelegte Yoga-Matte fallen lassen. Die Bewegung wird mit starkem und stoßweisem Ein- und Ausatmen kombiniert, was nach einiger Zeit zu einer Art ekstatischer Bewusstseinserweiterung führt. Es folgt eine Reihe weiterer Bewegungs-, Atem- und Gruppenübungen, bei denen mit Nähe und Distanz, Berührung und Bewegung gespielt wird, bis der Abend herannaht.
Vor dem mit Spannung erwarteten Öl-Ritual gibt es noch ein gemeinsames Abendessen, bei dem Jörg uns die wichtigsten Regeln noch einmal in Erinnerung ruft und insbesondere ein Handzeichen vereinbart, mit dem jeder Teilnehmende jederzeit signalisieren kann, dass das Ritual beendet werden soll. Darüber hinaus gibt es im Raum auch noch einen eigenen Rückzugsbereich für alle, die eine Auszeit benötigen. Nach diesen einführenden Worten werden wir geheißen, uns die bereitliegenden Augenbinden zu nehmen und unsere Lunghis auszuziehen. Und so stehen wir alle kurze Zeit später vor der Tür des Seminarraumes, nackt nacheinander aufgestellt und mit verbundenen Augen. Ein Teilnehmer nach dem anderen wird nun abgeholt und in den verdunkelten Raum geführt.

Dem Höhepunkt zusteuern

Bereits das Betreten des Raumes ist eine anregende Erfahrung. Meine Augenbinde lässt keinen Blick auf das Geschehen um mich herum zu und durch den vollständigen Verzicht auf unseren vermeintlich wichtigsten Sinn sind alle anderen Sinnesorgane aufs Äußerste geschärft: Ich spüre die Wärme des Raumes, rieche den Duft von Räucherstäbchen und höre die leise Musik, als ich behutsam zu meinem Platz geführt werde.
Nach einigen andächtigen Minuten spüre ich leise Schritte um mich herum und kurz danach das angenehme Gefühl warmen Öls, das auf meine Haut geträufelt wird. Ich beginne das Öl einzureiben, während ich um mich herum spüre, dass auch bei den anderen Teilnehmern die anfängliche Stille langsam einer gespannten Erregung weicht. Als wir alle unsere Körper reichlich mit Öl eingerieben haben, beginnt das eigentliche Ritual. Ich bewege mich sehr langsam und vorsichtig auf dem von Öl benetzten Boden, bis ich den ersten fremden Körper berühre. Es ist eine erstaunliche Herausforderung, anhand der ersten Berührungen festzustellen, welchen Körperteil man nun eigentlich berührt und nicht zuletzt auch, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.
Es folgen drei sehr intensive und sinnliche Stunden, in denen verschiedenste Berührungen zwischen den Teilnehmern ausgetauscht werden. Dabei entwickelt sich das Ritual von den anfänglich fragenden und zurückhaltenden Kontakten hin zu immer intensiveren Formen. Es wird gestreichelt und geküsst. Man (er)spürt die zunehmende Erregung bei den anderen Teilnehmenden, bei mir dauert es nicht lange, bis ich eine Erektion habe. Trotz dieser erotischen Spannung verläuft die Übung ausgesprochen achtsam. Jeder erspürt anhand der Reaktion seines Gegenübers, wie weit er gehen darf.

Wenn die Zeit verrinnt

Ich kann nur erahnen, was in diesen drei Stunden alles im Seminarraum passiert. In der Eigendynamik, die sich im Verlauf der Stunden entwickelt hat, verlieren die Workshop-Regeln in gleichem Maße an Bedeutung wie gesellschaftliche Konventionen und Normen, auch wenn Jörg immer um uns herum ist, um sicherzustellen, dass es allen gut (er)geht. Menschen, die sich noch vor wenigen Stunden als Fremde begegnet sind, liegen nun hier auf- und übereinander, streicheln und küssen sich. Es wird intensiv massiert, wobei Lingam und Yoni ganz selbstverständlich mit in die Berührungen einbezogen werden.
Nach zwei wunderbaren Stunden lässt Jörg das Ritual mit entspannter Musik ausklingen und fordert uns auf, die Augenbinden abzunehmen. Es eröffnet sich ein schöner Anblick auf den abgedunkelten und in sanftem Licht ausgeleuchteten Raum, dessen Boden mit einer Folie ausgelegt und von Kissen umsäumt ist. Es beginnt nun der freie Teil des Öl-Rituals, in dem die Teilnehmer sich – nun im Vollbesitz aller Sinne – einander hingeben, bis es nach gut einer weiteren Stunde langsam ausklingt und einer nach dem anderen unter die Dusche entschwindet.

Ich liege noch ein wenig und betrachte die holzvertäfelte Decke. Erneut geht eine wunderbare tantrische Erfahrung zu Ende und es erscheint irgendwie unwirklich, dass die gerade noch neben mir liegenden Menschen vor wenigen Stunden noch Fremde waren. Eine wirklich berührende, sinnliche und verbindende Erfahrung, die ich allen Tantra-Interessierten nur wärmsten ans Herz legen kann.

Markus Hoffmann, Jahrgang 1979, studierte Psychologie und Kommunikationswissenschaften an den Universitäten Tübingen und Essen. Neben seinem Studienschwerpunkt ‚Medienpsychologie‘ hat er sich intensiv mit den Themen ‚Interpersonelle Attraktion‘, ‚Sozialpsychologie der Partnerwahl‘ und ‚Psychologische und biologische Grundlagen von sozialen Beziehungen‘ beschäftigt. Aktuell arbeitet er als IT-Projektmanager.

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