Wohlfühlen

Christine Weissbarth, Yoga-Lehrerin in München, über ihren spirituellen Weg und warum ihr Tag mit ,Bett-Yoga‘ beginnt.

Wie beginnen Sie üblicherweise Ihren Tag?

In der Früh beginne ich noch vor dem Aufstehen mit Übungen im Bett, darunter Asanas aus dem Yin-Yoga, die eher sanft und entspannend wirken. Nach meinem ‚Bett-Yoga‘ trinke ich eine Tasse Tee und einen Gemüse-Obstsaft. Oft gehe ich zusätzlich in mein Yoga-Studio, um dort aktivere Yoga-Übungen zu praktizieren. Das erdet mich und gibt mir Kraft. Die tägliche Yoga-Praxis ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. An manchen Vormittagen unterrichte ich auch selbst.

Wie sind Sie zum Yoga gekommen?

Yoga hat für mich sehr viel mit Meditation zu tun. Die erste Berührung mit Meditation im weitesten Sinne hatte ich durch Nagelbilder von Günther Uecker, die für mich eine besondere Ruhe ausstrahlen. Beruflich hatte ich vor 20 Jahren ein Seminar mit Clemens Kuby moderiert. Sein Film ‚Living Buddha‘ beeindruckte mich sehr. Ich wollte den Buddhismus praktisch erfahren und begann in einem Zentrum zu meditieren. Darüber hinaus haben mich die dynamischen Meditationsformen des indischen Lehrers Osho begeistert und wurden Teil meiner regelmäßigen Übung. Später begann ich selbst Zen und Kontemplation zu unterrichten und hielt nach Yoga-Studios Ausschau. Ich probierte viele Richtungen aus, darunter Ashtanga-, Kundalini- und Iyengar-Yoga. Nichts davon überzeugte mich wirklich. Vor einigen Jahren kam ich schließlich in das Yoga-Studio von Patrick Broome in München. Nach der ersten Stunde wusste ich sofort, sein ganz individueller Stil passt zu mir. Ich entschied mich zu einer Yoga-Lehrer-Ausbildung, die das Lesen spiritueller Texte und Yoga-Schriften als Voraussetzung hatte – dieser spirituelle Bezug hatte mich überzeugt.

Was hat sich in Ihrem Leben durch Yoga verändert?

Ich habe mich früher oft gestresst, weil ich alles gut machen wollte: meinen Kindern beiseitestehen und meinen Beruf ausüben. Ich stand unter dem Leistungsdruck, es allen recht zu machen. Mein Leben war schön, aber stressig. Durch Yoga kann ich die Hektik loslassen, fühle mich fitter und gesünder und bin mehr in Kontakt mit meinem Körper und meinem Herzen. Yoga ist ein Weg, der zu mir führt und mich lehrt, ganz im Augenblick zu leben. In meinem Berufs- und Privatleben gelingt es mir durch den Kontakt mit dem Atem, wach, klar und bewusst zu sein. Durch das Leben im Hier und Jetzt verschwinden jegliche Ängste und Sorgen – diese Erkenntnis war wesentlich für mein Leben. Yoga hat mich insofern stark verändert, als mir verschiedene Zusammenhänge klar geworden sind. So ist auch die Absicht, mit der ich übe, eine bewusste Entscheidung und bestimmt über das Ergebnis. Das kann Achtsamkeit, Stabilität, Heilung, ein schöner Körper oder Zeitvertreib sein.

UW99 Weissbarth Yoga

Wodurch unterscheidet sich Yoga für Sie von Sport und Gymnastik?

Das Wesentliche beim Yoga ist der Atem. Es ist wichtig, die Übungen achtsam und entspannt durchzuführen. Wenn ich die Übungen mit einer aufmerksamen Atmung mache, bin ich bewusst im Hier und Jetzt. Darauf kommt es an. Wenn ich allerdings nicht mit mir verbunden bin, dann lebe ich unbewusst.

Ist Yoga für Sie eine körperliche oder geistige Übung?

Yoga ist ein körperlicher und geistiger Weg. Im Yoga üben wir nicht bloß die Koordination der Bewegungen und den bewussten Umgang mit dem Atem, sondern auch die Kontrolle des Geistes. Wer den Geist nicht unter Kontrolle hat, macht auch kein Yoga. Meine Gedanken und meine Haltung sind ausschlaggebend dafür, ob ich glücklich bin oder nicht. Das merkt man auch im Unterricht. Als Yoga-Lehrerin weiß ich, wenn ich einen Schüler achtsam berühre, wird sich diese Qualität auf ihn übertragen. Ich habe erfahren, dass es etwas in uns allen gibt, das unveränderbar und schon am Ziel ist. Liebe, Wahrheit und Kreativität haben hier ihren Ursprung. Ich übe mich, meinen eigenen Raum von innen heraus wahrzunehmen und nach außen hin das zu verwirklichen, was innen Realität ist.

Was gibt Ihnen Sinn und Erfüllung in Ihrem Leben?

Ich bin dankbar dafür, auf der Welt zu sein, liebe meine beiden Kinder und schätze intensive Beziehungen zu verschiedenen Menschen. Ich versuche, alles, was mir im Leben begegnet, als willkommen anzunehmen und mit Leichtigkeit und Freude meinen Alltag zu meistern. Meine Yoga-Praxis hat sehr viel mit dem realen Leben zu tun. Es ist ein fortwährender Prozess und nicht irgendwann abgeschlossen. Ich werde immer daran arbeiten und möchte meine persönlichen Erfahrungen weitergeben – darum unterrichte ich: für eine bessere Welt. Erfüllung gibt mir außerdem, dass ich in der heutigen Zeit als Frau in einem Land leben darf, in dem ich persönliche Freiheiten genieße.

Wenn Sie mit einem beliebigen Menschen einen Yogi-Tee trinken könnten, wen würden Sie wählen?

Am liebsten mit einem Diktator, der gerade in der Welt wütet, in der Hoffnung, ihn umstimmen zu können. Vielleicht kann ich ihm die Schönheit der Welt und die Liebenswürdigkeit der Menschen näherbringen. Oh, wie schön das wäre!

Was würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

Auf eine einsame Insel würde ich Papier und Stift zum Schreiben und eine Yoga-Matte mitnehmen. Eine Filmkamera wäre auch gut. Und am liebsten noch einen sehr guten Freund.

„Aufwachen mit Yoga bedeutet für mich ...“

Weissbarth: ... das Leben leicht zu nehmen, aufmerksam zu sein, alles wahrzunehmen, was um mich herum geschieht, ohne es zu bewerten. Nicht entweder ... oder denken, sondern sowohl ... als auch.

 

Christine Weissbarth ist Referentin im Bereich Film, Moderatorin und Lehrerin für Zen-Meditation, Kontemplation, Hatha-Yoga, Yin-Yoga, Yoga-Nidra und Chakren-Arbeit. Sie gibt Yoga- und Meditationsklassen in München und Workshops im In- und Ausland.
 
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Fotos © Michael Nagl
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