Wohlfühlen

Vor der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen. Nach der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen. Eine Buddhistische Weisheit.

Als Kind bin ich bei einem Gewitter immer in den Garten gegangen und habe die Urkraft des Donners und der Blitze gespürt und genossen. Ich hatte keine Angst, dass mir etwas passieren könnte. Ich hatte – wie viele Kinder – dieses tiefe Gefühl in mir, dass mir einfach nichts passieren kann, dass ich beschützt bin, von der Welt, von meinen Eltern. Ich hatte das Gefühl, jemand ganz Besonderer zu sein.

Jeder Mensch, der auf diese Welt kommt, hat in sich dieses tiefe Urvertrauen, Sraddha, das Gefühl, dass alles gut ist, dass alles seinen Sinn hat und seine Berechtigung und dass man es so annehmen kann. Sraddha wird im Yogasutra, einem der wichtigsten überlieferten Yoga-Texte, nur einmal erwähnt, nämlich in 1.20. Sraddha bedeutet das (Ur-)Vertrauen, der Glaube, das bedingungslose Interesse. Erklärend kurz, worüber das Yogasutra im ersten Kapitel spricht: Es erklärt, was Yoga bedeutet, wie man übt, wie man Citta – das meinende Selbst – zur Ruhe bringt, um schlussendlich Samadhi, die vollkommene Erkenntnis, bei der Beschäftigung mit einem Thema zu erlangen. Dabei spricht das Yogasutra einerseits von Menschen, die Samadhi ohne weiteres Bemühen, quasi angeboren, haben (1.19). Im Gegensatz dazu brauchen die ‚normalen‘ Menschen wie Sie und ich ein tiefes unerschütterliches Vertrauen – Sraddha, die Bereitschaft zu üben, ein wiederholtes Erinnern an das gewählte Thema sowie eine tiefe Ahnung der vollkommenen Erkenntnis, um schlussendlich zu dieser zu gelangen. Sraddha ist also eine ‚Teilvoraussetzung‘ für Samadhi, die vollkommene Erkenntnis, die vollkommene innere Harmonie.

Weidinger und Sraddha

Kennen Sie dieses Gefühl, dass Sie ‚verstehen‘, dass auf einmal alles ‚klar‘ und ‚hell‘ ist, dass Sie plötzlich das ‚Trübe von dem Reinen trennen können‘, so würden wir es in der Chinesischen Medizin sagen, dass das Komplizierteste plötzlich völlig einfach ist, dass es Ihnen plötzlich wie ‚Schuppen von den Augen fällt‘? Oder kennen Sie diesen Moment, vor allem wenn etwas ‚Großes‘ passiert ist, wie etwa ein dramatisches Unglück oder ein Naturereignis wie eine Sonnenfinsternis oder ein gewonnenes großes Sportereignis oder Sie mit allen in Ihrer Gasse vollkommen eingeschneit sind oder es einen großflächigen Stromausfall gibt oder Sie einfach nur alleine an einem stillen Ort meditieren – dass Sie das Gefühl haben, auf einmal mit allem verbunden zu sein, dass Sie das tiefe Empfinden haben, dass alles eins ist, untrennbar, klar und gut? Das ist Samadhi, das ist die Erleuchtung, von der die Mystiker reden, die Erleuchtung, von der im Buddhismus gesprochen wird. Diese können wir erfahren, wenn wir vertrauen, dass sie da ist, dass sie für uns erfahrbar ist. Und wir können sie erlangen, wenn wir uns einfach fallen lassen können in den Strom des Lebens, der Ereignisse. Aber dafür brauchen wir wieder Sraddha, sonst werden wir rechtzeitig abbiegen, weil ‚es könnte ja auch schiefgehen, es könnte mir ja auch den Boden unter den Füßen wegziehen‘.

Kleine Kinder haben Sraddha, haben den Glauben, dass alles gut ist, dass alles seinen Sinn hat und seine Berechtigung und dass man es so annehmen kann. Ein kleines Kind hat das tiefe Vertrauen in seine Eltern, dass sie es gut mit ihm meinen. Ein Kind führt das aus, was die Eltern sagen, weil es weiß, dass es gut ist. Dieses Vertrauen schenkt das Kind den Eltern und der ganzen Welt. Vertrauen kann daher auch mit Liebe gleichgesetzt beziehungsweise als Grundvoraussetzung oder auch integraler Bestandteil derselben betrachtet werden. Was kann dieses tiefe Vertrauen eines Kindes erschüttern? Wenn die mit diesem kindlichen Vertrauen vollzogene Handlung Schmerzen oder Angst nach sich zieht.

Angst ist der Feind des Vertrauens. Wer Angst hat, vertraut nicht, dass es gut ist. Erlebt das Kind eine Verletzung in der Zeit, in der es dem allmächtigen Schutz der Eltern vertraut hat, verliert es das Vertrauen, dass ihm nichts passieren kann, und hat sogar Angst davor, dass wieder etwas Schlimmes passiert. Fährt ein Kind zum Beispiel mit dem Dreirad neben den Eltern und stürzt schwer, so erlebt es, dass die Eltern es nicht vor Schmerz beschützen können, auch wenn sie dabei sind. In der Folge kann sich die Angst vor weiteren Verletzungen verselbstständigen und das fehlende Vertrauen kann sich auf andere Bereiche des Lebens ausweiten. So vertraut das Kind auf einmal allen Erwachsenen nicht mehr oder es vertraut nicht mehr darauf, dass das Leben generell gut ist. Das Kind braucht dann Erlebnisse, dass es doch beschützt ist, und es braucht das Wort und den Zuspruch der Eltern, dass es auch in schweren Zeiten und schweren Situationen immer seine Eltern an der Seite hat, die alles dafür tun, um es zu beschützen.

Bei sehr schweren Krankheiten kann ein Kind erleben, dass zwar Schlimmes passiert, dass diejenigen, die es lieben, jedoch bedingungslos da sind, auch wenn sie das Unabwendbare nicht abwenden können. Auch hier kann Sraddha entstehen, nämlich im Annehmen des Schicksals, im Annehmen, dass auch das schwere Leid der Erkrankung einen tiefen Sinn hat. Der Sinn des Yoga-Weges beziehungsweise die Aufgabe des Yogas wäre nun, durch Abhyasa – beharrliches Üben – und Vairagya – Gleichmut – wieder in die Stille des Citta zu gelangen, und das Yogasutra spricht auch weiter: 1.23: Gib dich Istvara hin. Istvara ist das Große Vollendete Selbst. Istvara ist eine zeitlose vollkommene Kraft, eine, die inspiriert und unendlich ist – im Gegensatz zur eigenen endlichen Kraft des Menschen, die je nach kulturellem oder religiösem Hintergrund eine Gottheit oder ein unerschütterlicher Glaube an ein hohes Ideal sein kann. Istvara kann für einen auch das Selbst sein als Gegenpol zum Ich: der Teil von einem, der mit allem, dem Universum verbunden ist, der nicht bewertet und nicht verurteilt, der immer da ist und immer da war, der mein Ich stützt wie ein Fels in der Brandung. Istvara kann auch eine große Persönlichkeit für einen selbst sein wie Buddha oder der Dalai Lama. Binde dich an Istvara und du kannst die Kraft nutzen, um dich selbst stark und kräftig zu fühlen. So kehrt Sraddha zurück.

Wenn man in seinem Leben an einem Punkt angelangt ist, an dem es einem einfach nur schlecht geht, sei es bei einer Depression oder einer anderen Erkrankung wie Asthma, wenn man gerade keine Luft bekommt, sei es, weil in der Arbeit alles zusammenbricht oder weil man verlassen wurde, dann soll man sich erinnern an jene Zeiten, in denen es gut war. So spricht das Yogasutra weiter: Man solle sich erinnern, als das Leben gut war, als man gut Luft bekommen hat, als man Träume hatte, als man liebe Menschen um sich hatte. Man solle diese Erinnerungen wie Schätze in seinem Inneren bewahren und am besten immer wieder hervorholen und polieren, sodass sie glänzen. Diese Erinnerungen können uns das Vertrauen wiedergeben, dass es sicher wieder besser wird, weil es doch schon so oft im Leben passiert ist, dass es dann wieder besser wurde. Und immer ist ein Mensch aus dem Nichts dahergekommen und war dann einfach da für einen und plötzlich konnte man wieder gut atmen, als hätte man nie etwas gehabt, und auf einmal konnte man wieder unbeschwert lachen und immer hat sich ein neuer wunderbarer Job ergeben. Die Erinnerungen sind Nahrung in Zeiten seelischer Hungerkrisen. Meditieren Sie bitte immer wieder mit guten Erinnerungen, solchen, bei denen Ihr Gesicht nicht anders kann als lächeln oder vielleicht grinsen. Geben Sie diesen Erinnerungen einen sehr guten Platz in Ihrem Körper, zum Beispiel in der Herzregion, und koppeln Sie an die Erinnerung am besten gleich auch ein gutes Gefühl der Wärme und Geborgenheit. Merken Sie sich gut, wo dieser Schatz lagert, behütet und beschützt ist er nur für Sie da, in Wärme und Helligkeit.

Ich darf Ihnen vielleicht noch ein sehr persönliches Ereignis aus meinem Leben erzählen: Mein Großvater hatte im Alter ein Herzleiden, durch das er schwer Luft bekam. Seine Angst war es, einmal zu ersticken. Seine Angst war Teil meiner Kindheit. Ich bekam mit zwölf Jahren Asthma bronchiale und da ich im Internat war, erzählte ich meinen Eltern erst nach Monaten davon. Ich lernte, was es heißt, keine Luft zu bekommen. Da war diese Angst meines Großvaters. Ich verlor den Glauben, dass ich unverwundbar war, und bekam selbst Angst, zu ersticken. Die Angst wiederum verschlechterte mein Asthma und veränderte mein Wesen. Und dann passierte es. Mit vierzehn Jahren wachte ich eines Nachts auf und konnte nicht mehr ausatmen. Ich war aus dem Schlaf gerissen und sofort hellwach. In dieser Wachheit erlebte ich das Ersticken. Ich konnte nicht weiter einatmen und auch die Ausatmung versagte vollkommen. Doch in dem kurzen Moment vor der Bewusstlosigkeit war die Angst plötzlich vollkommen verschwunden und ein tiefes Gefühl, dass alles gut ist, erfasste mich. Es war wie ein Hineinschauen in etwas viel Größeres, etwas Unendliches und Gutes. In dem Moment kam Sraddha zurück zu mir. Mein Vater war in dieser Nacht zu Hause und als Arzt ‚holte er mich zurück‘ mit einer Spritze. Dieser wunderbare Moment, in dem sich die größte Bedrohung meines Lebens und die Erleuchtung die Hand reichten, ist tief in mein Bewusstsein, in meine Erinnerung eingebrannt. Ich hüte ihn wie einen wertvollen Schatz. Seither hatte ich nie wieder Angst, zu ersticken, und auch die Angst vor dem Tod ist nicht mehr präsent. Dieser Moment hat wahrscheinlich dazu geführt, dass ich Arzt geworden bin, und zwar der, der ich heute bin. Und wie es schon in der Überschrift heißt: Davor habe ich Holz gehackt und Wasser getragen und danach habe ich Holz gehackt und Wasser getragen, ABER wahrscheinlich mit viel mehr Spaß und Elan ...

Sraddha bedeutet auch, dass man als Kranker nicht aufgibt. „Aufgeben tut man einen Brief.“ Sraddha zeigt einem den Sinn der Erkrankung, zeigt einem die Sinnhaftigkeit dieses steinigen Weges auf. Sraddha lässt uns unser Fahrzeug auf dieser Welt, unseren Körper, besteigen und bis zum Ende fahren und lässt uns dann auch am Ende gut aussteigen. Sraddha gibt uns die Kraft, im Moment zu bleiben und jetzt im Moment einen Schritt nach dem anderen zu gehen, ohne ständig daran denken zu müssen, ob es überhaupt noch einen Sinn hat zu gehen und ob man überhaupt jemals an ein Ziel kommt. Und dann passieren auch die ‚Wunder‘. Ich erinnere mich an einen Patienten, Herrn X, mit Lungenkrebs und Hirnmetastasen, dessen Therapie vom Allgemeinen Krankenhaus Wien als abgeschlossen bezeichnet wurde – ‚austherapiert‘. Er ist in seinen – von den Ärzten vorhergesagten – restlichen zwei bis drei Monaten zu mir in die Praxis gekommen. Herr X hatte nicht aufgegeben. Herr X hatte noch einiges vor. In der Chinesischen Medizin achten wir sehr darauf, dass jemand Shen hat, den Geist des Herzens, das Leuchten, die Hoffnung, das ‚Weitermachen‘, das ‚Nicht-Aufgeben‘. Und so habe ich ihn zwei Jahre lang betreut. Er war so stolz, dass er noch immer lebte, dass es ihm so gut ging wie Jahre nicht mehr, so stolz, dass er seinen guten Gesundheitszustand den Kollegen im AKH Wien zeigen wollte, die ihm daraufhin, weil es ihm ja so gut ging, gleich wieder eine Chemotherapie verordneten ...

Ich erinnere mich an eine Patientin, die in meine Praxis kam, als ich noch recht unerfahren war. Groß war vor allem mein Enthusiasmus. Und mit tiefer Überzeugung, ihr helfen zu können, habe ich sie behandelt und war dann selbst immer so enttäuscht, dass die Genesung so langsam voranschritt. SIE war es dann, die mir Vertrauen in MEINE Medizin gab, mir immer zusprach, dem Körper doch Zeit zu geben und darauf zu vertrauen, dass sie gesund werden würde. Sie hatte das Vertrauen, ich hatte nur die Ungeduld. Zum Glück hatte sie recht!

Wenn es uns nicht gut geht, verzweifeln wir oft schon an kleinen Beschwerden. So denke ich an einen Patienten, der regelmäßig in der Allergiezeit wegen seiner allergischen Beschwerden zu mir kommt und dem ich auch gut helfen kann. Doch jedes Mal verliert er das Vertrauen, dass die Pollen auch irgendwann wieder aufhören zu blühen ...

Sraddha für Sie!

Ihr
Georg Weidinger

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Illustrationen © Francesco Ciccolella

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