Achtsamkeit

„Was immer wir tun, wir tun es in dem Versuch, uns Bedürfnisse zu erfüllen." „Jedes NEIN ist ein JA zu einem anderen Bedürfnis." „Gewalt ist ein tragischer Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses." (M. R.) Ein Aha-Erlebnis jagte das andere und nicht nur einmal hatte ich in diesen drei Tagen Tränen in den Augen.

Als dann am letzten Tag noch die Sprache auf das Loben und die auch mit positiven Bewertungen verbundene Problematik kam, verstand ich endlich, warum ich bei Lob immer die Haare aufstelle.In der Zwischenzeit sind fast zehn Jahre vergangen und mein Enthusiasmus über und die Dankbarkeit für die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) haben sich noch vertieft. Es ist ihre unmittelbare Anwendbarkeit, die mich an der GFK so nachhaltig begeistert. Was für ein Segen, wenn ich in einer konfliktträchtigen Situation mit den einfachen Fragen „Was brauche ich?" oder „Was könnte mein Gegenüber brauchen?" meine Energie auf das, was uns Menschen verbindet – unsere Bedürfnisse –, ausrichten kann, statt Schuldige zu suchen oder mich in Rechthaberei zu verzetteln. Alles, was in die Gewaltfreie Kommunikation integriert wurde, ist schon seit Jahrhunderten bekannt, sagt M. R., der die GFK in den 1960er Jahren entwickelte und in den Folgejahren laufend verfeinerte. Sie ist gleichermaßen Ausdruck seiner Überzeugung, dass die Freude am einfühlsamen Geben und Nehmen dem natürlichen Wesen des Menschen entspricht, und Produkt seines Wunsches, dieses ‚natürliche Wesen' nähren zu helfen.

 

M. R. wurde 1934 in Ohio geboren. Er war neun Jahre alt, als kurz nach der Übersiedlung der Rosenbergs nach Detroit Rassenunruhen ausbrachen. 40 Menschen fielen diesen zum Opfer. „Seit diesem Sommer beschäftigen mich zwei Fragen: Was geschieht genau, wenn wir die Verbindung zu unserer einfühlsamen Natur verlieren und uns schließlich gewalttätig und ausbeuterisch verhalten? Und umgekehrt, was macht es manchen Menschen möglich, selbst unter den schwierigsten Bedingungen mit ihrem einfühlsamen Wesen in Kontakt zu bleiben?" Er studierte Psychologie und promovierte 1961 als Klinischer Psychologe an der Universität in Wisconsin. Unzufrieden mit den Erkenntnissen und Praktiken der Klinischen Psychologie wandte er sich der Richtung von Carl Rogers (Entwickler der klientenzentrierten Gesprächstherapie) und Abraham Maslow (Gründervater der Humanistischen Psychologie) zu. Auch in der vergleichenden Religionswissenschaft suchte er nach Antworten.

 

Rosenberg: „Auf die Frage, von welchen religiösen Überzeugungen ... er am meisten beeinflusst wurde: Es fällt mir schwer zu sagen, welche der verschiedenen Religionen auf der Erde die größte Wirkung auf mich gehabt haben. Wenn es eine gibt, dann ist es wahrscheinlich der Buddhismus. ... Zum Beispiel stellt Buddha sehr klar heraus: Werdet nicht abhängig von euren Strategien, euren Bitten oder euren Wünschen. Das ist ein sehr wichtiger Teil unserer Schulung: Die wirklichen menschlichen Bedürfnisse nicht zu verwechseln mit dem Weg, den wir gelehrt wurden, um uns diese Bedürfnisse zu erfüllen." 3 Die GFK könnte aber auch als Handlungsanleitung für folgende jüdisch-christliche Postulate dienen: „Urteile nicht, wenn du nicht möchtest, dass über dich geurteilt wird" und „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Spiritualität und Liebe haben für Rosenberg mehr mit unseren Handlungen als mit unserem Fühlen zu tun. Die GFK und sein ‚4 Schritte Modell' sieht er als Produkt seines Versuches, das Konzept Liebe, auf das er in seiner Beschäftigung mit vergleichender Religionswissenschaft immer wieder stieß, zu verstehen und sprachlich wirksam werden zu lassen.

 

1984 gründete M. R. das ‚Center for Nonviolent Communication' (CNVC). Ziel dabei war, seine Erfahrungen und Erkenntnisse aus jahrelanger Arbeit mit BürgerrechtlerInnen und Gemeinden zur Überwindung der Rassentrennung allgemein zugänglich zu machen. Mehr als drei Jahrzehnte lang trainierte M. R. weltweit Menschen aller Berufsgruppen. Er lehrte und initiierte Friedensprogramme in einer Reihe kriegsgeschüttelter afrikanischer und asiatischer Länder, im Nahen Osten, in Nordirland, Serbien und Kroatien. 2007 präsentierte M. R. auf Einladung des Vereins Gewaltfreie Kommunikation Austria die GFK auch in Wien. Das Odeon war bereits ausverkauft, bevor noch die Flyer zur Verteilung kamen. Anfang dieses Jahres zog sich M. R. aus allen Funktionen und dem Seminarbetrieb zurück. Aus Wertschätzung und Respekt für M. R. – den charismatischen Großmeister der Empathie – möchte ich sein ‚4 Schritte Modell' möglichst nahe seinen eigenen Formulierungen zusammenfassend darstellen.

 

Rosenberg ist zutiefst davon überzeugt, dass die Ursache von Gewalt in der Art und Weise liegt, wie wir zu denken, zu kommunizieren und mit Macht umzugehen gelernt haben. Und er misst der Sprache einen wichtigen Einfluss auf die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen bei: „Wir betrachten unsere Art zu sprechen vielleicht nicht als ‚gewalttätig', dennoch führen unsere Worte oft zu Verletzung und Leid – bei uns selbst oder bei anderen." Mit dem ‚4 Schritte Modell' lenkt M. R. unsere Aufmerksamkeit Schritt für Schritt weg von polarisierendem Richtig/Falsch-, Gut/Schlecht-Denken, von Bewertungen, Schuldzuweisungen, Ratschlägen, Forderungen, Drohungen und hin zu zwei Fragen: „Was ist lebendig in uns?" und „Was würde unser Leben bereichern?" Um einer Person mitzuteilen, was gerade in uns lebendig ist, sagen wir ihr zuerst, worauf wir reagieren, was genau sie tut, das unser Leben bereichert, oder was sie macht, das unser Leben nicht bereichert. Wichtig dabei ist, dies auszudrücken, ohne eine Bewertung des angesprochenen Verhaltens mit einfließen zu lassen.

 

Beobachtung nennt M. R. diesen 1. Schritt. Wie vermeiden wir, dass in eine Beobachtung Bewertungen mit einfließen? Indem wir uns darauf beschränken, was jede andere Person auch wahrnehmen könnte, was beispielsweise eine Kamera, ein Tonträger wiedergeben würde. Krishnamurti, ein bekannter indischer Philosoph, hält beobachten, ohne zu urteilen für die höchste Form menschlicher Intelligenz.

 

Im 2. Schritt drücken wir dann aus, welche Gefühle in uns lebendig sind. Dabei ist es wichtig, Pseudogefühle zu vermeiden. Unsere Sprache unterscheidet nicht zwischen Gefühlen und Pseudogefühlen im Sinne der GFK. „Ich habe das Gefühl, dass du mich nicht magst", ist kein Gefühl, sondern ein Gedanke. Hinter „Ich fühle mich unterdrückt" versteckt sich wahrscheinlich ein Vorwurf, eine Schuldzuweisung, um nur zwei Sprachmuster zu erwähnen. Pseudogefühle verhindern – ähnlich wie Bewertungen im 1. Schritt – Verbindung und Verstehen. In der GFK zentral ist auch das Bewusstsein, dass andere Menschen nicht für unsere Gefühle verantwortlich sind. Ihr Verhalten mag zwar unsere Gefühle auslösen, Ursache unserer Gefühle sind aber unsere Bedürfnisse. Diese Verantwortung drücken wir auch sprachlich aus: „Ich bin verletzt, weil mir Unterstützung wichtig ist."

 

Im 3. Schritt – dem Herzstück der GFK – teilen wir also mit, welches Bedürfnis durch das im 1. Schritt angesprochene Verhalten erfüllt ist oder eben nicht erfüllt ist. Bedürfnisse sind allen Menschen gemeinsam. Sie sind unabhängig von Alter, Geschlecht, kultureller, politischer, religiöser Orientierung. Wir alle brauchen Anerkennung, Geborgenheit, Gemeinschaft, Nahrung, Rücksichtnahme, um nur einige der menschlichen Bedürfnisse zu nennen. M. R. gruppiert diese rund um die Kategorien Autonomie, Feiern, Integrität, Interdependenz, Nähren der physischen Existenz, Spiel, Spiritualität, ohne sie wie Maslow zu hierarchisieren. Uns mit uns selbst und miteinander über unsere Bedürfnisse zu verbinden, hält er für den schnellsten Weg, sich mit der ‚göttlichen Energie' zu verbinden. Im 3. Schritt ist die klare Trennung zwischen Bedürfnis und Strategie, die Art wie wir uns ein Bedürfnis zu erfüllen trachten, entscheidend. Zum einen, weil eine Verbindung auf der Bedürfnisebene viel leichter gelingt als auf der Strategieebene. (Oder fällt es Ihnen besonders schwer zu verstehen, dass ein Mensch, der hungrig ist, Nahrung möchte? Problematisch wird es doch erst, wenn dieser sein Bedürfnis nach Nahrung, ohne zu fragen mit beispielsweise Ihrer Pizza stillen möchte.) Zum anderen, weil es erfreulicherweise nie nur eine, sondern immer mehrere Strategien gibt, um ein Bedürfnis zu befriedigen.

 

Im 4. Schritt, der Bitte, befassen wir uns schließlich mit der zweiten Frage, auf der das Modell basiert: „Was würde unser Leben bereichern?" Mit der Bitte bringen wir zum Ausdruck, was eine bestimmte Person wann und wo konkret tun kann, um uns unser Bedürfnis erfüllen zu helfen. „Kann ich bitte deine Pizza essen?" Diese Konkretheit macht aus ‚frommen' Wünschen (zum Beispiel: „Sei doch bitte nicht so neidisch.") machbare Bitten. Und nicht ein freundliches ‚Bitte' unterscheidet eine Bitte von einer Forderung, sondern die Bereitschaft, ein NEIN zu akzeptieren, ohne dass das Gegenüber Konsequenzen befürchten muss. Diese Freiwilligkeit erhöht nicht nur die Chance, dass eine Bitte erfüllt wird. Sie ist auch Ausdruck der Überzeugung, dass nur das Geben, das von Herzen kommt, Empfangende wie Gebende gleichermaßen bereichert und dem Leben dient. Denn wer aus Angst vor Strafe, Scham oder Schuld gibt, wird bei nächster Gelegenheit die Rechnung präsentieren.

 

Sollte es dennoch beim NEIN auf unsere Bitte bleiben, heißt das nicht, dass wir unser Anliegen aufgeben. Vielleicht mangelt es nur an Klarheit oder es scheitert am Ort oder an der Zeit. Oder wir fühlen uns auf das Bedürfnis ein, das dem NEIN zugrunde liegt, und plötzlich macht es unserem Gegenüber Freude, unsere Bitte zu erfüllen. Nicht vergessen, es gibt mehr als eine Strategie! Und wenn alle Stricke reißen: Sie können sich immer selber auf Ihr unerfülltes Bedürfnis einfühlen. Fühlen Sie den damit verbundenen Schmerz und beobachten Sie, wie er sich wandelt. Denn nichts bleibt gleich, es dauert nur etwas länger, wenn wir es nicht oder anders haben wollen. Aufrichtig anzusprechen, was in uns lebendig ist und was unser Leben bereichern könnte, ist eine Art, das ‚4 Schritte Modell' einzusetzen, Empathie eine zweite. Dabei fühlen wir uns mit dem Herzen ein, worauf die andere Person reagieren könnte, was sie fühlen und brauchen und worum sie bitten könnte. Auf beispielsweise meine Information, dass ich mich um die Abteilungsleitung beworben und die Zusage bekommen habe, ernte ich von meinem Partner ein ‚Hm' und Schweigen. Jetzt könnte ich mich auf sein mögliches Bedürfnis mit der Frage einfühlen: „Bist du irritiert, weil du gerne in die Bewerbungsentscheidung eingebunden worden wärest?" Damit fahre ich so lange fort, bis mein Partner (körper-)sprachlich zu verstehen gibt, dass er gehört wurde. Jetzt (erst) könnte ich fragen: „Bist du bereit zu hören, warum ich dich erst jetzt informiere?"

 

Mit unseren Bedürfnissen gehört zu werden – ohne Rechtfertigung, ohne Trostpflaster, ohne Ratschlag –, einfach nur gehört zu werden, erfüllt sich ein tiefes menschliches Bedürfnis und entfaltet eine Magie, die ich die heilende Wirkung der Empathie nennen möchte. Ob privat, in der Schule, am Arbeitsplatz, die GFK kann uns dabei unterstützen, Konflikte sowohl zu vermeiden als auch zu ‚heilen'. Sie dient uns auch dazu, unser Bedauern ohne Selbstbeschuldigung und unsere Wertschätzung frei von Bewertung (statt Lob) auszudrücken. (Sie lesen gerade meinen Artikel. Das freut mich sehr, weil es mir ein Anliegen ist, mit anderen zu teilen, was mein eigenes Leben bereichert.) Und wir können die GFK einsetzen, unabhängig davon, ob andere Beteiligte sie auch kennen oder anwenden.

 

Dr.in Christine Gollatz, geboren 1949, studierte Jus und arbeitete unter anderem als Entwicklungshelferin in Lateinamerika und Afrika. Ausbildungen in Körpertherapie bei Avi Grinberg, in systemischem Coaching, systemischer Strukturaufstellung bei Varga von Kibéd und I. Sparrer. Sie lebt in Wien und arbeitet als Kommunikationstrainern nach M. Rosenberg. Weitere Informationen und Seminarangebote finden Sie auf www.gewaltfrei.at.
Kommentare  
# Valerie 2015-11-20 21:53
Schöner Artikel
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# Susanna Mader 2016-01-02 19:08
Liebe Christine! Wie schön dich hier vorzufinden. "speak peace in a world of conflict" ist aktueller den je.
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# Dorothea Vienken 2016-06-18 11:40
In Dankbarkeit habe ich den Artikel gelesen und fühle mich gestärkt. Sie sprechen mir aus der Seele. Herzlichen Dank
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