Gesellschaft

Die bedeutendste österreichische Kinder- und Jugendbuchautorin Christine Nöstlinger, 73, ist so etwas wie das Gewissen der Nation. Die vielfach ausgezeichnete Künstlerin über die Wurzeln ihrer Ethik, wer sie beeinflusst hat und warum sie gesellschaftliche Widersprüche spürt.

 

Viele Kinder wurden durch Ihre Bücher geprägt. Schreiben Sie heute noch gerne?
Ich würde sagen, manchmal geht es gut und manchmal geht es weniger gut. Früher war ich ein Workaholic, aber in meinem Alter geht das nicht mehr. Heute kann ich mir nicht mehr erklären, wie ich damals alles unter einen Hut brachte. Ich war Hausfrau, Mutter, Ehefrau und Autorin – wie sich das alles ausgehen konnte, weiß ich nicht mehr. Dieser Tage ist das Schreiben schon manchmal eine Pflichterfüllung, gerade wenn es um punktgenaue Abgabetermine geht. Ich bin ein Mensch, der Versprechen sehr ernst nimmt.

 

Sind Sie ein spirituelles Wesen?
Definitiv nicht. Ich halte mich für ein ziemlich realistisches Wesen – und zwar ohne irgendwelche religiösen Bedürfnisse. Ich bin nicht einmal ein Agnostiker, denn der hält es ja immer noch für möglich, dass es ‚etwas' gibt. Ich bin der totale Atheist.

 

Woher kommt Ihre Ethik?
Bei mir waren es meine Eltern. Meine Familie legte stets hohe ethische Maßstäbe an den Tag – und zwar ohne nur im Geringsten religiös zu sein. Mein Großvater war ein Linker, der hatte sowieso nie etwas für Religionen übrig. Natürlich darf man unsere abendländische Ethik, die aus der europäischen Aufklärung rührt, nicht vergessen. Wenn man, wie ich als Kind, in der Nazizeit aufgewachsen ist, bekommt man schon sehr früh gesellschaftliche Widersprüche zu spüren. Da das Regime menschenverachtend agierte, wurde mir von Anfang an gesagt, wie es eigentlich sein sollte. Für mich – wie gesagt – entstanden kaum Berührungspunkte mit dem Katholizismus. Die Antworten der Kirche auf wichtige Lebensfragen oder ihre Sicht auf ethische Verhaltensweisen haben mich nie befriedigt – schon als kleines Mädchen nicht.

 

Wie erging es Ihrer Familie als überzeugte Sozialisten in der NS-Zeit?
Manchmal war es gefährlich, aber im Großen und Ganzen ging es. Meine Großmutter z.B. war schwerhörig und hat immer lautstark über Hitler geschimpft. „Rede leiser, sonst kommst du noch ins KZ!", haben unsere Nachbarn sie dann immer ängstlich ermahnt. Oder meine Mutter, sie war Kindergärtnerin und hatte ein Disziplinarverfahren am Hals, weil sie sich weigerte, den Kindern Hitlerlieder beizubringen. Bereits 1943 wusste ich, dass es Konzentrationslager gibt und dass Juden vergast werden. Im Alter von acht Jahren ist mir die Grausamkeit des Zweiten Weltkrieges vollständig bewusst gewesen.

 

Wer hat für diese Wahrheit gesorgt?
Wenn man klein ist, dann glaubt man einer Mutter alles – noch dazu, wenn man so eine gute Mutter hatte wie ich. Oft haben wir über die Vorurteile Juden gegenüber gesprochen. 1938, ich erinnere mich noch gut, mussten viele mit der Zahnbürste den Gehsteig putzen, wurden beschimpft und geschlagen. „Wäre ich nicht für zwei Kinder verantwortlich gewesen, dann hätte ich diesen Nazis aber was erzählt!", hörten wir oft von unserer Mutter. Bis heute fühle ich mich schuldig. Wäre ich nicht gewesen, hätte meine Mutter etwas gegen die Nazis unternommen. Natürlich weiß ich, dass sich auch meine Mutter nur auf diese Weise zu rechtfertigen versuchte. Interessant ist doch, dass man bereits mit sieben Jahren ein soziales Gewissen in sich tragen kann.

 

Wie bauen sich dieser Tage Kinder ein soziales Gewissen auf?
Leider übernimmt das heute niemand. Vielleicht die Kirche? Ich weiß es nicht. Eine gesellschaftliche Ethik hängt sicherlich auch von der Schicht ab, in die man hineingeboren wird. In einem guten Elternhaus von heute, ohne finanzielle Schwierigkeiten, in dem sich ein Kind keine großen Sorgen machen muss, werden unserem Nachwuchs vielleicht sogar mehr ethische Grundpositionen als früher vermittelt. Schwierig wird es überall dort, wo eben das familiäre Netzwerk versagt oder nicht vorhanden ist.

 

Nun kommen Sie aus einer Arbeiterfamilie und Ihre Eltern hatten trotzdem eine sehr weise ‚Haltung'.
Das war eine Ausnahme. Ich war das einzige Kind in meinem Bekanntenkreis, das nie geschlagen wurde, und das war für die damalige Zeit schon sehr außergewöhnlich. Mein Großvater investierte sein gesamtes Einkommen in Literatur – und auch das war eine Ausnahme. Eine in Leder gefasste ‚Bildung' – auf Raten zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gekauft – traf man damals eher selten in einem Wiener Arbeiterviertel an. Meine Großmutter hingegen war sehr ungebildet. Sie hasste Opas Bibliothek. So schnell konnte ich gar nicht schauen, sind alle Bücher nach seinem Tod verschwunden.

 

Wie ist Ihr Leben im jungen Erwachsenenalter verlaufen?
Meinen Schulabschluss machte ich in Wien, ging dann an die Angewandte und studierte Grafik. Ich war ein mittelmäßiges Talent. Bereits nach zwei Jahren Studium wusste ich, dass diese Arbeit nicht die richtige ist. Aus Angst, meine Eltern zu enttäuschen, studierte ich aber brav fertig. Meine ältere Schwester, Schulbeste ihres Jahrgangs, verzichtete auf eine universitäre Ausbildung und begann gleich zu arbeiten. Für sie war das Geldverdienen wichtiger. Doch auch mir blieb das Geldverdienen nicht erspart. Da ich mich mehr recht als schlecht bei Vorstellungsgesprächen machte, gab es für mich nur eine Konsequenz: Ich habe mich sozusagen ins ‚Leo' gestellt, habe geheiratet und bin schwanger geworden. Damit war fürs Erste eine Entscheidung getroffen und eine Aufgabe hatte ich obendrein.

 

Waren Sie mit dieser Entscheidung glücklich?
Ich war im völligen Hausfrauenfrust. Da ich mich nie als Hausfrau und Mutter gesehen habe, war mir stockfad. Mein damaliger Mann hatte Freunde beim Verlag ‚Jugend und Volk' und so habe ich mich als Kinderbuchautorin versucht. Mein erstes Buch mit dem Titel ‚Die feuerrote Friederike' ist – ich würde fast sagen – zufällig entstanden. Für diesen ‚Zufall' erhielt ich dann sogar mehrere Preise. Ok, dachte ich mir, wenn alle glauben, dass ich schreiben kann, dann schreibe ich einfach. Es folgte dann ein zweites, ein drittes und viertes Buch – und irgendwann wusste ich, dass ich mich eine Kinderbuchautorin nennen muss.

 

Sie sind eine richtige Powerfrau – erfolgreiche Schriftstellerin, Mutter, Ehefrau. War dieser Weg geplant?
Ich habe dazu eigentlich aktiv nie etwas beigetragen. Natürlich, ich habe geschrieben und meine Bücher sind im Großen und Ganzen gut angekommen. Meine Verleger aber habe ich immer danach ausgesucht, wie sehr sie mir sympathisch waren, ob wir die gleiche Wellenlänge und politische Einstellung hatten. Ich habe mich nie um einen bestimmten Verlag gerissen und immer nur geschrieben, wenn ich dazu aufgefordert wurde. In der Kinderbuchszene gibt es viel erfolgreichere Autoren als mich. Kollegen, die sich z.B. auf das Fantasy-Genre spezialisiert haben, sind die gegenwärtigen Gewinner meiner Branche.

 

In welchem Buch konnten Sie am besten Ihre Botschaften unterbringen?
Das kann ich nicht so genau sagen. Die Bücher, die mir persönlich gut gefielen, kamen bei den Kindern oft nicht gut an – mit Ausnahmen natürlich. Unglaublich gerne hatte ich z.B. ‚Hugo, das Kind in den besten Jahren'. Interessanterweise ist es bei den Kindern aber nicht der Renner gewesen. An den Verkaufszahlen habe ich dies nicht gesehen, aber die Kinder waren ziemlich ratlos, wenn ich mit ihnen darüber gesprochen hatte. Man selbst ist – wie es scheint – doch kein guter Prädiktor. Interessant war, dass ich mit diesem Buch sehr viele Erwachsene, genauer gesagt Homosexuelle, begeistern konnte. Die Erklärung ist folgende: Die Eltern des Hugo waren zwei Männer – aber auch nur deshalb, weil mir keine passende Frau, die Hugos Mutter sein konnte, eingefallen ist. Ich nannte mein angeblich homosexuelles Elternpaar Miesmeier I und Miesmeier II. Gleichgeschlechtliche Paare meinen nun, dass ich eine Lanze für die ‚Homoehe' und deren Adoptionsrecht brechen wollte. Ich ging auch immer von der Idee aus, dass alle Kinderbuchhelden – seien sie schlimm, frech oder auch manchmal böse – trotzdem unheimlich edle Geschöpfe seien. Kinder wollen sich nur mit Hauptfiguren, die gute Geschöpfe sind, identifizieren. Das kam mir aber so langweilig vor, dass ich in einem meiner Bücher einen nur durchschnittlich guten Charakter schuf – ein bisschen opportunistisch, ein bisschen gemein. Der Schuss ging nach hinten los. In Gesprächen mit Volksschülern erfuhr ich dann, dass zwar eine ‚halbgute' Heldin die Freundin der Heldin sein könne, die Hauptfigur aber immer eine lupenreine Weste haben müsse.

 

Haben Sie Ihre Bücher vorher Ihren Kindern zum Lesen gegeben?
Nein, das wäre zu aufdringlich gewesen. Wie viel Ehrlichkeit kann ich mir von meinen beiden Töchtern erwarten? Ich war eine nette Mutter und sie haben tagtäglich mitbekommen, wie ich mich geplagt und bemüht habe. Mir dann ins Gesicht zu sagen, dass meine Arbeit nichts taugt – ich glaube, das hätten sie nicht übers Herz gebracht.

 

Wenn Sie sich die politischen Verhältnisse Europas in den letzten 10 Jahren ansehen, was sagen Sie dazu?
Mir kommt dabei nur das Wort ‚grausam' in den Sinn. Und das Gefährlichste ist, dass dieser Rechtsruck nicht vorhersehbar war.

 

Wie interpretieren Sie diese Ausländerfeindlichkeit?
Die Menschen haben sich seit 1938 nicht gravierend weiterentwickelt. Früher waren es die Juden, heute sind es die Moslems, die gefürchtet und gehasst werden.

 

Wo war dieser Hass in den 70er und 80er Jahren?
Wir haben in einer Clique gelebt, die einfach nicht zur Kenntnis nahm, was rund um sie geschah. Weg war der Hass sicher nicht, auch traute sich früher niemand, seinen Hass in dieser geschmacklosen Offenheit zu artikulieren. Heute hat man damit kein Problem mehr, heute darf man es, heute soll man es. Früher durften nicht einmal moderate Meinungen geäußert werden. Wie gesagt – dieser Tage ist alles erlaubt, genauso wie die systematische Verfolgung der Juden im Jahr 1938 einfach hingenommen wurde.

 

Wie sehen Sie nun unsere Gegenwartspolitik?
Früher hieß es immer, dass der mittlerweile verstorbene rechtspopulistische Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider eine Ausnahmefigur mit Charisma gewesen sei. So ein ‚Schmarrn'. Heinz-Christian Strache, Chef der FPÖ, kann das genauso. Das Problem ist, dass man – auch mit wenig Schulbildung – eigentlich solchen Polemiken nicht erliegen dürfte. Dummheit ist meist eine Ausrede, um weiterhin ungetrübt Hass ausleben zu können.

 

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, in diesem Land etwas zu gestalten, was würden Sie tun?
Ich bin so desillusioniert und pessimistisch, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass man in diesem Land an der politischen Situation etwas verändern kann. Gäbe es so etwas wie eine positive Diktatur, würde ich jeden Einzelnen zum Denken zwingen. Dann hätten wir wieder eine Chance.

 

Wie geht es Ihrer Meinung nach weiter?
Die Aussichten sind nicht gut. Ich sehe nicht, wie es hier in den nächsten Jahren vernünftig weitergehen soll. Aber vielleicht bin ich auch zu negativ gestimmt. Früher wollte ich auswandern – nach Italien zum Beispiel. Heute würde ich dort den wahnsinnigen Berlusconi antreffen – also Chance verpasst! Wie dem auch sei: Der Rechtsruck ist europaweit eine schlimme Wahrheit.

 

Christine Nöstlinger, geb. 1936 in Wien, ist Schriftstellerin. Sie schreibt vor allem Kinder- und Jugendbücher, ist aber auch für Fernsehen, Radio und Zeitschriften tätig. Mit ihrer ironischen, der kindlichen Ausdrucksweise angepassten Sprache schuf sie um 1970 ihren unverkennbaren Stil und wurde zu einer der erfolgreichsten und innovativsten österreichischen Kinder- und Jugendbuchautorinnen der Gegenwart. Sie befasst sich in ihren Büchern vor allem mit kindlichen Bedürfnissen und greift Autoritäts- und Emanzipationsfragen in möglichst konfrontationsfreier Weise auf.
Auszeichnungen/ Ehrungen/ Preise: Deutscher Jugendliteraturpreis. Friedrich Bödecker-Preis. Österreichischer Staatspreis. Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien. Hans Christian Andersen-Medaille. Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln. Astrid Lindgren-Gedächtnis-Preis (2003). Buchpreis der Wiener Wirtschaft (2010).
 
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Kommentare   

# Yogini 2016-04-25 15:11
Leider benutzen Menschen Dummheit oder Unwissenheit viel zu oft als Ausrede....
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