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Die meisten Menschen beginnen mit Meditation, weil sie sich nach mehr Entspannung und innerem Frieden sehnen. Doch kaum sitzen sie still, da tauchen lauter körperliche Beschwerden auf. Die Schultern sind verkrampft, der Rücken schmerzt, der Atem fühlt sich viel zu eng an. Häufig wird zum Beginn von Meditationskursen auch über Kopfweh geklagt.

Dieses regelmäßige Auftauchen von Schmerzen beim Einstieg in die Meditationsübung lässt sich leicht erklären: Die zunehmende Konzentration und die gesteigerte Sensibilität in der Meditation bringen zuvor verdrängte Leiden wieder ans Tageslicht. Im Getriebe des Alltags würden wir uns schnellstmöglich von den unangenehmen Körpergefühlen ablenken, ein heißes Bad oder ein Medikament nehmen. Meditation aber veranlasst uns, dem Wehleiden nicht auszuweichen, sondern genauer hinzuschauen, die Begegnung mit dem Schmerz zu wagen und so eine neue Beziehung zum eigenen Leid zu entwickeln.

Das ist keine leichte Aufgabe! Schmerzen sind für jeden Menschen eine Herausforderung. Schmerzen sind immer unangenehm und wir können sie nicht miteinander vergleichen, wir können nicht sagen: „Mein Schmerz ist größer, wichtiger, gravierender als deiner." Denn was schmerzt, bestimmt jeder für sich selbst. Doch wir können sicher sein, dass der bewusste Umgang mit den in der Meditation auftauchenden Schmerzen neue Einsichten mit sich bringt und unser Leben verwandeln kann. Meditation versetzt uns in die Lage, die im Schmerz gebundene Energie zu befreien und für das eigene Wachstum zu nutzen.

Meditation verwandelt die Wahrnehmung

Wesentlich für diesen Verwandlungsprozess ist die Änderung der Schmerzwahrnehmung durch die Praxis der Achtsamkeitsmeditation. Wir trainieren beim Meditieren, durch kontinuierliches, achtsames Hinspüren die inneren Körperempfindungen erst einmal so anzunehmen, wie sie sich zeigen. Wieder und wieder kehren wir zu unserem Meditationsobjekt zurück und üben, nicht in wandernden Gedanken verloren zu gehen, sondern das Fühlen, das Empfinden in den Mittelpunkt zu stellen. Dabei erleben wir im Meditations-Retreat alle inneren Erfahrungen wie unter einem Vergrößerungsglas. Die einfachsten körperlichen Empfindungen erscheinen uns durch die gesteigerte Aufmerksamkeit zuweilen fremd und beunruhigend. Wir entdecken, dass wir die körperlichen Empfindungen unterscheiden können von den Gedanken, die wir uns dazu machen, und dass wir sehr unterschiedliche Haltungen zum inneren Geschehen einnehmen können. Reagiert der Geist aufgeregt und gereizt auf Schmerzen, wirkt das auf den Körper zurück. Sogleich baut sich Spannung um den ursprünglichen Schmerz herum auf. Die Situation verschlechtert sich. Begegnen wir dem Schmerz aber entspannt, akzeptierend, voller Mitgefühl für uns selbst, dann können wir ihn viel eher sehen als das, was er ist: ein Signal, das erhört und akzeptiert werden möchte, das uns zeigt, hier ist etwas im Ungleichgewicht, hier wurden Grenzen verletzt.

Meditierende erkennen auch das unkontrollierbare Kommen und Gehen und die sich ständig wandelnde Natur des Schmerzes. Je genauer wir den Schmerz meditativ erforschen, desto deutlicher merken wir, dass der Schmerz, ebenso wie alle anderen Gefühle, fließen möchte und wellenförmig auf- und abebbt. Wird der Schmerzfluss durch Kontrollversuche und Gegenwehr behindert, kommt es zu einem Stau, daraus folgt Druckerhöhung und mehr Schmerz. Die Intensität unserer Schmerzerfahrung wird offensichtlich beeinflusst durch unsere innere Einstellung zum Schmerz.

Widerstand bewirkt Leiden

Die meisten Menschen denken, Schmerz sei identisch mit Leiden. Doch Schmerz muss nicht Leid bedeuten. Das genaue Betrachten in der Meditation zeigt, dass auch ein vergleichsweise kleiner Schmerz durch hochgradigen Widerstand immenses Leid hervorrufen kann. Und umgekehrt: Wenn es gelingt, den Widerstand herauszufiltern und den Schmerz zu akzeptieren, wird er nicht unbedingt von Leiden begleitet. Wenn der Schmerz von uns angenommen wird, können wir ihn erfahren, ohne daran zu leiden.

Wie das praktisch aussieht? Der Widerstand sagt: „Schon wieder dieser Schmerz. Ich kann ihn nicht leiden. Ich hasse ihn. Wird er denn nie aufhören?" Oder der Widerstand sagt: „Das kenn ich schon, das hat meine Mutter auch so gehabt. Wenn es hier anfängt, geht es da weiter, in zwei Stunden habe ich eine fürchterliche Migräne." Der Körper gibt ein Zeichen, der Geist antwortet mit festgelegten Gedankenmustern. Wir halten unbewusst die Luft an, verkrampfen uns und programmieren uns durch das, was wir denken und woran wir glauben.

Die Kunst im Umgang mit dem Schmerz besteht deshalb darin, den oft unbewussten Widerstand zu erkennen und loszulassen. Das heißt nicht, dass wir die Ursachen des Schmerzes akzeptieren müssen. Im Gegenteil – Heilung wird sogar eher möglich, wenn wir die Energie, die für den Widerstand gebraucht wird, für das Forschen nach den Ursachen und für das heilende Verstehen des Schmerzes einsetzen können. Zu diesem Erleben komme ich aber nur, wenn es mir gelingt, mich nicht im Widerstand gegen den Schmerz aufzureiben. Kann ich mir selbst verzeihen, dass ich mich manchmal im Schmerz wie ein Häufchen Elend fühle? Kann ich die Schwäche und die Abhängigkeit akzeptieren, die mit dem Schmerz sichtbar werden? Die Transformation der inneren Kräfte vollzieht sich durch das Loslassen des Widerstands. Statt Energie in das Weglaufen und Leugnen zu stecken, richten wir unsere Kraft auf Akzeptanz und Vergebung aus. Statt uns bestraft zu fühlen durch schmerzhafte Erfahrung, lernen wir, die innere Verurteilung loszulassen und Mitgefühl mit uns selbst zu haben. „Mich berührt mein Schmerz. Ich lasse mich von meinem Schmerz berühren."

Mitgefühl für den eigenen Schmerz entwickeln

Wir können den Widerstand gegen den Schmerz nur aufdecken, wenn wir mitfühlend sind und uns annehmen können als leidendes Wesen. Wenn wir uns sein lassen können, ohne uns verändern zu wollen. Wenn wir voller Mitgefühl und Verzeihen das leidende Wesen in uns umarmen können, dann ändert sich die Erfahrung des Schmerzes. Ich habe oft das Gefühl, dass Schmerz mich weicher macht, mein Herz durchlässiger werden lässt und mein Mitgefühl für andere nährt. Wenn ich mit meinem Schmerz achtsam umgehe und der Schmerz endlich abgeklungen ist, wenn Heilung stattgefunden hat, spüre ich eine Verwandlung im Herzen, eine Reinigung, die unglaublich wohltut. Die folgende praktische Übung möchte dafür das geistige Handwerkszeug vermitteln:

Eine Meditation zum Erforschen von Schmerz

Um nachzuvollziehen, wie man in der Meditation mit Schmerzen anders umgehen kann, folgt nun die Anleitung für eine geführte Meditation, die – besonders bei akuter Krankheit oder Schmerzen – wiederholt durchgeführt werden kann, immer in dem Wunsch, die innere Bitterkeit aufzulösen und die Bereitschaft zu entwickeln, dem eigenen Leiden möglichst unvoreingenommen zu begegnen.

Nehmen Sie sich für diese Meditationsübung etwa dreißig Minuten Zeit, um in möglichst ruhiger Haltung, im Liegen oder im Sitzen, mit geschlossenen Augen tief in Ihren Körper hineinzuspüren.

Richten Sie die Aufmerksamkeit auf den schmerzhaften Bereich im Körper und nehmen Sie ihn detailliert wahr: Welche Form hat er, welchen Raum nimmt er ein, ist er rund, dreieckig, eher flach, lang, gestreckt, wie empfinden Sie die Grenzen zwischen dem schmerzhaften und dem nicht mehr schmerzhaften Bereich im Körper?

Zeichnen Sie die Umrisse des Schmerzes innerlich nach. Wirkt sich dieser Schmerz auf das Körperumfeld aus, ist er eher isoliert, eingekleidet in Hitze, Kälte, Verkrampfung? Können Sie sich um den Schmerz herum entspannen?

Womit ist der Schmerz-Raum gefüllt? Mit Stechen, Prickeln, Pulsieren, Hitze, Kälte, Krampf, Zerren, Ziehen? Hat der Schmerz ein Zentrum, eine Quelle?

Ändert sich der Schmerz, wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf ihn richten? Können Sie näher an ihn heran, weiter von ihm weggehen? Was ist der beste Abstand?

Welche innere Haltung nehmen Sie zu den Schmerz-Empfindungen ein: Wünschten Sie, die Schmerzen wären endlich fort? Können Sie den Schmerz dennoch akzeptieren, ihn mit Interesse erforschen?

Nehmen Sie alles wahr, ohne es zu beurteilen. Denken Sie nicht, es sollte anders sein, auch nicht: „Mit mir stimmt etwas nicht." Geben Sie sich lieber Anerkennung für Ihr Bemühen, sich für den Schmerz zu öffnen und ihn mit reiner Achtsamkeit zu spüren.

Nach dieser ersten Öffnung für den Schmerz üben Sie sich nun weiter im Annehmen des Schmerzes. Vergegenwärtigen Sie sich noch einmal deutlich Umrisse, Zentrum, Volumen und Qualitäten des Schmerzes, die Sie fühlen und benennen können. Entscheiden Sie sich für einen angemessenen Abstand. Grüßen Sie den Schmerz jetzt, gerne mit Ihren eigenen Worten, vielleicht so:

„Ich grüße dich, Schmerz, ich kenne dich doch schon! Ich setze mich jetzt in Gedanken mal ein bisschen zu dir, um mich mit dir zu unterhalten, denn ich möchte dich gerne noch besser kennenlernen."

Nach dieser Einladung versuchen Sie innerlich, durch die reine Vorstellung den Raum um den Schmerz herum zu vergrößern, damit er sich ausdehnen kann und mehr Platz bekommt, denn mehr Raum bewirkt mehr Entspannung.

Nun versuchen Sie, ‚unangenehm' aus dem Verhältnis zum Schmerz herauszufiltern! Erklären Sie sich bereit, sich mit dem Schmerz anzufreunden: „Lieber Schmerz, ich möchte begreifen, was du signalisierst und was ich von dir lernen kann. Was möchtest du mir sagen?"

Lassen Sie hier eine Pause, verweilen Sie mit der Frage und kehren Sie mehrfach zu ihr zurück: „Was möchtest du mir sagen?"

Sie brauchen Mitgefühl für sich selbst, für die Schwierigkeit, so einen problematischen Besucher zu empfangen. Sagen Sie zu sich selbst: „Möge es mir gelingen, entspannt mit meinen Schmerzen umzugehen. Ich kann fühlen, dass dies keine einfache Aufgabe ist, und ich möchte darauf achten, mich nicht vom Schmerz überwältigen zu lassen! Schritt um Schritt möchte ich mich dem Schmerz annähern und mir Zeit nehmen, seine Wirkung zu verdauen."

Wählen Sie einen der folgenden Sätze und sprechen Sie ihn mehrfach einfühlsam zu sich selbst hin: „Ich öffne mich für meinen Schmerz, ich lasse mich von meinem Schmerz berühren." Oder: „Möge ich frei sein von Kummer und Schmerz." Oder: „Mein Schmerz erreicht mich." Oder: „Ich möchte mit mir selbst liebevoll umgehen unter diesen schwierigen Umständen."

Wie verändert sich die Qualität des Schmerzes, wenn es gelingt, sich nicht mehr reflexartig dagegenzustemmen, sondern entspannt, akzeptierend, voller Mitgefühl für sich selbst den Schmerz anzunehmen? Spüren Sie einen Unterschied zwischen dem Sichabfinden mit einem Schmerz und dem akzeptierenden Annehmen?

Was braucht Ihr Schmerz? Wonach ruft er? Was könnte in dieser Situation balsamisch und heilsam wirken? Erlauben Sie alle Gedanken, die dazu kommen. Schließen Sie nichts aus. Nehmen Sie die Antwort nur zur Kenntnis, Sie müssen sie nicht gleich in die Tat umsetzen.

Lassen Sie sich abschließend Zeit, die Erfahrungen in dieser Meditation nachklingen zu lassen und sich auszuruhen. Wie fühlt sich Ihr Körper jetzt an? Gibt es herausragende Empfindungen im Körper, im Geist? Was hat Sie am meisten verblüfft? Was möchten Sie sich merken? Was hat heilsam gewirkt?

Ruhen Sie sich abschließend ein paar Atemzüge lang auf Ihren Atemwellen aus und öffnen Sie dann wieder die Augen.

 

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