Gesellschaft

Als die Forscherin Jane Goodall in den 1960er Jahren ihre Beobachtungen veröffentlichte, dass Schimpansen Werkzeuge herstellen und verwenden, war das Erstaunen nicht nur in Fachkreisen groß.Bis dahin war man davon ausgegangen, dass nur Menschen diese Fähigkeit besitzen. „Jetzt müssen wir die Begriffe Werkzeug und Mensch neu definieren oder Schimpansen als Menschen akzeptieren“, meinte etwa der Anthropologe Louis S. B. Leakey.

Goodall setzte ihre Untersuchungen fort und kam in der Folge zu weiteren bahnbrechenden Erkenntnissen. Heute reist an 300 Tagen im Jahr rund um den Globus, um ihre Ansichten in Umweltfragen zu verbreiten.

Seit Jahrzehnten setzen Sie sich für Umwelt und Tiere ein. Woher nehmen Sie die Kraft?

Ich schöpfe alle Hoffnung aus meinem Jugendprogramm ‚Roots and Shoots’ (‚Wurzeln und Sprösslinge’, Anmerkung der Redaktion). Kinder sind wie Pflanzen, sie beginnen als ein Samenkörnchen, das winzige Wurzeln entwickelt, und plötzlich tauchen Sprösslinge auf. Zu Beginn sind diese sehr schwach, aber die Kraft in den Samen ist magisch. Die kleinen Wurzeln erreichen das Wasser, die kleinen Sprösslinge berühren die Sonne. Schlussendlich können sie Felsen beiseiteschieben, sich durch winzige Spalten in Ziegelmauern arbeiten und Wände ‚einreißen’. Mit anderen Worten, die Felsen und Mauern sind die Probleme auf unserem Planeten, mit denen wir umzugehen lernen müssen – sowohl ökologisch als auch sozial. Doch ‚Roots and Shoots’ ist weltumspannend. Pflanzen können die Welt verändern, sie können die Zerstörung, die wir angerichtet haben, rückgängig machen. Und das gilt ebenso für junge Menschen. Ich bin viel gereist und habe überall junge, ambitionierte Menschen kennengelernt. Sie stecken voller Hoffnung, Enthusiasmus und innovativer Ideen. Sie sind meine Inspiration und deshalb konnte mein Programm bereits in 132 Ländern Fuß fassen.Ein weiterer Hoffnungsspender ist die Ausdauer der Natur. Viele Orte, die wir zerstört haben, kann die Natur wiedererstehen lassen. Und auch wir selbst sind nicht zu vergessen, denn das menschliche Gehirn ist schlichtweg atemberaubend. Ich denke an Wissenschaftler, die bis in die Tiefen des Permafrostbodens vorgedrungen sind und von dort die Überreste eines Eichhörnchen-Nestes aus der Eiszeit an die Oberfläche gebracht haben. Darin fand man drei lebende Zellen, mit deren Hilfe es gelang, eine 32.000 Jahre alte Pflanze zu reproduzieren. Es handelt sich dabei um Wiesenweizen, der jetzt wieder wächst und sich vermehrt. Eine wirklich tolle Sache, die nur dank der Ausdauer der Natur sowie dank des außergewöhnlichen und unbezwingbaren menschlichen Geistes möglich war. Wir können schier unüberwindbare Hürden nehmen und das ist sehr inspirierend für mich und meine Arbeit. Das alles gibt mir Hoffnung.

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In Ihrem neuen Buch ‚Seeds of Hope’ schreiben Sie über die Ehrfurcht, die Menschen empfinden, wenn sie vor Bäumen stehen. Glauben Sie, dass Bäume Gefühle hervorrufen können?

Ja, Bäume sind fähig, im Menschen Gefühle hervorzurufen, da sie so stark und fest im Boden verankert sind. Sie können manchmal sogar Feuer widerstehen. Für mich ist es undenkbar, die Rinde eines Baumes zu berühren und nicht den ‚Spirit’ zu fühlen. Doch ebenso wenig bleibt mir der materielle Wert verborgen. Es ist die ganze Symbolik, die einen Baum umgibt. Wurzeln, die sich immer tiefer und tiefer in den Boden graben, bis sie das Wasser finden, das dann zu den Blättern gelangt. Bäume reinigen auch die Umwelt, indem sie Kohlendioxid wieder in saubere Luft umwandeln.

 

Was bedeutet für Sie Spiritualität?

Spiritualität ist das Gegenteil von Materialismus. Die Ansicht, dass alles einen materiellen Wert haben muss, um nicht wertlos zu sein, teile ich nicht. Ich gehöre zu denen, die fest davon überzeugt sind, dass es mehr gibt auf der Welt. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, das Wort Spiritualität zu definieren, ich weiß nicht einmal, ob überhaupt jemand dazu in der Lage ist. Spiritualität ist auf jeden Fall etwas, das man entweder fühlt oder eben nicht fühlt. Es ist die Erkenntnis, dass es mehr als nur die physische Präsenz gibt.

 

Wie ist es Ihnen gelungen, Mitgefühl und Liebe bei Menschenaffen nachzuweisen?

Es gab einmal einen jungen Schimpansen namens Mel. Er war ungefähr drei Jahre alt und sollte eigentlich auf dem Rücken seiner Mutter getragen werden, in der Nacht bei ihr schlafen und gesäugt werden. Doch seine Mutter starb. In solchen Fällen wird das Jungtier meist von einem älteren Bruder oder einer älteren Schwester aufgenommen – aber Mel hatte keine Geschwister, er war auf sich allein gestellt. Und dann geschah ein Wunder: Spindle, ein zwölf Jahre alter Einzelgänger, in Menschenjahren ist das ein Alter von etwa 50 oder 60 Jahren, adoptierte Mel. Spindle trug den Kleinen auf seinem Rücken. Wenn Mel kalt war oder wenn er Angst hatte, durfte er sich an Spindles Bauch klammern, wie er es auch bei seiner Mutter getan hätte. Wenn Mel in der Nacht das warme und sichere Nest verließ und wimmerte, holte Spindle ihn zurück. Sie schliefen stets eng aneinandergekuschelt. Jedes Mal, wenn Mel bettelte oder wimmerte und dabei seine Hand ausstreckte, teilte Spindle sein Futter mit ihm. Und was am außergewöhnlichsten war: Spindle beschützte Mel. Jüngere Männchen sind in Rangkämpfen oft die Unterlegenen, die Sündenböcke. Wird ein Männchen von einem anderen dominiert, lässt der Schwächere seinen ‚Frust’ an einem Rangniedrigeren in der Gruppe aus. Das Fernhalten des Jungen von solchen Revierkämpfen zählt normalerweise zu den Aufgaben der Mutter. Spindle übernahm diese nicht gerade ungefährliche Aufgabe, was bewirkte, dass er selbst von anderen Männchen attackiert wurde. Es besteht kein Zweifel: Spindle hat Mel mit seinem Verhalten das Leben gerettet.

 

 Wie kann jeder Einzelne von uns die Umwelt positiv verändern?

Am wichtigsten ist es, nie zu vergessen, dass wir täglich auf dem Planeten etwas verändern können. Und wir können sogar selbst entscheiden, welche Veränderungen wir bewirken wollen. Wir sollten beispielsweise sehr bewusst einkaufen. Woher kommt das Produkt? Wie wurde es erzeugt? Mussten Kinder dafür arbeiten oder wurden Pestizide für die Herstellung verwendet? Stellen Sie sich einige Fragen: Würden Sie einem kranken Hund helfen? Unterstützen Sie Menschen, die Hilfe brauchen? Problematisch ist, dass sich heute so viele Menschen unbedeutend fühlen. Sie haben das Gefühl, dass die vorhandenen Probleme so riesig sind, dass sie nichts dagegen ausrichten können. Also tun sie nichts. Als Einzelner kann man vielleicht wirklich nicht viel erreichen, doch wenn Hunderte, Tausende und Millionen von Einzelnen jeden Tag das Beste für die Umwelt versuchen, dann können wir große Veränderungen bewirken.

 

Können Sie konkrete Beispiele nennen, wie man mit kleinen Schritten Veränderungen herbeiführen kann?

Ich kenne einen Mann, der in Japan lebt. Er geht gerne im Wald spazieren. Dabei beobachtete er, dass bei heftigen Stürmen die kleinen, schlanken Orchideen einfach weggeblasen wurden. Um sie zu schützen, nimmt er die Orchideen mit nach Hause und kümmert sich dort um sie. Wenn sie dann größer und stärker sind und die richtige Jahreszeit angebrochen ist, pflanzt er sie an derselben Stelle, an der er sie gefunden hat, wieder ein. Es ist ein ganz einfaches, aber wirklich entzückendes Vorgehen. Ich kam einmal in ein Radiostudio in Kanada, und als ich dort wartete, sah ich sechs ausgetrocknete Pflanzen. Sie waren alle am Sterben, da sie nicht gegossen wurden. Also setzte ich mich für das Wohl der Pflanzen ein. Ein Jahr später kam ich wieder und alle Pflanzen waren gesund. So können auch kleine Handlungen zu Veränderungen führen. Sie dürfen nur nie jemandem die Schuld zuweisen. Was ich damit meine, ist, dass ich nicht zu den Angestellten des Studios gesagt habe: „Wer ist für die schreckliche Vernachlässigung der Pflanzen verantwortlich?“ Ich sagte nur: „Oh, diese armen, kleinen Pflanzen. Könnte mir jemand etwas Wasser geben? Ich möchte sie gießen.“ Es ist alles eine Frage des Weges, den man einschlägt, um Veränderungen herbeizuführen.

 

Wir danken dem US-Magazin "Shambala Sun" für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung des Interviews.

 

JANE GOODALL, geboren 1934 in London, ist eine Verhaltensforscherin, die 1960 begann, das Verhalten von Schimpansen im Gombe Stream National Park in Tansania zu untersuchen. Um für den Erhalt der Habitate der Primaten und damit für den Schutz ihrer Arten zu werben, gründete sie das Jane-Goodall-Institut. Goodall ist neben Dian Fossey (Gorillas) und Birutė Galdikas (Orang- Utans) eine der drei Frauen, die auf Anregung des Paläontologen Louis Leakey seit Anfang der 1960er Jahre Langzeitstudien über Menschenaffen durchführten. 1991 gründete Goodall in Tansania die Initiative ‚Roots & Shoots’. In Gruppen entwickeln Kinder eigene Ideen und kleine Projekte im Bereich des Natur- und Umweltschutzes. Heute setzt sich Goodall außerdem im Great Ape Project für die Rechte der großen Menschenaffen ein, die den Menschenrechten angepasst werden sollen. Seit 2002 ist sie Friedensbotschafterin der UNO. Außerdem wirbt sie für Alternativen zu Tierversuchen. Im Mai 2008 forderte sie das Nobelpreiskomitee auf, einen Nobelpreis für Alternativmethoden zu Tierversuchen zu schaffen. Goodall tritt vehement gegen Tierversuche und gegen Gewalt an Tieren auf.

 

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