Spiritualität

Der österreichische Psychotherapeut und Meditationslehrer Christoph Köck über die Quelle des Theravada und das Besondere an der Vipassana-Meditation.

Was ist das Besondere am Theravada-Weg?

Erstens die Verbindung zum Ursprung. Die Lehre geht zurück auf die Lehrreden des historischen Buddha und orientiert sich weniger an der Meinung späterer Lehrer und Kommentatoren. Zweitens sind die zentralen Themen des Theravada-Buddhismus relativ unabhängig von kulturellem Ballast. Später hat sich die buddhistische Lehre in den verschiedensten Ländern verbreitet und mit den unterschiedlichsten Kulturen vermischt. Teilweise hat sich das befruchtend, teilweise aber auch verzerrend ausgewirkt.

Die Lehre hat also einen Originalitätsfaktor?

Ja. Die Lehre ist sehr psychologisch und lebensphilosophisch orientiert und weniger an kulturell bedingte Formen gebunden.

Der Zen und der tibetische Buddhismus gehen in die gleiche Richtung. Was ist also das Besondere am Theravada-Weg?

Die Sprache und die Praxis sind sehr lebensnah. Idealismus und Mystizismus haben da weniger Platz. Alle Wesen befreien zu wollen oder die Leerheit aller Konzepte zu betonen, birgt viel Raum für Missverständnisse; diese Sicht mag aber meiner kleingeistigen Haltung entspringen.

Der Linie des Hinayana wird oft vorgeworfen, dass es nur um die Entwicklung des eigenen Selbst geht, um eine Leidfreiheit des eigenen Geistes. Ist das nicht ein bisschen egoistisch?

Der Vorwurf ist ein alter und ein sehr theoretischer. Praktisch gesprochen leben Menschen nie in Isolation. Wahres Wohl und wahres Glück können nie auf Kosten anderer erreicht werden. Es liegt in der menschlichen Natur: Je weniger man selbst mit den eigenen Problemen kämpft, desto mehr Platz und Interesse ist für andere da. Das ist unsere zutiefst soziale Natur. Obwohl das Ziel die eigene Leidfreiheit ist, heißt es nicht, dass man sich nicht um andere kümmern möchte und kann. Das ist ein tiefes Bedürfnis. Man muss dies aber realistisch sehen: Es ist schon schwer genug, selbst zu erwachen, andere dabei zu unterstützen, ist noch eine ganz andere Ebene.

Was halten Sie vom engagierten Buddhismus auch in Bezug auf die aktuelle Hungersnot am Horn von Afrika? Wie geht ein Theravada-Buddhist konkret mit dieser Situation um?

Köck: Es ist eine menschliche Tragödie, auf die es gilt, menschlich zu reagieren. Wie ein ‚Theravada-Buddhist' (was immer das sein mag) reagieren sollte – dieser Gedanke kommt mir nicht in Bezug auf diese Katastrophe. Es ist sicherlich sinnvoll zu spenden. Wer aber die Berufung spürt, sich direkter zu engagieren, soll dies tun. Ob aus einem Theravada-buddhistischen, Zen-buddhistischen, atheistischen oder christlichen Mitgefühl heraus, ist doch egal.

Was ist das Besondere an der Vipassana-Meditation? Was unterscheidet sie von der Zen- und der tibetischen Meditation?

In der Theravada-Tradition ist es ein veraltetes Verständnis, Vipassana sei die einzig wahre Meditation. Oft wird künstlich zwischen Samatha (Ruhemeditation) und Vipassana (Einsichtsmeditation) unterschieden. Buddha hat aber immer betont, dass Samatha und Vipassana nur zusammen funktionieren. Was spezifisch buddhistisch ist, ist der Kontext und das Verständnis. Vipassana-Techniken gibt es auch im Yoga und in anderen spirituellen Traditionen. Vipassana bedeutet wörtlich ‚klares Sehen', mit dessen Hilfe wir leidbringende Muster aufheben können. Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, sich zu sammeln, und das ist Samatha. Diese beiden Dinge lassen sich also nicht wirklich trennen. Vipassana-Meditation ist ein phänomenologischer Ansatz. Wie stellt sich Erfahrung dar? In der Lehre und Praxis der Vipassana-Tradition findet sich tendenziell sehr viel Feingefühl. Im Zen-Buddhismus kümmert man sich weniger um Einsicht in persönliche Muster und Emotionen.

Und im Vergleich zum tibetischen Buddhismus?

Hier wird mehr mit Visualisationen und Mantras gearbeitet. Es kann ein hilfreiches Mittel sein, mit dem Bodhisattva des Mitgefühls zu verschmelzen. Es braucht aber eine Art des Glaubens, der für viele Menschen schwierig anzunehmen ist.

Also die Vipassana-Meditation ist sehr ‚pure', so wie auch der Theravada-Weg?

‚Pure' ist ein Konzept, das oft missbraucht wird. Was ist rein und was nicht? Theravada ist an der direkten Erfahrung orientiert und Glaube spielt eine unterstützende Rolle, steht aber immer in Verbindung mit weisem Reflektieren.

Ist das ein Vorteil für den westlichen Menschen?

Auf jeden Fall. Auch in den buddhistischen Traditionen ist es schwierig, dass es in asiatischen Kulturen keinen Prozess der Aufklärung gegeben hat. Man muss Buddhismus nicht unbedingt mit dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft vereinen können. Aber je mehr eine spirituelle Praxis an der direkten Erfahrung orientiert ist, desto weniger spielt sie mit seltsamen Glaubenssätzen zusammen, die aus einer alten Zeit kommen, die noch sehr mythologisch und weniger psychologisch geprägt war. Das Prinzip von Sammlung und Achtsamkeit ist zu einem gewissen Grad auch für Menschen anwendbar, die sich nicht auf einem spirituellen Pfad oder als Buddhisten sehen. Es sind universelle Prinzipien, die unabhängig von einem Glaubenssystem praktiziert werden können.

Welche universellen Prinzipien sind das?

Ganz kurz: Bewusstsein oder Achtsamsein ist im Leben sehr hilfreich.

Warum haben Sie sich persönlich für Theravada entschieden?

Es war eigentlich Zufall, weil es das Erste war, worauf ich gestoßen bin. Ich habe an einem zweiwöchigen Schweige-Vipassana-Retreat teilgenommen. Das hat mich im Hinblick auf Praxis und Theorie überzeugt. Ich habe mich natürlich auch mit anderen Traditionen beschäftigt und hilfreiche Dinge gelernt, aber prinzipiell war die Darlegung der Lehre, wie sie in den Lehrreden Buddhas zu finden ist, für mich immer genug und vollständig. Dort habe ich mich zu Hause gefühlt.

Hatten Sie Lehrer, die Sie auf Ihrem Weg begleitet haben?

Der Lehrer im Theravada-Buddhismus heißt ‚Kalyana Mitta', also der spirituelle oder wohlwollende Freund. Im Theravada-Buddhismus wird dem Lehrer als Person weniger Wichtigkeit beigemessen als im Zen oder in der tibetischen Tradition. Ich hatte immer wieder Lehrer, aber nie einen oder eine einzige Person. Am ehesten noch Ajahn Chah. Sein Stil, seine erdige Weisheit, seine Pragmatik und sein Humor haben mich tief beeindruckt.

Sie haben 17 Jahre lang als Mönch gelebt. Wie sieht Ihr heutiges buddhistisches Leben aus?

Ich meditiere regelmäßig und versuche, nichts allzu Schlechtes zu tun, ich beschäftige mich mit der Lehre. Ich stehe in zwei Welten: in der buddhistischen und in der von westlicher Philosophie und Psychologie geprägten. Das finde ich spannend und befruchtend. Ich sehe mich als Überbrücker und bin jemand, der integrativ arbeitet. Ich arbeite als Psychotherapeut und unterrichte Buddhismus und Meditation.

Haben Sie sich für ein weltliches Leben entschieden, um auch in einer Partnerschaft leben zu können?

Ja. Das war ein wichtiger Grund für mich.

Was war für Sie das Interessanteste am Mönchsdasein?

Ohne viele äußere Verpflichtungen, wie zum Beispiel mir den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, mich der Praxis widmen zu können.

War es schwierig für Sie, wieder in das weltliche Leben einzusteigen?

Nein, ich denke, ich war gut vorbereitet. Bevor ich zurückging, hatte ich aber schon etwas Angst davor.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Ich bin immer noch dabei, mein Leben auf eine Art und Weise zu gestalten, in der ich meinen Lebensunterhalt relativ stressfrei verdienen und mich den Dingen, die mich interessieren, widmen kann.

 

Christoph Köck, geboren 1962, ist Psychotherapeut und Lehrer für Buddhismus und buddhistische Meditation, MBSR. 1984 erfolgte seine Ordination als buddhistischer Mönch in Thailand in der Tradition von Ajahn Chah, im Jahr 2000 beendete er sein Ordensleben und kehrte nach Wien zurück.

 

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