Spiritualität

Religionswissenschaftler Johannes Figl, Theravada-Mönch Bhante Seelawansa, Tibetologin Tina Draszczyk (Karma Kagyü) und U\W-Herausgeber Peter Riedl diskutierten bei einem ‚Runden Tisch' unter der Leitung von Ursula Baatz über Glaubensvorstellungen, religiöse Inhalte und den Sinn der staatlichen Anerkennung des Buddhismus in Österreich.

Ursula Baatz: Was bedeuten die Begriffe ‚Religion' und ‚Weltanschauung' im Zusammenhang mit Buddhismus?

Johannes Figl: Im Allgemeinen geht es in den Religionen um die Transzendenz, also eine Wirklichkeit, die unser Leben und unser Dasein sowie unsere geschaffene materielle Welt überschattet. Wenn Menschen der religiösen Wirklichkeit mehr Wert zumessen als der materiellen Welt, dann haben sie eine religiöse Einstellung. Von Religionsgemeinschaften sprechen wir, wenn Religiosität im Rahmen einer Gemeinschaft realisiert wird. Ein weiterer Aspekt ist, ob es kultische Aktivitäten gibt sowie eine gewisse ethische Orientierung, die jeweils von Religionen vorgegeben werden. Aus religionswissenschaftlicher Sicht sind diese Voraussetzungen im Buddhismus gegeben.

Bhante Seelawansa: Man kann den Buddhismus sehr unterschiedlich betrachten, als Religion, Philosophie, Therapie oder Geistesschulung. Für Menschen, die Wünsche und Erwartungen in den Buddhismus legen und die Lehre Buddhas annehmen, ohne sie kritisch zu hinterfragen, ist Buddhismus eine Religion. Wenn jemand die buddhistische Lehre liest und die Theorie lernt, jedoch nicht praktiziert, ist der Buddhismus eine Philosophie. Wenn jemand die buddhistische Methode anerkennt und versucht, seine gegenwärtigen Probleme durch die Lehre zu überwinden, ist der Buddhismus eine Therapie. Wenn jemand die Lehre des Buddha liest, diese versteht und die körperlichen und geistigen Schwierigkeiten ganz tief mithilfe der Lehre zu untersuchen versucht, um die Wurzel der Probleme zu erkennen, dann ist die Lehre des Buddha eine Methode der Geistesschulung. Was der Buddhismus ist, definiert der Einzelne für sich selbst.

Tina Draszczyk: Aus meinem Verständnis ist Buddhismus eine nicht-theistische Religion, eingebettet in ein klar ausformuliertes System von ethischen Werten, die eine Fülle von spirituellen Methoden anbietet. Glauben und Vertrauen haben einen wichtigen Stellenwert, aber ein praktizierender Buddhist wird dazu aufgefordert, sich selbst auf diese Entdeckungsreise zu begeben. Buddha selbst hat seine Schüler dazu aufgefordert, die Lehre nicht einfach gläubig zu übernehmen, sondern sie zu überprüfen.

Peter Riedl: Ich habe mir die Definition von Religion in Wikipedia durchgelesen: „Als Religion bezeichnet man eine Vielzahl unterschiedlicher kultureller Phänomene, die menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägen." Nach dieser Definition ist Buddhismus eine Religion. Die meisten Menschen im Westen sind aber vom christlichen, jüdischen und islamischen Religionsbegriff geprägt und verbinden Religion mit dem Glauben an ein höheres Wesen. In diesem Sinne ist Buddhismus keine Religion.

Figl: In den monotheistischen Religionen wird ein persönlicher Bezug zu Gott angenommen. Religion ist ein abendländischer Begriff, in der östlichen Kultur gibt es keinen entsprechenden Ausdruck. Vor dem Buddhismus im Westen war Religion mit einem Gottesbegriff verbunden. Heute verbinden wir Religion mit einer transzendent-orientierten Auffassung. Im Buddhismus glaubt man an das Nirwana und die Reinkarnation. Insofern ist auch der Buddhismus Religion, wenngleich auch die anderen Aspekte, die sehr treffend genannt wurden, gegeben sind: Weltanschauung, Spiritualität, Philosophie.

Riedl: Ist Nirwana nicht auch etwas Diesseitiges?

Figl: Hier unterscheiden sich die östlichen Religionen klar von den monotheistischen: Im Islam, im Judentum und im Christentum wird Gott von der Welt, die er schöpft, unterschieden. In den östlichen Religionen ist eine solche Zäsur nicht gegeben.

Bhante: Was ist die Welt? Nach Buddha ist die Welt in fünf Daseinsfaktoren gegliedert: die Körperlichkeit, die Gefühle, die Wahrnehmung, die Absichten, das Bewusstsein. Das Nirwana ist in allen diesen fünf Elementen enthalten. Wenn jemand die Welt als materielle Welt definiert, dann ist das Nirwana nicht enthalten.

Draszczyk: Nirwana ist die Definition eines Zustandes ‚frei von allem Leid'. In diesem Leben ist der Zustand in einem gewissen Ausmaß möglich. Der Buddhismus hat viele Elemente, die zur Lebensbewältigung sehr hilfreich sind wie die angewandte Philosophie und Psychologie. Mit spiritueller Praxis arbeiten wir auf ein leidfreies Dasein hin.

Riedl: Die Menschen müssen ja nicht völlig leidfrei werden, es wäre schon ein schönes Ziel, nur halb so viel Leiden zu haben wie vor dem Beginn der Übung. Jeder Mensch kann sich heilen, also heil werden, sogar heilig werden. Als ‚heilig' betrachte ich hier allerdings nicht im Sinne der katholischen Kirche jemanden, der Wunder vollbringt, sondern jemanden, der problemfrei sein Leben lebt, seine Neurosen und sein ‚Ich' überwunden hat – es sozusagen transzendiert hat.

Bhante: Es wäre sehr schade, wenn nicht jeder heilig werden kann. Heilig sein heißt in der Lehre des Buddha, frei von Gier, Hass und geistiger Verwirrung zu sein. Buddha gibt nicht nur einen Weg vor, sondern stellt die Herausforderung, ihn zu meistern. Nach der Lehre Buddhas kann dies jeder durch eigene Bemühung erlangen.

Draszczyk: Im Buddhismus gibt es den weltlichen Weg und einen die Welt transzendierenden Weg. Für beide Welten ist die buddhistische Lehre Ausgangspunkt. Der weltliche Weg ist eingebettet in ethische Grundprinzipien, innere Ruhe und Ausgeglichenheit, Umgang mit Emotionen – alles, was dieses Leben erleichtert.

Bhante: Der buddhistische Schulungsweg, die Praxis beginnt mit Freigebigkeit. Weltlich bedeutet das, dass der Mensch an fünf Daseinsfaktoren ständig mit ‚Ich'-Bezogenheit anhaftet. Überweltlich bedeutet das, eine Methode anzuwenden, durch die der Mensch sich von diesen fünf Faktoren befreit, der Körperlichkeit, aus der ein Wesen besteht, den Gefühlen, den Wahrnehmungen, den Absichten und dem Unbewusstsein. Dies sind illusionäre Vorstellungen. Alle fünf Daseinsfaktoren sind mit dem Anhaften verbunden und dadurch leidvoll. Altwerden alleine ist nicht leidvoll, mit Anhaftung an das ‚Ich' aber schon.

Riedl: Kann der Mensch also in diesem Leben überweltlich werden?

Bhante: Der Mensch kann nur in dieser Welt überweltlich werden, ansonsten wird er wiedergeboren. Die Lehre des Buddha ist nicht mehr als eine Methode, um ins Nirwana zu gelangen. Dieser lange Weg beginnt mit Freigebigkeit, also Dhana (Spenden), und man kann dies durch Meditation lernen.RungerTisch

Baatz: Wir sprechen von Elementen des Weltlichen und des Überweltlichen – für den tibetischen Buddhismus spielt diese Unterscheidung ja eine größere Rolle als in der Theravada-Tradition.

Draszczyk: Die buddhistische Schulung hat drei Grundpfeiler: die ethische Lebensgestaltung, die Entwicklung von innerer Sammlung durch Meditation und das Entwickeln von Einsicht und Weisheit. Die ethische Lebensgestaltung beinhaltet die fünf Silas. Eingebettet darin die Möglichkeit der Meditation, um schließlich Weisheit zu entwickeln. Alle drei Grundpfeiler fließen ineinander über. Ob man sich im weltlichen ‚Sektor' befindet oder in Richtung Transzendenz geht, hat mit der Frage zu tun, wie tief man in der Meditation und wie tief man in der Weisheit voranschreitet. Wenn ich nur in der ‚Ich'-Bezogenheit lebe, kann ich nur im weltlichen Bereich bleiben, wenn ich übe und dies langsam durchschaue, dann geht es ins Überweltliche.

Baatz: Bezeichnen Sie Buddhismus als Glaube?

Figl: Der Buddhismus hat keine Offenbarung und jeder entscheidet frei, ob er den Buddhismus annehmen möchte. Meiner Meinung nach ist der Buddhismus kein ‚Glaube' in diesem Sinne, sondern ein Erfahrungsglaube.

Bhante: Die Welt im Buddhismus ist meine eigene Welt. Buddha ist kein Gott, kein Prophet, sondern ein außergewöhnlicher Mensch. Außergewöhnlich deshalb, weil er durch seine eigenen Bemühungen den Geist von verschiedenen Befleckungen befreien kann. Das Wort ‚Glaube' gibt es in Pali, der Sprache, in der Buddha gesprochen hat, gar nicht. Im Buddhismus gibt es Vertrauen – es ist sehr kostbar. Wenn man aber etwas ohne kritische Betrachtung annimmt, ist es Glaube und das gibt es so gesehen im Buddhismus nicht.

Baatz: Buddha ist nach der buddhistischen Definition so einzigartig, dass er nur einmal im Weltzeitalter vorkommt. Glauben die Buddhisten nicht ‚blind' an ihn?

Draszczyk: Das Wort ‚Glaube' ist im Buddhismus immer ‚eckig', es passt nicht. Die Frage ist, wie man Buddha sieht. Für manche ist Buddha ein Gott, den sie anbeten. Dies entspricht nicht dem eigentlichen Sinn der Lehre. Das nur ein Buddha in einem Weltzeitalter existiert, muss relativiert werden. Es gibt die Vorstellung eines historischen Buddhas, aber es gibt natürlich auch andere Buddhas, was bedeutet, dass der Zustand des Buddhas für jeden verwirklichbar ist.

Baatz: Braucht der Buddhismus eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft?

Riedl: Durch die staatliche Anerkennung zusammen mit Christentum und Islam gibt es Vor- und Nachteile. Ein Nachteil ist, dass Buddhismus bei uns oft wie die anderen Religionen gesehen wird, aber das ist er nicht, er ist keine monotheistische Religion. Ein weiterer Nachteil liegt in der Organisation selbst. Organisation und spirituelle Übung passen schlecht zusammen. Der Vorteil ist zweifelsohne, dass er konfliktfrei in unserer Umwelt besteht, dass es Religionslehrer gibt und die Menschen frei über den Buddhismus informiert werden können.

Bhante: Buddhismus ist in Sri Lanka im dritten Jahrhundert vor Christus anerkannt worden. Die staatliche Anerkennung hilft, um den Buddhismus und seine Kultur zu erhalten und seine Verwaltung zu erleichtern. Diese Anerkennung ist für eine Gemeinschaft wichtig, ohne sie ist auch die Praxis nicht so einfach. Für die geistige Entwicklung ist die Anerkennung allerdings nicht nötig. Im Westen ist die Anerkennung für die Menschen viel wert, um Freiheiten zu haben.

Draszczyk: Wir leben in der Welt der Konventionen und man braucht irgendwelche Strukturen. Für den einzelnen praktizierenden Buddhisten, der gelernt hat, wie er seine Spiritualität und Religiosität lebt, ist die Religionsgesellschaft allerdings nicht von großer Bedeutung. Allerdings zu wissen, dass es andere Menschen gibt, die sich um diesen Weg bemühen, also die Sangha, eine Gemeinschaft, erleichtert auch viel. Wenn mehr Menschen etwas gemeinsam machen wollen, dann braucht es Organisation.

Riedl: Aus meiner eigenen Erfahrung – und ich war immerhin 18 Jahre in der Religionsgesellschaft tätig – würde ich im Nachhinein und im Außenblick sagen, die Religionsgemeinschaft sollte mehr auf jene Menschen eingehen, die sich für den Buddhismus interessieren. Ich habe von außen den Eindruck, dass die ÖBR um ihre eigenen Probleme kreist, anstatt sich zu den Menschen hinzuwenden.

Draszczyk: Das buddhistische Angebot zugänglich zu machen, das liegt allerdings bei den Gruppen.

Riedl: Die Gruppen haben oft asiatische Namen, es ist sehr schwierig für ‚Anfänger', hier einen Weg zu finden, weil die vielen asiatischen Begriffe unverständlich und undurchschaubar sind und den Normalbürger abschrecken. Sie wirken nicht vertrauensvoll. Es ist in Österreich nicht so einfach, von außen in den Buddhismus einzudringen.

Diskutanten
Univ.-Prof. DDr. Johannes Figl ist Vorstand des Instituts für Religionswissenschaft der Universität Wien und Autor zahlreicher Bücher und Publikationen.

Bhante Dr. Seelawansa ist spiritueller Leiter des Theravada-Buddhismus in Österreich. Er lehrt einerseits in buddhistischen Zentren und ist andererseits Lehrbeauftragter der Universität Wien und der Global Academy in Liechtenstein.

Univ.-Prof. Dr. Peter Riedl ist Gründer und Herausgeber von Ursache&Wirkung.

Mag. Tina Draszczyk ist Tibetologin und Lehrerin für Buddhistische Philosophie und Meditation – hauptsächlich in der Tradition des tibetischen Buddhismus – und seit 2008 Lektorin am Institut für Südasienkunde der Universität Wien.
 
Leitung
Dr. Ursula Baatz, Philosophin und Religionslehrerin in der Volksschule, Mitarbeit an diversen Forschungsprojekten, Lehraufträge am Institut für Philosophie (Buddhismus-Rezeption) und an der Evangelisch-Theologischen Fakultät (Religionswissenschaft) in Wien.


Den ‚Runden Tisch' können Sie sich auf www.ursachewirkung/videos in voller Länge sehen.

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren