Spiritualität

Der Kern des Zen ist immer der gleiche – egal, ob im Westen oder Osten praktiziert. Zen zielt auf die Erfahrung einer transpersonalen Wirklichkeit. Wir nennen es ‚Erwachen’.

Zen war lange Zeit ein ‚Kloster-Zen’. Dies ist an den Koans deutlich ersichtlich, die im 7. bis 9. Jahrhundert in den Klöstern Chinas entstanden sind. Die Mönche des Ostens führten jedoch ein gänzlich anderes Leben als wir heute. Wir können also Zen in dieser Form nicht einfach hier im Westen einpflanzen, denn unsere heutige Welt unterscheidet sich sehr von der damaligen Welt. Die Menschen hier haben Familien, sie haben Aufgaben und Verantwortung in der Welt. Deshalb benötigt Zen in der modernen westlichen Welt einige Ergänzungen, die die Mönche damals nicht brauchten. Es bedarf einer Integration der Methoden aus Psychologie und Psychotherapie, da die Menschen heute mit vielen inneren Problemen und Verletzungen zu kämpfen haben und dadurch am ruhigen Sitzen gehindert werden.
Wir leben 2500 Jahre nach Shakyamuni Buddha. Die ‚Ochsenbilder’, die den Erleuchtungsweg des Zen aufzeigen, endeten einmal mit dem 8. Bild. „Peitsche, Seil, Hirte und Ochse – alle verschwinden im Nichts.“ Das frühe Zen neigte offensichtlich zum Erlöschen und Ausscheiden aus dem Kreislauf des Lebens. Das Zen, das sich 500 nach Chr. in China durch die Begegnung des Buddhismus mit dem Taoismus entwickelte, legt hingegen seinen Fokus auf die Achtsamkeit im Hier und Jetzt. Im Hier und Jetzt offenbart sich die unaussprechbare Wirklichkeit als Form und spiegelt sich in der Gestalt des Bodhisattva wider. Neben der Statue von Buddha steht daher oft Manjushri, der den Aspekt der Leerheit und Weisheit symbolisiert, auf der anderen Seite steht der Avalokitesvhara, der Aktion und Form verkörpert. Beide zusammen machen die Wirklichkeit aus. Der Weg führt hinter das Ego, in die Leere. Aber der Weg führt auch wieder heraus in das EINE. Es gibt nur Leerheit und Form.

500mal250Zen ist Zen und bleibt immer ZenUW67

In der absoluten Leere ist keiner mehr, der die Beine zum Tanze hebt. Doch wer in dieser Erfahrung der Leere stecken bleibt, hat das Ziel nicht erreicht. Das ist totes Zen. Denn die Leerheit tanzt, singt, lacht und weint, ist kreativ in der Kunst, der Musik, in Dichtung und Forschung. Aus dem Nichts perlt das Leben in seiner Vielfalt. Aus dem Nichts entfaltet sich das bunte Leben. Und es ist an uns, diesen Tanz mitzutanzen, uns von dieser Leere tanzen zu lassen. Denn wir selbst sind Tänzer und Getanzte zugleich. Dieser Urgrund tanzt sich selber in dieser Struktur Mensch. Und er tanzt sich als dieses großartige Universum mit seinen Milliarden von Formen. Dies zu erfahren ist das Ziel des Zen.
Der Zen-Meister Hogen wurde einst von einem Schüler gefragt: „Ich habe gehört, dass ein Sutra sagt: ‚Aus dem Ursprung, der keine Eigenschaft hat, entspringt jedes einzelne Ding.’ Was ist dieser Ursprung, der keine Eigenschaft hat?“ Hogen antwortete: „Form entspringt aus Nicht-Form. Name kommt aus Nicht-Name.“
Dies ist die Erfahrung aller Mystik. Der Sufi-Mystiker Rumi drückt in seinem Gedicht das Gleiche aus: „Bevor es Garten, Weinstock oder Traube gab in dieser Welt, war unsere Seele bereits trunken vom Wein der Unsterblichkeit.“ Und der christliche Mystiker Meister Eckhart predigte den Menschen: „Wenn ich in den Grund, in den Boden, in den Strom und in die Quelle der Gottheit komme, so fragt mich niemand, woher ich komme oder wo ich gewesen sei. Dort hat mich niemand vermisst, dort entwird Gott.“

Die Erfahrung dieses Urgrundes, den Zen Leerheit nennt, führt in die Einheit mit dem ganzen Universum. Aus der Erfahrung der Non-Dualität entsteht die Liebe zu allen Wesen. Das Leid des anderen wird zum eigenen Leid und die Freude des anderen zur eigenen Freude. Denn nichts ist getrennt voneinander. Damit erhält das Zen der Gegenwart seine soziale und ökologische Verantwortung. Wer in der Erfahrung der Einheit ankommt, kann sich seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung nicht mehr entziehen, sondern trägt aus sich heraus Sorge für seine Mitmenschen. Der Bodhisattva, die Kannon, die weiße Tara sind voller Mitgefühl für die Menschen. Die Liebe ist grenzenlos und vollzieht sich im Hier und Jetzt.

Willigis Jäger, Kyo-un Roshi, ist Zen-Meister und Benediktinerpater. Sechs Jahre verbrachte er in einem Zen-Zentrum in Japan unter der Leitung des buddhistischen Meisters Yamada Koun Roshi und erhielt 1996 die Beauftragung als Zen-Meister. 2003 gründete er den Benediktushof in Holzkirchen, wo er heute lebt und lehrt. www.benediktushof-holzkirchen.de
 

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