Spiritualität

In Nina Hagen scheint man einer sinnlich-spirituellen Frau zu begegnen, die den Frieden mit sich und der Welt gefunden hat. Gleichwohl ballt sie die Faust bei all den Ungerechtigkeiten dieser Welt. Aus der vormals verrückt-provokativen Nina ist eine reife, empathische und sensitive Lady geworden. Nach einem Konzert im Juli in der Wiener Stadthalle trafen wir die Allround-Künstlerin zu einem Gespräch.

Sie sind seit vergangenem Jahr evangelisch-reformiert getauft. Was bedeuten Jesus und Religion für Sie?

Im Namen Jesu werden viele Dinge ausgedrückt und Streitereien angefacht. Das hat man ja schon an George Bush gesehen, der behauptet, ein Christ zu sein. Die ganze Welt weiß aber, dass er Mitglied von so einem komischen Geheimclub ist, schon seit der Uni-Zeit in Yale, Skull and Bones, wo viele Männer aus der heutigen amerikanischen wirtschaftlichen Elite Mitglied sind. Der Name Gottes und der Name Jesu werden von vielen Menschen missbraucht. Es werden ja in Gottes Namen sogar Waffen gesegnet.

Lässt sich Ihre Religiosität an einem fixen Ereignis festmachen?

Ich habe Jesus in einer Nahtod-Situation gefunden, als ich 17 war in Ostberlin. Es war während eines LSD-Trips. Ich habe auf meiner ersten englischen Platte viele Bibel-Zitate verwendet. Ich war schon immer mit Jesus unterwegs. Ich habe mich aber nicht getraut, mich taufen zu lassen, weil ich dachte, das sind alles Faschisten. Bis zu dem Tag, als ich meinen Pastor getroffen habe, und mit ihm habe ich angefangen, Briefe an meine Kanzlerin zu schreiben und um Hilfe zu bitten. Dann bin ich draufgekommen, dass mein Pastor Wehrdienstverweigerer unterstützt und ein richtiges Netzwerk gegründet hat.

Sind Sie eine Globalisierungskritikerin?

Ich bin keine Gegnerin, ich bin eine ‚Für-Sprecherin'. Ich bin für den Frieden, für die Gerechtigkeit, für die Basisdemokratie, für Bürgerinitiative und für die Erhaltung der Schöpfung. Es reicht nicht, nur gegen etwas zu sein.

Finden Sie diese Dinge im Christentum am meisten vertreten?

Ich kenne viele tolle Christen und viele tolle Atheisten, die ethisch sehr gut drauf sind, aber mit dem Prinzip Gott nichts anfangen können. Aber das macht nichts, denn die Ethik an sich ist ja schon göttlich.

Was ist Gott für Sie?

Liebe.

Und Sie spüren die Liebe?

Ja, jedes Mal, wenn ich in eine Banane reinbeiße. Immer. Ich lebe in der Liebe und deshalb lebe ich in Gott. Auch wenn ich keine verheiratete Frau bin und in keiner Beziehung lebe. Die Leute denken, dass ich keine Liebe habe oder dass ich ein armes Schwein bin.

Sie leben im Zölibat?

Ja, genau. In der ‚Bild-Zeitung' schreiben sie lauter Blödsinn. Manche Menschen schreiben im Internet so gemeine Sachen über mich, dass sich der Teufel, wenn es ihn gibt, die Hände reibt. Da wird Hass gesät und Altersrassismus betrieben gegen eine unschuldige Frau, die einfach aus ihrem Leben berichtet hat oder aus ihrem Glauben.

Das heißt, Sie werden angefeindet, wenn Sie sagen, dass Sie enthaltsam leben?

Genau, die denken alle, ich lebe nicht in der Liebe oder bin nicht verliebt oder ich habe keine Liebe. Wer weiß, ob ich das bis zum Ende meines Lebens durchziehen werde. Die Liebe zwischen zwei Menschen ist auch ein Gottesgeschenk. Man kann von mir nicht erwarten, dass ich Gigolos anrufe, wenn ich nicht verliebt bin.

Was war der Grund für den Entschluss zum Zölibat?

Jede Beziehung in meinem Leben ist immer wieder auseinandergegangen. Man selber stirbt und es dauert eine lange Zeit, bis man mit der Hilfe Gottes wieder geheilt wird und wieder heil ist, wieder in der Freiheit. Glücklich allein ist die Liebe, die liebt.

Wie verteilen Sie Ihre Liebe?

So wie alle anderen Menschen auch, nicht besser und nicht schlechter. Ich bin nicht gut. Das nehme ich nicht für mich in Anspruch. Ich versuche einfach, gute Sachen zu machen und diese nicht an die große Glocke zu hängen. Darüber habe ich auch ein Buch geschrieben.

Wie würden Sie Ihre Ethik beschreiben?

Meine Ethik ist, dass ich ein Punk bin und immer noch auch mal spucken darf. Das ist Reinigung für mich. Weil ich in einer Welt lebe, in der sogar im Namen Jesu Kriege geführt werden. Deswegen muss ich manchmal spucken wie ein Punk.

Sie sind immer noch im Herzen ein Punk?

Merkt man das nicht? Ich bin ein im Geist getaufter Punk. Ich bin happy damit!

Glauben Sie an die Dualität Gut/Böse, Gott/Teufel, Schwarz/Weiß?

Der Teufel ist das Gegenteil von Liebe. Er kann in jedem Menschen drinnen sein. Wie Verlogenheit. Ich sehe immer wieder, wie sich Menschen Jesus klauen und in seinem Namen schlechte Dinge machen. Gott ist aber ganz anders. Wenn wir nichts für Gott tun, wenn wir sterben und wir haben zu wenig für das Gute getan – wir werden uns ärgern, dass wir nicht das Maul aufgemacht haben, als wir noch eines hatten.

Sind Sie missionarisch?

Ja, immer schon und deshalb wollte ich Sängerin werden. Um Menschenherzen zu erreichen und weil man mit Musik Emotionen auslöst. Leute, die Musik machen, sind sendungsbewusst. Sie wollen etwas bewirken.

Brauchen Sie die Kirche als Vermittler zu Gott?

Ja, wegen der Gemeinde und wegen der Freundschaften.

Sie gehen tatsächlich in die Kirche?

Ja, zu meinem Pastor, aber der ist ja weit weg und da kann ich nicht jeden Sonntag hin. Aber ich unterstütze die Kirche, wo ich kann. Ich bete auch. Aber das Beten und die Gemeinschaft finden ja nicht nur in der Kirche statt, sondern auch an anderen Plätzen, wo man Sachen für Gott macht. Mit Obdachlosen und bei ehrenamtlichen Projekten und Bürgerinitiativen, wo ich drinnen bin.

Sind Sie kirchenkritisch?

Natürlich, ich bin ja auch für die Basisdemokratie.

Wie war die Taufe für Sie?

Sehr schön, das war mit Babys gemeinsam. Ich bin ja auch ein Kind Gottes.

Was sind die drei wichtigsten Dinge in Ihrem Leben?

Liebe, Glaube, Hoffnung.

Wie stehen Sie zu den Missbrauchsfällen in der Kirche?

Das sind Machtstrukturen in der katholischen Kirche, die nichts mehr mit Demokratie zu tun haben. Wenn der Mensch zu viel Macht über andere Menschen bekommt, dann geht das nach hinten los. Das war immer schon so. Dafür ist der Mensch nicht gut genug, um mit Macht umgehen zu können.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nein, ich bin ja schon einmal gestorben, mit 17 Jahren. Ich freue mich schon auf den Tod. Ich habe aber auch ein ganz großes Bedürfnis, hier zu bleiben, weil ich es liebe zu leben, auch wenn es manchmal schwierig ist. Ich will bleiben, aber wenn der liebe Gott mich nach Hause holen will, dann ist das auch okay.

Sie haben also noch viel vor?

Mein Schöpfer hat mit mir noch viel vor. Das ist ein ganz sicheres Gefühl, nicht nur für meine Kinder, dass es wichtig ist, dass ich noch hier bin. Ich bin ja nicht nur für mich, sondern auch für andere Menschen wichtig und sie auch für mich. Der Mensch ist der zweitbeste Papagei, den es gibt. Wir lernen alles von anderen.

 

Nina Hagen wurde 1955 in Ostberlin geboren. Nach der mit Auszeichnung abgeschlossenen Gesangsausbildung hatte sie erste Erfolge in der DDR (‚Du hast den Farbfilm vergessen'). 1976 folgte sie ihrem Ziehvater Wolf Biermann in den Westen, wo sie die Nina Hagen Band gründete und dank ihrer einmaligen Stimme und ihrer umwerfenden Bühnenpräsenz große Erfolge feierte. Zwischen Punklady und Provokateurin oszillierend, etablierte sie sich als schrillster Pop-Star der Republik – und als einzige deutsche Rocksängerin von Weltruf. Neben ihrer Musik tritt sie immer wieder als exzellente Schauspielerin in Erscheinung, zum Beispiel als böse Königin in ‚7 Zwerge – Männer allein im Wald'. Seit ihrer Trennung von den späteren Spliff-Musikern 1979 wirkte sie neben ihren eigenen Plattenaufnahmen bei unzähligen Projekten mit.
In den 1980er und 1990er Jahren machte Nina Hagen durch ihre UFO-Theorien, ihr großes Interesse an der Spiritualität und den Religionen sowie ihr Engagement für den Tierschutz auf sich aufmerksam. Im März 2000 präsentierte sie, barfuß im seidenen Sari, auf der Bühne des von Räucherstäbchen eingenebelten Berliner Ensembles vor einem Altar mit Opfergaben eine ‚Indische Nacht'. Ansprache von Nina Hagen: „Ich bin noch aufgetankt voll guter Energien aus meiner zweiten Heimat. Ich war sechs Wochen oben im Himalaya und habe bei Navaratri im Haidhakan Vishva Mahadham zu Babaji große mystische Sachen gemacht und Kräfte entfesselt, die bei meinem indischen Abend im BE vor einem Jahr noch nicht da waren."
Im Sommer 2009 hat Nina Hagen sich vom Friedenspastor Kalle ter Horst an der niederländischen Grenze nahe der Nordhorn Range, dem Bombodrom des Westens, taufen lassen. Zuvor hatte sie ihren Glauben in einem indischen Ashram gesucht und sich dabei auch dem Hinduismus angenähert. Von ihrem Guru und dessen Gefolgsleuten hatte sie sich vor der Taufe per Rundmail losgesagt, ihn bezeichnet sie nun als ‚schlimmen Controlfreak', der sich geradezu auf die Apokalypse freut. Jesus aber habe sie nie verlassen, auch als sie mit einem Mix von Religionen experimentieren wollte.

 

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