Spiritualität

Bhikkhu Olande Ananda, auch ‚der holländische Ananda' genannt, über sein Freiheitsgefühl, warum er die spirituelle Gemeinschaft sucht und wie er Brücken zwischen den verschiedenen buddhistischen Traditionen baut. Der in Holland geborene buddhistische Mönch Olande Ananda beeindruckt in Kursen und Vorträgen weltweit die Menschen durch seine humorvolle, unkomplizierte Art.

Auf Reisen in der westlichen Welt verstößt er bewusst hin und wieder gegen kleinere Regeln des Theravada. So nimmt er zum Beispiel Geld in die Hand, fährt selbst Auto und trägt dem Klima entsprechend auch mal vietnamesische Mönchskleidung. Seiner Ansicht nach verhindert das strenge Einhalten aller Regeln ein selbstständiges Leben als Mönch im Westen. Er möchte jedoch auf jeden Fall Mönch bleiben.

Sie sind gebürtiger Holländer und leben seit vielen Jahren in Sri Lanka und im Westen als buddhistischer Mönch des Theravada. Wie kam es dazu, dass Sie diesen außergewöhnlichen Weg gewählt haben?

Ich habe Ökologie und Soziologie in Amsterdam studiert, doch ich war nicht glücklich damit und bin auf die Suche gegangen. Zuerst versuchte ich es mit Psychotherapie, dann mit Transzendentaler Meditation und damit ging es mir gut. Dann hatte ich die ‚Autobiografie eines Yogi' von Yogananda gelesen und dachte, ich muss nach Indien fahren, um einen Lehrer zu finden. Ich fand einen und der meinte nach einiger Zeit, dass das Leben eines Haushälters für mich nicht so geeignet wäre. Ich ging dann noch ein Jahr nach Holland, um zu studieren und zu arbeiten, doch dann fuhr ich wieder nach Indien, um hinduistischer Swami zu werden. Auf Reisen nach Nepal begegnete ich einem buddhistischen Mönch, der mir empfahl, nach Sri Lanka zu fahren. Dort lernte ich den Buddhismus näher kennen und man sagte mir, ich könnte auch buddhistischer Mönch werden.

Ihr erster Lehrer hatte gemeint, dass das Leben mit Beruf und Familie für Sie nicht geeignet wäre. Offensichtlich haben Sie das auch so empfunden. Wie kam das?

Ich hatte während meiner Studienzeit auch Freunde und eine Freundin, doch dieses Leben kam mir wie ein Gefängnis vor. Ich wollte meine Freiheit und deswegen ging ich nach Indien. Als ich 1974 zum zweiten Mal nach Indien fuhr, hatte ich nicht die Absicht, so schnell wieder zurückzukehren.

Doch als Mönch hat man ja auch viele Verpflichtungen und Regeln. Das haben Sie nie als Gefängnis empfunden?

Ja, das ist eigenartig. Obwohl man als Mönch nicht wählen kann, was man anziehen oder wann man essen möchte, nicht wählen kann, ein Konzert zu besuchen und zu tanzen oder zu trinken, hatte ich das nie als schwierig empfunden. Ich war am Anfang ziemlich streng, doch ich fühlte mich immer wohl dabei, ich wusste, dass ich zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle war.

War es das Gefühl, in einer spirituellen Gemeinschaft zu sein?

Ja, ich habe das als Schutz empfunden. Die Menschen waren sehr freundlich, obwohl die Mönche und der Lehrer nicht sehr an Meditation interessiert waren. Mein Abt, der jetzt 94 Jahre alt ist, war mehr ein buddhistischer Gelehrter. Ich habe die Vipassana-Meditation in Kanduboda kennengelernt. Dort habe ich etwas erfahren, von dem ich wusste, das ist es und nicht mehr der hinduistische Weg. Nicht mehr die Hinwendung an etwas Göttliches, sondern die Probleme lösen, ohne Hilfe von außen. Das war ein einsamer Weg und am Anfang etwas schwierig, doch ein realistischer Weg und näher an meinem freiheitlichen Hintergrund.

Buddhisten glauben an die Wiedergeburt. Hatten Sie den Eindruck, dass Sie schon mal in Asien gelebt haben?

Ja, als ich das erste Mal aus dem Flugzeug auf Indien blickte, hatte ich dieses Gefühl. Und später war ich in einem astrologischen Zentrum in Madras. Die fanden heraus, dass ich vor 5000 Jahren etwas mit Krishna zu tun hatte. In Sri Lanka machte ich die Erfahrung, dass ich leicht die Sprache lernen konnte. In Tibet geht es mir ähnlich. Eine Hellseherin sagte mir einmal, ich wäre Lama in Osttibet gewesen. Das kann sein.

Das führt mich zur nächsten Frage. Sie sind Theravada-Mönch in brauner Robe, doch Sie haben auch gute Verbindungen zum Mahayana-Buddhismus, speziell zu Tibet. Zwischen diesen Richtungen gibt es große Unterschiede. Sehen Sie das als Problem oder verstehen Sie sich als Vermittler zwischen den Traditionen?

Ich habe sehr oft Mahayana-Länder bereist, ich habe an interbuddhistischen Konferenzen teilgenommen. In Holland lebe ich in einem vietnamesischen Tempel der ‚Reinen-Land-Schule'. Ich kann sagen, dass mich die Lehre vom Theravada am meisten anzieht, aber ich habe die Tibeter sehr gern. Ich lehre Vipassana und Achtsamkeit nach dem Theravada, doch das gibt es eigentlich in allen Traditionen.

Sie leben vorwiegend in Sri Lanka, sind jedoch auch immer wieder im Westen. Wie geht es Ihnen hier als buddhistischer Mönch in Robe und mit diesen Regeln? Gibt es Schwierigkeiten mit dieser Lebensform?

1978, drei Jahre nach meiner Ordination, bin ich sechs Monate in Holland geblieben, um mich zu orientieren und zu schauen, ob ich nicht ins Laienleben zurückgehen sollte. Damals war der Buddhismus noch sehr unbekannt und ich fühlte mich nicht wohl. Doch das hat sich geändert. Heute kann man in Deutschland gut in der Robe gehen, ohne ausgelacht zu werden. Man weiß mehr und respektiert mehr. Ich muss allerdings sagen, dass ich in Holland, weil ich dort in einem vietnamesischen Tempel lebe, manchmal auch die vietnamesische Mönchskleidung trage.

Das dürfen Sie gar nicht.

Das darf ich gar nicht, doch ich fühle mich dabei besser.

Diese Kleidung ist etwas bequemer.

Ja, im Supermarkt beim Einkaufen oder speziell beim Autofahren oder besser für dieses Klima geeignet.

Manche Mönche, die im Westen lebten, hatten so große Schwierigkeiten, dass sie die Robe ablegten. Wenn sie sich streng an die Regeln halten, dann ist das Leben hier oft sehr schwierig. Erlaubt man Ihnen gewisse Veränderungen der Regeln?

Ja, das kann man so sagen. Wenn ich ganz streng mit den Regeln umgehe, könnte ich wahrscheinlich hier nicht länger als Mönch leben. Ich bin jetzt 62 und ich finde nach wie vor das Leben als buddhistischer Mönch am interessantesten und ich sehe auch keinen Weg zurück. Ich möchte Mönch bleiben und deshalb muss ich die Regeln etwas anpassen. Es ist zum Beispiel eine Regel, dass man als Mönch kein Geld anfassen soll. Wenn man das hier leben möchte, dann braucht man einen Diener, der das macht, der immer mit dir fährt usw. Da ich jedoch ein Einzelgänger bin, wäre das gar nicht möglich. Oder man findet eine Organisation, wo die Gemeinschaft dann für solche Strukturen sorgt. Ich finde es für mich wichtig, zu reisen und zu lehren, und dafür muss ich mich etwas anpassen. Ich will nicht die Regeln als eine Last mit mir tragen.

Wollen Sie weiterhin den größten Teil des Jahres in Sri Lanka verbringen oder denken Sie daran, auch einmal ganz zurückzukehren?

Ich finde das holländische Klima nicht so einladend, um dahin zurückzukehren (lacht). Deshalb komme ich meistens im Mai oder Juni. Es ist geplant, dass der vietnamesische Tempel sich vergrößert, und dann bleibe ich vielleicht einen Teil des Jahres dort. Doch ich habe auch die Verantwortung für mein Zentrum in Sri Lanka und kann nicht zu lange wegbleiben. Ich habe niemanden, der mich für die Kurse, Vorträge und Beratungen vertreten kann. Ich könnte mir eher vorstellen, dass ich in Sri Lanka alt werde, als in einem Altersheim in Holland zu landen.

Sie unterrichten selbst weltweit die Meditation der Achtsamkeit. Was ist die verändernde Kraft der Achtsamkeit, worum geht es dabei?

Das ist ein Weg, auf dem man sich ohne Dogmen, ohne Glauben, durch reine Wahrnehmung besser kennenlernt und versteht. Nur durch die Beobachtung kommt eine Veränderung in der Sichtweise, die dazu führt, dass man freier wird von Anhaften, daher auch von Angst und Frustration. Man überwindet die eigenen Verblendungen und verliert seine Illusionen. Man verliert das Unnötige, das durch Gier, Hass und Verblendung verursacht wird.

Es ist ein Weg, der nicht nur für Buddhisten ist, sondern für alle Menschen, um die Wurzeln des eigenen Leidens zu überwinden.

Besteht da nicht die Gefahr, dass durch die Achtsamkeit die verborgenen Dinge hochkommen, und wenn sie das tun, wie geht man damit um? Ist Achtsamkeit so etwas wie eine Selbsttherapie?

Es ist eine Art Therapie, doch nicht so wie bei der Psychoanalyse. Alles, was aufkommt, sind Bilder oder Gedanken, die aus vergangenen Bedingungen entstanden sind und sich jetzt präsentieren. Wenn man diese Bilder mit Achtsamkeit anschaut, mit Gleichmut und Distanz, dann kann man die Vergangenheit wirklich loslassen, denn sie ist schon vorbei. Man sieht die Zusammenhänge von Gedanken und Emotionen. Das ist keine Unterdrückung. Man lernt, die Gedanken und Erinnerungen anzuerkennen, doch man erkennt, dass sie nur Bilder und Gedanken sind. Man lernt, im Hier und Jetzt zu leben.

Wenn nun Menschen zur Meditation kommen, die große Wunden aus der Vergangenheit mit sich tragen, können sie diese nur schwer loslassen. Gibt es Mittel, um ihnen zu helfen?

Ich denke, dass hier besonders die Übung von Metta helfen kann, also die Entwicklung von liebevoller Güte, von Freundlichkeit für sich selbst und für andere. Auch Geduld ist wichtig und Weisheit. Du lernst, dich selbst zu akzeptieren. Auch andere, wobei es sicher in bestimmten Fällen nicht leicht ist zu vergeben, aber doch zu verstehen und dadurch loszulassen.

Das Leben als Mönch ist so organisiert, dass sinnlichen Begehren wie Sexualität, Unterhaltung, ja selbst schon dem Essen zur unrechten Zeit nicht nachgegeben wird. Das Überwinden des Begehrens ist ein zentrales Element in der Lehre des Buddha. Ist es ein Vorteil, wenn man einfach solchen Regeln folgt oder macht es nicht manchmal die Sache noch schwieriger? Was würden Sie Laien in Bezug auf das Begehren empfehlen?

Die Regeln sind ein gewisser Schutz. Man kann von gewissen Dingen nicht mehr verführt werden. Natürlich gibt es auch in so einem Leben Anziehungskräfte, doch wenn man ein wenig achtsam reflektiert, dann sieht man, dass es auch ohne sie geht. Man weiß, wenn man auf anziehende Kräfte mit Verlangen reagiert, dann gibt es kein Ende. Vielleicht hat man als Mönch etwas gefunden, was eine andere Art von Befriedigung gibt als die, die man in der gewöhnlichen Welt erhält.

Ich glaube, dass die meisten westlichen Menschen es nicht so gerne haben, wenn sie so belehrt werden: „Mache das nicht, tu das nicht!" Ich denke, man muss selbst erfahren: Ist eine sinnliche Erfahrung etwas, das mich wirklich befriedigt, oder ist sie nur eine zeitweise Anregung oder Aufregung? Wir müssen nicht Asketen werden, doch vielleicht können wir mit weniger Sehnsucht und Anhaften leben. Man kann ein schönes Leben durchaus mit Freude an sinnlichen Sachen genießen, doch mit etwas mehr Gleichmut.

Der Buddha hat einen Orden von Mönchen und Nonnen gegründet, um den Menschen den Weg zur Erleuchtung, zum Erwachen zu erleichtern. Können Sie sagen, dass auch Ihr Leben als Mönch vorwiegend darauf ausgerichtet ist, das Erwachen zu verwirklichen? Erfährt man auf dem Weg als Mönch bestimmte Ergebnisse?

Ich lebe als Mönch nicht in einer Einsiedelei. Aber ich habe viele Jahre in Zurückgezogenheit gelebt und ich kann sagen, dass auch die Mönche, die da leben, nicht alle solche Heiligen sind, wie wir vielleicht denken. Es ist sicher meine Motivation, nach der Befreiung vom Leid zu streben. Durch meinen Kontakt zum Mahayana-Buddhismus weiß ich allerdings auch, dass man anstreben kann, das Gute in sich zu vervollkommnen und als Bodhisattva anderen zu helfen. Das heißt, man strebt nicht danach, so schnell wie möglich aus dem Rad der Wiedergeburt herauszukommen. Ich denke, wenn ich in diesem Leben noch ein Arahant (ein Erwachter) werde, dann erst will ich schauen, ob ich mich dafür entscheide, ein Bodhisattva zu sein.

 

Bhikkhu Olande Ananda ist 1948 in Holland geboren. 1975 wurde er buddhistischer Mönch in Sri Lanka. Einige Jahre lebte er in einer Einsiedelei. Heute verbringt er den größten Teil des Jahres in Sri Lanka, wo er ein eigenes Zentrum betreibt. Auf seinen Reisen lernte er auch den Mahayana-Buddhismus kennen und fühlt sich seither als Vermittler zwischen den buddhistischen Traditionen. Er lehrt heute weltweit die Achtsamkeitsmeditation als Geistes- und Herzenstraining. Er ist viel auf Reisen, engagiert sich für die Kommunikation zwischen allen Religionen und betreut verschiedene soziale Projekte.Mehr Informationen: www.olandeananda.net

 

 

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