Spiritualität

Percy Shakti Johannsen war einst ein erfolgreicher Produktionsleiter bei MTV. Dann kam das Burnout. Heute ist er Yoga-Lehrer. Das hat ihn gerettet, sagt er. 

Welchen Stellenwert hat die Arbeit in Ihrem Leben?

Ich habe aufgehört zu arbeiten. Schon das Wort Arbeit gibt mir das Gefühl, etwas tun zu müssen. Das will ich nicht mehr. Im Gegenteil, alles, was ich mache, will ich auch tun wollen. Deshalb bezeichne ich mein Tun jetzt gerne auch als Wirken.

Wie sind Sie vom Arbeitenden zum Wirkenden geworden?

Ein Burnout samt Magengeschwür und Depressionen hat mich vom vielen Arbeiten weggebracht. Als ich bei MTV war, hatte ich nahezu jeden Kontakt zu meiner inneren Stimme verloren. Mir war einzig und allein mein Erfolg wichtig. Dann kam ein Sportunfall und der Gedanke, dass ich vielleicht etwas ändern sollte. Ich begann eine Ausbildung zum Fitnesstrainer, ging aber zurück zu MTV, wegen meiner Karriere. Irgendwann kam der Punkt, an dem mein Körper und mein Geist so kaputt waren, dass ich nicht mehr weiterkonnte. Da wusste ich, dass es eine dauerhafte Veränderung sein musste.

Welche?

Yoga hat mich gerettet, kann man sagen. Ich machte eine Ausbildung. Trotz eines Bandscheibenvorfalls und Schmerzen und das hat mich von allen innerlichen und äußerlichen Leiden befreit oder lässt sie mich in Frieden annehmen. Vor allem von der Versklavung durch Arbeit, denn so hat sich das für mich angefühlt. In der digitalisierten Welt, in der jeder ständig erreichbar sein soll, habe ich diese Unfreiheit als sehr stark empfunden. Yoga – im Gegensatz – würde ich niemals als Arbeit bezeichnen. Da führe ich keinen Kampf, sondern lebe, gebe und teile.

Einen Job aufzugeben ist doch finanziell betrachtet nicht einfach. Wie haben Sie das geschafft?

Dazu gibt es eine gute Gleichung. Ein Fischer sitzt am Strand und fängt keine Fische. Da kommt ein Geschäftsmann und fragt: „Warum sitzt du denn hier?“ Der Fischer erstaunt: „Was sollte ich denn sonst tun? Hinausfahren, um Fische zu fangen?“ Der Geschäftsmann antwortet: „Genau, und sie dann am Markt verkaufen.“ Die Antwort des Fischers: „Und wozu brauche ich das Geld?“ „Um Urlaub zu machen, zum Beispiel“, erwidert der Geschäftsmann. „Aber ich sitz ja schon am Strand“, so der Fischer verwundert. Genau das ist das Prinzip. Es geht darum, Bedürfnisse runterzufahren. Weniger ‚Black Friday Shopping‘ und mehr ‚Beachhopping‘.

Schon, nur Geld braucht man doch trotzdem.

Geld ist meiner Ansicht nach eine Riesenblase. In Wirklichkeit geht es um Energie. Wenn du Energie sammelst, aufbaust und ausstrahlst, kommt sie auch zu dir zurück. Es gilt das Gesetz der Anziehung. Wenn man glücklich, zufrieden und unabhängig ist, kommen Glück und Zufriedenheit automatisch. Wo ich wirke, wirke ich auch auf Spendenbasis, weil ich, wie gesagt, an das Gesetz der Anziehung und nicht an Sicherheit glaube. Alles kommt immer zur rechten Zeit.

UW103 Percy Johannsen

Wie schaut Ihr Leben jetzt aus?

Wild. Meine Frau und ich haben unser Yoga-Studio in einen gemeinnützigen Verein umgewandelt, alles Unnütze verschenkt oder weitergegeben und wissen selten genau, was als Nächstes kommt. Wir haben auch unsere Wohnung aufgelöst, unsere Autos verkauft, aber dafür einen alten Hippie-Bus angeschafft. Damit sind wir unterwegs. Als Yoga-Nomaden sozusagen. Die Kinder haben wir aus der Regelschule genommen und zu ‚worldschoolern‘ ermächtigt.

Wie reisen Sie durch Europa?

Von Kommune zu Kommune, es gibt viele weltoffene Communitys, denen wir uns für eine Zeit anschließen. Das Zusammenleben mit anderen ist uns auch sehr wichtig. Wir sind zwar als Familie eng miteinander und verstehen uns auch meist sehr gut, aber wir gehen uns auch auf die Nerven. Eine Gemeinschaft eröffnet einen anderen Blickwinkel auf das Leben.

Gibt es viele solcher Gemeinschaften?

Ja, es gibt so viele alternative Lebensformen, in denen Arbeit nicht von zentraler Bedeutung ist und Wert sich ganz anders definiert. Da geht es mehr ums Sein, um Selbstversorgung und um eine Reduzierung der eigenen Ansprüche. Das fühlt sich so gut an, dass wir überlegen, eine eigene Gemeinschaft aufzubauen.

Und wieder sesshaft zu werden?

Genau, zumindest immer wieder zeitweise, wir haben schon das Bedürfnis, irgendwo immer wieder Fuß zu fassen. Schön wäre, beide Lebensweisen vereinen zu können. Mein Wunsch wäre ein Stück Land am Meer. Dort verbrächte ich ein halbes Jahr, die anderen sechs Monate wäre ich mit dem Bus auf Reisen.

Haben Sie einen missionarischen Zug?

Nein, jeder soll leben, wie er will. Es ist auch eine Frage der Lebensphase. Ich habe lange Zeit viel gearbeitet und konsumiert und das auch sehr genossen. Jetzt ist es anders. Jedes Alter hat seine Bedürfnisse. Für mich sind alternative Lebensformen interessant. Es geht auch anders, das will ich leben und wenn überhaupt inspirieren.

Haben Sie einen Rat für alle, die heute mit viel Stress an ihrer Karriere arbeiten?

Auf die innere Stimme hören! Sie sagt einem meistens sowieso, was richtig ist. Doch der Kopf funkt eben oft dazwischen. Ich denke, dass Yoga ein guter Anfang sein könnte, um einen eigenen Weg zu entdecken. Ich sage immer: Yoga wirkt, Widerstand ist völlig zwecklos.

Wie hilft uns Yoga, unseren Weg zu finden?

Yoga ist dafür gemacht, dass wir glücklich sind. Es geht auch parallel zur Arbeit. Weniger Stress kann ja auch ein Ziel sein. Die gute Nachricht ist, dass sich Stress transformieren lässt. Yoga ist ein Vehikel zur Selbstverwirklichung und bringt die nötige Ruhe.

Ist dieser Weg immer nur positiv?

Hängt vom Blickwinkel ab, da ist auch ab und an die Sorge vor zu wenig Geld beziehungsweise vor dem Versorgtsein. Es kommen, auch bei mir, immer wieder Wolken. Das Leben ist ähnlich wie ein EKG. Es gibt Wellen, wenn es nur noch gerade ginge, wüssten wir ja, was los ist – Tod. Diese Wellen sind gut. Wir sollten einfach nicht alles immer so ernst nehmen. Und entscheidend ist auch, dass wir uns alle ein bisschen mehr liebhaben und andere öfter einmal umarmen, unsere Liebe frei leben. Das tut gut und gibt Mut.

Percy Shakti Johannsen war Produktionsleiter beim Musiksender MTV, wurde dann Yoga-Lehrer und Autor zahlreicher Ratgeber-Bücher. Er war einer der Ersten, die Yoga-Übungen auf einem Stand-up-Paddleboard populär machten. Eine Zeit lang lebte er mit seiner Frau und vier Kindern am Ammersee bei München. Derzeit ist er mit einem Bus in Europa unterwegs.
 
Tipp zur Vertiefung: Percy Shakti Johannsen, ‚Yoga unlimited‘, Kailash 2016.
 
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